Nassauische Allgemeine Zeitung, â Ä-S. Donnerstag den 18. November 185®
Die „Nassauische Allgemeine Zeilung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonnlaqS ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch Cr den ganzen Umfang des Tdurn. und TariS'schen Verwaltungsbezirks Mit Inbegriff des Postausschlags 2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch.österreichischkn PostoereinS, wie für das Ausland 2 fl. 21 tr. — Inserate werden die Sierspaltig, Petitzeite oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Leu contra Nadomitz.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Nirgends tritt die unchristliche, die pantheistische Auffassung des Wortes Volk deutlicher hervor, als in folgender Stelle: „Eine weitere Erwägung lehrt, daß der Quell alles dieses Staatenbildenden doch in der Volksgenossenschaft (sic!) gesucht werden muß. Sie ist es, die sich den Boden, das Staatsterritorium, sucht und befestigt; aus ihrem eigenthümlichen Leben heraus entstehen Sprache, Sitte und Recht. Die Nationalität also/ die Familie, Stammes- und Volksgeuossenschaft, ist und bleibt, wie der Urgrund des Staates, so die höchste der von Gott gewollten irdischen (?) Kundgebungen." Vollkommen pantheistisch, naturalistisch! Der Urgrund der Pflanze ist die Zelle, die Substanz am Ende gar die Molccule, des Staates, der Freiheit, des sittlichen Lebens die Volksgeuossenschaft! — Armer Radowiß! wenn ich je mit Jammer die Schwachheit meines Geistes gefühlt, so war es, als ich Dein Buch las, und auf allem Deinen guten Meinen und Deinen herrlichen Gaben dies pantheistische Hexengeschloß liegen sah, ohne in mir die Macht zu finden, cs zu entschließen, zu lösen. Unsere Sagen berichten von armen Knaben, welche Schlüsselblumen gefunden, mit denen sie die geheimnißvollen Thüren der Berge geöffnet, mit denen sie die in den Bergen schlummernden Helden erlöst haben. Warum bin ich nicht ein solcher armer Knabe! — also das ist deine letzte historische Anschauung: die Nationalität ist Urgrund des Staates! die Nationalität sucht sich das Staatsterritorium!
Man mag den Blick wenden nach welcher Seite man will, sobald er nicht auf ganz uaturgebundene, naturertragcne, armselige Völker fällt, überall wird man sehen, die Nationalitäten sind keine Urgründe, sondern Gehäuse, Gebäude des Geistes, der ihnen die Gestalt abbrückt, die er selbst in dem Gezogenwerden von Gott, in dem Hingeben an Gott erhält. Nationalitäten sind Werke, sind Schöpfungen des Geistes, aber keine Na- turproducte — alle jetzt bedeutenden Nationalitäten — alle Nationalitäten, die jemals in der Welt einige Bedeutung erlangt haben, sind entstanden durch ihre Helden, durch ihre Heiligen, wie die ältere Deutsche, jetzt als Leiche unserer treuen Wache befohlene, durch den heiligen Bonifacius und durch d i e Erzbischöfe von Mainz und deren geistige Generation, die sein Werk fortgesetzt haben. Die Nationalitäten sind keinesweges der Urgrund des Staates; sehr ost ist vielmehr das Verhältniß umgekehrt, der Staat ist Urgrund der Nationalität. Vor unseren leibhaftigen Augen sehen wir es, wie eben der Staat in Nordamerika eine ganze Reihe neuer Nationalitäten zu schaffen, auszuprägen im Begriffe ist. Die Gründer von Nationalitäten sind aber selbst keine Urgründe, sondern sie sind selbst erst providentiell ausgestattete, erzogene, geordnete Werkzeuge — und diese ganze Frage nach Urgründen ist eine naturalistische, ebenso end- als ziellose. Ein vollständiger Schleier ruht durch diese Auffassungen auf allen Erörterungen unseres Buches — ein Schleier, der nur dadurch entstanden sein kann, daß Herr von Nadowitz, der doch so viel Sinn, Verstand und Scharfblick hat, als sonst irgend ein Mensch auf der Welt, durchaus nicht sehen will, was eigentlich ein Volk ist und was ein solches sittlich begründet oder auflöst. Die scotistischen Philosophen des Mittelalters haben wahrhaftig Recht, wenn sie die Grundlage des Erkennens nicht im Verstände, sondern im Willen suchen.
Wir kommen nochmals darauf zurück: bloß Irdisches gibt cs überhaupt nicht — Geist ist thätig in Allem, und an die Geister haben wir die Frage zu stellen, ob sie den Herren loben — sonst sind sie Gespenster, Scheinnleichen — und dieser Leichengeruch des Deutschen Volkes, diese Frankfurter Versammlung, war sie Geist oder Gespenst? — Daß Geister darin waxeu, fällt uns nicht ein zu leugnen — aber ob, nicht die Einzelnen, sondern die Versammlung als Ganzes Geist oder Gespenst war, das ist eine andere Frage. Deutschland war, wie Herr von Radwitz selbst sehr schön ausführt, schon Jahre lang in krankhaften Zuckungen; aber nicht blos Unmuth über die Unzulänglichkeit der Wahrnehmung Deutscher Interessen durch den Bundestag, sondern bestimmte mit der gegenwärtigen Gestalt der Dinge in Widerspruch stehende Doctrinen sehr verschiedener Art, Doctrinen, die von Kreisen und Einzelnen getragen wurden, in wühlerischer Weise geltend gemacht wurden, zum Theil mit egoistischen Wünschen und wilden Planen in Verbindung gebracht wurden, hat bereits fast alle geselligen Beziehungen zerrissen oder ver
giftet — denn lange zuvor ehe der Staat das Terrain ward, wo diese Dinge sich geltend zu machen suchten, war d ie Gesellschaft von der G e s e l l e n k n e i p e a u f - wärts, bis zu den H a rm o n i ee n und M u - see.n der gebildeten Stände, ja! bis zu den H o f c i r k e l n hinauf das Feld g e w e s,e n , wo man s i ch sch o n von in an n i ch f a ch en Stand- puncten aus bekämpft, wo man die principiellen Gegensätze schon mit persönlichem Haß und mir Verfolgung und Intriguen aller Art belastet hatte. Ein g r o ß e r T h e i l der. in Frankfurt Aufgetr et en en hatte schon jahrelang als Führe r d er Lich tfreund e als G ü n st l i n g e des jungen Deutschlands, des D ent s ch k ath o l i c i s in u s und wie die Dinge, denendamals inDeutschlaud n a ch- g e . . . . ward, weiter hießen, hatte, wenn nicht anders, doch als Förderer des ganzen Schundes liberaler Zeitungen und aller und jeder Stänkeret gegen die Regierungen das Maul voll genommen mit nebelhaften Phrasen — wenn man die Leute hörte, hätte man meinen sollen, wir lebten in der finstersten Zcit tyrannischer Gewaltübung, und der gute Deutsche Philister, dessen Moral nicht mehr auf dem Katechismus und auf der Zucht seiner Väter, sondern auf Schillers heidnisch-rhetorischen Gedichten erwachsen war, sperrte, um's gemein zu sagen, täglich Maul und Nase auf, vor Verwunderung, daß er so wohlfeil ein Tellischcr Held, ein Posaschcr Staatsmann werden könnte. (Schluß folgt.)
Tont comme chex nous I
* In der Rede des Abgeordneten Franck, welche dieser über den Antrag des Abgeordneten Müller- Melchiors, die Neugestaltung des Zollvereins betreffend, in der 190. Sitzung der zweiten Kammer der Landstäude zu Darmstadt am 4. October 1852 gehalten hat, kommt folgende Stelle vor, die beinahe wie eine Reminiscenz aus den Verhandlungen unserer Kammern und wie eine Wiederholung der vor Wochen und Monaten in diesen Blättern gelieferten Nachweise über das kurze Gedächtniß oder die Gesinnungstüchtigkeit unserer Musterdemokraten klingt.
„Herr Müller-Melchiors hat für nothwendig gehalten, sich bei Ihnen seiner heutigen preußischen Sympathien, seiner Sympathien für den preußischen Zollverein wegen zu entschuldigen; er hat Ihnen gesagt, er sci früher anderer Ansicht gewesen, er hat zu- gestanden, daß er bei einer andern Gclegcicheit, bei Gelegenheit der Discusston über die Union im Jahre 1848, ganz entgegengesetzte Ansichten ausgesprochen habe. Er hat Ihnen auch die Gründe anzuführen versucht, warum er heute anderer Meinung sei, und wir haben gesehen, daß es ihm wenigstens an Worten nicht gefehlt hat, plausibel zu machen, warum er vor zwei Jahren Das als verderblich habe bezeichnen müssen, was ihm heute im schönsten Licht erscheint. Im Interesse des Herrn Müller-Melchiors würde es gewiß wünschenswerth sein, wenn seine Worte bei Ihnen ausreichend gewesen wären; einer solchen Hoffnung aber kann cr sich um so weniger hingeben, als ich im Stande bin, Ihnen aus der neueren Zeit Urtheile desselben über den preußischen Zollverein und Ansichten über die von unserer Regierung dem Zollvereine gegenüber einzunehmende Stellung vorzulegen, welche seinen heutigen Aeußerungen so diametral entgegengesetzt sind, daß Worte, und wären es auch solche, welche Gott dem Menschen gegeben hat/ um seine Gesinnungen zu verbergen, nicht mehr hinreichen können, sein heutiges Benehmen zu rechtfertigen.
Bei Gelegenheit der Berathung über die Proposi- tiou der Regierung, die Ludwigseisenbahn betreffend, hat Herr Müller-Melchiors, wie Sie Alle noch im Gedächtniß haben werden, über den preußischen Zollverein sich folgendermaßen geäußert: „Wäre unsere Finanzverwaltung von demselben Gesichtspunkte ausgcgangeii, wäre sie sich der hohen Wichtigkeit, welche Fabriken für das Land haben, eben so bewußt gewesen, so würde man sich mit der bayerischen Regierung vereinigt haben, um mittelst der Kohlenschätze des rheinbayerischen Saargebirgs von Rheinhessen aus die Fabrikerzeugnisse für den Süden Deutschlands zu liefern, wie Preußen sie dem Norden liefert. Unsere Regierung dagegen huldigte in merkantiler Beziehung der Ansicht, daß unser Großherzogthum sich dem preu
ßischen Zollsystem anzuschließen habe, obwohl es meiner Meinung nach weit besser gewesen wäre, wenn wir die süddeutschen Staaten zu uns herangezogen hätten. Fabriken können nur da gedeihen, wo die Rohstoffe mit den geringsten Kosten herbeigefchafft werden können. Dies war aber in Rheinhessen möglich, wenn wir die Grenze Süddeutschlands gegen Preußen würden, wenn wir dadurch vermittelst des Rheines die überseeischen Waaren billiger als alle südlicher gelegenen Länder unseres Zollgebiets erhalten hätten, während der Kohlenreichthum der nahen Saar uns die Production mehr als jedem andern dieser Staaten erleichtert hätte."
Der Abg. M ü ll e r - M e l ch i o rs; Wann habe ich Das gesagt?
Der Abg Franck (sortfahrend): Am 23. Juli 1851.
Der. Abg. Müll er-Me lch iors: Als es sich von der Eisenbahn gehandelt hat, und nicht von dem Zollvereine.
Der Abg. Franck (fortfahrend): Wenn Hr. Müller-Melchiors selbst sagt, daß er seine Ansichten nach dem Gegenstände einrichte, welcher der Diskussion unterliegt, so wird es der Kammer um so leichter sein, den Werth seiner Aeußerungen zu würdigen.
Der Abg. Müller-Melchiors: Damals habe ich für Rhein Hessen gesprochen und nicht für das Groß- hcrzogthum Hessen.
Der Abgeordnete Franck (fortfahrend): Wenn Herr Müller-Melchiors, von dem wir nicht wissen, für Wen er heute spricht, nicht in unserer Versammlung anwesend wäre, und wenn Sie nicht soeben aus seinem eigenen Munde das Bekenntniß vernommen hätten, daß er Das, was ich Ihnen vorgelesen, in der That vor kaum Jahresfrist in diesem Saale gesprochen habe, so würden Sie es für unmöglich halten, daß ein Mann, der damals die Verbindung mit dem preußischen Zollvereine auf das Bitterste getadelt, welcher dem Ministerium einen Vorwurf daraus gemacht hat, daß es sich nicht mit Bayern und den Darmstädter Verbündeten gegen Preußen vereinigt habe, daß dieser Mann heute der Vertheidiger des preußischen Zollvereins unter allen Umständen und unter allen Bedingungen und der Gegner einer Vereinigung mit den süd- und mitteldeutschen Staaten sein könne.
Ich will Ihnen den Schlüssel zu diesem Räthsel geben.
Fürchten Sie nicht, daß ich hierbei dem Herrn Müller-Melchiors in derselben Weise erwiedern werde, in welcher er begonnen hat. Die Waffen würden hierbei ungleich sein. Wir haben erst am letzten Donnerstag aus dem Munde des Herrn Abgeordneten Wittmann Namens seiner und seiner Freunde — ich habe wenigstens nicht gehört, daß einer seiner Freunde ihm widersprochen hat — gehört, daß den Herren auf der Gegenseite jede parlamentarische, constitutionelle oder ständische Regierungsform verhaßt, daß ihr politisches Glaubensbekenutniß in dem Satze ausgesprochen sei: „entweder absolutistisch oder republicanisch; Alles, was dazwischen liegt, âst verwerflich." Ich wundere mich daher nicht, wenn man jenseits sich bestrebt, durch Dis« cussionen, wie die heutige, den letzten Rest der Achtung für die konstitutionellen Institutionen zu Grunde zu richten, welchen die Verhandlungen dieses immerwährenden Landtages jenen noch übrig gelassen haben sollten. Wir, meine Herren, die wir anderer Ansicht sind, die wir unsere Verfassung aufrichtig lieben, die wir wünschen, daß sie uns ungeschwächt erhalten werde, wir können unmöglich mit Jenen gleichen Schritt gehen, welche keinen Anstand nehmen, in diesem Saale offen auszusprechen, daß unsere Verfassungsurkunde nur ein Fetzen Papier seyn würde, sobald die Gewalt in ihren Händen sich befände." (Kann auf Wunsch fortgesetzt werden.)
Deutschland.
0 Griesheim, 16. November, Abends 7 Uhr. Soeben entlud sich ein fürchterliches Gewitter über unserm Dorfe und schlug in ein von fünf Familien bewohntes Gebäude ein. Zum Glück war es ein sogenannter kalter Schlag, sonst würden jedenfalls, vom Brande abgesehen, mehrere Menschenleben zu beklagen sein. Im oberen Logis, einer Mansarde, wurde in der Küche alles Koch- und Eßgeschirr zertrümmert; die Hausfrau, welche in dieser Küche beschäftigt war, kam zwar mit dem Leben davon, ist aber vor Schrecken er- krankt. Der Schlag fuhr, wie es scheint, durch den Schornstein in das HauS, verfolgte im Zickzack alles Eisenwerk durch 8 Piecen in 3 Etagen, ging im Erd- geschossc zum Fenster hinaus und schlug außerhalb an