Nassauische Allgemeine Zeitung.
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tVr S-S. Mittwoch dell 17. November 1853
Die,,N»ff»»is-tie Sttlgemeine Zkirnuff" mit bejn beiletriftffdren Beiblatt „Der Wandler" erfdietnt, Sonntag ausgenommen, täglich mit beträft her ^rânumerattonOprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr auch Lr den flanken Umfang deS Lburn- und Tar-S'sckc» PerwaltungSbe,i>kS mit Inbegriff deâ PoffauffchlagS 2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch-öfferreichifchen PoswereinS, wie für daS Ausland 2 ff. 24 fr. — Inserate werden die einspaltige PetitfeUe oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwäriâ bei de» uächstgelegencn Postämtern, zu machen.
Leo contra Radowitz.
Ueber die vor Kurzem bei Reimer in Berlin erschienenen Reden und Betrachtungen von J. v. Rado- witz spricht sich Prof. Leo aus Halle in der Neuen Preußischen Zeitung in entschieden ungünstiger Weise aus. Diese Kritik verdient um so größere Beachtung, als die in ihr entwickelten Ansichten, wenn gleich in schroffer Weise von einem Einzelnen ausgesprochen, doch der Wesenheit nach als der GcsiunnngsauSdrnck einer Partei anzusehcu sind, gegen welche der Verfasser der obigen Schriften schon einmal vergebens seine Theorien und Bemühungen geltend zu machen versucht hat. Prof. Leo äußert sich folgendermaßen: Mit wunderbar wechselnden Gefühlen haben wir obiges Buch gelesen. Zuweilen mit innigster Beistimmung, mit wahrer Freude an der feinen Auffassung — zuweilen mit wahrem Erstaunen über stattfindende Begriffsverwcchselung und falsche Rechnung — und zwar aus der Feder eines übrigens scharfsinnigen Denkers und guten Rechenmeisters. Wir haben lange gesonnen , wo eigentlich die Wurzel so eigenthümlicher Erscheinung zu suchen sein möchte — zuletzt glauben wir sic auf einem Punkte gefunden zu haben, wo wir sie bei einem aufrichtigen Katholiken am wenigsten gesucht hatten. Wenn eS einem Protestanten, wie dem Schreiber dieser Zeilen (einem in der lutherischen Kirche ausgewachsenen dürfte es freilich auch nicht widerfahren — aber was war vor 40 Jahren die lutherische Kirche?) so ergangen ist, daß er lange Zeit und in tausend Fällen Substanz und Materie identificirte, in diesem Irrthum sich sogar solche Aeußerungen erlaubte, über welche Katholiken mit Reckt empört zn sein Ursache hatten, so war das bei dem Bildungsgänge der Zeit hoffentlich noch zu entschuldigen, wenigstens zu begreifen. Beinahe erst d i c Betrachtung, daß jeder Mensch alle neun oder zehn Jahre materiell ein ganz anderer, obwohl substantiell ganz derselbe ist; daß jeder Menschènlcib einen Moment vor und einen Moment nach dem Tode materiell fast ganz derselbe u^rd jubstantchllciu ganz. . vcrschrcdrucs Wesen ist, hat einen gewissermaßen grob-sinnlichen Anstoß in die Wahrheit hincingeben müssen. Ein Katholik dürfte weder eines so groben sinnlichen noch überhaupt eines Anstoßes erst bedürfen, um den Unterschied von Substanz und Materie zu fassen; ihm werden ja auf allen Seiten und von Jugend auf eigentlich die Augen geöffnet, um das Hincinreichen des Himmel in die irdischen Dinge, und wiederum der irdischen Dinge in den Himmel fassen zu lernen. Von einem lutherisch Erzogenen sollte, wie gesagt, ziemlich dasselbe gelten; gilt aber gewöhnlich nicht — und das am Ende leitet hinüber zum Verständniß der Erscheinung auch an einem Katholiken. Der Pantheismus und Naturalismus ist die Krankheit, an der unsere Erziehung und Gedankenbildung — und zwar die Gedankenbildung unser Aller, Protestanten wie Katholiken („da ist Keiner, der Gutes thut, auch nicht Einer"), gesteckt hat; die Wundenmaale, zum Theil die offenen Wunden dieses Aussatzes schleppen wir noch auf allen Seiten an uns herum, selbst wo der Heilungs- Proceß begonnen hat oder vollendet ist— füglich halten wir Fleisch für unsere Stärke.
Der Grund-Irrthum also des Herrn von Radowitz ist ein vollkommen handfestes Stück Pantheismus, was er noch nicht hat los werden können, und was darin besteht, daß er die Materie, das Material eines Volkes mit der sittlichen Substanz eines Volkes verwechselt und uns zumuthet, allen Ruhm und Preis, den die sittliche Substanz eines Volkes verdient, alle Pflichtleistung und Aufopferung, die wir dieser sittlichen Substanz schuldig sind, dem caput mortuum zu leisten, daS er mit dieser Substanz für identisch hält.
Irret Euch doch nicht! Das Deutsche Volk als sittliches Wesen war lange krank — nun liegt eS als Leichnam da. Niemand kann cs erwecken als' Christus — wie es in seiner Herrlichkeit einst kein anderer gebildet hat, als Er, der cs nachher auch mit so vielen tausend Gnaden gekrönt hat, nur Er kann es wieder beleben — unsere Pflicht ist die gläubige Leichenwache, der Schutz des Erbes Deutscher Freiheit, Deutschen Rechtes, Deutscher Sitte. Zur treuen Leichenwache aber gehört nicht, daß man die Leiche sür das Leben, und den Gestank der Leiche für Wohlgeruch halte. Das aber, und nichts anderes muthet uns Herr von Radowitz zu. Wir sollen das Materiale des deutschen Volkes , den Leichnam, für es selbst und seinen Leichengeruch für das „höchste und segensreichste historische Unternehmen des Jahrhunderts" halten; und mit dieser pantheistisch-naturalistischen Auffassung des Wortes Volk
verbindet er eine ganz abstracto, nirgends reale Di- stinction von irdisch und nicht-irdisch, wie sie weder katholisch, noch christlich, noch auch nur philosophisch ist.
Es gibt Momente im Leben der Völker, wo auf lange hinaus ihre Geschicke entschieden werden; wer es wohl mit ihnen meint, wem Pflicht oder Liebe gebieten, daß er mit seinem Volke stehe oder falle, der soll in solchen unermeßlichen Augenblicken von Allem und Jedem absehen, was er sonst an Antipathiccn und Vorwürfen mit sich hernmgetragen, und Alles versenken in die eine unheilbare Pflichterfüllung, die böchste unter den irdischen (?) Leistungen , die ihm abgefordert werden kann."
Wir könnten, die eine Distinction des Irdischen abgerechnet, den ganzen Satz unterschreiben und jubelnd: Ja und Amen ! dazu rufen, wenn das Wort Volk eine andere Erfüllung hatte, als ihm der übrige Inhalt des Buches giebt. Aber stehen und fallen kann der Christ nur mit dem, was ein Gefäß Gottes ist — er ist ja selbst Eines und würde diesen Tempel, der er selbst ist, entweihen und verunchrcu, wenn er zu Anderem stünde und mit Anderem fiele. Ein bloß Irdisches und bloß irdische Leistungen kennt der Christ nicht. Sollen wir es machen, wie die Franzosen, und uns das Wort „Deutschland" zu einem heidnischen Zauberworte werden lassen, für das wir uns schlagen und in den Tod gehen, gleichviel ob Gott darin regiert oder der Teufel? Sollen wir in einem Athem uns schlagen für Alles, was momentan in Deutschland zu Ansehen kömmt? Heute für den Deuts chkatholi cismus, morgen für die Frankfurter $3 er uminlung, ü berin o r- gcn für einen Professoren-Kaiser und überübermorgen viel lei ckt für die rothe Republik? — Apage Satana! wir kämpfen und bluten, opfern und schreiben-für Deutschland, so weit Gottgefälliges in ihm ist, und wir kämpfen und bluten, opfern und schreiben gegen Alles i n D eu tsch l a n d, was wir nicht als gottgefällig betrachten können, selbst wenn die ganze übrige Volks-Genossenschaft des Teufels wäre.
(Schluß fohl t
Deutsche ^uswanberun# und Colonisation Lithographischer Bericht.
Berlin, 4. Nov. Die heutige öffentliche Sitzung des „Ccntralvereins für die deutsche Auswanderungsund Colonisations-Angelegenheit" wurde, wie gewöhnlich, mit dem Geschäftsberichte des Vorsitzenden, Regierungsraths Dr. Gaebler, eröffnet. Derselbe dankte zunächst für ein Geschenk von 100 Thlrn., welches ein ungenanntes Mitglied dem Verein zugewendet hatte, und benutzte diese Gelegenheit zur Theilnahme für den Verein und zum zahlreicheren Beitritt znr Mitgliedschaft einzuladen. Der Redner entwickelte kurz die philautropische uud patriotische Tendenz des Vereins, der sich von jeder Speculation fern hält, aber auf vielfache Weise practisch und segensreich für die immer gedeihlichere Lösung der Auswanderungsfrage wirkt. Zu den Gegenständen der Wirksamkeit des Vereins gehört auch die möglichste Controlle für das Agenten wesen, soweit dies die Auswanderung betrifft.
In der neueren Zeit haben sich mehrfach Schiffs- Expedienten, welche bei dem preußischen Ministerium für Handel die Concession zur Betreibung ihres Geschäfts in Preußen nachgesucht haben, an den Central- vercin mit dem Gesuch gewendet, ihnen tüchtige Persönlichkeiten für die Agentur vorzuschlagen, indem sie sich bereit erklärten, diese Persönlichkeiten vor allen an- deru zu berücksichtigen. Der Centralverein hat sich deßhalb mit allen königl. Landräthen in Verbindung gesetzt und dieselben um Auskunft darüber ersucht, ob in ihren Kreisen ein Bedürfniß zn Auswauderungs - Agenturen vorliege, ob und welche Winkelageuten dort ihr Wesen treiben, und welchen ordentlichen und zuverlässigen Personen man wohl eine Agentur anvertrauen könne. Die meisten der Herren Landräthe haben den Centralverein bereitwillig mit Auskunft versehen. — Der Verwal- tuugsrath hat in neuester Zeit auch die Colonisa- tion im In lande wieder zum Gegenstände seiner Berathungen gemacht. Nach den bisherigen Erfahrungen ist man zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Colonisation im Julande nicht durch ein künstliches Ansiedeln in Masse auf größeren, zu parcellireuden Staats- oder Privatländereien, sondern nur durch vereinzeltes Heranziehen fleißiger und zuverlässiger Personen nach den dünner bevölkerten Gegenden des Vaterlandes praktisch ausgeführt werden könne. Da nun die Thatsache nicht fortzuleugnen ist, daß in vielen solchen Gegenden tüchtige Arbeitskräfte einerseits noch lohnende Beschäfti
gung finden, andererseits auch ihre Anwesenheit den größeren Grundbesitzern die Hebung der Bodencultur wesentlich erleichtern würde, während in anderen Gegenden die Dichtigkeit der arbeitslosen Bevölkerung und die Zerstückelung des Grundbesitzes die Gelegenheit zu lohnender Beschäftigung mindert, und die Bevölkerung zur Auswanderung treibt, so kommt es nur darauf an, einen praktischen Weg aufzufinden, um in dieser Beziehung eine angemessene Vermittelung eintreten zu lassen. Hierzu dürfte sich vor Allem das Auskunftsbureau des Centralvereins eignen, indem dies sehr oft Gelegenheit haben würde, Auswanderungsluftige von ihrem Vorsatze abzubringen, wenn es im Stande wäre, denselben irgendwo anders im Vaterlande Gelegenheit zu einer lohnenden Beschäftigung, namentlich zu einer billigen Ansiedelung nachzuweisen. Der Verwaltungs- rath ist zu dem Ende auch über diesen Gegenstand mit sämmtlichen Landräthen in Communication getreten.
Was die verschiedenen Eiuwanderuugsländer betrifft, so haben sich zunächst in Nordamerica die Verhältnisse für die dorthin auswandernden Deutschen nich wesentlich verändert. Nur für den kräftigen Handarbeiter ist Beschäftigung zu finden, und auch diese, je mehr die Einwanderung zunimmt, um so spärlicher. Der Landban gewährt in den entlegenen Gegenden, wo gutes Land allein noch billig ist, wegen des weiten Transports und der immer steigenden Production an landwirthschaftlichen Erzeugnissen immer weniger Verdienst. Von den nordamericanischen Staaten bietet jedenfalls Texas die meisten Vortheile für den deutschen Auswanderer, und muß daher der Centralverein fortfahren, diesen Staat denjenigen, die nach Nordamerica gehen wollen, vorzugsweise zu empfehlen.
In New Jork vermehrt übrigens auch die enorme Anzahl von betrügerischen Auswanderungs-Commissionâ- ren — Runners genannt, — (über 30,000, meistens Deutsche I) die Gefahren für den unerfahrenen Auswanderer. Leider arbeiten den redlichen Bemühungen der deutschen Gesellschaft in New-Jork, diesem Unwesen ziz steuern, sogar einige Organe der deutschen Presse geradezu entgegen I Es ist dies eine sehr traurige Er- Icheiuung und nur durch die im Allgemeinen herrschende Verworfenheit der deutschen Tagespresse in Nordamerica erklärlich. In New-Jork sind im Monat' Juli d. J. 12,577 und im August 15,652 und in der Zeit vom 1. Januar bis ultim. August 84,841 deutsche Auswanderer angekommen. Nach dem Juli-Berichte der deutschen Gesellschaft waren die Klagen der über Liverpool Beförderten über schlechte Kost und brutale Behandlung ganz allgemein.
Im August kamen wenig Klagen vor. Im Allgemeinen bemerkte man aber, daß in diesem Jahre viel mehr bemittelte Auswanderer ankamen, als sonst je zuvor.
Ganz unbemittelte waren nur sehr wenige vor« Handen.
■ Nächst Nordamerika zieht hauptsächlich Brasilien die deutschen Auswanderer an sich. Der Centralverein hat sich vielfach dahin ausgesprochen, daß er Brasilien für sehr wohl geeignet für die deutsche Auswanderung erachte, indessen doch von einzelnen Unternehmungen, namentlich vor dem Systeme der brasilianischen Plan« tagenbesitzer, an die Stelle der immer theuerer werdenden Negersclaven deutsche Arbeiter auf ihren Kaffeeplan- tagen zu engagiren, ohne daß diesen die Gewißheit deS eigenen Grundbesitzes geboten werden. In dieser Beziehung kann der Verein es nur mit Befriedigung aufnehmen, daß ein in der letzten Zeit von Hrn. Professor Gade zn Rio de Janeiro zur Vertheidigung dieses Systems geschriebenes Buch selbst anerkennt, wie dies System ohne eine Reihe von Garantien, welche der Hr. Verfasser verlangt, äußerst verderblich für die Einwanderer werden könne. Etwas Anderes behauptet auch der Centralverein nicht. Die von Herrn Gade verlangten Garantien laufen im Wesentlichen auf das heraus, was vom Centralverein gefordert wird; nur einige Punkte bedürfen noch der Erweiterung. Die von den ersten auf den Plantagen dieser Grundbesitzer angesiedelten Deutschen nach Europa geschifften günstigen Briefe können gar nichts beweisen, weil einerseits die Grundbesitzer begreiflicher Weise Alles thun werden, um die Leute zu Anfang zufrieden zu stellen und sie zu günstigen Berichten zu veranlassen, damit sie recht viel andere Auswanderer nach sich ziehen, andererseits auch einzelne dieser Grundbesitzer persönlich sehr ehrenwerthe Leute sein sollen, denen man gute Absichten wohl zutrauen kann. Dergleichen persönliche Eigenschaften geben aber keine Garantie für ein ganzes System. Die Leute kön-