Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nassauische

Zeitung.

I 1 - ' - - ^ '^-^^L^- r - .'.-.^ - - =^ ' ^ -.-«

â 907. Dannerstag dm 11. November ^SLS.

^)ie,,Nassauische Slllaemeine Zki«u»q" mi! dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch Lr den ganzen Umsang des Ldiirn. und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS PostanfschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des dentsch-österrcichifchen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die vierspaltig, Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe matt in der Buckhattdlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwârlS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

* Haus von Eagern.

DaS stille Hornau im Taunus zählt um ein denk­würdiges Grab mehr. An der Seite seines SohneS Friedrich, eines der ersten Opfer der letzten traurigen Konvulsionen unseres Vaterlandes ruht nun auch Frei­herr Hans von Gagern, einer der letzten Kämpen aus der Zeit deS ersten Erwachens des dentschens Vol­kes zum Gesammtbewußtsein. Sein Name ist Deutsch­lands Eigenthum, sein Wirken sichert ihm unantastbare Rechte auf ein geehrtes Angedenken ; doch uns stand der Greis in mancher anderen Beziehung näher. Wie seine jugendliche Thatkraft hauptsächlich im Dienste der Fürsten des nassauischen Hauses sich erprobte, so verlebte er auch in dem ihm vielleicht deßhalb lieb und werth geworde­nen Nassau den ruhigen ungetrübten Abend seines Lebens. Uns ziemt es daher vor Allen, dem verehntngswürdi« gen Greis einige Worte des Nachrufes zu widmen, den Stoff dazu liefert uns die Geschichte, die seinem Stre­ben, seinem durchdringenden Geist, seinem staatsmänni­schen Blick, seiner gediegenen wissenschaftlichen Bildung voll Gerechtigkeit wiederfahrcn ließ, die Stimme der allgemeinen Ächtung und Verehrung, die sich jeßt aus­spricht, da er auf eine wohlangewendete Lebenszeit von seltener Dauer zurückblickend und im erhebenden Be­wußtsein, daß ein Paar wackerer Söhne den guten Klang seines Namens erhalten werde, aus dem zahlreichen Kreise seiner liebenden Familie schied.

Hans von Gagern ist am 25. Jan. 1766 auf dem Schlosse zu Klein - Niedrsheim in der Pfalz (in der Nähe von Worms) geboren. Seine Ahnen stammen von der Insel Rügen, Zweige der Familie sind im west­lichen und südlichen Deutschland und in der Lombardei verbreitet. Seinen ersten Unterricht erhielt der vielver­sprechende Knabe von der eigenen Mutter; den Reli­gionsunterricht leitete Zollikofer, der auf dem Schlosse seines Großvaters, dem Familicngute Monsheim als Prediger lebte. Die Einwirkung dieser beiden trefflichen Menschen, das Beissel des Vaters, eines gediegenen, ernsten Characters und vor Allem der segensreiche Ein­fluß eines ungetrübten, würdigen Familienlebens bli.bcn nicht ohne nachhaltige Wirkung für sein ganzes Leben. Seine Vorstudien begann der 8jâhrige Knabe in Worms, er, der evangelischen Kirche angehökeUd, bei den dortigen katholischen Geistlichen. In Zweibrücken im Pensionär Manlich's widmete er sich dem Studium der alten Klas­siker bei Exter, Emser und Crollius mit einer Vorliebe und einer Begeisterung, die ihn noch im späten Man­nes- und Greijenalter nicht verlassen hat. In Pfeffcls, des blinden Dichters Erziehungsanstalt, erwarb sich der Jüngling, der eine vollkommene Kenntniß der franzö­sischen Sprache schon aus dem Elternhause mitbrachte, in dem Umgang mit Jünglingen aller Nationen seine große Kenntniß der neuern Sprachen.

Im sechzehnten Jahre bezog er, seinen alten Lehrer Zollikofer an der Seite, die Universität Leipzig. Andert­halb Jahre brachte er in Göttingen zu, wo er nament­lich den Staatswissenschaften oblag. Nach beendigten Studien trat er in Staatsdienste. Er begann seine Laufbahn als Negierungsbeisitzer in Zweibrücken, an dessen Hof sein Vater Oberhofmeister war. Er trat bald in nassauische Staatsdienste. Nach einem länge­ren Aufenthalte in Wien, den er für nöthig hielt, um die Verhandlungen des Reichshofrathes und der Reichs­kanzlei kennen zu lernen, kehrte er im Jahr 1787 zu­rück und wurde bald (in seinem cinundzwanzigsten Jahre) Regierungspräsident zu Nassau-Weilburg.

Wenige Jahre darauf traten die gräßlichen Ercig- Nisse in Frankreich ein. In der Empörung seines Ge­müthes über die der Menschheit und dem Königthum angethane Schmach schrieb er die kleine Schrift:Ein deutscher Edelmann an seine Landsleute" und einen ritterlichen Brief an die gefangene Königin von Frank­reich. Schon damals durchdrang ihn der Gedanke der Nothwendigkeit einmütigen Handelns und suchte er im deutschen Volk die Eii ycits Idee anzuregen. Er hatte deßhalb mancherlei Verfolgungen von den Franzosen zu bestehen und doch sehen wir .ihn im Jahr 1801 nach dein Lüneviller Frieden als nassauischer Minister und Gesandten in Paris hochgeehrt und angesehen im Besitz einer einflußreichen Stellung, die es ihm ermöglichte, seinem Fürsten im Jahr 1803 eine reiche Entschädigung zu verschaffen, 1806 demselben den älteren Namen des fürstlichen Hauses zu retten und einen beträchtlichen Zu­wachs an Territorium zu verschaffen und überhaupt in seiner Eigenschaft als Vertreter des Nassau zustchcndcn Präsidiums der Fürstenbank anderen Fürsten, die sich deßhalb an ihn wendeten, wichtige Dienste zu leisten.

Die jetzige wohlarrondirte Gestalt und Ausdehnung des Herzogthums Nassau ist Gagerns Bemühungen zu danken.

Gagern begleitete Napoleon nach Polen. Zurück­gekehrt schied er aus dem nassauischen Staatsdienste und begab sich zuerst nach München, und von da nach Wien, Hier trat er mit Hormayer und dem Erzherzog Johann in genaue Verbindung, war in den Jahren 1812 und 1813 an einem Plane thätig, Tyrol zu iusurgiren. Als das Unternehmen an dem Aussangen rines englischen Couriers in Brünn scheiterte, und mußte Gagern den öster­reichischen Kaistrstaat verlassen. Er begab sich in das russisch preußische Hauptquartier in Schlesien, von da nach England und Schweden. Nach Napoleons Sturz kehrte er zurück und wurde Nassau - oranischcr dirigiren- der Minister in Dillenburg. Im J. 1815 trat er in niederländische Dienste, und nahm als Gesandter an dem Wiener Congreß, sowie in Auftrag seines Hofes, nach Napoleons Rückkehr von Elba an der allgemeinen Schilderhebung gegen denselben Theil. Er organisirte ein Regiment, in dessen Reihen auch einige seiner Söhne, darunter der nachmalige Präsident der deutschen Natio­nalversammlung Heinrich v. Gagern in der' Schlacht von Waterloo tapfer fochten.

Unter den Unterschriften der Bundesacte vom 8. Juni 1815 findet man auch GageruS Namen. Die Verfassung, welche der Vater mit zu Stande gebracht, hat der Sohn mit seinem Blut besiegelt. Vom Wiener Congreß begab sich Gagern zu dem Congreß nach Pa­ris. Dort war er eS, der nach Wilhelm v. Humbold's und v. d. Kuesebeck's Vorgang auf Herausgabe des Elsasses und der nach Paris geführten Kunstschätze am entschiedensten unter allen Diplomaten drang. Im I. 1816 wurde Herr v. Gagern fmißt niederländischer Staatsrath und bevollmächtigter Minister am deutschen Bundestag, welche Stelle er bis 1818 begleitete. In diesem Jahre nach Fassnng der Karlsbader Beschlüsse zog er sich aus seine Güter Hornau und Monsheim zurück. In seinem Briefwechsel mit dem Fürsten Met­ternich , vor Eröffnung der Bundesversammlung, hatte er stets die Ausführung von Maßregeln befürwortet, welche die politische Einheit der deutschen Nation festzustellen geeignet wären, als BundcSgcsandter die Einführung landständischcr Vertretung in den deutschen Bundes­staaten vertheidigt. Jm I. 1820 wurde er von dem niederländischen Hofe pensionirt und von einem rheini­schen Wahlbezirke zum Abgeordneten in der zweiten Kammer der damals eröffneten großh. hessischen Stände­versammlung gewählt. (Schluß folgt.)

^ Zur Eejchichte des modernerr Constitu- tionalismus.

II.

In der Tagespreffe hat in den letzteren Tagen ein BuchBriefe über Staatskuust. Berlin. 1853. Verlag von Wilhelm Hertz" um so größeren Rumor gemacht, als es einem höher stehenden Manne als Verfasser zu- geschrieben wird. Wir haben es mit großer Begierde zur Hand genommen, müssen aber offen gestehen, daß uns der Inhalt seines ersten Theiles , die Einleitung und den Staat im Allgemeinen betreffend, nichts weni­ger, als befriediget hat, obwohl wir einzelne Gedanken darin als richtig anerkennen müssen. Namentlich war die Ausbeute, welche wir für den vorliegenden Gegen­stand darin erwarten durften, eine sehr geringe. Den zweiten Theilder Briefe über die Staatskuust", die Organisation der Volkögesellschaft betreffend, werden wir bei andern Gelegenheiten öfters besprechen. Die vor­liegenden Briefe sind an einen angeblichwie durch ein Wunder an die Spitze einer Landesregierung berufenen" Freund des Briefstellers gerichtet.

In dem ersten Briefe läßt sich unser Verfasser außer anderen Ergießungen also aus:Im Ernst gesprochen, Bester, ächte Staatsmänner in deiner Lage sind zn be­neiden. Die Erschütterung, die durch die Welt gegan­gen ist und noch nachbebt, hat zwar Vieles zerrissen, aufge­löst und unordentlich durcheinander geschüttelt, aber die Grundbestandtheile sind geblieben und die chaotische Masse bietet der schöpferischen Hand eine größere Bil- dungsfähigkeit dar, als es die alten, festen,' zum Theil erstarrten Ordnungen jemals gethan."

Die Reaction nun, du weißt, daß ich unter Reaction nicht die feindsame oder gewaltsame Wieder­herstellung verlebter Formen und Einrichtungen verstehe, sondern die lebendige und energische Gegenwirkung gegen die unbefugte, zerstörerische, revolutionäre Action, wie sie sich in den letzten Jahren so stürmisch hcrvorgedrângt :

diese wahre Reaction habe ich von jeher gelobt, gepre­digt und geübt, wo und wie ich vermochte und preise sie noch."

Offenbar hat sie (die Reaction) nur einen vorüber­gehenden Beruf, der nicht länger dauert, als die ver­kehrte Action und deren Folgen. Ich sage nicht, daß diese schon vorüber, schon überwunden seien, und daher nur tapfer fortreagirt, wo und so lange es nothwendig ist! Allein ein Staatsmann, der nichts weiter ist, als Reactionär, auch int wahren, im besten Sinn, dessen Zeit ist entweder vorüber oder rollt doch zu Ende."

Und wer soll seine Erbschaft antreten ? Was soll an den Platz der Reaction steigen? Restauration? Gewiß nicht! Das' öffentliche Leben ist vor Allem Le­ben, und was einmal des Todes verblichen ist, das kann man balsamireu, aber nicht mehr curiren, und dann gehört es in die Gräber und Mausoleen nach löb­licher christlicher Sitte, so täuschend es auch den Schein des Lebens nachahme."

Also dem bloßen Reactionär soll nicht der Restau­rator folgen? Wer dcnu?" Der Conservative? Al­lerdings : nur daß er weder verkappter noch unverkapp­ter Restaurator sei, daß er nichts wirklich Abgestorbenes für lebendig ausgebe, und keine Leichen conserviren wolle. Vieles ist dahin, ist gestorben und nicht wieder zu er­wecken, was Jahrhunderte, was ein Jahrtausend lang segensvoll und ruhmvoll unter uns lebte. Man preise es, man beweine es, aber man frevele nicht an der hei­ligen Asche. Und ebenso wenig dürfen jene Bestand­erzeugnisse der neuen Experimentalpolitik conservirt werden, welche kaum jemals zu einem volksbewußten Leben durchgcdrungen sind, und doch eine Hauptschuld an der deutschen Revolution mittragen. Was dagegen von dem im Volke erzeugten, eingepflanzten und über­lieferten Guten, Gestalteten und Gestaltbaren noch ir­gend einen Funken wahren Lebens in sich hat, sei es auf dem Schlachtselde der Revolution auch noch so schwer verwundet, noch so tief unter die Füße getreten, noch so verächtlich zur Seite geschleudert, das soll er anfsucheu, der Conservative, das soll er vertheidigen und schätzen, erhalten und bewahren, hegen und pflegen, und dazu bedurften und bedürfen wir in diesen Zeilen seiner Thätigkeit mehr denn je. Und doch, wer nur Conser- vativer ist, auch in diesem besten Sinne, aber nichts weiter, der ist noch nicht der Staatsmann, den diese Zeit verlangt. Und wer ist es? Der Staatsmann, der weder bloß reactionär, noch bloß conservativ, der zwar beides im rechten Sinne und doch noch mehr ist, als nur dieß. Wie bezeichne ich aber die Eigenschaft, die ich von ihm fordere? Wohlan, laß mich ihn im Gegensatz zu den revolutionären und destructiven Natu­ren als eine revolutionäre und constructive Natur bezeichnen. Denn er muß entwickeln und aufbauen können. Darin licgtS. Hat er dazu das Vermögen, den Trieb, das Geschick, dann ist er der Mann , den wir brauchen. Dann ist es ihm nicht genug, als Reactionär den Um­sturz , der Zerstörung und Auflösung zu wehren, als konservativer das Gerettete und LobcnSwerthe zu er­halten und zu schützen, sondern er genügt auch der grö­ßeren Aufgabe, das gerettete Leben nach seinen innern Gesetzen zu einem gesunden und schönen Ganzen zu entwickeln, da neues Leben zu erzeugen, wo sich Em­pfänglichkeit dafür zeigt, und so aus der chaotischen Masse und den schwebenden Trümmern, nach Beseitigung der vorliegenden Fehlbilduugcn ein kräftig gegliedertes frisches Staatsgebäude aufzubauen".

In seinem dritten Briefe sagt unser Staatsmann:

Sollen wir denn nun aber durch kräftige, vielleicht gewaltsame Thaten der Reaction den Absolutismus eine Gasse hauen? Das wäre nicht bloß der, gerade Weg aus der Scylla in die Charybdis, sondern auch ein Ziel, das den ganzen Weg zum Frevel machte. Wir wollen ja eben den Absolutismus los werden, den Ab­solutismus des todten Buchstabens, der Kammermajori­täten, auch den Absolutismus der Beamtensouveränetät; und so verschieden davon der monarchische ÄbsolutiSmus auch sei der wenigstens die Herleitung der Autorität von Oben für sich hat, so kann doch nur die Her­stellung des unterdrückten Rechts der rücksichtslosen eisernen Schnitt zur Zerreißung aller künstlich gestrickten Netze des gegenwärtigen Zustandes rechtfertigen: Der monarchische Absolutismus hat in Deutschland nie recht­lich bestanden, und würde er das Kind unserer Reac­tion, so wäre diese eine eben so unberechtigte Revolu­tion als ihre Vorgängerin, die Mutter des Constitu- tionalismus. Was folgt daraus ? Daß die berechtigte Reaction zugleich consèrvativ sein mii§j und da die Conservation meist unterdrückte und außer Wirksamkeit