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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wr SLK. Montag den 1. November /*.»?.

DieNassauische Allgemeine Zkttnnq" mit dem belleiristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint-, Sonntagâ ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden lind , nach dem neuen Postrtgulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Ldurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PoNausschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate werden die »trrfpalligt Pktitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

Dienstnachrichte ».

Oberlehrer Kunz an der 1. Abtheilung der Ele­mentarschule zu Wiesbaden ist in den Ruhestand ver­setzt, Lehrer Thiel mann von der höheren Töchter­schule daselbst zum Oberlehrer an der 1. Abtheilung, Oberlehrer Anthes an der 2. Abtheilung zum Lehrer an der höheren Töchterschule, Lehrer Christ freund an der 1. Abtheilung zum Oberlehrer an der 2. Ab­theilung und Lehrer Gärtner an der höheren Töch­terschule zum Lehrer an der ersten Abtheilung ernannt worden.

Lehrer Nickel in Orlen ist in den Ruhestand ver­setzt , Lehrer Röder zu Sechshelden zum Lehrer in Orlen, Lehrer Weber zu Hochheim zum Lehrer in Sechshelden, Lehrgehilfe Sauer zu Braubach zum Lehrer in Hochheim, Lehrvicar K ö l b zu Oberbachheim zum Lehrgehilfeu in Braubach, Lehrvicar Jung zu Borod, zum Lehrvicar in Oberbachheim ernannt und dem Schulcandidaten Winkel von Merlenbach die Lehrvicarstelle zu Borod provisorisch übertragen worden.

Dem Lehrer Seibcrth zu Dotzheim ist die durch Beurlaubung des Lehrers Wagner in Hausen, Amts Wehen, zur Erledigung gekommene Schulstelle daselbst übertragen, Lehrvicar Maurer zu Wüstens zum Lehrer in Dotzheim ernannt, der provisorische Lehrvicar Bru m m zu Heisterberg in gleicher Eigenschaft nach Wüstens ver­setzt, und dem Schulcandidaten Reichard zu Höm- berg die Lehrvicarstelle in Heisterberg provisorisch über­tragen worden»

Nichtamtlicher Theil.

Der Proceß Decker.

XIX.

Köln, 23. Oct. (Sitzung am 22. Oct.) Zeuge Alexander Beck, Schneider aus Magdeburg, war bis 1845 in Paris, will aber keinem Bund angehört haben. Er lernte Daniels und Bürgers kennen, leugnet erst und gesteht dann ein, sich bei Daniels in Köln einige Tage aufgehalten zu haben.

Zweiundzwanzigster Zeuge, Ad. C. Streckfuß, Tabakshändler in Berlin. In Mitte des Mai 1851 kam Bürgers zu ihm. Sie unterhielten sich über Po­litik, wobei u. A. von einer Wiederorganisirung der demokratischen Partei die Rede war. Bürgers reiste nach Leipzig und Dresden zu seinem Vergnügen. Noth­jung sei auch zu ihm gekommen mit einer Empfehlung von Dr. Rötschler. Er habe denselben aber für einen Spion gehalten und sich nicht mit ihm eingelassen, da dessen kommunistische Richtung und Ignoranz seine Ab? Neigung noch vermehrten.

Dreiundzwanzigster Zeuge, F. Th. Aug. Goldstein , Polizeilieutenant in Berlin, erhielt Befehl nach Leipzig zu reisen, um die bei Notbjung gefundenen Papiere sich übergeben zu lassen, empfing jedoch nur Abschriften. Er hielt dann Nachsuchung in NothjungS Wohnu: g in Berlin, wo nichts Wesentliches gefunden wurde. Da­gegen fand er dessen Koffer bei dem Barbier Kühne, worin Drucksachen von 1848 und 1849 waren. Man fand unter Nothjungs Papieren eine Adresse der Gräfin Hatzfeld in Düsseldorf, weshalb auch bei dieser Haus­suchung gehalten wurde. Da die Gräfin eine gemein­schaftliche Wohnung mit Lassalle hatte, so wurde auch bei diesem mituntersucht, und mehrere Briefe entdeckt. Während der Untersuchung ging ein Brief an Lassalle ein, den dieser zu zeigen sich weigerte. Man mußte ihn gewaltsam nehmen. Er war von Lena Bürgers, Schwester des Angeklagten dieses Namens. Der Brief wird verlesen. Lena nietet darin, es sei gelungen, einen Aufseher zu gewinnen. Röser habe an seinen Bruder in der Diepholzgemeinde geschrieben, er solle alle Vereine auffordern, ihm keine Briefe mehr zu sen­den, damit die Klage nicht noch mehr Anhalt fände. Nach den Orten in der Umgegeâ werde NöscrS Bru­der sich selbst begeben rc. Zeuge sagt ferner: Nothjung Habe in Berlin bei dem verheiratheten Schneidcrgesellen Schmidt in Aftermiethe gewohnt. Der Präsident hält Erhard vor, daß seine Aussage, man habe den Koffer an Schmidt gesandt, weil Nothjung draußen arbeite, keinen Stand halte, da Schmidt als Geselle gleichfalls bei fremden Meistern beschäftigt sei. Es ergibt aber eine nähere Frage, daß Schmidt in der Regel zu Hause fei und überhaupt wenig arbeite.

Vierundzwanzigster Zeuge, Wilh. Kühne, Barbier, unbedeutende Aussage.

Fünfundzwanzigster Zeuge, Franz Mohr, Schnei- dergeselle in Berlin, trug, aufgefordert von einem Rei­senden, der von Leipzig kam, den Koffer Nothjungs zu Kühne. Der Reisende sei ein hagerer Mann mit blon­dem Bart gewesen. Sonst sei noch eine Wolltasche von Nothjung bei Schmidt gewesen, welche die Polizei in Beschlag nahm. Er empfing von Ersterem, dem er etwas Geld vorgestreckt hatte, ein Loos der demokrati­schen Lotterie.

Sechsundzwanzigster Zeuge, Margarethe Andres, Ehefrau des Schreiners Jansen in Köln. Der Koffer Nothjungs blieb nach dessen Abreise in ihrem Hause stehen. Wann und wie er weggekvmmcn, wisse sie nicht. Ihr Mann, der nach America auswanderte, weil er keine Arbeit fand, habe ihr nie etwas Näheres darüber gesagt. Sie wisse nicht, ob Röser ihn abholte. Den Angeklag­ten Erhard kenne sie gar nicht.

Siebenundzwanzigster , achtundzwanzigster , neunund­zwanzigster und dreißigster Zeuge, Engelhard, Bar­ges, Hausch, Thalmann, Schneidergesellen bei Steinbach in Berlin, bekunden, daß Nothjung zwei oder drei Mal in ihre Werkstätte gekommen wäre, um Engelhard zu besuchen, wobei er sich zugleich nach Arbeit erkundigte.

Einunddreißigster Zeuge, Dr. med. Schlacgel in Koblenz, wird über die Reise des Dr. Becker im No­vember 1850 befragt. Er traf Becker in der Verlags­handlung desTagblatts", wo er Geschäfte hatte. Zeuge weiß nichts Wesentliches.

Zweiunddreißigster Zeuge, Dr. Men sch in g, Ad- vocat in Hannover, kennt Bürgers und Becker schon längere Zeit. Nolhjung erschien bei ihm mit Empfeh­lung von Dr. Becker; was er gewollt, sei ihm nicht klar geworden. Sie hätten darüber disputirt, ob die Demokratie sich für Schleswig-Holstein interessiren solle oder nicht, und habe er Nothjung aufgefordert, seine abweichende Meinung im Volksverein, den beide besuch­ten, zu vertreten, was auch geschehen sei. Nothjung habe ihm gesagt, daß er Norddeutschland bereise, um die politischen Zustände zu erforschen. Zeuge gab ihm Empfehlung an Dr. Trittau. Mit Dr. Becker sei er auf einem Congreß in Braunschweig am 8. Mai 1850 zusammengekommen. Der Kongreß wurde von Depu- tirten der Linken und von Vertretern der liberalen Presse gehalten, sei aber nicht communistisch gewesen. Bei Gelegenheit der bei ihm stattgefundenen Hausun­tersuchung habe er sich wegen des bei ihm gefundenen Communistenmanisestcs unbestimmt geäußert, nämlich er wisse nicht, ob er es von Becker, Bürgers oder Stechan empfangen habe; seitdem habe er sich jedoch erinnert, und könne es nun mit Bestimmtheit sagen, daß er es von keinem der drei Genannten, sondern von einem Vierten habe, den er nicht nennen will. Bürgers traf er bei einem ähnlichen Congreß am 8. Mai 1851 in Hannover. Ob sich dort Theilnehmer mit falschen Na­men ins Fremdenbuch eingeschrieben, wisse er nicht, da er spät angelangt sei. Frage. Hat nicht im August 1851 eine Versammlung des Volksvereins in Hanno­ver stattgefunden, bei der sie sich äußerten, Dr. Becker werde keine Geständnisse machen, selbst wenn man ihn auf die Folter spanne? Antwort. Die Versamm­lung des Volksvereins wurde regelmäßig gehalten, also auch im August 1851. Ich erinnere mich, gesagt zu haben, Becker könne seiner politischen Richtung wegen unmöglich in die Sacke verwickelt sein; er werde aber niemand verrathen. Möglich, daß ich mich dabei des Ausdrucks bediente:Selbst wenn man ihn auf die Folter spannte." Von Geständnissen habe ich aber ge­wiß nicht gesprochen, weil ich überzeugt bin, daß er keine Geständnisse zu machen hat. Zeuge will die poli­tische Richtung des Dr. Becker näher auseinander setzen; der Präsident unterbricht ihn aber, indem er bemerkt, daß er nur Thatsachen auszusagen, keine Vertheidigungs­rede zu halten habe.

Ueber die Schifffahrt aus der Donau und ihren Uebeuflüffeu

brachte die Austria folgende interessante Notizen:Die zählt von Wien abwärts 34 Haupthäfen, von den 120 Flüssen, welche sie überhaupt aufnimmt, sind nicht we­niger als 34 schiffbar. Regensburg bildet den Aus­gangspunkt des ganzen Verkehres von Mitteldeutschland mit der Donau. Bei Passau mündet der Inn, er ist bis Hall in Tirol, einem Hauptgetreidemarkte, für Fahr­zeuge von 400 bis 1000 Zentner zu befahren; die Drau oder Drave ist 44 Meilen von ihrer Mündung bei Draueck, schiffbar bis Marburg in Steiermark, und bis Essek und WaraSdin fahren Dampfer. Die Mur

wird bis Graz hinauf befahren, die bei Semlin mün­dende Save 90 Meilen weit aufwärts bis Sissek von Dampfern. Die Theiß, der größte Nebenfluß, und mehr als 150 Meilen lang, nimmt ihrerseits wieder schiffbare Gewässer auf, z. B. die Marosch, nnd Dampfer fahren 117 Meilen weit flußauf bis Tokay. Das untere Douau­gebiet ist mehrfach durch schiffbare Kanäle mit einander verbunden, und die tief ins Herz von Ungarn reichende Eisenbahn soll bis zur Grenze des türkischen Gebietes fortgesetzt werden. Eigentlich ist erst durch die Dampf­schifffahrt regelmäßiges Leben in den Donauhandel ge­kommen. Die Geschichte derselben ist lehrreich. Die Die österreichische Donauschifffahrtsgesellschaft trat 1828 . zusammen; am 14. Sept. 1830 lief das erste Personen­dampfschiff von Wien nach Pest. Vor 1834 war der ganze untere Douaustrich von Semlin ins schwarze Meer für die ganze europäische Handelswelt gleichsam noch eine terra incognita, und die Schifffahrt von ge­ringer Bedeutung. Die Schleppschifffahrt begann erst 1842; im Jahre 1843 beschränkte.fie sich noch auf ein einziges Schleppboot zwischen Wien und Pest. Aber 1851 waren 15 Schlepper im Gange, die theils zwi­schen Wien, Pest, Semlin nnd Drenkowa, nebst Theiß und Save und eine kurze Strecke die Drau hinanf, theils unten vor Orsova bis Braila und Galatz, theils oberhalb Wien bis Linz fahren. Zwischen Linz und Regensburg hält Bayern einen Schleppdampfer. Die österreichische Dampfschifffahrtsgesellschaft besaß im Herbste 1851 ueunundsechszig Dampfschiffe von 7928 Pferde- kraft und 250 Schleppschiffe für etwa eine Million Zentner Güter. Am 28. April 1852 wurde beschlossen, 9000 neue Aktien im Belauf von 4^, Millionen Gul-» den C.-M. auszugeben; denn jene Transportkraft reichte bei Weitem nicht aus, um den Andrang der Waaren zu beseitigen.

Deutschland.!

* Wiesbaden, 1. November. Da uns das bis jetzt beibehalteue Vordatiren des Blattes den Nacktheit bringt, daß manche unserer Nachrichten im Vergleiche mit anderen nicht vordatirten Blättern alt erscheinen, so werden wir von heute an jede Nummer unseres Blattes von dem Tage datiren, an welchem dieselbe in Wiesba­den erscheint.

* Wiesbaden, 30. Oct. (Assisenverhandlung gegen die Ehefrau des Carl Altenkirch von Diedenbergen wegen Meineids.) Die Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Asfisenhofe zu zwei Jahren Correctionshaus verur- theilt. Die Kosten betragen 107 fl. 51 kr.

In der Assisenverhandlung gegen Carl Kloos von Caub wegen Schriftfälschung wurde der Angeklagte von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu 4 Wochen Gefängniß verurtheilt. Die Kosten betragen 58 fl. 8 kr.

Wiesbaden, 1. Nov. Gegenstand der heutigen Assisenverhandlung ist die Anklage gegen Mey er Hey­mann, 39 Jahr alt, Schuhmacher von Cleeberg we­gen Schriftfälschung und Verleitung zum Meineid, und gegen Wolf Marcus 16 Jahr alt, Schuhmacher- lehrling, von Cransberg, wegen Meineides. Meyer Heymann schuldete an die Gemeindecasse in Brand­oberndorf einen Strafbetrag von 1 fl. 45 kr. Ein Gesuch um Niederschlagung der Strafe wurde von dem Bürgermeister Emrich von Brandoberndorf abschlägig beschieden. Bei eingeleiteter Auspfändung wies Meyer Heymann einen Bescheid deS Bürgermeisters vor, auS welchem hervorging, daß der fragliche Posten niederge­schlagen wurde. In der Urkunde befand sich nämlich - an der Stelle welche lautete: der Gemeinderath gehe nicht auf Niederschlagung des Postens ein, zwischen den Wortengeht" undauf" ein großer Flecken, so daß das Wortnicht" unleserlich wurde. Meyer Hey­mann ist daher angeklagt, die Urkunde in angedeuteter Weise gefälscht oder wissend, daß dieselbe gefälscht sei, von ihr in gewinnsüchtiger Absicht Gebrauch gemacht und ferner seinen Lehrling Wolf MarcuS zu der falschen eidlichen Aussage verleitet zu haben, daß er, als er den Bescheid des Bürgermeisters Emrich vom 12. Februar 1851 zuerst gesehen, wahrgenommen habe, daß der Flecken an der fraglichen Stelle sich bereits befunden habe.

Wolf Marcus hat sich der gegen ihn eingeleite­ten Untersuchung wegen Meineides durch die Flucht entzogen.

Die Verhandlung leitet Assisenvicepräfident Forst, als Staatsanwalt fungirt StaatsprocuratorSfubstitut Flach, als Vertheidiger Procurator Geiger.