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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TV«; 940. Dienstag den 12. October 4559

DieNassauische Maemeine Zeit»»»" mit dem bellkiristischkn BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr an ür den ganzen Umfang deS Lburn- und TariS'fcken BerwaltungSbezirkS mit Inbegriff deS PoffaufschlagS 2 fL, für die übrigen Länder deS deutfch.öfferreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 fr. Inserate werden die dierspalti, Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 12, auSwärtS bei den nächstgelegeneu Postämtern, zu machen.

29. Versammlung deutscher Naturforscher und Zerzte.

Ju der Scction 6. für Medicin, Chirur­gie und ® e b u r 15 b it t f c zeigte Prof. Dr. Rau von Bern felbstverfertigte Ohrcatbeter von Gutta Percha vor und sprach über die Vorzüge und Fabrication der­selben; Prof. Dr. Griesinger aus Cairo hielt einen Vortrag über die von ihm in Aegypten beobach­teten Tvpbusformeu und namentlich über das von ihm sogenannte biliöse Tvpboid. Ueber die durch ihn ge­wonnenen Resultate der Leichenöffnung und Therapie entspann sich eine Discussion, an der sich Herr Prof. Heusel der aus Erlangen, Hofrath v. Röser von Bartenstcin, Dr. Sicherer und Dr. Alertz aus Rom betbeiligten; Staatsratb Spörer ans Pe- teröburg sprach über den dort von ihm beobachteten Typhus seterodes und Prof. N a u m a n n aus Bonn über zwei Falle von Typhus mit gleichzeitig Dedem der Milz; Prof. A delm a u n aus Dorpat über die Amputation in der Mittelhand, Oberst aabsarzt Dr. Ebhard und Dr." Braun ans Wiesbaden über un teruommene Tracheotomie; Dr. Falck über die Prophylaxis des endemischen Kropfes Dr. Zim­mermann über Hydrophobie; Dr. B ü bring über organischen Wiederersatz der Defecte des barten Gaumens; Mediciualratb Dr. S ck n ee in a u u über den Rutzen seiner Behandlungsweise des Scharlachs mit Speckeinreibuugcn; Geheimerrath Alertz von Rom über das Clima von Italien und das von Rom ins­besondere, nach vorhergeschickten Bemerkungen über den Hcilwerth des italienischen Climas in Sexualkrankheitcn; Medicinalraty K ü st e r von Cronthal über vier Fälle von Colonitis cronica.

In der Secti o u Ofür A n th ro p o l o gi c und Psychiatrie, hielt Dr. Richarz einen Vortrag über Nahrungsverweigerung bei Geisteskranken, nament­lich bei Melancholischen, bei denen man diese Erschei­nung meistens mit Wann von Vergiftung oder von ei ner auf gänzlicher Verstimmung des Gemeingefühls be­ruhenden völligen Umänderung oder Abgestorbenheit des eigenen Körpers oder von göttlichem Verbot des Essens verbunden finde. Er setzte die nächste Ursache dieser Erscheinung in ein Leiden des nervös vagus, durch welches ein Erlöschen des Nahrungsbedürfnisses hervor­gebracht werde, und behauptete, daß , wenn auch die Wahnvorstellungen sehr viel zur Steigerung der Nah­rungsverweigerung beitrügen, diese doch sehr selten blos aus dem Wahne entspränge. In Beziehung auf die Behandlung erklärte Herr Dr. Richarz sich als ent­schiedener Gegner der bis zum Aeußerstcu durchgeführ- ten gewaltsamen Fütterung und der Zufuhr von ani­malischer Nahrung, wenn die tvphoiden Erscheinungen, die der Gangraena pulmonum vorangingen, schon in höherem Grade ausgebildet seien; in Beziehung auf diesen Vortrag sprachen hierauf Herr Dr. Droste über Verbesserung der BaiUarger'schen Sonde, Herr Dr. Rieken Leibarzt des Königs von Belgien, theilte eine neue Verfahrungsweise, welche in Einspritzung von Nah­rungsmittel durch die Nase besteht, mit; Herr Dr. Droste stattete hieraus Bericht über ein in der vori­gen Sitzung der Section durch Herrn Dr. Ricken übergebenes Werk von Parrigot über die Jrrencolonic zu Gheel ab und Herr Dr. Rieken gab noch weitere Aufschlüsse über diese interessante und wichtige Einrich­tung; Herr Dr. Snell hielt hierauf einen Vor­trag über Anästhesie der Haut bei Geisteskranken. Er theilt mit, daß er unter 180 Fällen 18mal vollständige Unempfindlichkeit der ganzen Hautoberfläche gefunden habe, und daß deßhalb die Anästhesie eine sehr häufige Erscheinung beim Jrrsèin sei. Es finde sich diese Läh­mung der senstbclu Nervenfasern nur bei schwerer psychi­scher Erkrankung, doch nicht immer blos bei Psychosen mit Depression, sondern auch bei Erscheinungen von Aufregung; Dr. Erlenmeyer spricht über die Gefühlsäußerungen und unterscheidet dieselben je nach ihrer Entstehung in drei Reihen; Obermedicinalrath Dr. Vogler aus Wiesbaden über die Frage, welchen Einfluß die politischen Ereignisse der letzten Jahre auf die Zahl und die Form der Seelenstörungen ausgeübt haben. Die anwesenden Vorsteher von Irrenanstalten stimmten darin überein, daß die Zahl der Erkrankungen in der letzten Zeit größer als früher zu sein scheine und Dr. Erlenmeyer und Dr. Richarz heben hervor, daß beson­ders die Selbstmorde in den letzten 2 Jahren zugenommen haben. Die politischen Ereignisse hätten theils bei Einzelnen eine Disposition zum Jrrsein herorgebracht, bei anderen eine schon vorhandene Disposition bis zum Ausbruch

der Krankheit gesteigert, während bei einer dritten Reihe von Geisteskranken die politischen Verhältnisse nur den zufälligen Stoff für den aus anderen Gründen entstan­denen Wahn abgegeben haben; Obermedicinalrath Vogler hielt hieraus einen Vortrag, worin ersieh entschieden gegen die Berechtigung der Phrenologie in ihrer jetzigen Gestalt der Wissenschaft aussprach und auf die verderblichen Konsequenzen derselben in moralischer Beziehung hinwies.

Zur Zollsrage.

* In Sachsen ist noch Alles ruhig und die Oester- ceicher sind noch immer nicht eiumarscbirt; weder die Sprengung des Zollvereins noch der Rücktritt des Mi­nisters von Friesen haben irgend ein Aufsehen erregt; so große Mühe man sich auch von mehreren Seiten gibt, dort eine Agitation zu dem Zwecke zu bewirken, Handelstreibende, Gewerbsleute und Fabricanten, unter dec Vorspiegelung, die Wohlfahrt des Landeswohlcs laufe nach der jüngsten Wendung der Zollaugelegenheit große Gefahr, zu Demonstrationen gegen die bisherige Handelspolitik der königlich sächsischen Regie. >ung zu veranlassen. DieFreimüthige Sachsenztg." rügt, daß auch in mehreren sächsischen Blättern derar« tige Tendenzen seit einiger Zeit nicht zu verkennen ge­wesen; die Besorgnisse, welche man in dieser Beziehung so eifrig zu verbreiten sucht, seien unbegründet; De- monftrarioneu hätten überhaupt auch wohl keine Hoff- nnng auf eine anderweitige Beachtung haben können, als'diejenige sein würde, welche sich aus einer An­ziehung und Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen etwa geben müßte. Sie glaubt, daß die hohe Staats- regierung den Umtrieben der Presse in dieser Beziehung schon bei ihrem Entstehen mit Energie entgegentreten und die übe len Erfahrungen, welche man in Sachsen im Jahre 1849 vorzüglich durch die Schuld der Presse machen Muhte, wohl im Gedächt­nisse haben werde. Sie stellt die Ansicht auf, es sollte nicht mehr gestaltet sein, daß sächsische Zeitungen das jüngste Verfahren der königlich preußischen Regie­rung auf Kosten des Ansehens und der Würde unserer Regierung lobten. (Wie unduldsam! DieFreimüthige Sachseuzeitung" scheint nur die sächsischen Preßzustände zu kennen.) Auch derFrankfurter Postzeitung" wer­den Versicherungen aus Dresden gegeben, daß Demon­strationen nicht zu befürchten sind. Es ist in Sachsen eben so wie auch in anderen Ländern, wo man früher von gewisser Seite die Stimme des Volkes als den zeitweiligen Plänen günstig schildern wollte, und wo nun das Vertrauen in die Einsicht der Regierung sich, Dank den Bemühungen einer Presse, die sich durch alle leiten; prunke der Gegenseite nicht beirrenläßt, so gestei­gert hat, daß man mit voller Beruhigung der kommen­den Dinge harrt.

Ist Sachsen hält man den Bruch in der Zollfrage für einen vorübergehenden und hofft eine Ausgleichung auf alle Fälle. Daß die sächsische Regierung eine feste Haltung beobachten wird, dürfte, wie derFrankfurter Postzeitung" geschrieben wird, nicht im mindesten zu bezweifeln sein. Die Haltung der hannoverschen Re­gierung läßt vollkommen darauf schließen, daß dieselbe nicht geneigt ist, in einen norddeutschen Sonderverein einzutreten, und selbst der veränderte Ton der Berliner Presse, der sich in derNeuen. Preußischen Zeitung" sogar zu förmlichen Dictaten von Vorschriften für die Regierung im Sinne eines minder schroffen Verhaltens steigert, gibt deutliche Winke für die nächste Zukunft zu erkennen.

Wenn irgend ein Zweifel über Hannovers Stellung obwalten sollte, so löset ihn eine Mittheilung, welche auffallender Weise dieNeue Preußische Zeitung" aus Hannover bringt. (Wir werden auf diesen Artikel zu- rückkommen.)

Die österreichische Correspondenz läßt nun auch ihre Stimme über die letzten Vorgänge in der Zollange­legenheit vernehmen. Sie schreibt unterm 6. October: Die Zollconfercnz zu Berlin ist unter wenig rücksichts­vollen Formen geschlossen worden. Die in München vereinbarte Erklärung konnte in derselben nicht mehr zur Verhandlung kommen und die derselben beigetre- teueu Regierungen fühlen sich durch den ganzen Vor­gang tief verletzt. So ungünstig diese Sachlage er« scheinen mag, so sehr wir bedauern, daß den in der Angelegenheit selbst liegenden Schwierigkeiten noch for­melle Hindernisse hinzugeführt wurden, so hegen wir doch noch immer die Hvffnuug, daß damit noch nicht alle Wege der Verständigung abge­

schnitten seien. Wenn Preußen von der Ansich ausging, daß auf dem ursprünglich betretenen Wege bei Zollconfereuzen eine Förderung der Angelegenheit nich mehr zu erwarten stehe, so hat eS damit die zwischel befreundeten Regierungen bestehenden regelmäßigen Mit­tel der Verhandlung weder aufgegeben noch zurückge- wieseu. Für Oesterreich aber'erwächst aus bei gegenwärtigen bedrohlichen Lage, in welche die commer- ciellen Verhältnisse der deutschen Bundesstaaten gera­then sind, die gebieterische Pflicht, die jetzt nöthig gewordenen Schritte mit allem Ernste ins Auge zu fassen und mit allem Nachdruck ins Werk zu setzen. Oesterreich kann nicht zugeben, daß die Zersplitterung Deutschlands auf dem handelspolitischen Gebiete überhandnehme. Es hat keine An­strengung gescheut, um den Zollverein in seiner bisheri­gen Ausdehung auf einer allseitig bcfri.digenden Grund­lage und mit Festhaltung der Tendenz einer allgemei­nen deutschen Zolleinigung zu erhalten, es ist jetzt nach erfahrener Zurückweisung aller dahin zielenden Vorschläge seine Aufgabe, dafür thätig zu sein, daß selbst bei d em Ausscheiden Preußens, wenn es wirklich dazu kommen sollte, ein organischer Verband zwischen den übrigen z o l l v e r b ü n- beten Staaten unter Feststellung obiger Grundlagen gewahrt werde.

Eine Correspondenz derJndependance Belge" aus Wie« vom 5. versichert als bestimmt, daß, da Preußen die Verhandlungen abgebrochen, Oesterreich nun auf das Entschiedenste in der Handelsfrage voran geben werde, um eine weitere Zersplitterung zu verhüten. Den Coalitionsstaaten sind die betreffenden Eröffnungen schon zugegangen.

Der Freimüthigen Sachsen-Zeitung schreibt man and Wien vom 5. Oct.: Wie man vernimmt, soll die österreichische Regierung die deutsche Zvllsrage sofort nach Wiederbeginn der Sitzungen vor die Bundesver­sammlung bringen wollen.

Auch das Correspondenz-Bureau hört, daß in Wien die in Frankfurt machenden Vorlagen in Bezug auf die Zollangelegenheit bereits entworfen und in dem Ministerium berathen sind. Nach seiner Angabe sind über die dabei leitenden Grundsätze den süddeutschen Höfen Mittheilungen gemacht worden. Man hatte baye­rischer Seits einige Bedenken, die Sache schon jetzt im Bundestage zur Sprache zu bringen und dürste dies wohl auch in der That nicht gleich bei Wiedereröffnung geschehen. Mittlerweile dürfte, sobald Hr. v. d Psord- ten völlig wiederhergestellt ist, nach München eine Con- ferenz von Coalikionsministern eingeladen werden. In Wien wird schon vorher Hr. v. Hermann mit dem k. k. Cabinet Verhandlungen pflegen.

Ein bedeutender bayrischer Bankier schreibt dem Volksboten" über die Zoll frage unter Anderem Folgendes:Die Berliner Insolenz hat die verbünde­ten Regierungen hoffentlich um so fester gemacht. Zu den vielen Beweisen, duß vorzüglich Preußen aus dem bisherigen Zollvereine Nutzen zog, kann auch noch der gefügt werden, daß der WechsclcurS auf Berlin, der vor dem Zollvereine 103'/, bis 104 stand, jetzt 105 bis 105 % steht. Alles Geschrei kann mich in meinem Urtheile nicht irre machen; ein ähnlicher Un­glück weissagender Lärm war ja auch bei Gründung des ersten Zollvereines , und daß der Markt, welchen Oesterreichs außer-deutsche Länder der Industrie bieten, kein schlechter sein.kann, das beweist die Begünstigung, welche England der italienischen und ungarischen Revolution an gedeihen ließ, um sich die Märkte dieser Länder aufzu- s ch l i en."

Deutschland.

Frankfurt, 9. Oct. Se. königk. Hoheit der Kur­fürst von Hessen ist heute Vormittag, von München kommend, hier eingetroffen und in seiner Villa am Main abgestiegen. Demnach war die Angabe derAugsb. Abendztg.", Se. k. Hoheit werde sich von München nach Wren begeben, irrig.

Darmstadt, 9. Oct. Hente Vormittag um 9 Uhr sind Seine Kaiserliche Hoheit der Großfürst Thron­folger nebst durchlauchtigsten Gemahlin und Gefolge nach Stuttgart abgereist, woselbst die Hohen Herrschaf­ten mehrere Tage verweilen und dann wieder hierher zurückkehren werden.

Unsere officielle Zeitung macht heute der anti­deutschen" Kreuzzeitung, welche die Stachricht von dem Tadelsvotum, das unsere zweite Kammer in ihrer