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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TV«; S.S-. Freitag dm 8. October 1853.

Bcstcllmigcil auf das vierte Quartal derNassauischen Allgemeinen Zeitung" werden baldigst erbeten.

DieRaffanisH NUqcmeine Zeitung" mit dem beileiristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumeiaiionSprciS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr auch Lr den ganzen Umfang deS Ll nrn» und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS PogaufschlagS 2 fl für die übrigen Länder deS deutsch-österreichistben PostnereinS, wie für das Ausland 2 fi. 24 fr. Inserate werden die Vierspaltig« Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe malt in der Buchhandlung von W. Friedri ch, Langgaffe 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

^nr JoUfrage.

Eben so entschieden als das Dresdener Journal tritt diefreimüthige Sachsenzeitung" gegen Preußens letztes Verfahren auf. Ein neues Manöver, so bemerkt dieSachsenzeitung," scheint jetzt in Berlin aufgeführt zu werden, aber leider nicht ein solches,, dessen Formen mit den bekanntesten Austandsregelu nur einigermaßen in Einklang stehen.

Wir müssen die Thatsachen wiederholen, die aller Welt bekannt sind, um wenigstens jedem Versuche einer Täuschung des PublicuMs von Anfang herein zu begeg­nen. Am 30. August gab die preußische Regierung den Coaiitionsstaaten eine Erklärung, welche unter den bündigsten Versicherungen versöhnlicher Gesinnung zu­gleich deu ersten Schritt eines materiellen Eingehens auf die von den Coalirten gewünschten Verhandlungen enthielt. Preußen forderte mit dieser Erklärung seine Mitcontrahenten zu einer Antwort aus. Jetzt hat Preußen, ohne diese Antwort abzuwarten, seinen Verbündeten dieThüre gewiesen.

Am 28. September haben nämlich die Bevollmäch­tigten von Bayern, Sachspn, Würtemberg, beiden Hes­sen und Nassau dem Vorsitzenden der Zollcoufercnz au- gezeigt, daß sie zu Abgabe einer Collectiverklärung in Erwiderung der preußischen Erklärung vom 30. August ermächtigt seien und deshalb um Anberaumung einer Conferenzsitzung gebeten. Hierauf ist den Coali- tionsregierungeu die Anberaumung einer Conferenzsitzung zu Abgabe ihrer Gegen­erklärung verweigert worden. Preußen hat also di,e Verhandlungen abgebrochen und die Abgeord­neten der Coalitionsstaaten, deren fernere Anwesenheit in Berlin keinen Zweck mehr haben kann, zur Abreise genöthigt.

Die ganze Berliner Presse schweigt zu diesem Vor­gänge, als wäre sie zum Stillschweigen commandirt. Was soll dies Schweigen? Bereut man vielleicht schon den übereilten Schritt, weil man sich neuerdings hat überzeugen Müssen, daß Schreckschüsse in dieser Sache ihre Wirkung verfehlen ? Oder will man die Antwortö- notc der Coalirten, welche von der preußischen Presse zuerst veröffentlicht und in alle Berliner Zeitungen auf- genommen worden ist, eine Zeit lang mit Commentaren unter dem Publicum verbreit.«, um erst nachher den Bruch bekannt zu machen und die Täuschung hervorzu­bringen, als sei der Bruch erst in Folge dieser Antworts­note erfolgt?

Es scheint uns nicht überflüssig, dieser Täuschung gleich jetzt entgegenzuarbeiten, und vor allen Dingen die Thatsache festzubalten, daß Preußen gebrochen hat, ohne eine Antwort auf seine Frage ab­zu warten, indem es erst um eine Antwort gebeten und dann den Beauftragten, der sich zu Abgabe dieser Antwort anmeldcte, nicht einmal angenommen h a t.

Diese Thatsache stellt das Verfahren Preußens bei den ganzen Verhandlungen in ein anderes Licht. Zu­erst bezeugt sie uns, daß die preußische Erklärung vom 30. August mit ihrem ganzen Aufgebote versöhnlicher Worte nur ein Blendwerk war; denn Preußen hat, ob­gleich es wußte, daß die Coalirten auf Veranlassung jener Erklärung zu Abfassung einer Antwort in Mün­chen versammelt waren, schon am 17. September den Bruch angekündigt und ihn nun wirklich ausgeführt, ehe von der anderen Seite ein neuer Act dazwischen getreten war. Der Bruch schließt sich also unmittel­bar an die Erklärung vom 30. August an.

Ferner bezeugt uns diese Thatsache, daß Preußen seine Verbündeten wie Untergebene behandeln zu kön­nen glaubte. Zuerst schloß es ohne ihr Vorwissen den Septembervertrag heimlich und einseitig ab. Dann verlangte es Anerkennung und Genehmigung dieses Vertrages, ohne sich zu einer Gewährleistung derjenigen Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Genehmi­gung einzig und allein ertheilt werden konnte. Dann setzte es in der Erklärung vom 30. August d J. einen sogenannten Präclusivtermin und gab durch die Sitzung, die es am 17. September veranstaltete, zu erkennen, daß es wirklich std) das Recht aninaße, seinen Bundes­genossen Termine verschreiben zu können, innerhalb de­ren diese sich erklären müßten; und endlich schreibt es sogar in der am 27. September erlassenen Circular­depesche deu souveränen deutschen Staaten vor, welches Verfahren es von diesen cingeschlagen wissen wolle, be­vor diese der Gnade theilhaftig werden sollten, mit |

Preußen, d. h. unter Preußen ferner den Zollver­ein fortzusetzen.

Alle diese Anmaßungen sind mit dem Schritte vom 28. Sept, thatsächlich bestätigt und besiegelt.

Jetzt ist es an uns, von unserem Ehrgefühle zu sprechen, nachdem die preußische Presse von der preußi­schen Ehre so oft geredet hat. Wir haben nicht zu be­reuen, daß wir immer zum Frieden gerathen und Alles, was Preußen that, trotz des Mißtrauens, das sich fort­während uns aufdrängte, nur ;um Besten ausgelcgt haben. Wir haben nicht zu bereuen, daß wir so viele Zumuthungen geduldig uub versöhnlich au uns haben ergehen lassen. Ist es aber einmal so weit gekom­men, wie jetzt, so wollen wir uns auch den Bruch nicht schmerzen lassen. Denn wie sehr wir die Eintracht lie­ben; mit der Ehre und der Freiheit (und dem eigenen Vortheil) ist sie uns zu theuer gekauft.

Der gestern erwähnte, so bemerkenswerthe Artikel desStaatsanzeigers für Württemberg" lautet:

Zunächst ist in diesem Falle durch die Darmstädter Verträge die Sicherheit gegeben, daß, wenn auch Preu­ßen aus dem Zollverein ausscheidet, doch Bayern, beide Hessen, Nassau und Sachsen den Zoll­verein mit Württemberg fortsetzen. Von Ba­den ist, nach den Aeußerungen dortiger Staatsmänner und nach seiner ganzen geographischen Lage, dasselbe mit vieler Sicherheit zu erwarten. Wenn also auch dem Verkehr gegen die preußische Grenze hin lästige Fesseln angelegt würden, so werden doch nicht inmitten von Süddeutschland hemmende Zollschranken errichtet werden. Preußen wird alsdann vielleicht die Durchfuhr durch seine Staaten erschweren wollen. Aber abgesehen davon, daß vertragsmäßige Bestimmungen über die Freiheit der Rheinschifffahrt vorliegen, so bieten auch die Concurrenz der Eisenbahne - anderer Länder ebenso wie die Möglichkeit von Repressalien eine Gewähr ge­gen allzudrückende Erschwerungen der Durchfuhr durch Preußen. Und geht man über zu der wichtigeren Frage: Wie wird unsere Industrie sich verhalten, wenn ihre Producte in Preußen selbst keinen Absatz mehr fin­den? so liegt gerade hier am wenigsten Ursache zu ir­gend welchen Befürchtungen vor. Denn der Handel von Württemberg, Baden, Bayern, beiden Hessen rc. mit Preußen war bisher kein activer, sondern ein pas­siver. Wie das Coursverhältniß beider Ländergruppen, wie die Zahl der beiderseitigen Handelsreisenden, wie endlich die nähere Betrachtung der einzelnen Fabrica- tionszweige klar darthut, so hat die preußische Industrie bis zum heutigen Tag ganz unverhältnißmäßig mehr von ihren Erzeugnissen in Süddeutschland abgesetzt, als die süddeutsche Industrie in Preußen. Dies gilt fast für alle Rubriken des Waarcuverzeichnisfes, besonders aber für die Rubriken Eisen, Messing, Seide, Wolle, Baumwolle, Rübenzucker rc. Selbst der Umstand, daß Sachsen dem süddeutschen Verein zufiele, würde das Verhältniß hierin nicht ändern. Wird also dem Ein­gang preußischer Jndustrieerzcugnisse künftig durch Schutzzölle vorgebeugt, so werden unsere Industriellen daraus überwiegenden Vortheil ziehen; volkswirthschaft- lich wird die Sprengung des Zollvereins mit Preußen uns nicht und um so weniger denachtheiligen, je min­der in diesem Falle die Einsprache der norddeutschen Staaten uns in der längst gewünschten Durchführung eines angemessenen Schutzzollsystems mehr behinderte. Auch finanziell würde jene Sprengung uns keinen Nach­theil bringen. Zwar würden die verhältnißmäßig grö­ßern Grenzbewachungskosten wohl eine größere Quote der Zolleinnahmen in Anspruch nehmen als bisher; auch wird obwohl ohne genügenden Beweis be­hauptet, daß die Konsumtion von Colonialwaaren im Süden sich geringer herausstellen würde, als diejenige im Norden von Deutschland; aber schon die Eingangs­zölle auf preußische Fabricate würden unseren Staats­kassen einigen Ersatz gewähren, und dann gäbe die Tren­nung von Preußen und Hannover auch die Möglichkeit, eine ordentliche Besteuerung des Tabaks ein­treten zu lassen, und diese Luxussteuer würde nicht nur jeden etwaigen Ausfall vollends decken, sondern selbst andere, lästigere Steuern bald entbehrlich machen. Wir sind übrigens in dem so eben Gesagten nur von der Unterstellung ausgegangen, daß Württemberg, Bayern, Sachsen, Baden, beide Hessen und Nassau unter sich allein den Zollverein fortsetzten. Wenn aber der Zoll­verein mit Preußen nicht wieder erneuert wird, so ist es auch leicht möglich, daß alsdann jene Staa­ten in eine Zolleinigung mit Oesterreich

I treten. Für diesen Fall sind nicht nur von Seiten der kaiserlichen Regierung Vorschläge gemacht, welche die Trennung von Preußen finanziell noch unbedenkli­cher machen würden, sondern es springt auch in die Augen, daß, sobald einmal die mit jedem Uebergangs- stadium unvermeidlich verbundenen Nachtheile und Un­annehmlichkeiten überwunden sein werden, die commer- cielle Verbindung mit einem Reiche, das im Verhältniß zu seinen ausgedehnten Länderstrecken wenig bevölkert, und in welchem ebendeßhalb die Industrie noch nicht auf das Höchste gesteigert ist, unserem fleißigen und nach Arbeit suchenden Volke größeren Vortheil verheißt, als die seitherige Verbindung mit dem industriell uns überlegenen Preußen. Wir können daher finanziell und volkswirthschastlich der Lösung des bisherigen Bandes mit Preußen ruhig entgegensehen; aber .als Deutsche würden wir aus politischen Gründen es nichtsdestoweni­ger aufrichtig bedauern, wenn die neuesten Entschließun­gen der preußischen Regierung statt der commerciellen Einigung oder wenigstens der commerciellen Annähe­rung zwischen ganz Deutschland, mit Ausnahme einiger kleineren Staaten im Norden desselben,| die commer- cielle Trennung zwischen Nord- und Süddeutschland zu Tage förderten."

Das preußische Ministerium ist, so heißt es, bereits mit den Vorarbeiten zur Organisirung eines kleinen preußischen Zollvereins beschäftigt und Herr v. Man- I teuffel soll denselben möglichst freihändlerisch construi- ren wollen. Wie wichtig indessen für Preußen der Fortbestand des großen Zollvereins ist und wie sehr derselbe seine Industrie gehoben und gefördert hat, er­gibt sich daraus, daß nach den Veröffentlichungen des Berliner statistischen Bureaus während der Jahre 1846 ' bis 1849 sich die Zahl der preußischen Fabriken um 3003 und die Zahl der in denselben beschäftigten Ar­beiter um 34,236 vermehrt habe. Zahlen sprechen und hoffentlich wird ihre Sprache in Berlin eine kältere und besonnenere Auffassung der Zollfrage bewirken. Eine Berliner Korrespondenz derNeuen Münchener Zeitung" bemerkt deshalb mit Recht: Die Industrie, . auf deren glänzende Entwicklung Preußen sonst so stolz gewesen, wird jetzt in der Presse behandelt, als bedürfe man ihrer nicht mehr, und als sei ihr Ruin, der bei Verstopfung der Absatzquellen nach dem deut­schen Süden gewiß ist, eine gleichgiltige Sache. Die Hunderttausende von Arbeitern mit ihren zahlrei­chen Familien mögen sehen, wo sie künftig Verdienst und Brod finden, wenn ihre Fabrikherren zu Grunde gerichtet sind; was kümmern sich Diejenigen darum, die jetzt so tapfer für deu Bruch mit dem Süden und den Sieg der Freihandelsgrundsätze kämpfen! Aber es ist ein Irrthum, zu glauben, daß die vom Ruine Bedroh­ten auf die Dauer sich perhorresciren und zum Still­schweigen verdammen lassen werden. Man laffe es nur einmal zum wirklichen Bruche kommen, den Zollverein zerreißen und die Freihändler die Oberhand bekommen: dann wird von Schlesien wie vom Rheine, aus Sachsen wie ans Westphalen, ja aus der Mark selbst des wahren Volkes Stimme, im Ge­gensatze zu der einer Anzahl politischer Rabulisten, die jetzt sich für das Volk ausgeben, mit einer Energie sich vernehmen lassen, die sich nicht abweisen läßt.

Eine Corresp. der Kaff. Ztg. aus Hannover vom 3. Oct. besagt: Der preußische Graf von Alvensleben, welcher wie bekannt seit einigen Tagen in außerordent­licher handelspolitischer Mission sich hier aufhielt, hat beute Hannover, ohne Erfolg wieder verlaffen. Der diesseitige Abgeordnete zum Berliner Zollcongreß, Steuerdirctor Dr. Kleuze, ist von Berlin abberufen (nachdem er erst noch vor Kurzem eine zweite Dose von Preußen erhalten hatte.)

Die A. A. Z. bringt ebenfalls aus Hannover eine diese Thatsache bestätigende Korrespondenz.

Wir verweisen auf den unten stehenden Artikel aus Dresden, welcher die Nachricht vom Rücktritt des Mi­nisters v. Friesen bringt.

Der Proceß Necker.

Köln, 4. Oct. Der F. P. Z. entnehmen wir folgenden Bericht über die Assisenverhandlungen gegen Dr. Hermann Becker und Genossen. Um 9 Uhr wur? den Dr. Becker und Genossen, unter Bedeckung von 12 Kürassieren, in einem Omnibus an den Assisensaal gebracht. Als erster Präsident leitet Appellationsrath