Nassauische Allgemeine Zeitung.
Wr SSF Sonntag den 18. September 1858.
Die „NaffamsLc Allgemeine Zeitung" mit dem belleiristisâ'en Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränuinerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tdurn- und Tar.S'schen BerwaltungSbezirkS mit Inbegriff deS PoffauffchlagS 2 ff„ für die übrigen Länder deS deutfch-öfferrcichischen Postoereins, wie für das Ausland 2 ft. 24 kr. — Inserate werden die Sierspaltig« Peiitieile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
L Die Hrvuzzeiirmg.
I.
Die Kreuzpeilung sagt in ihrem Leitartikel der Nr.
212: „Die österreichische Politik weiß, was sie will." Hier zu Laud sagen dies nicht nur auch recht viele Leute, sondern sie sind sogar der Meinung, daß Oesterreich auch weiß, waS es kann. Wenn dieser Leitartikel aber weiter behauptet: „Unbeschränkte Oberherrschaft über Deutschland, so heißt die Losung an der Donau: — ein Ziel, das nur dann erreicht ist, aber dann gewiß, wenn die Macht und der Einfluß Preußens gebrochen wäre"^ so glauben wir dieser Behauptung als einer mindestens irrigen widersprechen zu dürfen. Wollte eS der Kreuzpeilung belieben, auf die Geschickte der letzten Decenmen zurück zu gehen, so würde sie sicherlich zugestehen müssen, daß nicht tu Oesterreich , sondern gerade anderswo die destructive Philosophie StaatSphilosophie gewesen ist. Sie würde nachgeben müssen, daß aus der pantheistischen Ein- Heitslehre dieser StaatSphilosophie die Unions-Politik erwuchs.
Die Neue Preußische Zeitung wird wohl auch keinen Anstand nehmen, zuzugestehen, daß der von Oesterreich nicht beschickte Erfurter Reichstag, nachdem man in Deutschland viel über die Redensarten „durch die Freiheit zur Einheit" und „durch die Einheit zur Freiheit" gesprochen, geschrieben und geschwärmt hatte, cs verflechte, wenigstens die Letztere theilweise praktisch zu machen. Die Folgerungen hieraus möge sich die Kreuzzeitung selber ziehen und daran denken: ob denn Oesterreich einer Preußen ausschließenden Unionspolitik jemals das Wort geredet habe.
Die Einheitspolitik ist eine verkehrte, weil sie der Geschichte und dem Bedürfnisse Deutschlands widerspricht. Eine hegemonische oder vollkommene Einheits- form wird, mag sie von Oesterreich oder Preußen angestrebt werden, niemals gelingen. Der deutsche Staa- tenvercin kann nur in der Form eines Bundes gedeihen, in welchem die einzelnen Glieder in gleichberechtigter Stellung in einem organischen Ganzen zum Abschlusse kommen. Diese Bundesform schließt nun aber nicht aus, daß Oesterreich und Preußen in dem deutschen Staatensystem die Bedeutung zugestanden werde, welche ihnen beiden als den Hauptstützpuncten desselben und welche ihrer Macht und ihrem Einflüsse nach Innen und nach Außen mit vollem Recht gebührt. Auch erwächst aus diesem Zugeständnisse noch keineswegs der für ganz Deutschland schädliche, durch Oesterreich und Preußen bedingt sein sollende Dualismus.
Der gedachte Artikel besagt weiter: „man suche die factische Machtstellung und das Ansehen Preußens zu verringern." Sollte dieser Vorwurf, was aber denn doch noch der thatsächlichen Belege bedürfte, wirklich gegründet sein, so wäre es im höchsten Grade zu bedauern, denn das Gesammtwohl Deutschlands kann nur darunter leiden, wenn man versuchen wollte, Preußen, eine seiner Hauptsäulen, zn beschädigen. Unsern Kreuz- zeitungsartikelschrciber scheint aber offenbar sein Gedächtniß zu trügen, wenn er behauptet: „eine ganze Schaar von bezahlten Scribenten — in der Revolutionszeit größtentheils republikanischer Bummler oder Demagogen — habe in Deutschland die Aufgabe, den Schmähungen und Verdächtigungen, die sie gesterü gegen Preußen vorgebracht, heute neue hinzuzufügen rc. rc.", denn die Subjecte, welche Preußens König, Prinzen, Regierung und Heer in den Jahren 1848 und 1849 in den demokratischen Blättern auf die .schandbarste Weise geschmäht haben, sind zum Theile gerade die nämlichen, welche dermalen mit der Kreuzzeitnug Zoll- Chorus machen. Die Kreuzzeitung hat sich um die Monarchie und den Konservatismus, wenn auch etwas spät, Verdienste erworben, die ihr Niemand streitig machen wird und kann. Ihre Coalition mit der Demokratie in der Zollfrage hat ihr jedoch in den Augen selbst Derjenigen unendlich viel geschadet, welche so unbefangen sind, sie in der gedachten Frage nur von dem specifisch-preußischen Standpuncte aus zu beurtheilen. Wenn der Artikelschreiber etwa auch Diejenigen für Schmäher und Verdächtiger Preußens halten sollte, welche in der Zollfrage eine andere Meinung sich gebildet haben, als die Krenzzeitung vertritt, so können wir derselben versichern, daß unter solchen kein Demokrat sich befindet, sie vielmehr sammt und sonders mit derselben unverbrüchlichen Treue der Monarchie anhän- gen, mit welcher sie dieselbe in den Jahren der letzten Revolution mit Entschiedenheit und zwar viel früher und
mit mehr Gefahr als die Kreuzzeitung vertheidigt haben.
Suum cuique !
II.
Die Neue Preuß. Ztg., welche seit einiger Zeit sich vergeblich bemüht, dem sachkundigen Deutschen ihre handelspolitischen Theorieen beizubringen, beginnt den Leitartikel ihrer Nr. 213 mit den Worten: „Die Handelspolitik Preußens wird von den Su- delscribenten, deren Compaß auf österreichische Zwanziger gerichtet ist, nicht minder verdächtigt, als sie die Ehre und das Ansehen unseres Vaterlandes herunter drücken möchten. Sie faseln von den unionisti- schen Bestrebungen der preußischen Handelspolitik, freilich nur in der" Ueberzeugung, daß sie nichts so Einfältiges behaupten können, dem nicht ein Theil ihres verehrlichen Publicums seine Anerkennung schenken würde. Wir wünschen den betreffenden Lesern Glück zu dieser freundschaftlichen Opposition ihrer Staatspublicisten in Wien und Nassau, in München und Kurhessen." Daß Preußens Ehre und Ansehen von wem und wodurch Herunterzubrücken versucht wurde, begründet dieser Leitartikel so wenig thatsächlich, als man es für gut gefunden hat, den gleichen Vorwurf in dem Leitartikel der vorhergehenden Nummer factisch zu belegen. Mit Gründen, die dem Verstände eines Sextaners alle Ehre machen würden und in einem, eines Thorschreibers würdigen Tone sucht nun der Verfasser des erwähnten Leitartikels glauben zu machen, daß Preußen eigentlich keiner unionistischen Bestrebungen in Deutschland geziehen werden könne. Unmittelbar unter diesem Leitartikel wird aber in einem Berliner □ die „N. Münchn. Ztg." und der Wiener „Lloyd" tractirt und behauptet: die Kreuzzeitung habe unablässig die Ueberzeugung dargelegt: daß Preußen die ZollvercinSfrage nicht als die entscheidende Lebensfrage ansehen dürfe, daß die Aufrechthaltung des Zollvereins wesentlich abhängig bleiben müsse von den Bedingungen, unter denen eine Einigung mit der Gegenseite zu Stande komme, und daß Preußen eben im Interesse seiner staatlichen Stellung als Großmacht, selbst auf bk Gefahr einer Auflösung des Zollvereins hin, in keine Einigung eingehen dürfe, welche die Früchte aller Opfer und Anstrengungen Preußens Andern zuwenden und überdieß die Leitung der handelspolitischen Angelegenheiten direct oder indi- rect durch den Bund in die Hände Oesterreichs gebe."
Des Pudels Kern wäre nach dieser geschraubten Phrase denn doch wohl nichts anderes, als preußische Hegemonie durch Ausschließung des deutschen Bundes und Oesterreichs bei Leitung der handelspolitischen Angelegenheiten Deutschlands. Das ist denn doch wirklich wieder einmal eine Probe christlich-germanischer Bescheidenheit der Kreuzzeitung! Es ist in diesen und anderen Blättern schon öfters die mit Gründen belegte Meinung ausgesprochen worden, daß die Ordnung und Leitung der handelspolitischen Angelegenheiten Deutschlands durchaus, wie alle dessen anderen höheren Gesammtiuteressen, von Bundeswegen geschehen müsse. Dem Bundestage muß man um so mehr diese Berechtigung vindiciren, als dadurch allein dem Dualismus, auch weiteren Uuivnsgelüsten am sichersten und besten begegnet und eiu vollkommen organischer Abschluß des deutschen Staatensystems ermöglicht wird. Eine Gewalt des deutschen Staatenbundes ist keine Centralgewalt mehr, wenn die handelspolitischen Angelegenheiten ihrer Kompetenz nicht unterliegen und [ der Bestand des Bundes ist sehr bedroht, wenn sich der Bund die Leitung dieser Angelegenheiten entwinden und sie in die Hand des einen ober des anderen Groß- staates übergehen läßt. ES war ein großer Fehler der früheren, jetzt aber überwundenen österreichischen Politik, daß sie sich deM handelspolitischen Bedürfnisse des übrigen Deutschlands verschloß und von solchem gänzlich absperrte. Oesterreich muß diesen früheren Fehler in seinem und im Interesse von ganz Deutschland — und erforderlichen Falls selbst mit den größten Opfern — wieder gut machen, wenn es nicht gesonnen sein sollte, sich aus Deutschland hinausdrücken zu lassen. Hierzu scheint es aber noch keine Lust zu haben!
Die Zollfrage.
Man schreibt derWeser-Ztg. aus Berlin vom 12. September; „Ungewisser und trauriger hat die Zoll- frage für Preußen noch zu keiner Zeit gelegen als gegenwärtig. Die Art und Weise, in welcher die Ad- häsionserklärungen Hannovers, Braunschweigs und Oldenburgs zu der letzten preußischen Declaration zu
Stande gekommen sind, zeigte nicht die Einmüthigkeit und Solidarität, deren Preußen für alle Fälle von Seiten seiner Zollverbündeten bedarf; und dem entsprach auch das Verhalten des Herrn v. Schele bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin. Ganz abgesehen von den Aeußerungen der officiellen und nichtofficiellen Presse Hannovers, deren Bedeutung nicht zu hoch veranschlagt werden darf; muß gleichwohl eingestanden werden, daß von den Zweifeln, die wir seither in Bezug auf die Ausführung des Septembervertrages hegten, keiner niedergeschlagen und wohl mancher neue wach gerufen ist. Oesterreich hat sich nicht blos die Aufgabe gestellt, den Zollverein zu zerstören, wozu ihm die Coaliton treulich mithilft, sondern wo möglich auch Preußens frisch geschlungenes Band mit dem Steuerverein zu lösen, worauf seine gesammte Diplomatie hinarbeitet. Es geht dabei von dem Gedanken aus, daß Preußen, das weder für die Kaiserkrone noch für dieUnion das Schwert gezogen, auch den Rücktritt vom Septembervertrag zwar mit Schmerz aber ohne thätlichen Groll hinnehmen werde. Der österreichische Gesandte in Hannover, Herr v. Koller, dominirt an dem dortigen Hof durchaus; uud wenn anch Herr v. Schele als ehrlicher Mann den Vertrag so lange als möglich zu halten suchen wird, so fragt cs sich doch zuletzt, ob er ihn gegen Oesterreichs kategorischen Widerspruch halten, und ferner wie lange Herr v. Schele selbst gehalten wird. In dem Wunsche, Preußen zu isoliren, (?) es wo möglich aus Deutschland auszuschließen (?) (insoweit das überhaupt gesagt werden kann) es mit seinen Hauptactionen auf den Sand zu setzen — stimmen fast sämmtiche deutsche Höfe überein; fast sämmtliche deutsche Fürsten sind in diesem Angenblicke österreichisch gesinnt und wenn sie auch noch nicht wissen, wie sie die etwaige Niederlage Preußens benutzen, so lassen sie sich vorläufig nur an diesem Resultat genügen. Zunächst wird der 15. d. M. die von Preußen geforderte Rückäußerung der Coalition nicht bringen; man wird vielleicht noch einen Termin ansetzen, und wenn auch der ohne Ergebniß verstrichen ist, die Hand an die Ausführung des Septembervertrags legen. Auf diesen Moment wartet Oesterreich mit der Coalition; beide rechnen darauf, daß Hannover dann so erhebliche Einwände in Detailfragen und durch seine Interpretation des Vertrages machen wird, daß die Einführung der Vorsteuer am 1. März 1853 unterbleiben muß und damit der Vertrag selbst in Frage gestellt wird. Das Uebrige soll die Zeit bringen, die im Laufe des letzten Jahres die Positon Oesterreichs in so überraschender Weise verbessert hat. Unter solchen Auspicien ist die 'Stimmung in unserm Gewerbestand und an der hiesigen Börse natürlich eine sehr gedrückte". Dieser Artikel enthält wohl über die Stellung und Absichten Oesterreichs und der Coalitronsstaaten so manches Unrichtige, er ist aber für die Lage Preußens bezeichnend und gibt der Hoffnung auf baldige Verständigung Raum.
In einem Resümee von preußischen Zeitungsartikeln, dem wir schon einige Stellen entnommen haben, über die Stellung Hannovers zur Zollfrage, bemerkt die officielle Hannover'sche Zeitung u. A. gegen die Kölnische Zeitung: „Die Kölnische wird es füglich Hannover selbst überlassen können, zu erwägen, was sein Interesse und seine „Machtstellung", will sagen, seine Stellung in Deutschland als Bundesstaat, erfordert, für seine Ehre, seinen Vortheil, seine Selbstständigkeit, sich selbst zu sorgen. Man glaubt hier, daß die preußischen Blätter durchaus falsche Vorstellungen von der preußischen Ehre haben und sehr schlecht für dieselbe sorgen; man begehrt sie deshalb hier zu Urtheilern über die hannover'sche Ehre auch nicht. Sofern Hannover durch den Septcmbervcrtrag gebunden ist, sollen seine Verbindlichkeiten nicht in Abrede genommen werden. In den Umständen liegt zur Zeit noch gar kein Grund, den Inhalt und Umfang derselben zu erörtern. Hannover hofft, daß sein zur Vermittelung gesprochenes gutes Wort auch eine gute Statt bei den betreffenden Regierungen, insbesondere auch bei der preußischen, finden, und daß also der Fall nicht eintreten werbe, zu dessen Eintreten Parteien und Blätter in Preußen treiben, der Fall nämlich, daß der Zoll- und Handelsvertrag vom September vorigen Jahres zur Grundlage einer Politik gemacht würde, welche alle deutschen Verhältnisse verrückte und den Frieden in Deutschland unterbräche. Wenn die Bramarbasse und Rabulisten in Köln, an der Spree ober wo sonst mit dem preußischen Degen durch die Bundeszwecke und alle Verträge fahren wollen, so ist doch nicht wenig zu verwundern, wie gerade sie dann und da auf Verträge sich berufen mögen. — Es