Nassauische Allgemeine
M S^S Domerstag dru 9. September ^8LS.
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Die IaUfragc.
Wir fahren fort, die Urtheile der einzelnen Blätter über die preußische Erklärung vom 30. v. Mts. mit' zutheilen :
Die Augsb. Postzeitung schreibt: Die neueste Erklärung der preußischen Regierung scheint wenig geeignet zu sein, einen Bruch zu vermeiden. Sie will, daß die verbündeten Regierungen sich auf zwölf Jahre weiter b i n d e n , während nicht einmal die Abschließung eines Handelsvertrages mit Oesterreich, geschweige denn die Zoll- und Handelseiuigung von preußischer Seite gewährleistet ist, welche weder von Oesterreich noch von den eoalirten Regierungen aufgegeben werden wird. Es wird unter diesen Umständen wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß die „Bleigewichte" freiwillig sich zurückziehen und Preußen nebst feinen Verbündeten seine eigenen Wege gehen lassen. Der Zollverein wird fortbestehen, aber eine großartigere Entwickelung nach Osten gewinnen.
In der handelspolitischen Beilage der Franks. Post- zeitung heißt es: Die erfolgte Erklärung der preußischen Regierung macht die Zolleinigung zur Gewißheit, und endlich können wir sagen, daß die Einheit der sämmtlichen deutschen und österreichischen Lande zu einem Zollgebiete eine Wahrheit werden wird.
Die letzte preußische Erklärung, sagt die „Haunov. Zeitung", erscheint uns namentlich deßhalb so erfreulich, weil die preußische Regierung damit jene mittlere Linie getroffen hat, die man nunmehr nur zu verfolgen braucht, um an ihr zu dem glücklicken Ergebnisse einer Einigung Aller, so wie sie jetzt möglich ist, hiugeführt zu werden. Daß wir unsere Meinung offen hcrauösagen, man war von beiden Seiten zu weit gegangen und zu schroff aufgetreten. Man hatte hier Oesterreich gar zu fern Hallen wollen, dort seine völlige und vor der Hand un- thunliche (?) Betheiligung gefordert. Preußen konnte sich in Wien nicht einlassen, wie es begehrt zu werden schien; Oesterreich hätte von den Konferenzen in Berlin nicht ausgeschlossen werden sollen. Das Schlimmste war, daß durch ein weit mehr als irgend nöthiges und weit übertriebenes Hereinziehcn der politischen Gesichtspuncte und Tendenzen die ganze Verhandlung, und die Begriffe, die Geister verwirrt, die Gemüther verbittert wurden.
Die „Kasseler Zeitung" erklärt sich überhaupt gegen einen Zollvertrag ohne vorläufige Feststellung des Zolltarifs.
Aus Dresden wird ihr geschrieben: Der wesentliche Gehalt der Erklärung der Darmstädter Verbündeten vom 21. v. M. war: „Wir wagen es nicht, es darauf a u k o m ine n zu l ass en, daß die seit 1 8 3 4 gegen Preußen gefal le- n e n Zollschranken wieder aufgerichtet werd cn."
Druch ein solches Geständniß fand sich die königl. preußische Regierung zu einer nachgiebigen Bereitwilligkeit um so weniger veranlaßt, als durch dasselbe der genannten Macht gleichsam von Neuem die von ihr gar nicht verhehlte dictatorische Gewalt über den Zollverein überantwortet wurde!
Von preußischer Seite nahm man die Nachgiebigkeit der Eoalirten höchst wohlgefällig auf, ohne jedoch ihren Anträgen auch nur irgend wie entgegen zu kommen.
Der Dresdener Korrespondent verfolgt denselben Jdeengang, den wir gestern in einer Beurtheilung der „Neuen Münchener Zeitung" mitgcthcilt haben und stellt am Schluß die Frage: Werden die Eoalirten sich vor dieser Weigerung beugen? . . . Sie haben in dem Wiener Schlußprorocolle sich verpflichtet, „dahin zu wirken, daß unter Zugrundelegung der (Wiener) Entwürfe über einen Zoll- und Handelsvertrag, und einen Zoücinigungsvcrtrag unterhandelt werde, und daß diese Verträge gleichzeitig mit jenen über Die Erneuerung oder Neugestaltung des Zollvereins zn Staude kommen."... Werden sie jetzt, da Preußen auf peremptorische Erklärung binnen 14 Tagen dringt, dem österreichischen Ca- binet erklären: „Wir haben gewirkt, aber nichts zn erwirken vermocht . . . wir haben Alles aufgeboten und es ist uns nicht gelungen . . . folglich müssen wir zum Abschluß des Vertrags über Erneuerung und Erweiterung des Zollvereins schreiten!" . . .
Es ist Grund da, anzunehmen, daß es nicht so kommen werde; wenn es aber doch so kommt, dann ist nicht nur die Suprematie Preußens festgestellt, sondern auch die Mediatisieüng dieser Staaten durch sie selbst unterzeichnet!"
Der neueste „Lloyd" bemerkt: Nachdem man in
Berlin der Rückäußerung der preußischen Negierung etwas näher auf den Zahn gefühlt hat, schein die Zufriedenheit mit dem Inhalte derselben bedeutend abzunehmen; man findet jetzt, daß „Preußens Langmikth unerschütter- lick ist." Man hatte gehofft, seine „Geduld sei zu Ende" und die Verhandlungen würden ohne Weiteres abgebrochen werden; das sei nun wieder nicht geschehen. In dem Leitartikel eines Berliner Blattes heißt es, daß sich die Erklärung zwar materiell innerhalb der Schranken des preußischen Programmes halte, allein es habe formell um einen Schritt nachgegeben und das schade seiner Stellung. Preußen sei in der That schon vor Wieder- abschlüß der Zollvereiusverträge mit der Koalition fac- tisch in Unterhandlung getreten und gerade dieses habe es früher verweigert.
Der Korrespondent der A. A. Z. von der Donau hält es für unmöglich, daß die verbündeten süddeutschen Regierungen auf das preußische Anerbieten eingehen könnten.
Das „Bremer Handelsblatt" gibt nun auch sein Urtheil über den Stand der Zollfrage nach der preußischen Erklärung ab. Es lautet wie es von diesem durch gediegene national-ökonomische Kenntnisse so ausgezeichneten Blatt nicht anders zu erwarten war, und wir finden eine besondere Befriedigung darin, daß unsere Ansichten so ganz von dieser Stelle aus bestätigt werden. Wir heben aus dem betreffenden Artikel folgende Stellen hervor:
Das Jahr seit dem Abschlusse des Septembervertrags, sagt das Bremer Handelsblatt, ist überflüssig reich an widerwärtigem Hader, es hat eine Menge wundester Punkte bloßgelegt und alle Nachtheile politischer und ökonomischer Zerrissenheit ins hellste Licht gestellt. Es hat uns wieder einmal zum Gespötte des Auslandes gemacht und Gewerbe und Handel in peinlichster Ungewißheit gehalten. Und doch wird es auch gute Folgen haben. Vor allem ist nämlich wieder einmal sonnenklar geworden, daß kein einziger Bestandtheil Deutschlands, daß keine particulare Gruppe der Uebrigen entbehren kann. In all dem Streite springt doch immer die Wahrheit heraus, daß die Einzelnen wie politisch so auch ökonomisch nur sehr wenig bedeuten, und daß sie abgesondert sich nicht halten können. Das Bedürfniß der Vereinigung und Gemeinsamkeit war längst gefühlt; eben um dasselbe zu befriedigen schloß man ja Vereine, die allmälig zu einem großen Bunde zusammenwuchsen. Und dieser hatte Anziehungskraft genug, um auch den Nordwesten dem nationalen Vereine zuzuführen.
Es würde müßig sein und nichts an den vollendeten Thatsachen ändern, wenn wir heute die Art und Weise beleuchten wollten, in welcher Preußen den Septembervertrag zu Stande brachte. Wozu auch noch Recrimi- nalionen, wo das Urtheil so leicht sich gibt. Die übrigen Staaten haben ihre Empfindlichkeit überwunden und den Eintritt Hannovers und Oldenburgs gutgeheißen. Ueber diesen Punkt besteht keine Irrung mehr.
Vor allen Dingen ist die versöhnliche und in der That patriotische Haltung Hannovers gebührend anzuer- kennen. Es handelte im Sinne der Worte, welche neulich die Hannover'sche Zeitung aussprach: „Mit Nichten ist beim Abschluß des Septembervertrags gemeint gewesen, wie es von Einzelnen und Parteien in Preußen gewünscht wird, daß es einer Verengerung des Zoll- und Handelsbundes oder einer Veruneinigung und Spaltung in Deutschland gelte; sondern der Vertrag ist abgeschlossen und genehmigt, indem man eine Erweiterung des Zoll- .und Handelsbundes und eine größere deutsche Einigung im Sinne hatte".
In diesem Sinne sprach Hannover sich auch in der Konferenz vom 30. August aus, indem es der preußischen Antwort auf die Collectivnote der eoalirten Staate vom 21. August seine Zustimmung gab. Es hofft, daß diese Krisis nunmehr ihrem Ende entgegen gehe, „durch welche die Kraft und das Ansehen Deutschlands, die Eintracht und das Vertrauen zwischen deutschen Staaten und der Wohlstand, der Gewerbcfleiß und die Zufriedenheit ihrer Angehörigen so tief bedrohet werden". In diesen Worten ist die schärfste Verurtheilung für die enthalten, welche jene Krisis heraufbeschworen.
Die volkswirthschaftlichen Fragen würden sich mit einiger Umsicht und jenem redlichen Willen, welchen das Interesse der Nation verlangen darf, mit leichter Mühe haben beantworten lassen. Aber man brachte unberechtigter Weise eine Menge politischer Ungehörigkeiten, Hegemoniegedanken und eine partikularistische vermeintliche Staats
ehre ins Spiel. So vergiftete man den Streit, gab der Welt ein unerquickliches Beispiel, schürte die Zwietracht. Und zu was denn? Um am Ende von allen Seiten her wieder einzulenken, und dem ein Ende zu machen, was allgemach zu einem ärgerlichsten Skandal geworden war.
Der Zollverein hat die Verkehrsinteressen so fest zusammengenietet , daß man sie nicht mehr auseinanderreißen kann. Wenn man, was häufig geschehen, in Preußen accentuirte, „man könne sich im Nothfall selbst genügen und auf eigenen Füßen stehen", so läuft dergleichen, wie jeder Verständige weiß, auf eine hohle Ro- domontade hinaus. Man hätte dann ja gar nicht nöthig gehabt, einen Vertrag mit Hannover einzugehen, das die beiden getrennten Halben Preußens scheidet. In keinem Falle wird dieser Staat gemeint sein, sich lediglich als Ausfüllsel oder zu ökonomischem Ärrondirungsstoffe gebrauchen zu lassen. Diese berliner Aufschneidereien und Taktlosigkeiten haben nicht wenig dazu beigetragen, die Animosität im übrigen Deutschland zu vermehren, und wir wollen nur wünschen, daß der scharfe Stachel nicht allzu lange nachwirke.
Man kann es nicht oft genug wiederholen, daß eine süddeutsche Zollgruppe eben so unnatürlich und auf die Dauer unhaltbar ist wie eine norddeutsche. Erwägt doch, was aus einem Körper werden muß, den ihr in zwei Hälften schneidet. Seht doch zu, woher der kräftige, gesunde Blutumlauf kommen soll und woher Frische und Kraft? Freilich hätte^der Norden die See, aber wo wäre für diese das rechte Hinterland ? Und eine englische Handelsprovinz wird man doch nicht werden wollen? Man würde es aber ohne alle Frage sobald man sich vom übrigen Deutschland abschiede, was gerade Hannover eben so wenig will, als Bremen oder Oldenburg. Auch vom' specifisch preußischen Standpuncte wäre solche Abtrennung eine Thorheit; man würde unfehlbar die sieben verbündeten Staaten völlig in das Interesse Oesterreichs drängen, gegen welches man ja eine so map kirte Opposition macht.
Preußen hat nun ein Ultimatum gestellt; es verlangt bis zum 15. September entscheidende Antwort der Verbündeten, ob dieselben die in der Erwiderung vom 30. August aufgestellte preußische Ansicht über die Unterhandlungen mit Oesterreich wegen eines Zoll - und Handelsvertrages theilen oder nicht. Er erklärt, ohne eine solche Rückäußerung in weitere Verhandlungen mit der Gesammtheit der Zollverbündeten nicht weiter eintreten zu können.
Die Antwort muß also in den nächsten Tagen erfolgen und wird entscheidend sein. Aus jeden Fall ist es gut, daß man auf irgend eine Art aus der Schwebe komme, denn die Ungewißheit wird allmälig für alle Theile unerträglich. Erfolgt ein Bruch, so wird zwar Deutschland in allen seinen Theilen noch mehr gelähmt werden. Aber das Ende könnte doch kein anderes sein, als daß man sich wieder zusammenfände und einigte, — ein Resultat, das auch jetzt zu erreichen ist, ohne daß man die Nation auf die Folter legt.
Einigt man sich aber, — und es scheint nicht alle Aussicht dazu verschwunden, — so ist es, wie das Bremer Handelsblatt meint, allerdings nothwendig, daß man nicht ein kurzes Provisorium eingehe, sondern , worauf auch Hannover mit vollem Recht großes Gewicht legt, einen Zeitraum von zwölf Jahren für den neuen Verein feststellt. Nichts nachtheiliger für den Verkehr als Ungewißheit, die von einem Provisorium über Zoll- und Handelsverhältnisse unzertrennlich wäre.
Ferner meint dieses Blatt, daß aus dem unheilvollen Dilemma leichter herauszukommen sein würde, wenn Oesterreich nicht darauf beharre, zugleich mit dem Zoll- und Handelsverträge auch sofort bindende Zusage über die Zolleinigung zu verlangen. Es sagt: Wir für unsern Theil würden eine solche ohne allen Anstand geben, weil es sich um etwas handelt das doch im Fortgange der Zeit mit Nothwendigkeit geschehen wird und muß. Alle Welt hält den Zoll- und Handelsvertrag mit Oesterreich für wünschenswerth; er soll und kann auch nicht mehr umgangen werden; die preußische Regierung selbst sagt, daß sie ihn wolle und erstrebe. Niemand aber wird sich verhehlen, daß diesem Vertrage die Zolleinigung ganz von selbst folgt. Auf ein paar Jahre früher oder später kann eS dabei nicht ankommen.
Uebrigcns hatte Oesterreich ein Recht darauf zu bringen; daß man auch seine Stimme bei der Berliner Versammlung höre, die nicht eigentlich eine Zollvereinsconferenz ist, sondern eher eine freie Konferenz, auf welcher auch Nichtbetheiligte des Zollvereins, Hannover und Olden- ubrg, Zutritt fanden.