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Nassauische Allgemeine

E 903. Sonntag de« 29. AuM 1859.

DieNassolusche Allqemeine Zeiluns," mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, SonntaqS ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulaiid nunmehr auch für btn ganzen Umfang des Thurn- und TartS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen oänder des deutsch-österreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 fr. Anserate werden die dierfpaltige Petit- seile oder deren Raum mit 3 kc. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Lauggasse 42, auswärts bei den nächffgelegenen Postämtern, zu machen.

General Flores und die Republik Ecuador.

Am 4. Juli unternahm General Flores einen An­griff auf die Hafenstadt Guayaquil, wo Urbina, das Oberhaupt der Republik Ecuador, den Sitz seiner Re­gierung aufgeschlagen hat. Jose Maria Urbina hat sich der Herrschaft auf höchst merkwürdige Weise bemächtigt. Diego Novoa, damals Präsident der Republik, begab sich im Juni vorigen Jahres von Quito nach Guaya­quil, wo sich Zeichen von Unzufriedenheit geäußert hat­ten. Die Regierung sandte ihm ein Boot entgegen, um ihn den Fluß herunter zu bringen. In Guayaquil hatte seine Familie ein Festessen für ihn, und die Stadt Triumphbogen zu seinem Empfange bereitet; die Trup­pen rückten aus, um sich zur Parade aufzustelleu. Doch ehe Novoa zur Stadt gelangte, ward er auf dem Wege in dem Boote festgenommen und Angesichts der Stadt gefangen auf ein Schiff geschafft, welches unverzüglich nach Lima unter Segel ging. Die auf dem Lande auf­gestellten Truppen, der Gouverneur und die zum Fest­essen versammelten Freunde hatten das Zusehen, und die Verwunderung und Ueberraschung verwandelte sich durch das Viva Urbina! welches sich inmitten der Truppen erhob, in Bestürzung. Die Revolution war, kaum be­gonnen, schon beendet, der Präsident aus dem Lande geschickt, und Jose Maria Urbina zum Jefe supremo mit außerordentlicher Gewalt ernannt.

Das ist ein Beispiel, wie dort zu Lande die Re­gierung gestürzt wird. Alles durch die Truppen, deren Einfluß gränzenlos ist; ein von den Spaniern ererbtes Uebel.

Unter dem Vorwande, Diego Novoa als rechtmäßi­gen Präsidenten von Ecuador wieder eiuzusetzen, sam- melte General Flores eine kleine Streitmacht, darunter eine Anzahl Deutsche, die sich zur Einwanderung nach Peru hatten verleiten lassen; seine Kräfte aber waren so gering, daß der Angriff auf Guayaquil am 4. Juli mit leichter Mühe zurückgeschlagen wurde.

Flores, welcher jetzt aus seinem Vaterlande verbannt ist, dessen Ruhe er mit einem Haufen zusammengeraffter Söldlinge bedroht, war der erste Präsident und so zu lagen der Gründer des Freistaates Ecuador. Die Ge­schichte dieser Republik ist eng verknüpft mit den wech­selnden Schicksalen dieses merkwürdigen Mannes.

Don Juan Jose Flores ward 1798 bei Puerto Cabello in Venezuela geboren. Seine Familie ist un­bekannt; er ist der Sohn seiner Thaten. Er diente zuerst als spanischer gemeiner Soldat gegen Bolivar. Von diesem gefangen genommen, trat er in dessen Dienste über, focht für die amerieanische Unabhängigkeit und er­warb sich bald die Gunst des Befreiers. Im Jahr 1829 stieg er zum Brigadegeneral auf und nahm als solcher Theil an der Schlacht von Tarqui , dem ersten Bruderkampfe, welchen die befreiten Americaner, die Peruaner, gegen die Columbier fochten. Zum Inten­danten von Quito ernannt, trug Flores nicht wenig dazu bei, daß die Republik, welche die Ehrenschuld des Welttheiles an seinen Entdecker abtragen wollte, indem sie sich Columbia nannte, sich im Jahre 1830 in drei Staaten auflöste : Venezuela, unter General Paes, Neu-Granada, unter General Santander, und Ecuador, unter General Flores.

Eine Verfaffung ward für Ecuador entworfen und beschworen, und Flores stand auf vier Jahre als Prä­sident an der Spitze des jungen Staates. Die Presse, namentlich in Guyaquil , bemühte sich im Jahre 1833 sehr, seine Wiederwahl zu vereiteln. Der Congreß be­schränkte die Preßfreiheit und ertheilte der Regierung außerordentliche Gewalt. Gegen diesen Beschluß trat der Deputirte Rocafuerte heftig auf; er mußte jedoch Quito verlassen und wurde durch Intrigue in den Aus­stand verwickelt, welcher 1833 in Guyaquil gegen Flo­res ausbrach. Flores eilte nach Guyaquil, dämpfte die Unruhen, und durch Verrath kam Rocafuerte gefangen in seine Hände. Man erwartete, daß Flores ihn er­schießen lassen würde; statt dessen aber machte er ihn zum Präsidenten der Republik !

Von 18351839 figurirte.Flores nur als Ober- Befehlshaber der Truppen, dann ließ er sich 1839 und 1843 wiederholt zum Präsidenten wählen, machte sich aber mißliebig durch seine Willkürlichkeit und seinen Ehrgeiz. Er berief einen Congreß nach Quito, um eine neue Verfassung zu berathen, wodurch die Amts­dauer des Präsidenten auf acht Jahre festgesetzt wurde. Ein Aufstand brach 1845 aus, Flores ward zweimal besiegt und fand es für gerathen, in Virginia einen Vertrag mit seinen Gegnern einzugehen, kraft dessen er auf zwei Jahre das Land verlassen mußte, wogegen

sich der Staat anheischig machte, ihm während dessen ein Jahrgehalt von 20,000 Pesos auszuzahlen.

Flores reiste dem Vertrage gemäß nach Europa ab; allein noch in demselben Jahre versammelte sich in Cuenca ein Congreß, welcher den mit Flores abge­schlossenen Vergleich für unpültig erklärte. Mit dieser Ungesetzlichkeit ward eine Reihe von Umtrieben und Umwälzungen eingeleitet, von denen Ecuador 7 Jahre lang zerrüttet wurde. Diego Novoa stürzte seinen Vor­gänger Ascasubi im Februar 1851, ließ dann, wie ge­wöhnlich, sich eine neue Verfassung auf den Leib zu- schneiden, und ward, als er daS neue Kleid kaum ange­zogen, aus die gemeldete Weise unversehens splitternackt ausgezogen.

Der neue Gewalthaber Urbina berief auf den 17. Juli d. I. einen neuen Congreß nach Guay- quil. Wir wissen noch nicht, ob es dem General Flores gelungen ist, sich vorher der Stadt zu bemäch­tigen.

Die Nachricht, daß man den mit ihm abgeschlosse­nen Vertrag gebrochen habe, traf Flores, als er sich in Spanien aufhielt. Von Zorn entbrannt, verabredete er mit der Königin Christine die bekannte Unternehmung gegen America, welche 1847 durch die Wachsamkeit der euglischeu Regierung vereitelt wurde. Flores lud da­durch eine Schuld von mehr als anderthalb Millionen Pesos sich auf. Er begab sich hierauf nach Venezuela, von da nach Mittel-America, wo er in den öffentlichen Wirren Beschäftigung fand. Seine Absicht, nach Peru zu gehen, konnte Flores erst zu Anfang dieses Jahres ausführen, da der vorige Präsident Castilla ihm nicht gewogen war. Sobald jedoch Echenique die Präsident­schaft angetreten hatte, erschien auch Flores in Lima, wo er mit Novoa zusammen traf. Unter dem Vor­wande, Novoa als rechtmäßigen Präsidenten in seine Rechte gegen den revolutionären Urbina wieder einzu­setzen, bereitete er seine Expedition vor, zu welcher hauptsächlich ein reicher Ecuadorianer , Essantoso, der des Landes verwiesen war, und ein Nuevagranadianer, Sarmiento, beide in Lima , die ersorderlichen Gelder verschafften, wogegen,' wie behauptet wird, Flores den doppelten Werth in Anweisungen auf die Zölle zusagte, sobald der rechtmäßige Präsident wieder eingesetzt sei. Am 7. April erschien er mit dem Dampfboote Chile, der nordamericanischen Fregatte Lioneß, der peruanischen Bark Esperanza, der chilenischen Brigantine Almeronte Blanco und zwei Transportschiffen, sämmtlich unter der Flagge von Ecuador, an der Insel Puna. Schlecht be­waffnet und bemannt, beliefen sich seine Streitkräfte auf höchstens 700 Mann zusammengelaufenen Gesindels, worunter nur 7 Mann ans Ecuador.

Die Unternehmung des Flores, der auch in Euro­pa, wo er durch seine persönliche Liebenswürdigkeit Je­den für sich einnahm, Theilnahme erregt, stand nach den letzten Nachrichten sehr schlecht. Doch ist es falsch, daß Flores, wie englische Blätter meldeten, im Lande gar keine Anhänger habe. Unser Freund, der jene Ge­genden bereist, gibt uns in einem Briefe ans Quito vom 23. Juli darüber bessere Auskunft. Die Herrschaft des Urbina stützt sich nur auf die rohen Soldaten, die sich jede Gewaltthätigkeit erlauben dürfen. Alle Anhän­ger des Flores werden ans das rücksichtsloseste verfolgt, und die Behörden erlauben sich Alles gegen jeden Miß­liebigen und Verdächtigen; selbst Frauen werden auf das schmählichste mißhandelt. Kein Wunder, daß die Zahl der Floreanos sich mehrt, aber an eine Erhebung im Innern ist nicht zu denken. (Köln. Z.)

Die Zollsrage.

$ Es ist seiner Zeit in mehreren norddeutschen Blät­tern, letztlich aber auch in einer zu Frankfurt a. M., unter dem Titel:Soll der deutsche Zollverein zerstört werden?" erschienenen Brochure mit besonderem Nach­druck und großem Wohlgefallen auf das,über die Krisis des Zollvereins im Sommer 1852," vom Pro­fessor zn Heidelberg, Dr. K. H. R a u, abgegebene Ur­theil in der Absicht aufmerksam gemacht worden, um die früher aufgestellte Behauptung von den volkswirthschast- lichen Nachtheilen einer, ganz Deutschland umfassenden Zolleinigung durch das Gewicht einer staatswissenschaft- licheu Autorität zu stützen. Das Norddeutsche Port­folio ist weit entfernt, dem eben genannten tiefen For­scher auf dem Gebiete der politischen Oekonomie die Befähigung, in der Sachlage unparteiisch abzuurtheilen, abzusprechen, es bringt vielmehr jetzt eine Stelle aus des­sen im Jahre 1844 erschienenen Grundsätzen der Volkswirthschastspolitik, mit Rücksicht auf bestehende

Staatseinrichtungen" zur Ergänzung und etwaigen Be­richtigung seiner letzten Flugschrift. Auf pag. 548 des II. Bandes dritter Ausgabe seines Lehrbuches der politischen Oekonomie berührt der geehrte Verfasser die Verhältnisse des Zollvereins mit folgenden Worten: Eine Ausdehnung desselben auf ganz Deutschland wäre höchst wünschenswerth, sowohl in volkswirthschaft- lichcr Hinsicht, indem z. B. der Verein eine ansehnliche Handelsseemachr und leichtere Verbindungen mit andern Erdtheilen ertheilte, als aus Gründen bir Staatskunst, um dem deutschen Bunde, unbeschadet der Unabhängig­keit der einzelnen Regierungen, eine größere Festigkeit zu geben und das Bewußtsein zu erhöhen. Inzwischen stehen diesem Ziele noch große Hindernisse im Wege. Dahin gehören u. A. die eigenthümlichen Verhältnisse und die Zusammensetzung des österreichischen Kaiser­staats, und die Besorgniß der Hansestädte, ihren Zwi­schenhandel zu verlieren. Die aus dieser Frucht her- rührende Abneigung läßt sich billigerweise nicht tadeln, sondern nur aufheben, wenn man die Ueberzeugung cin- flößen kann, daß der Vortheil im Ganzen überwiegend sein wird. Unter allen Organen, welche seit denBerathungen der Regierungscommissäre in Frankfurt a.M. 184849 zur Herstellung der Zoll- einheit im deutschen Reiche" bis zum Schluß derWie­ner Conferenzen" jener Einigung und Einheit das Wort geredet haben, war vielleicht keins in der Lage, die po­litischen und ökonomischen Folgen eines solchen Vertra­ges besser zu würdigen, als der großherzoglich badische Geheime Hofrath und Professor es ist, und dieser faßt sein Eudurtheil in den Worten zusammen: Vereini - gung mit Oesterreich und Opferung des P rivat in teresses der Hansestädte gegen­über dem überwiegenden V orth eil e des Ganzen!

ImFrankfurter Journal" Nr. 205 ist folgendes zu lesen: Der zweite Act der Berliner Zollconfereuz bringt nur eine Variation des bisherigen Zwiespaltes, eine Verminderung desselben keineswegs. So viel er­scheint schon jetzt als klar, trotz einzelner, das Gegen­theil andeutender Nachrichten, und wenn man in Ber­lin ein Anderes erwartete, so hat man sich dort neuer­dings getäuscht. Wir sagen neuerdings, zur Unterschei­dung von den bisherigen Berliner Täuschungen. Man glaubte dort bis jetzt weit mehr, als dienlich war, an die Zauberkraft des WortesZollverein", und dachte nicht an Mehreres, was davon, besonders für die Darm­städter Koalition in Abzug zn bringen ist. Seit 1845 haben die Revenuen des Zollvereins eine rückgängige Bewegung angetreten, und daß solche je wieder zu einer vorschreitenden gelangen, dieß zu verbürgen vermag, so lange das System des Zollvereins bleibt, wie es ist, kein Sterblicher. Dazu die Aussicht auf eine noch wei­tere Schmälerung durch das hannöverische Präcipuum, die Keiner zurückweisen kann, dem Einsicht in solchen Dingen zu Gebote steht. Man kann ebensowohl er­warten, daß Wasser bergauf laufen werde, als daß im Steuerverein die Consumtion von Waaren sich nicht ' vermindere, und entsprechend auch die Solleinnahme dafür, nachdem dort der 4 5 Mal höhere Tarif des Zollvereins zur Geltung gelangt ist. Man kann mit Grund sogar eine wesentliche Verminderung der Art mit der Zeit anticipiren, welche, selbstredend, von den Kas­sen der übrigen Vereinsmitglieder getragen werden muß. Jedenfalls ist von dieser Seite jene Zauberkraft nicht wenig gebrochen, und daß sie es auch von einer andern noch ist, läßt sich leicht beweisen. Preußen will die Schutzpolitik beinhalten. Das belegt sein mit Hanno­ver vereinbarter Tarif zu Genüge. Aber, Preußen will anscheinend nicht noch weiter in derselben gehen und hat sich sogar durch den Vertrag mit Hannover ein paar leise Eingriffe in solche gestattet, was, wie leicht begreiflich, auf den Stellen nicht gefallen kann, wo man einmal, wenn auch noch so verkehrt, in dem Vollmaß des Schutzes den Hauptpunkt des national* wirthschaftlichen Gedeihens erblickt. Sonach auch hier starke Abnahme jener Zauberkraft, jedoch noch Schlim- meres zugleich für Preußen, welches eben dadurch, daß es sich für Beibehaltung der Schutzpolitik erklärt, nur nicht die vollen Conseqnenzen derselben will, Diejenigen, welche solche wieder wollen, geradezu anweist, sich nach einer Seite zu wenden, die von Preußen mit wohlbe- greiflicher Eifersucht angeschaut wird, jedoch jene Con­sequenzen gehörig vertritt. Es liegt ein für Deutsch­land nicht geringes Uebel in diesen Berliner Täuschun­gen. Sie lassen durchaus nicht erkennen, was Preußen handelspolitisch allein zu thun verbleibt, um eine gc sunde, feste Stellung zu behalten, und führen selbst da- -