Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Vr /»:. Sonntag den 22. Angnst M58.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt "„Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich »nb beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS Postaufschlags 2 ff., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 ft. 21 fr. — Inserate werden die sierspaltige Petit- zeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung Von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegeneu Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Dem Pfarrer Zeiger zu Gemmerich und Tecklenburg zu Reichelsheim sind die durch das Ableben der Schulinspectoren Schnelle in Gemmerich und Frankenfeld zu Reichelsheim zur Erledigung gekommenen Schuinspecliouen in den Herzoglichen Aemtern Braubach und Reichelsheim übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Die neue CactiK der „Freien Zeitung".
* Die demokratische Partei hatte stets das Eigenthümliche an sich, daß sie fremdartige Elemente in sich aufzunehmen wußte, daß sie sich Bewegungen anschloß, deren ausgesprochenes Ziel durchaus nicht das von ihr verfolgte war, daß sie sich Bundesgenossen warb, wo sie nur immerhin zu sinken waren, in der Hoffnung, verstärkt durch diese, den Sieg und die Macht zu erlangen , sich alsbald ihrer Bundesgenossen zu entledigen und die Alleinherrschaft zu erringen. ES hieße, den leitenden Gedanken der letzten Erhebung des deutschen Volkes verunglimpfen, wollte man ihr als Ausgangspunkt jenes Endziel unterlegen, welches die demokratische Partei , dem verhaßten Zwange entsagend, zuletzt durch offene Empörung zu erreichen strebte und in der Erwartung, alle bisherige Bundesgenossen würden ihrer Fahne folgen, auch zu erreichen hoffte. Diesen Letzter» mochte wohl die Einigung des gesummten deutschen Vaterlandes als ein schönes, auf dem damals gebotenen Rechtsboden erreichbares Ziel vorgeschwebt haben. Jeder aber, der dies im Wege freier ruhiger Entwickelung, auf die Möglichkeit gemeinsamen Uebereinkommens hin erstreben zu dürfen glaubte, wandte sich mit Entrüstung von einer Partei, der zur Erreichung ihres Zweckes nichts heilig war. Mit dem letzten Scheine der Berechtigung zur Verfolgung des großen nationalen Zieles war jedem rechtlich denkenden auch die Möglichkeit nach dessen Erreichung zu streben, entzogen und der Weg vorgezeichnet, den er zu gehen hatte. Es galt nicht mehr die Erstarkung des Vaterlandes nach Außen zu erringen, es galt festes Zusammenhalten, um den Feind im Innern zu besiegen, der sich so plötzlich in seiner wahren Gestalt zeigte und der die luftigen Bauten seiner Träume auf den Trümmern alles Bestehenden errichten wollte. Als dieser Wendepunkt kann die Auflösung des deutschen Parlaments betrachtet werden.
Die Revolution wurde zu Boden geworfen, die Demokratie besiegt und sie vermied es, von da ab als solche öffentlich aufzutreten.
Seit jener Zeit konnte man jedoch bemerken, daß sie ihr altes Spiel nach ihren alten Maximen fortsetzte. Wir sehen die Demokraten in den wichtigen Fragen der Gegenwart bald diesen bald jenen Standpunkt einnehmen, bald in diese bald in jene von ihren Gegnern aufgcgcbene Position einrücken; wir sehen sie die Zerwürfnisse ihrer Gegner benutzend, bald an der Seite dieser bald an der Seite jener Bundesgenossen, — wir schen sie aber immer jener Partei gegenüber st e h e n, welche die c o n s c r v a t i v e n Interessen in Kirche und Staat vertritt, gleichviel, ob die Ansichten, die sie jeweilig zu vertreten sich veranlaßt sieht, mit ihren Antecedentien, mit ihren Grundsätzen im Widerspruche steht oder nicht. Wir sahen katholische unk protestantische Demokraten für den Deutschkatholicismus für Freigemeindle- rci schwärmen, beide unterstützen in der Ueberzeugung, das positive Christenthum überhaupt zu schwächen, zu stürzen; dieselben katholischen und protestantischen Demokraten sehen wir nun im Bunde mit dem Jllumina- tismus gegen die Orthodoxie, dieselben im Bunde mit dem Protestantismus überhaupt. Wir sehen dieselben Demokraten, welche die preußische Union für die größte Schmach erklärten, die Deutschland angethan werden könne, die nur für Großdeutschland schwärmten, nun in der Zollfrage auf Seite derer, die auf den Ausschluß Oesterreichs von der handelspolitischen Einigung Deutschlands und auf die Herstellung der preußischen Union auf handelspolitischem Wege hinarbeiten.
Die „Freie Zeitung", daö Organ der Demokratie, hat genau den gleichen Operationsplan verfolgt, Früher deutschkatholisch und freigemeindlich gesinnt, Feindin jeder positiven Glaubensrichtung, kehrt sie sich mit den Jlluminaten gegen die Orthodoxie, stellt sich
auch auf den Standpunkt der Letzteren, um mit dieser vereint, den Katholicismus zu bekämpfen. Früher großdeutsch und gegen Preußen wie gegen Oesterreich gleichmäßig die Waffen kehrend, steht sie nun auf Seite Preußens. Darin liegt kein Zufall, das ist die Tactik der demokratischen Partei, deren Organ sie noch immer ist, deren Interessen sie vertritt, der sie auch wieder bis zu den äußersten Lonsequenzen folgen wird, sobald nur die Actien derselben steigen würden. Darüber kann sie Niemand täuschen, mag sie ihren Namen ändern oder nicht. Sie hat unter ihrer neuen Firma noch nie die Cou- tinuität mit der früheren geläugnet, obgleich der in der Person des Redacteurs vorgegaugene Wechsel ihr den besten Anlaß dazu gegeben hätte, ihre frühere Tendenz zu desavouiren, obgleich sie eine Erklärung auch gefahrlos abgeben konnte. Die Antecedentien dieses ihres neuen Redacteursjallein reichen hin, diese gewünschte Continuität zu wahren, das gröbste Verläugnen der demokratischen Principien als Klugheit, ihr Schweigen als Temporisiren darzustellen und die frühere Thätigkeit wieder dort aufzunehmen, wo man sie bei der Wiedertaufe scheinbar ruhen ließ. Ihr neuer Redacteur war Jahre lang, unter Bambergers Leitung und Bevormundung, Mitredacteur der Mainzer Zeitung und als Bamberger flüchtig wurde, der alleinige Redacteur derselben bis zu seiner Ausweisung aus Mainz, von welchem Zeitpunct an derselbe, wie als etwas selbstverständliches, die Redaction der „Freien Zeitung" übernahm und sich an derselben, ungeachtet der bereits einmal über ihn verhängten Ausweisung, auf unerklärliche Weise zu halten wußte. Kann man bei der Wahl eines solchen Redacteurs noch im Zweifel sein, was die Partei der Mittelrh. Zeitung eigentlich will, und was die Tendenz dieses Blattes ist. Kann man sich verhehlen, daß es noch immer seiner subversiven Tendenz huldige. Ist denn die Masse derjenigen, die, ohne selbst Demokraten zu sein, aus hunderterlei, sei es religiösen oder materiellen Scheingründen (dieses Blatt weiß für Jeden ein Fähnchen aufzustecken), sich nun seinen Anhängern zuzuneigen scheinen, nicht im Stande, die Tactik desselb i zu durchschauen. Kann es denn entgehen, daß dieses Blatt, unausgesetzt seit Monaten, die Politik der Regierung schmäht, daß es diese, den Unterthanen gegenüber, zu verdächtigen sucht, daß dieses Blatt die Unzufriedenheit gegen die Regierung zu verbreiten und zu nähren sucht, daß es die nassauische Regierung fortwährend injuriert, indem es die Politik der Coalitionsstaaten, als ob Nassau nicht zu denselben gehörte! als eine gemeinverderbliche darstellt und letztere beschuldigt, daß sie die Interessen der Unterthanen ihren Sonderbündsgelüstcn opfere, daß durch die Richtung, welche unsere Regierung, in Gemeinschaft mit diesen, verfolgt, der Staat geflissentlich an den Rand des Verderbens gebracht werde.
Wir haben dieß wiederholt angedeutet. Die „Freie Zeitung" hat wohlweislich darüber kein Wort verloren, so wie" sie überhaupt von ihrer Vergangenheit nichts wissen will und sich sorgfältig hütet, des Wortes Demokratie nur >zu erwähnen, oder den Stand der Dinge vom demokratischen Standpunct aus und nach demokratischen Principien zu beurtheilen. In neuester Zeit sind wir jedoch, aus einem in der Zollfrage gegebenen Anlaß, wieder Gegenstand der leidenschaftlichsten Angriffe.
Wir können auf ihre Polemik nicht eingehen, wir wollen nur unseren in der Zollfrage eingenommenen Standpunct wahren und die eigentlichen Absichten unserer Gegner darthun.
Die „Freie Zeitung" behauptet, sie wirke für die Erhaltung des Zollvereins. Sie stellt nämlich in Nro. 197 die Frage, ob sie subversiven Tendenzen huldige, ob sie denn nicht konservativ sei, weil sie den Zollverein und das Einvernehmen Nassaus mit dem benachbarten Preußen erhalten will. Die „Freie Zeitung" scheint sich unendlich viel von diesem naiven argumentum ad hominem zu versprechen, sonst könnte sie ja eine solche Aeußerung nicht wagen, da sie doch wissen und will sie ehrlich sein, auch zugestehen muß, daß die Erhaltung des Zollvereins der in der darmstädter Uebereinkunft ausgesprochene oberste Grundsatz, die ratio argendi ist und daß wir es sind, deren Ansichten in der von unserer Regierung befolgten Politik bis jetzt ihre volle Bestätigung gefunden haben und die wir sonach im Einklang mit dieser für die Erhaltung des Zollvereins wirken, von welchem die preußische.Rcgierung allein sich losgesagt hat.
Die „Freie Zeitung." will zwar, wie gesagt, in neuester Zeit nichts mehr von Demokratie, von demokratischen Ansichten und Bestrebungen verlauten lassen, sie wirkt
aber für die preußischen Ansichten in der Zollfrage, für den preußischen Zollverein iw der Ueberzeugung, daß bei dessen Reconstruirung ohne Berücksichtigung der Zolleini- gungspläne Oesterreichs die ihrer Partei so verderbliche Einigung dieser beiden Großmächte Deutschlands unmöglich würde, in der Hoffnung, bei dem andauernden Zerwürfnisse derselben ihre Pläne ungestörter verfolgen zu können.
Wenn die „Freie Zeitung" daher keine besseren Belege für ihren Konservatismus hat, dann muß sie sich auch den Vorwurf gefallen lassen, daß sie subversiven Tendenzen huldige. Daß wir ihr diesen Vorwurf machen, daß wir in ihr immer noch das Organ der Demokratie sehen, nennt die „Freie Ztg." Verdächtigungen. (!) Wir registriren das darin liegende für die Demokratie nicht sehr schmeichelhafte Geständnis und bemerken, daß es ihr ein Leichtes sei, diese „Verdächtigungen" für immer unmöglich zu machen, wenn sie erklärt, daß sie das Organ der Demokratie nicht sei, unk daß sie jeden Gedanken anfgcgeben habe, Nassau zu verbambergern.
Schließlich können wir nicht umhin, unser Bedauern darüber auszndrücken, daß sie sich in ihrer Hitze zu einem gewaltigen faux pas verleiten ließ. Der Artikel , der ihr Anlaß zu drei Leitartikeln gegeben hat, besprach die beiden Hauptgründe, welche man gewöhnlich für das Verbleiben im preußischen Zollvereine anführt und es wurde dort zum Beweise für die Gesinnungstchhtigkeit ihrer Anhänger hervorgchoben, daß die zu ihrer Widerlegung anwendbaren Deduktionen beinahe wörtlich mit den Aeußerungen übereinstimmen, welche die nassauischen Demokraten, ihre mit ihr auf einem ganz entgegengesetzten Standpunkte nun besindlichen Gönner und Schützlinge, in der Unionsfrage gegen den Anschluß an Preußen geltend gemacht haben.
Wir bedauern, daß diese jetzt von ihr mit uns zugleich böotischer Ansichten beschuldigt werden.
Der Kölnischen Zeitung kann man es allenfalls nachsehen, daß sie die Anschauungsweise ihrer Gesinnungsgenossen eine dürftige und unreife genannt habe. Allein die „Freie Zeitung" hätte in ihrem Urtheil vorsichtiger sein sollen, wollte sie anders der Gefahr, lächerlich zu werden, entgehen. Daß in demselben Urtheil ein Tadel für Alle enthalten ist, welche mit uns gleicher Ansicht sind, und diese im Innern oder nach Außen hin vertreten, wollen wir hier nicht hervorheben.
Bei der Perfidie, mit welcher die „Freie Zeitung" bei ihren Entgegnungen durch Auslassungen, Verdrehungen unserer Aeußerungen verfährt, kann es uns endlich nur erwünscht sein, daß sie diesmal unseren Artikel dem ganzen Wortlaute nach abgedruckt hat. Die „Freie Zeitnng" hat sich stets dabei recht wohl befunden und möge nur mit dem Nachdrucken unserer Artikel fortfahren. Sie gewinnt nur dabei und wir können es uns gefallen lassen, da jeder verständige Leser dadurch Gelegenheit bekommt, sich sein Urtheil über die Nichtigkeit der uns gemachten Vorwürfe und die Verwerflichkeit der gegen uns gebrauchten Winkelzüge zu bilden.
Wir machen uns dadurch, daß wir der „Freien Zeitung" die Wahrheit sagen, keiner Verdächtigung schuldig und wir sind überhaupt auf diesen eigentlich längst abgethanen Gegenstand nur zurückgekommen, um dieses zu erklären und in der Hoffnung, endlich die Acten über diesen höchst unerquicklichen Streit schließen zu können. ____________
Die Zollfrage.
Wie Korrespondent der K. Z. aus Berlin vom 18. August berichtet, fand gestern Abends abermals eine Conferenz zwischen dem Ministerpräsidenten als Vorsitzenden/den Handels- und Finanzministern nebst den sämmtlichen Vortragenden Räthen dieser drei Ministerien und den drei Bevollmächtigten der Zollconferenz im Ministerium des Auswärtigen Statt. Der Gegenstand der Berathungen betraf natürlich die Angelegenheit der wieder zu eröffnenden Zollconfcrcnzen. Sicherem Vernehmen nach ist auch dieses Mal ein „ganz bestimmter" Termin zur Eröffnung nicht festgestellt, doch ist derselbe einstweilen, falls keine Hindernisse sich entgegen stellen sollten, auf Samstag den 21. d. Mts. (nach andern auf Freitag den 20.) angefetzt. Auch heute fehlen noch die Bevollmächtigten für Baden, Darmstadt, Kurhessen und Nassau.
Wie die „N. Pr. Ztg." wissen will, dürfte nach der Rückkehr des Ministerpräsidenten Herrn v. Manteuffel aus Putbus (also Sonnabend) die preußische Regierung ihre schließliche Rückäußerung abgeben. Das „Corr. Bureau" widerspricht direct dieser Nachricht.