Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Fr 196. Samstag de« 21. Augast 1858.
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Die vsiksrvitlhlchnMiche Bedeutung des Lahnthales.
1. Das obere und mittlere Thal — Marb urg, Gießen, Wetzlar, Weilburg.
(Aus dem Bremer Handelsblatt.) (Schluß.)
Wie Gießen an dem östlichen Ende des breiten Beckens der mittleren Lahn liegt, so Wetzlar an dem westlichen. Beide Städte sind Nebenbuhlerinnen; aber Wetzlar ist die Stadt der Vergangenheit, Gießen die der Zukunft. Die Stadt des Reichskammergerichts und der Leiden Werthers erhebt sich an einem Punkte, wo zwei andere Thäler von Norden und Süden in das von Osten nach Westen gestreckte Lahnthal ausmünden' Das bedeutendere von beiden ist das der Dill mit den alten Städten Haiger, Dillenburg und Herborn, welches letztere im Mittelalter, auf der Straße von Frankfurt nach Köln gelegen, blühende Gewerbe und lebhaften Handel. sowie später selbst eine Universität besaß. Mit der Lahnbahn wird zugleich eine Dillbahn zu Stande kommen, da sehr bedeutende Berg- und Hüttenwerke an derselben liegen. Wetzlar ist gewissermassen der Hafen für das Dillgebiet, auch für das obere, da Nassau es versäumt hat, Weilburg durch eine Straße mit Herborn zu verbinden. Jni Mittelalter war es entschieden die wichtigste aller Lahnstädte. Schon 1180 bewilligte Kaiser Friedrich I. den Bürgern alle Freiheit im Handel, welche die von Frankfurt genossen. Im dreizehnten Jahrhundert blühten in Wetzlar Handel, Lein- und Wollwebereien, und die Stadt war viel größer und bevölkerter. Jetzt ist Gießen seine Erbin im Lahnthal, wie Frankfurt in der Messe geworden, — der Main siegte über die Lahn.
Obgleich Wetzlar drei Stunden von der Mainweser: bahn entfernt, dagegen dicht an der Lahn gelegen ist, so schickt es doch den in seiner Nähe gegrabenen Eisenstein in einem großen Theil des Jahres auf Karren nach der Eisenbahn, da die Lahn im Sommer meist nicht die nöthige Wassermenge hat. Der Weßlaer Eisenstein, sowie der Gießener Braunstein macht dann freilich den Umweg um die ganze südliche Hälfte desHer- zogthums Nassau; aber der Absender weiß genau, wann er in Koblenz ankommt. Bei der Frage über dieAus- führnng der Lahneisenbahn gegenüber der der Wiesbaden - Westerwälderbahn scheint es sich nur noch um den Vorrang der Zinsengarantie zu handeln. Man glaubt in Wiesbaden, daß man, ohne die Steuerfreiste des Landes allzusehr anzuziehen, nur eine der beiden Bahnen garantiren könne, und hier wollen nun die Freunde der letztern Bahn diese um der Hauptstadt willen bevorzugt wissen, wogegen die Freunde der Lahn- bahn mit Recht hervorheben, daß sich noch Niemand zum Bau jener gemeldet und die reichen Naturschätze des Landes allein durch eine Lahnbahn, auf welche die bedeutendsten Thäler des Landes einmünden und für die sich auch das preußische Handelsministerium entschieden habe, aufgeschlossen werden können. Zögere Nassau noch länger, so werde es rings von Eisenstraßen umgangen sein.
Da das Lahngebiet den bei weitem größern Theil des Herzogthums Nassau bittet, so glaubt es vom Staate fordern zu können, daß dieser selbst einen kleinen Verlust bei der Garantie der Zinsen nicht scheue, der übrigens wenig zu fürchten und jedenfalls durch den gewerblichen Aufschwung des ganzen Landes tausendfach überragt werden wird. Der gegenwärtige Minister, Fürst Wittgenstein, stammt selbst aus dem Quellgebiet der Lahn und wird diese Lebensfrage des untern Thales wohl zu würdigen wissen.
Noch vor Kurzem hatte Wetzlar keinen angemessenen Absatz seiner Naturerzeugnisse und diese standen daher in einem verhältnißmäßig sehr geringen Preis. Die benachbarte Eisenbahn hat aber auch hier schon einen wohlthätigen Einfluß geübt. So gingen z. B. nach der Eröffnung der Main-Weserbahn in kurzer Zeit aus der Umgegend Wetzlars über tausend Ohm Aepfelwein nach Berlin, wo dieses Getränk in neuerer Zeit in Geschmack
gekommen zu sein scheint. Wie durch das Reichskammergericht die Gartencultur um Wetzlar gefördert wurde, so schon früher durch den strebsamen Geist der alten Reichsstadt die Obstcuitnr in der ganzen Umgegend. Die Eisenbahn verwerthet nun die Früchte. Weilburg und das untere Lahnthal werden sich diesem Obsthandel anschließen.
Mitten im Engpaß zwischen dem mittleren und unteren Lahnbecken liegt die Stadt Weilburg, welche zugleich Mündnngsstadt der hier in die Lahn fließenden Weil ist. Es war hier im neunten und zehnten Jahrhundert der Haiptsitz des Geschlechts des salischen Conrads. Man konnte von hier aus schnell nach dem oberen und unteren Lahngau gelangen und hatte in der Mitte der Gebirge stets einen sicheren Rückhalt. Doch konnte Weilburg als Stadt nie eine größere Bedeutung erlangen, da die Berge ein freies Zuströmen der Bevölkerung hinderten. Weilburg hofft durch die Eisenbahn bei seinen reichen Naturschönheiten ein weither besuchter Vergnügungsort zu werden. Das Weilthal, das sich aus der Nähe Frankfurts, von den höchsten Höhen des Taunus, dem Feldberg und Altkönig herabzieht, ist reich an Naturschätzen, an Eisenstein, Braunstein, Schien ferstcin, Marmor rc., welche aber noch wenig ausgebeu- tet sind. Nur zwei Eisenhütten befinden sich in demselben, von denen die von Friedrich Buderus auf der Audenschmiede durch ihre Feingießerei ausgezeichnet ist. In dem oberen Weilthale ernährten sich bis vor einigen Jahren mehrere Gemeinden von der Nägelfabrica- tivu; sie ist aber neuerdings durch die Fabrikstiste ganz ruinirt, und die Gegend gerieth dadurch in solche Noth, daß der Staat helfend einschreiten mußte. Im oberen Weilthale, sowie auf den Abhängen des Taunus nach der Wetterau hin, ernährten sich auf den unfruchtbaren Gebirgshöhen die Bewohner zum Theil von Strumpf- und Kamaschenweberei, deren Erzeugnisse bis nach Ca- lifornien und Australien gehen, wobei einige französische Reformirten - Colönieen im Hessen - Homburgischen den kaufmännischen Betrieb hauptsächlich vermitteln.
Die Weberei war in der letzten Zeit gegen andere Weberdistricte Deutschlands in der Vervollkommnung der Webestühle zurückgeblieben, weßhalb die Regierung neuerdings zur Abhülfe des Mißstandes auf Antrag des Landesgewerbevereins eine sehr bedeutende Summe ver- willig) hat. Bremen könnte bei seinen umfassenden überseeischen Verbindungen dieser Strumpf- und Kamaschenweberei recht kördersam unter die Arme greifen. Wir wüßten für einen nordamericanischen Hinterwäldler keine bessere Beinekleidung, als die langen, warmen, die Feuchtigkeit abhaltenden elastischen „Usinger Kamaschen". Auch der zu früh dahin gegangene Friedrich List wandte in seinem Zollvereinsblatt der Kamaschenfabrication eine besondere Aufmerksamkeit und Theilnahme zu. Ferner ist die Holzschnitzerei und besonders die Strohflechterei von einigen gemeinnützigen Männern für diese Gebirgsgegenden angeregt worden, damit die berüchtigte jährliche Auswanderung von Besenbindern und Besenbinderinnen aus diesen Gegenden nach Loudon in der Wurzel abgeschnitten werde. Weilburg hat seine Stellung und Bedeutung als Mündungsstadt des Weilthals noch nicht gehörig begriffen, wovon der beste Beweis ist, daß noch nicht einmal ein fahrbarer Weg in dasselbe hinein führt, sondern daß man erst über hohe Berge nach dem mittleren Theil desselben gelangt. Das obere Weilthal grapitirt freilich schon mehr nach Frankfurt hin, aber in dem mittlern und untern sollte Weilburg volkswirth- schaftliches Leben wecken.
Die Lollfrage.
* Eine neue Version über das Ergebniß der Stuttgarter Conferenz bringt die „Fr. P.-Z.". Nach ihr sollen die Coalitionsstaaten der Fortsetzung des Zollvereins und der Annahme des Vertrags vom 7. September mit Hannover und Oldenburg sich entschieden geneigt zeigen, und ihrerseits die Bereitwilligkeit zur Formulirung dieser Grundzüge in einem neuen Vertrage nur davon abhängig erklären, daß sofort
die Unterhandlung wegen Abschluß des Handelsvertrages (?) mit Oesterreich eröffnet, dieselbe gleichzeitig mit den Conferenzen über die oben erwähnten beiden Punkte geführt und gleichzeitig zum Abschluß gebracht werde.
Die Aufschiebung der auf den 16. d. M. anberaumten entscheidenden Zollvereinssitzung hat, wie der „N. Pr. Z." geschrieben wird, in den hiesigen Kreisen, wie sich nicht verhehlen läßt, einen niederschlagenden Eindruck hervorgerufen. Indessen wird von allen besonnenen Vaterlandsfreunden ermahnt, mit dem Urtheil bis zu der binnen wenigen Tagen stattfindcndèn Sitzung nicht vorzugreifen.
Die „Spenersche Zeitung" bemerkt über die Ursache der Vertagung, wohlweislich aber, ohne es zu verbürgen, daß die Anregung nicht bloß von Hannover, sondern auch von den beiden süddeutschen Regierungen ausgegangen sei, welche sich bei dem letzten wichtigen Act in Berlin von der Coalition trennten.
Bis zum 17. Vormittags fehlten, wie der ki Corre- spondent der „Kölner Zeitung" berichtet, noch die Bevollmächtigten für Hessen-Darmstadt, Kurhessen, Baden und Nassau zu den Conferenzen, während die Bevollmächtigten für Sachsen, Württemberg und Bayern erst gestern hier eingetroffen waren. (S. u. Wiesbaden u. Darmstadt.)
Von anderer Seite heißt es, daß in Berlin noch vollkommene Unklarheit über die Natur der in Stuttgart gefaßten Beschlüsse herrscht. Es wurde dieses wenigstens so viel beweisen, daß diesmal das Amtsge- hoimniß treuer bewahrt worden ist, als nach der darm- städter Conferenz.
Ministerpräsident v. Manteuffel tritt heute die vorbehaltene Reise nach Putbus an, um Sr. Majestät dem König über den gegenwärtigen Stand der Zollsrage Bericht zu erstatten. Am Sonnabend kehrt derselbe nach Berlin zurück. Bis dahin, meint das „C. B." dürfte die Situation sich so weit geklärt haben, daß die Regierung in der Lage ist, den mit dem 7. Juli betretenen Weg weiter zu verfolgen.
Die „N. Pr. Z." läßt sich über den Erfolg der Stuttgarter Conferenz vernehmen wie folgt: Die Zolleinigung versichert man, sei von der Coalition in Stuttgart vorläufig daran gegeben, und es werde dafür nur der Abschluß eines Handelsvertrages zwischen Oesterreich und dem Zollverein gefordert. Diese Forderung erscheint schon etwas verdächtig durch den Beisatz, daß der Handelsvertrag gleichzeitig mit der zu beschließenden Reconstituirung des Zollvereins unter Aufnahme des Steuervereins ratificirt werden solle. Noch bedenklicher wird dieselbe durch die Bedingung einer grundsätzlichen Anerkennung des betreffenden durchaus präjudiciellen Wiener Vertragsentwurfs. Die Coalition legt mit solchem Verlangen in Wirklichkeit nicht eben den festen Entschluß einer aufrichtigen Verständigung an den Tag. (?) Denn ganz abgesehen davon, daß Preußen auf die materielle Basis der neuen Vorschläge nicht eingehen kann, ohne sich selbst namenlosen Schaden zuzufügen (?), muß schon in formeller Beziehung die sehr nahe liegende Möglichkeit eines nutzlosen Hinschleppens, oder gar einer absichtlichen Verzögerung (?) der Unterhandlungen entschieden von dem Betreten dieses Weges abmahnen. Wie die Dinge stehen, bleibt die Aufstellung einer kurzen, klaren Alternative das beste Mittel, die vorhandenen Schwierigkeiten zur Lösung zu bringen.
Die Erklärung der königlich preußischen Regierung vom 7. Juni ist zwar schon Gegenstand mehrfacher Erörterung und Widerlegung in der Tagespresse gewesen; allein eine vollständige Beleuchtung und Kritik der derselben zu Grunde liegenden Anschauungen und der mannichfachen hier einschlagenden Rechts- und Sachverhältnisse konnte, als zu weit greifend, nicht in Zeitungen, sondern nur in besonderen Monographieen erfolgen. Und eine solche ist jetzt, ganz zur rechten Stunde, erschienen. „Die Zollconferenz zu Berlin, die preußische Erklärung vom 7. Juni und die deutsche Zolleinigung" ist der Titel einer (bei Remmelmann in Leipzig) erschienenen Broschüre, welche sich durch ihre gemessene, fast wissenschaftlich zu nennel.de Haltung und