Nassauische Allgemeine Z
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Dienstag dm 20. Juli
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Die „Naffau:sä>e Sliiqemeine Zeitunff" mit dem be!ktrtftif*eii Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Thurn- und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff dès Postausschlags 2 ft, für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereinâ, wie für das Auèländ 6 ff. 21 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petit- zeile oder deren Raum mit 3 ke. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffc 42, auSwärlâ bei den nächstgtlegenen Postämtern, zu machen.
Die Lollfrage.
Der „D. Allg. Ztg." schreibt man aus Berlin vom 15. Juli: Die Angelegenheiten in der Zollfrage zwischen Preußen und Oesterreich kann man jetzt als gänzlich abgeschlossen betrachten, indem die Einigung zwischen diesen beiden Staaten so gut als vollzogen betrachtet werden darf. Die Haltung der officiö- sen Presse in Wien und Berlin hat sich bereits auch in ihren gegenseitigen Anfeindungen und Polemiken gänzlich beruhigt und es tritt nur eine Pause ein, um dann die freundschaftlickere Richtung im ^Gegensatze der früheren Haltung zur Geltung zu bringen. Nur die Darmstädter Koalition steht noch zwischen beiden Staaten und muß auf ein versöhnliche 26 eise in ihr altes Geleise hineinge- führt werden; Oesterreich hat es Preußen zur Bedingung gemacht, sich mit diesen Staaten abzufinden, und mit? soll dies in nächster Zeit bewerkstelligt werden. (?) Die Darmstädter werden aber auch bei den Unterhand-, hingen mit Preußen , die zwar mit jedem einzelnen Staate geführt werden, gemeinschaftliche Sache machen, und keiner von ihnen wird eine Einigung stattfinden lassen, wenn nicht nach vvrhergegangcner Berathung alle Staaten der Koalition übereinstimmen, auf eine Vermittelung resp. Einigung einzugehen. Die demnach in diesen Tagen stattgefundenen Berathungen in Kissi ngen, zu welchem außer dem baierischen Ministerpräsidenten Fürst Witgenstein für Nassau, Frhr. v. Dal- wigk für Darmstadt, Staatsrath von Neurath fürWür- temberg und Freiherr v. Schrenk sich dort eingefunden haben, gelten vorzüglich, eine Uebereinstimmung zu den Unterhandlungen mit Preußen zu Stande zu bringen und sich über ein gemeinschaftliches Programm zu einigen. Die Erwiderung auf die Erklärung Preußens vom 7. Juni steht nur in secundärer Beziehung, da, falls eine Einigung erfolgt, eine Erklärung nicht mehr nöthig oder doch' gänzlich modificirt werden müßte. (Dèr Köln. Ztg. wird beinahe wörtlich dasselbe berichtet.) Der Generallicutenant v. Rochow, preußischer Gesandter in Rußland, ist nicht mit dem Kaiser nach Petersburg gegangen, sondern wird noch hier zur Vermittlung mit den Darmstädter Regierungen in besonderen Missionen gebraucht ; seine neueste Reise nach Dresden bezieht sich gleichfalls auf Unterhandlungen in der Zollfrage. Bei dieser Parforcejagd von Unterhandlungen, Sendungen, ordentlichen und außerordentlichen Missionen, die alle von unserm Cabinet ausgehen, steht man recht deutlich, wie sehr unserer Regierung die Erhaltung des Zollvereins in seiner gegenwärtigen und noch vergrößerten Gestalt am Herzen liegt und wie alle Argumentationen, daß unsere Regierung keinen Nachtheil, sondern Vortheil von einem Ausscheiden Süddeutschlands aus dem Zollvereine habe, und daß die Darmstädter unserer Regierung zuletzt kommen müßten, was die hiesige Presse aller Schattirungen täglich declamirte, an betreffender Stelle fehlschlugen.
Ein neuer (M) Korrespondent der Kölm Ztg. will aus amtlicher Quelle die bestimmte Versicherung geben, daß Alles, was der N Korrespondent der Kölnischen Zeitung unter Berlin, den 13. Juli, von einer „definitiven Entscheidung der Differenz mit Oesterreich rücksichtlich der Zollfrage, von Punctationen des Hrn. v. Bismark, die von Sr. Maj. dem Könige unter Vortrag des Hrn. v. Manteuffel genehmigt sein sollen u. s. w.", geschrieben hat, eine leere Erfindung ist.
Wir machen darauf aufmerfam, daß neben dieser aus amtlicher Quelle geschöpften Behauptung unsere und der oben citirten Blätter Behauptung ganz gut bestehen können, indem das zweifellos erfolgte Eingehen auf die oft angedeuteten Unterhandlungen eine defi-i nitive Entscheidung der Zollfrage allerdings nicht ist, wohl aber diese erwarten läßt und indem ferner das Zugestehen der Forderungen Oesterreichs denkbar ist, ohne daß Punctationen (des abzuschließenden Handelsvertrages?) von Hrn. v. Bismark überbracht und (vor gemeinschaftlicher Berathung derselben bei den zu eröffnenden freien Konferenzen?) genehmigt wurden. Endlich wäre cs wünschenswerth gewesen, wenn der M Korrespondent sich etwas deutlicher über sein „und so weiter" ausgesprochen hatte, wenn ihm anders daran liegt, der Vermuthung keinen Raum zu lassen, daß eine solche vage auf Schrauben gestellte amtliche Berichtigung nur die Ablenkung der auf richtigem Wege befindlichen öffentlichen Meinung beabsichtige und in die Kathegörie der zur Paralysirung der Mittheilungen in der Neuen Pr. Ztg. dienenden, vorgestern von der D. A. Z. erwähnten, Widerlegungen gehöre.
Das Dresdner Journal hält, wenigstens zur Zeit
noch, die Nachricht von einer bevorstehenden Konferenz der Darmstädter Verbündeten in Frankfurt oder Darmstadt für unbegründet Und glaubt gleichzeitig, die Mittheilung der D. A. Z., daß die österreichische mit der preußischen Regierung ein Abkömmen in der Art getroffen oder versucht habe, daß ès der preußischen Regierung überlassen bleibe, eine Vereinbarung mit den Darmstädter Regierungen hcrbeizufühken^ als irrig bezeichnen zu können. Von Seiten des kaiseklichen Cabi- ncts sei aber ebenso wenig ein Schritt ohnè Mitwissen der demselben näher befreundeten Staaten geschehen als von Seiten der letzter» in umgekehrter Weise verfahren worden sei.
Nach der „Kölu. Zeitung" fehlt der Nachricht der „Neuen Preuß. Ztg.", daß Rußland auf Ansuchen der Koalition dem Ministerpräsidenten seine neuere Nachgiebigkeit empfohlen habe, freilich noch alle Bestätigung; an innerer Unwahrscheinlichkeit indeß leide dieselbe durchaus nicht. Die Unabhängigkeit der preußischen Prolitik von Oesterreich würde am Ende eben so sehr auch die Unabhängigkeit derselben von Rußland bedeuten, während die Abhängigkeit von Oesterreich nicht so bald eine exclusive werden dürfte, daß es nicht immer von Rußland abhängen sollte, dieselbe nach Bedürfniß zu lockern.
Der „Fr. Pztg." wird aus Berlin vom 17. Juli die Nachricht über den von Seite Rußlands gemachten Vermittelungsvorschlag mit dem Bemerken bestätigt, daß derselbe von Preußen vollständig abgelehnt sei. Hervorgehoben wird dabei, daß Se. Maj. der König nicht allein den in Rede stehenden russischen VermittelungsVorschlag zurückgcwiesen, sondern überhaupt alle und jede Einmischung eines auswärtigen Staates in innere deutsche Angelegenheiten und in Beziehungen deutscher Staaten zu einander als nicht vereinbar mit der Würde eines unabhängigen deutschen Staates bezeichnet habe.
Deutschland.
* Wiesbaden, 19. Juli. Die Assisenverhandlungen des III. Quartals im hiesigen Hofgerichtsbezirk nehmen heute ihren Anfang. Gegenstand der Verhandlung ist die Anklage gegen Joseph Denker und Jacob Frank von Rauenthal wegen ausgezeichneten Diebstahls.
* Wiesbaden, 19. Juli. Dem. Rachel, deren gestrige Leistung als Adrienne Lecouvreur den Enthusiasmus der äußerst zahlreichen Zuhörerschaft erregte, wird heute nochmals und zwar als Phädra auftreten.
t Diez, 14. Juli. Heute Morgen gegen 10 Uhr kamen Ihre Hoheiten der Herzog und die Frau Herzogin in einem zweispännigen Wagen, welchen der Herzog selbst lenkte, hierdurch und fuhren nach Oranien- stein. Als die hohen Herrschaften in Diez eintrafen, verkündeten Kanonenschüsse die Ankunft höchstderselben und das Geläute der Glocken tönte mitein. Bald darauf kam auch der Erbprinz hier an. Die Stadt war zum Empfang festlich geschmückt; überall wehten von den Dächern die Fahnen; die Häuser waren mit Laubgewinden bekränzt, insbesondere zeichnete sich die Kaserne durch geschmackvolle Decorationen aus. In Oranien- stein waren die Geistlichkeit, die Staatsdiener und der Gemeinderath der Stadt Diez versammelt, um die hohen Herrschaften zu begrüßen. Der Herzog und dessen hohe Gemahlin äußerten sich sehr wohlgefällig über diese Empfangsfeierlichkeiten, und schienen' davon überrascht zu sein.
15. Juli. Heute kamen Seine k. k. Hoheit der Erzherzog Stephan von Schaumburg in Oranienstein an, besuchten Se. Hoheit den Herzog, blieben zur Tafel und verweilten bis zum Abend daselbst. Vorher am Vormittag hatte Se. Hoheit der Herzog in Schaumburg einen Besuch dem Erzherzog gemacht.
16. Juli. Heute Morgen machte Se. Hoheit der Herzog in Begleitung des Fürsten Wittgenstein einen Ausflug zu Pferd nach Limburg, um den dortigen Dom zu besichtigen und kehrte gegen 10 Uhr wieder zurück.
Die hohen Herrschaften gefallen sich in Oranienstein sehr wohl, insbesondere ist der Frau Herzogin dieser Aufenthaltsort mit seiner freundlichen Umgebung höchst angenehm und der Erbprinz befindet sich gesund und wohl und dürfte das hiesige Klima stärkend und kräftigend auf denselben cinwirken.
C Griesheim, a. M. 17. Juli. Dieser Tage ereignete sich zwischen zwei Bürgern, der eine von Schwanheim, der andere von hier, ein eigener Fall
der Ehrlichkeit und des Vertrauens auf den Richter- spruch.
Die beiden Freunde konnten sich über eine Abrechnung nicht ganz einigen. Die bestehende Freundschaft wurde jedoch hierdurch nicht aufgehoben, beide gingen zusammen in ein Wirthslocal um ein Glas zusammen zu trinken, dabei kam nun der betreffende Punkt wieder zur Sprache, jeder glaubte Recht zu haben, und jeder überließ dem anderen eine Klage bei Amte anzustellen. Ich will Dich verklagen, sagte der eine, aber damit es keine Kosten gibt, so gehst Du gleich mit zum Amt- mann, wir tragen unsere Sache vor und fügen uns seinem Urtheil. Recht, so sagte der andere und so geschah's. Beide blieben Freunde. Das ist doch ehrlich gehandelt und könnte durch Nachahmung manch langdauernder Proceß und manch; bedeutender Kostenaufwand erspart worden.
Uebrigens habe ich auch über einen Gegensatz zü berichten, was ich mir jedoch noch Vorbehalte.
/ Mainz, 18. Juli. Die Brände mehren sich in unserer Stadt auf wahrhaft schreckenerregende Weife. Heuke Vormittag 11 Uhr brach — zum dritten Male in sehr kürzer Zeit — in dem Holzhofe des Bauunternehmers Geher, vor dem Neuthor Feuer aus, das binnen der kurzen Frist von anderthalb Stunden den dort aufgehâüften ungeheuren Holzvorrath, zu welchem erst den Tag zuvor eine ganze Schiffsladung riesiger Baumstämme hinzugekommen war, das Wohngebäude und das Nebengebäude iii welchem sich eine durch Dampf betriebene Schneidemaschine befand, in Asche legte. An Hilfe war nicht zu denken, es galt nur das Feuer auf seinen Heerd zu beschränken und von den nahe gelegenen Holzmagazinen abzuhalten, was bei der glücklicherweise herrschenden Windstille vollkommen gelang.
Der Hrn. Geyer zugegangene Schaden wird auf 40,000 fl. geschätzt. Die Entstehung des Feuers wird auf verschiedene Weise angegeben. Nach einigen soll das Feuer im Schornsteine der Schneidefabrik ausgebrochen, nach andern durch unvorsichtiges Umgehen mit einem angezündeten Schwefelhölzchen angegangen sein, welches im Wohnzimmer einen Vorhang ergriff und durch die Nähe vieler brennbarer Stoffe so viele Nahrung und so schnelle Verbreitung sand.
Kassel, 16. Juli. Heute Nachmittag um 3 Uhr hat die Eröffnung des Landtags stattgefunden. Se. k. Hoheit der Kurfürst hat diese feierliche Handlung selbst vorgenommeu.
Die Thronrede lautet:
Meine Lieben und Gelreuen, die Stände deS Kur- fürstenthums!
Es gereicht Mir zur besonderen Genugthuung, wirkliche Stände des Landes um Meinen Thron versammelt zu sehen, und Mein landesväterliches Herz findet Befrie- digung darin, Sie mit dem vollkommenen Vertrauen auf Ihre verfassungsmäßige Thätigkeit willkommen zu heißen.
Der Ihnen gewordene Beruf bringt eS mit sich, daß Sie diese Ihre Tyätigkeit auf neu gegebenen Grundlagen beginnen.
Die unerschütterlichen Fundamente der Monarchie waren durch die im Jahre 1851 getroffenen Verfassungseinrichtungen in so bedenklicher Weise berührt worden, daß die dauernde Vereinbarung der einen mit der andern bezweifelt werden durfte. Ma konnte sich jedoch früherhin der Hoffnung hingeben, es würde der vorhandene Widerstreit auf eine, den gegebenen Ordnungen der Staate« entsprechende, friedliche Weise ausgeglichen werden. Indeß haben die revolutionären Bewegungen der jüngstver- floffenen Jahre die dem Bundesrechte feindlichen Rich- tUngen, welche in jenen Verfassungsbestimmungen cinge- schlossen waren, zur vollen Erscheinung gebracht, und jene längst gehegten Gedanken zur unwidersprechlichen Gewißheit erhüben.
Die Bundesversammlung hat die schwer bedrohten Grundlagen der Monarchie wiederhergestellt; durch ihre von Mir verkündigten Beschlüsse ist die Verfassungsurkunde aufgehoben, und bin Ich in den Stand gesetzt worden, die Verhältnisse des Staates anderweit zu ordnen. Durch neue Verfassungsbestimmungen sind die, dem gottfeindlichen Gedanken der Volkshoheit angehörig gewesenen Anordnungen der früheren Landesverfassung mit ihren dem allgemeinen Wohle widerstreitenden Folge» dauernd beseitigt, und witd ein Rechtszustand mit voller Sicherheit verbürgt.
Der die Steuern verweigernde Beschluß der letzten Versammlung, welche aus jenen verderblichen Grundlagen hervorgegangen war, hat das Land, nach dem Bundesrechte, nicht allein in den Zustand des Aufruhrs versitzt,