Nassauische Allgemeine Zeitung.
TW 158. Donnerstag den 8. Juli 1852
Bestellungen auf das dritte Quartal der Nassauischen Allgemeinen Zeitung werden baldigst erbeten.
Die „NaffamsSce «Uffemeine Zeitilnft" mit dem bcUeirisliscdcn Beiblatt „Der Wanderer" erfdteint, S-nntaqS ausgenommen, tägu» und betragt der PiânumerarioneprciS für W-rSbaren und, nach dem neuen ^oftreflusari» nunmehr au» ben ganjen Umfang des Thurn- und ZanSWn PerwaÜun gäbéjirt« mit Inbegriff deS PostaufscklagS 2 fl., für die übrigen Länder des temf»-i>lterrei»if»en Posluerems, wie für das Ausland 2 ff. 24 fr. — Inserate werden die breifpaltige Pe! jeite ober deren Raum mit 3 fr. berechnt!. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. g r i e b r i » , Panggaffe 42, auswärrs bei den nä»ftgetegenen Postämtern, zu machen.
Nebersicht.
Die Iollfrage.
Deutschland. Frankfurt. (Der VcrfassungsauSschuß. Straf« colonicen. Gräfin Bergen.) — Koblenz. (Die Prinzessin von Preußen.) — Köln. (Der Dom.) — Kassel, lBestätigung der Kammerpräfirenten. Die Fricbr.-Wilh.-Norv- bahn. Verurtheilungen.) — Stuttgart. (Aus den Kammern.) — München. (St. Alban.) — Berlin. (Die Neuenburger Frage. Angetommenc.) — Wien. (Das alphabetische Waarcnoerzeichntß. Vermischtes.)
Frankreich. Paris. (Die Verfassung. Das Fest vom 15. Aug. Graf Chamborr. Aenderungen im Ministerium. Vermischtes.)
Schweiz. Aus der Schweiz. (Verurteilung.) Spanien. Madrid. (Canalifirung des Ebro.) Dänemark. Kopenhagen. (Die Reichstagswahlen.) Großbritannien. London. (Die Unruhen in Stockport.
Lord Palmerstou'S Schreiben an die Wähler. Die Wahlen. Neueste Nachrichten.
Die IvUsragc.
Ein gut preußisch gesinnter Korrespondent der Allgemeinen Zeitung aus Berlin macht die folgenden interessanten Geständnisse: „Der Empfang der Freihan- del-Deputation bei dem Minister-Präsidenten und die immer näher rückende Möglichkeit einer Auflösung des Zollvereins, erfüllen unsere Industriellen mit großen Sorgen. Sie gewinnen am Steuer- vereine einen großen Markt, während sie einen fünfmal größeren in Deutschland verlieren; ja der Steuerverein führt ihnen nicht einmal neue Eonsumenten zu, da Hannover, Oldenburg und Mecklenburg preußische Manufacte aller Art längst zu beziehen gewohnt. Der Verbrauch derselben ist namentlich in Süddeutschland bei gleicher Kopfzahl und gleichen Wohlstandsstufen ungleich bedeutender als in unserem Norden, und man darf behaupten, daß der Flor der Manufacturen, dieihrenSitz in Elberfeld und Berlin haben, wesentlich auf dem Absätze in Bayern, Baden und Würtembcrg beruht. Sobald dieser Absatz aufhört, feiern Hunderttausend!!, und die Rheinlande wü-den dasselbe Schauspiel bieten wie Sachsen (?), wenn cs sich vom Zollvereine lossagt. Aber mit der Verlegenheit würde sich auch das Mittel zeigen, sie wenigstens theilweise zu überwinden. Unsere Fabrican- teii würden ihre Geschäften abzweigen oder verlegen, sie würden mit dem Kern ihrer Arbeiter und ihrer Capitalien das Feld verlassen, auf dem sie die Con cur- renz aller Welt zu bestehen haben, und sich damit über die Grenze unter den Schutz des österreichisch -süddeutschen Handelsbundes und seines Tarifes flüchten. Die reinen Freihändler fürchten keine Conflicte, keine erheblichen Verluste und weisen auf das Meer und den Export; aber Jahre werden vergehen, bis der ungeheure Verlust durch Ausfuhr gedeckt ist und das ausgewanderte Capital wieder zu uns zurückkehrt. Wir haben Fabricanten gesprochen, deren Entschluß für den Fall der Sprengung des Zollvereines bereits feststeht: sie bauen in Wien eine Fabrik, und machen dort dieselbe Waare, die sie seit der Einführung des neuen österreichischen Tarifes mit dem größten Erfolge in Ungarn und Oberitalien absetzen. Wer das Capital nicht hat, auf diese Art die drohende Calamität zu überwinden, der wird mit allen Interessen, die sich an ihn knüpfen, das Opfer der unheilvollen Conjunctur werden. Wir erinnern daran, bevor die Diplomatie die Würfel über Sein und Nichtsein von zahllosen Existenzen fallen läßt." — Damit wäre auf einmal von Berlin aus Alles bestätigt, was wir schon seit Monaten voransgesagt haben I
Die „Augsb. Allg. Zeitung" bringt ferner nachstehenden Artikel:
Die „Austria" spricht in einem Aufsatze mit der Ueberschrift „die Zolleinigung, Preußen und die Mittelstaaten", uuverholen aus, daß, wenn es Preußen gelänge, den Zollverein neu zu gründen, der österreichische Handelsvertrag keine günstigen Aussichten mehr hätte, und bei der engherzigen Sonderpolitik Preußens dann der Gedanke der Zolleiniguug ganz aufgegeben werden müßte. Alle Freundlichkeit des Herrn v. Bismark hat also nicht hingereicht, die Erklärung des Hrn. v. Manteuffel in der Zollconferenz am 7. Juni vergessen zu machen. Wäre sie irgendwo vergessen, seine neueste
grobkörnige Manifestation gegen die Berliner Freihan- delsdcputation müßte die Wunde neu aufreißen. Die Austria behauptet weiter: daß der deutsche Bund und ein preußiischer Zollverein mit Vielen oder Wenigen nothwendig in Conflict gerathen müßten, denn dem Bunde würde durch einen Separatverein der wichtigste Theil seines Inhalts (die Handelsangelegenheit) entzogen ,' während der Haudelsverein über kurz ober lang politische Institutionen, gemeinsames Consularwesen, Flotte rc. schaffen werden, die bei der Politik Preußens gegen den deutschen Bund gerichtet werden und diesen „der trostlosen Schwäche und Bedeutungslosigkeit" überantworten müßten. Das Blatt ermahnt also die süddeutschen Staaten, diese Gefahr nicht aus dem Auge zu verlieren, und nicht etwa „aus übertriebenen Finanz- rücksichten" in Schwanken zu gerathen, besonders da der Erfolg vor Berliner Politik auf die erwartete Einschüchterung dieser Staaten berechnet sei. — In Berlin gibt man sich die Miene, als ob man nicht blos Süddeutschlaud entbehren könne, sondern froh sei, endlich diese Last los zu werden. Nach meiner Ansicht ist es eine Uebertreibung im Interesse der guten Sache, wenn man die Preußen glauben machen will, sie könnten ohne den Süden nicht existiren. Erstens werden sie es nicht glauben, und zweckens können sie wirklich ohne den Süden auskommen. Es fragt sich nur wie? Der österreichische Gedanke der Zolleinigung beruht auf so soliden Grundlagen, daß daran die preußische Regierung schwerlich etwas verrücken kann; es ist gewiß nicht eine Spe- culation auf irgend ein Handelssystem, sondern einfach ein Postulat der geographischen und politischen Confi- gurationen. Würde sich Preußen jemals in einem norddeutschen Zollverein wohl fühlen können. Zuerst ist die eine Hälfte dieses Staates, wie das Hamburger Portfolio unlängst richtig bemerkte, auf die Ostsee angewiesen, und dort fühlt es den russischen Druck und den dänischen Schrösifkopf am Sunde. Dort hinaus liegt keine Zukunft für den preußischen Staat, wie die unglückliche Erprobung der Machtlosigkeit in den schleswig-holsteinischen Wirren gezeigt. So bleibt also noch die Nordsee, welche man durch den Septembervertrag gewonnen. (Und vollends die Rheinprovinz!) Wir wollen diesen Gewinn nicht unterschätzen, jwie dieß auf unserer Seite Parteiparole zu sein scheint. Aber wir fragen nur: in welche Abhängigkeit Preußrn dadurch zu einem Mittelstaat, zu Hannover geräth? Hannover hält die Küste, und eiu Küstenstaar kann sehr leicht eine eigene selbstständige Handelspolitik verfolgen. Hannover wird also nicht durch innere Verhältnisse, sondern nur durch Vertrag und nur auf die Dauer dieses Vertrages au Preußen gebunden bleiben. Den ganzen Süden und die Zolleinigung verliert Preußen, und gewinnt nur die Nordküste, um diesen einzigen Vortheil festzuhalten wird es also zu allerlei Opfern von demjenigen genöthigt werden können der den Vortheil geben oder verweigern kann. Dieß ist Hannover, und die Hannoveraner sind ganz die Leute dazu, diese Situationen richtig zu durchschauen und zu ihrem Nutzen auâzubeu- ten. Handelspolitisch ist Hannover, Preußen ganz ebenbürtig, und Preußen, das sich so eifersüchtig aus seine „handelspolitische Autonomie" gezeigt, müßte dann mit einem Mittelstaat in eine Reihe sich stellen.
Die Antwort, welche die Regierungen der Darmstädter Convention auf die Erklärung der preußischen Regierung vom 7. v. Mts. ertheilen werden, ist nun, wie der A. A. Ztg." aus München geschrieben wird, vollständig gereift, und es dürfte mithin dieselbe alsbald an den Ort ihrer Bestimmung gelangen. Erhaltung des Zollvereins neben'billiger Verständigung mit Oesterreich ist hier wie in ganz Bayern das Losungswort bei allen Verständigen.
Auch ein Münchener Korrespondent der „N. Würzb. Ztg." will vernommen haben, daß er vom Ministerpräsidenten Dr. v. d. Pfordten verfaßte Entwurf einer Antwort der in Darmstadt verbündeten Regierungen auf die preußische Erklärung in der Zollconferenz vom 7. Juni von Seite der übrigen Regierungen keinerlei Beanstandung gefunden , Vielmehr deren Zustimmung erhalten habe, und da die Antwort nunmehr vollständig gereift sei, so dürfte deren Abgabe an Preußen in kürzester Frist, vielleicht schon im Laufe dieser Woche erfolgen. Wie ich weiter höre (sagt derselbe Corresp.), soll diese Antwort, sobald sie sich in den Händen der preußischen Regierung befindet, der Oeffentlichkeit übergeben werden.
Ein Berliner Corr. der K. Z. meldet vom 4. Juli:
Gestern wurde mir der Brief eines einflußreichen Di lomaten aus Wien im Original vorgezeigt. Derseli ist größtentheils angefüllt mit den vielen Ehrenbezei gungen, die sowohl in Wien, wie in Pesth und Ofe dem Herrn v. BiSmark persönlich durch den Kaiser vr Oesterreich, wie durch die Minister Graf Buol ui Dr. Bach zu Theil wurden; cs wurde hinzugefügt, dc bis jetzt wohl nie ein preuß. Diplomat seines Rang, einer solchen Aufnahme sich erfreute. Zum Schlüsse w, es ganz zuversichtlich ausgesprochen/daß die Misste des Herrn von Bismark glücken werde, und daß au. in der letzten zwischen Oesterreich und Preußen stre tigen Frage, der Zoll und Handelsangelegenheit, c einer Ausgleichung nicht ferner zu zweifeln sei, welche Umstand jenes Schreiben als die größte Wohlthat fi Deutschland, die Sicherung des europäischen Frieden bezeichnet.
Der Correspondeut fügt hinzu: Sie können au dem Schlußsätze allerdings die Richtung des Briefste lers ziemlich deutlich erkennen, und obwohl wir diesel! nicht theilen, so lassen die in dem Schreiben entha teilen positiven Thatsachen wohl keinerlei Zweifel zi an deren Richtigkeit man nicht glauben müßte.
Die „N. Pr. Z." und das „C. B." lassen ch jetzt ziemlich übereinstimmend über die neueste Erklärun Preußens in den Zollconserenzen aus. Demnach «c dieselbe eine den zeitherigen Verbündeten gegenüber bi obachtete angemessene Form, welche, wie die „N. P Ztg." Hinzusetzt, den Beweis liefert, „daß nicht Prer ßcn die Auflösung des Zollvereins herbeizuführe strebt, daß es vielmehr kein Mittel unversucht läßt, de in der Darmstädter Coalition befindlichen Vereins regierungen die Rückkehr izum Zollverein offen zu Hal ten, ohne dabei der eigenen Entschiedenheit Eintra zu thun". Von „glaubwürdiger Seite" ist der „Ji Pr. Z," versichert worden, daß die Regierung beabsist tige, nach Ablauf einer in solchen Fällen üblichen Ze (etwa 3 Wochen) einen ganz kurzen Termin für Abgak der Erklärungen anzuberanmen, um sie, wie das „C. B. hinzufügt, zu zwingen, sich entweder ohne Weiteres fü den Verbleib im Zollvereine zu erklären und die Nich tigkeit aller bisherigen Opposition einzugestehen oder sich blindlings den österreichischen Plänen hinzu geben.?
Es soll der Zöllig von Preußen das Ministerin» angeregt haben, die Entscheidung in der Zollsrag zu beschleunigen, damit der für Handel und Jndustri so nachtheiligen Ungewißheit ein Ende gemacht werde Das betreffende königliche Schreiben soll am 3. Jul in Berlin eingcgangcn sein; cs wird behaupte! dasselbe habe den Willen des Monarchen ausgesprochen daß, wenn nicht bald eine unzweideutige Erklärung voi den Regierungen der Darmstadter Union gegeben werde die Verhandlungen mit denselben gänzlich abzubrechei seien. In Folge dieser Kundgebung des Willens Sr Majestät ist die letzte Erklärung der diesseitigen Regie ruug erfolgt.
Dem „Frankfurter Journal" wird folgende interes sante Bemerkung ausThüringen mitgetheilt: Dai Verhältniß der thüringischen Staaten und der kleiner Enclaven in Preußen zu dem Zollverein einerseits uni zu Preußen andererseits ist bisher außer Acht gelasser worden. Und doch ist cs interessant genug. Da die. selben sich in der Kündigung des Zollvereins Preußer nicht angeschlossen hatten, die Kündigungsfrist aber vorüber ist, so gehören sie auf w e i tere 12 Jahr, dem Zollve rein. Daß man vergaß, sie an dem preußischen Kündigungsacte theilnehmen zu lassen, schein! dafür zu sprechen, daß man sich in Berlin des Sieges ganz sicher dünkte, daß man daselbst nicht anders glaubte, als, es würden die größeren süd- und mitteldeutschen Regierungen sich unbedingt dem Willen Preußens fügen. Nun haben sich aber die Dinge anders gestaltet. Diese Regierungen nahmen eine impouirende Haltung ein, machten keine Miene, nachzugeben. Sie entschlossen sich, den Zollverein, den sie rechtlich-bilden, fortbestehen zu lassen und in nähere Beziehungen zu Oesterreich zu treten. Eine Garantie des Zollvereins durch diese Großmacht, wäre die natürliche Folge davon gewesen. Oesterreich und der Zollverein würden alsdann darauf bestanden haben, daß diese Staaten, welche rechtlich zum Zollverein gehören, auch bei demselben verbleiben , würden für die Aufrechthaltung der ^Zollvereinsverträge ausgetreten sein; Preußen Hingegea hätte dieselben, wie kaum zu zweifeln, für seinen Zollbund beansprucht. Man kann als gewiß annehmen, daß