Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 1LS
Sonntag den 27. Juni
1882.
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Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationèpreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn« und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages 2 fL, für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 fL 2â Ek.
Durch den „amtlichen Theil" dieser Zeitung gelangen Kundmachungen der Regierung am frühesten zur Kenntniß des Publicums. Die Assisen und Landtagsverhandlungen werden mit möglichster Schnelligkeit und Ausführlichkeit mitgetheilt. Ueber die Vorfälle und Zustände im Lande sowie von außenher berichten zahlreiche und zuverlässige Correspondenten, während der für Wiesbaden äußerst günstige Postverkehr es ermöglicht, die Nachrichten aus Norddeutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien rc. früher, andere gleichzeitig mit den in der Umgegend erscheinenden Blättern zu bringen.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" erfreut sich deßhalb einer bedeutenden, stets zunehmenden Verbreitung und eignet sich dadurch besonders zur Veröffentlichung von Anzeigen aller Art. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet.
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Uebersicht.
Das Kloster Marienstat.
Deutschland Schlangenbad (Großfürstin Olga. Die Kaiserin von Rußland). — Eltville (Zur Sittengeschichte).
— AuS d er Provinz (LandwirthschaftlicheS).—Frankfurt (Der Bundestag. Conferenz süddeutscher Buchhändler).
— Coburg (Auflösung der Stände). — Dresden (Gen. Rochow). — Göttingen (Versammlung der Philologen. Orientalisten rc. v. Bothmar). — C ob lenz (Dampfschifftaufe). — Berlin (Dänische Treue. Zollconferenz. Vermischtes). — Hamburg (Oberstl. v. d. Heide). — Von der Eider (Wegräumung des schlesw.-holst. Kriegsmaterials). — Wien (Begnadigungen)., Frankreich. Paris (Das „Journal de la Cour". Eisenbahn. Montalembert. Vermischtes).
Türkei. Konstantin o p el (Ferman über die Darleihe. Seeräuber. Die Unruhen in Damascus).
Ostindien. Bombay (Der Krieg gegen die Birmanen). America. Baltimore (Der Prästdentschaftcandivat). —
New-B ork (Koffuth).
Neueste Nachrichten.
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'Das Kloster Marienstat.
-s- Aus dem Avalgau, Mitte Juni. Wir besitzen hier an der Nister ein Gebäude, an welchem unser Herzogthum einen wahren Schatz besitzt und welches zu großartigen industriellen Entwicklungen unseres Landes benutzt werden könnte, wie schon von verschiedenen Seiten her beantragt wurde, aber bisher immer noch ohne Erfolg. Doch hatten diese mehrfachen Anträge wenigstens daS Gute, daß man auf daS mehr als fürstliche Gebäude eine größere Sorgfalt verwendete und eS durch ein neues Dach dem drohenden Untergang entriß. Wer dieses Gebäude nicht selbst gesehen, durchwandert hat und sich vielleicht darin verirrte , hat gar keinen Begriff von demselben. Wenn dieser großartige Palast, in welchem man mehrere sehr 'ausgedehnte Fabriken neben einander einrichten könnte, im Lande gebührend bekannt wäre, so würde sich gewiß die allgemeine Theilnahme demselben zuwenden und man würde von allen Seiten dahin arbeiten, ihm eine gemeinnützige Bestimmung zuzuweisen. Man würde gern bedeutende Opfer bringen, um auf dieser glücklichen Grundlage Großes zu erzielen. Man wird sich von dem Umfang dieses Gebäudes einen ohn- gefahren Begriff machen können, wenn man bedenkt, daß eS beinahe dreihundert Räume in sich faßt, von denen ein bedeutender Theil große Säle bildet. Das Kloster ist schon von mehreren gemeinnützigen Nassauern zu einem ArbeiiShaufe vorgefchlagen worden. Wir schließen unS ganz diesem Wunsche an und zwar in dem Sinne, daß d:r Charakter einer Strafanstalt möglichst ferne gehalten würde, da wir ja bereits zwei Anstalten dieser Art für mehr oder weniger Strafbare besitzen. Unser Vorschlag wäre: auS diesem geistlichen Palaste eine großartige Musterwerkstätte zu machen, wie sie die belgische Regierung in den letzten Jahren mit so glücklichem Erfolge eingerichtet, so daß dieselben auch bereits von den besten Organen der deutschen Presse als Muster für deutsche Zustände und Bestrebungen ausgestellt werden konnten. Wir würden hierin einen großartigen Hebel besitzen, auf unsere ganze Industrie in nachhaltiger Weise anregend einzuwuk-n. ES wäre allerdings im Interesse unured Landes sehr zu wünschen, daß Marienstat im Centrum des Landes läge, damit die Mufterwerkstatten ihre bele- benden Strahlen nach allen LanVeStheilen gleich unmittelbar und kräftig auSstromen konnten; doch hat auch die Lage im Nordwesten des Herzogtums,
nach dem Rhein und wichtigen Handelsbezirken hin ihre Vorzüge, indem für die großartige Industrieanlage vor Allem auswärtige Märkte erstrebt werden müßten.
Einem Theil der Jndustrieanstalt könnte man die Einrichtung der sogenannten Werkhäuser geben, für welche unter Andern daS deutsche VereinSblatt für vaterländische Arbeit ausgetreten ist. Es sind dies bekanntlich geräumige, mit Werkzeugen und Verarbeitungsstoffen versorgte Gebäude, die im Winter geheizt und beleuchtet werden, um den arbeitskräftigen und fleißigen aber arbeitslosen Arbeiter aufzunehmen und ihm Obdach und Beschäftigung zu geben. Der gesicherte, wenn auch niedrigere Arbeitsverdienst, als er im gewöhnlichen Verkehr herrscht, schützt hier den auf längere oder kürzere Zeit Arbeitslosen vor Noch und Mangel erspart der Hei- mathSgemeinbe beS fortan Beschäftigten die Nothwendigkeit der Unterstützung und mildert den Druck der schweren Zeit. AuS dem Grunde daß eS schwierig fei, die geeigneten Arbeiten aufzusinden und stetS bereit zu halten, daß die Herbeischaffnnq der Roh- ÜMe größere Auslagen erlorder^E-LsA der j&M kauf der Waaren manche Gewerbtreibende belästige, hat besonders Naville sich gegen solche Werkhâuser ausgesprochen. Doch die Erfahrung läßt diese Schwierigkeiten nicht in dem ihnen beigelegten Gewichte auftreten und der überwiegende Nutzen die gerin- genBklâstigungen leicht verqess-n. Wittwen, alte kränkliche Personen finden hier Unterstützung. Würde man in dieser Anstalt den Lohn so hoch setzen, wie ihn der in seiner Wohnung Arbeitende zu ziehen pflegt, dann würden allerdings die Schwierigkeiten in Verwaltung solcher Anstalten unüberwindlich sein. Aber einerseits die Sicherheit des Verdienstes, andererseits die Rücksicht auf die Deckung der Kosten, die die Anstalt veranlaßt, ferner die Verfolgung des eigentlichen Zweckes der Anstalt, nämlich nur denen Arbeit zu geben, die solche augenblicklich anderwärts zu finden nicht im Stande sind, sowie schließlich die Gerechtigkeit gegen die in ihrer Wohnung Beschäftigten rechtfertigt die Maßregel, daß der in diesen Werkhäusern bezahlte Lohn nicht die im Verkehr herrschende Höhe erreiche. In größeren Städten kann man die Wirksamkeit dieser Werkstätten noch durch einige Maßregeln erweitern, die nur zum Theil auf Marienstat passen würden, nämlich durch Errichtung einer Suppenan- stalt mit dem WerkhauS, einer Kleinkinderbewahranstalt, einer Vorschußkasse die kleinere Geldbeiträge darreichl oder Rohstoffe oder Werkzeuge zur Weiterverarbeitung verschafft. Eine eigne Art von Werk- Häusern sind jene, die ein viel benutzbares aber im Ankauf und der Unterhaltung kostspieliges Werkzeug oder eine Maschine aufstellen, um gegen mäßige Vergütung sie svon den betreffenden Gewerbtreiben- den benutzen zu lassen.
Sache der Gewerbevereine ist es hier, thätig einzugreifen, die Gewerbtreibenden auf ihr Interesse aufmerksam zu machen, den Ankauf zu vermitteln und so mit großer Ersparung für die Einzelnen ganzen Gewerbszweigen die Möglichkeit zu sichern, gegen die Maschinenarbeit fortzübestehen, z. B. die Tuchweberei durch Aufstellung einer Tuchscheer- Maschine. Wohin ist die ehemals so blühende Lei- nen- und Tuchfabrication des Westerwaldes und Taunus gekommen? Beide sind fast ganz auSge- ftorben. Solchen verkommenen Industriezweigen hat Belgien durch seine Musterwerkstätten neu aufgeholfen. Sind wir auf Taunus um Westerwald zu klein für die so klar ausgesprochene Aufgabe der Zeit? Der landwirtschaftliche Verein will in rühm- lichem Streben M-keinenindustrie Hülfreich unter die Arme greisem
Haben wir keinen Gewerbverein im Lande, welcher auf diesem Streben weiter fortbauen könnte? An die Gewerbevereine deS Landes läßt das leerstehende Marienstat seine große Mahnung ergehen; denn sie sollten bei der Landesregierung die Initiative ergreifen. Wenn ein Industrieller von schöpferischem Geiste für die Leitung deS gewerblichen Theils und ein tüchtiger kaufmännischer Kopf für die Eröffnung der nöthigen Märkte an die Spitze der Anstalt angestellt würden, könnte daS Gedeihen derselben nicht fehlen. Die erste Einrichtung würde allerdings große Kosten verursachen; aber wie viele Leute haben wir nicht schon sagen hören, daß sie gern jährlich ein Paar Steuersimpel mehr bezahlen wollten, wenn sie dem unerträglichen Bettel damit abhelfen könnten! Und soll denn die edle Sitte wohlthätiger Stiftungen garnicht mehr auftauchen? In der katholischen Welt regt sie sich aufs Neue, die protestantische will auch nicht, wie bereits schöne Beispiele beweisen, Zurückbleiben. Marienstat liegt in einem lieblichen Thal, wenn auch die Umgegend weniger freundlich ist. ES eignet sich so recht zu „einer .ElsichungSstätte der Gewerdthätigkeit, intern auch eine bedeutende Wasserkraft in der Nister vorhanden ist. Für das Klima des Thales im Verhältniß zur Umgegend bezeichnend ist die Sage von dem sich zwischen Schnee erhebenden blühenden Dorn, dusche, welcher in der interessanten Geschichten des mächtigen Klosters eine so große Rolle spielt. In paradiesischem Thale stehen die wahrhaft kaiserlichen Räume. Wie lange werden sie sich noch ein Volk suchen müssen, welches groß genug ist, um seine Ausgabe in demselben zu erfüllen?
Deutschland.
□ Schlangenbad , 25. Juni. Morgen begibt sich I. K. Hoheit die Großfürstin Olga nach EmS. J. M. die Kaiserin wird morgen den Johannesberg besuchen, und auf dem Rückwege mit Ihrem Bruder dem Prinzen v. Preußen, der von der Begrüßung seines königl. Bruders zurückkehrt, Zusammentreffen.
cf Eltville, 24. Juni. Gestern und heute wurden zwei des Mordes angeklagte Individuum gefänglich hier durch und dem Criminalgericht zu Wiesbaden überliefert. Ersterer Faust von Winkel; derselbe erhängte seine 14jährige Tochter im Schornstein, indem er ihr einen Strick um den Hals knebelte und hierbei beide Hände mitbefestigte, nicht ahnend, daß diese Operation das Leben seiner Tochter retten würde. Die Unglückliche arbeitete schwebend in der Lust hängend mit den beiden Händen, wodurch die eine Hand sich loS wand und Spielraum genug bekam um so lange zu rütteln, bis der Balken, an dem sie befestigt, aus den Fugen trat und mit feinem Opfer herunter fiel; gerade in dem Augenblicke als der unmenschliche Valet' im Begriff war, seine zweite Tochter ebenfalls an denselben Balken zu erhängen.
Durch daS Geschrei der Kinder wurde die Nachbarschaft aufmerksam und der Mörder in feinem gräßlichen Vorhaben gestört. Derselbe ergriff die Flucht, wurde jedoch alöbalv einfangen und der Gerechtigkeit überliefert. Faust steht in bösem Leumund und hat bereits CorreckionShanSstrafe erlitten, auch steht er dermalen bei H. Justizamte Eltville in Untersuchung wegen Diebstahls.
Der zweite deS MordS angeschuldigte heißt Kramer, wohnhaft auf der Kisselmühle bei Hallgarten. Im Jahr 1848 fand man dessen Frau eines Morgens in der Küche am Kamine kauernd mit abgeschnittenem Halse. K r a m e r war verdäch-