Beilage zur Nassauischen Allgeinetnen Zeitung.
J2 126. Montag de» SL Mai 18*2.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme deS Sonntags. — Der vierteljährige Pränumecationspreis für WieSbaven und, nach dem neuen Po st regulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebtetes mit Inbegriff deS Postaufschlages nur 2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur Ä fl. 84 kr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e l len be r g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Versammlung der Industriellen in Halle.
Deutschland. Frankfurt (Der TodeSbund. DieFlotten- beamten). — AuS Baden (Der Conflict wegen desTrauer- gotteSdiensteS). — München (Der Landtagsabschied). — Altenburg (Die deutschen Grundrechte). — Berlin (Beschluß deS Freihandelsvereins. Verm.). — Oldenburg (Vorlage an den Landtag. Beitritt zum Septembervertrag). — Wien (Die neue Anleihe. Berryer).
Frankreich. Paris (Die Fusion. General Leflo. Heecke- renS Mission. Erklärung über das Kaiserthum. Verm.).
Großbritannien. London (v. Hülsemann).
Neueste Nachrichten.
Die Versammlung der Industriellen in Halle.
*Auf dem in Halle (am 28. d. M.) abgehaltenen Kongreß Industrieller und Handelstreibender waren etwa 300 Personen versammelt.
Man einigte sich dort über nachstehendes Programm: Die in der heutigen Versammlung zu Halle vereinigten Vertreter deS Gewerbe- und Handeiö- standeS auS den verschiedenen Ländern deS Zollvereins fühleif sich gedrungen, öffentlich die Ueberzeugung auszusprechen, daß, abgesehen von den unsüg. lich traurigen politischen und moralischen Folgen nur in Bezug auf die materielle Wohlfahrt bietet Länder eine Zerreißung deS Zollvereins das größte Unglück für Alle fein würde ; daß im Gegentheil neben einer neuen festen Einigung auch die Ausdehnung deS Vereins auf die Staat-n, die durch den Vertrag vom 7. September ihren Beitritt erklärt, haben, sowie aus die übrigen norddeutschen Staaten dringende Nothwendigkeit und Wunsch ist, daß demnächst nicht minder der spätere Abschluß einer engern commerciellen Verbindung mit Oesterreich anteilig wünschenSwerth erscheint und eS sür daS Wohl aller und besonders der süddeutschen Länder so umfassend alS irgend mit den höhern Gesammlinlereffen sich verträgt, in Aussicht gestellt und möglichst durchge- führl werden möge, daß aber vor allem in kürzester Zeit über die Fortdauer deS Zollvereins Bestimmtheit gegeben werde- damit der unerträgliche Zustand der Ungewißheit, in welcher zur Zeit die Gewerbszweige aller VereiuSlânder schmachten, eine Ende erreiche.
Zugleich wurde ein volkSwirihschaftlicher Verein deS deutschen Zollverbandes gebildet. Die Statuten deS neuen Vereins lauten ihrem wesent- Jnhalte nach: 1) der volkSwirthschaftliche Verein deS deutschen ZollvcrbandeS macht sich die Erhaltung deS Zollvereins und die Förderung der Volks- wirthschaftlichen Interessen in demselben zur Aufgabe ; 2) der Verein besteht vorläufig auf zwei Jahre; 3) der Verein hat zur Leitung seiner Geschäfte einen Ausschuß von sieben Mitgliedern, aus welchen auch der Präsident gewählt wird; der Ausschuß kann sich aus Mitgliedern des Vereins bis zu 21 Mitgliedern ergänzen; derselbe verfügt über die Geldmittel deS Vereins rc.; 4) die erforderlichen Gelder werden durch Beiträge der Mitglieder aufgebracht, die mindestens 2 Thlr. jährlich pro Mitglied betragen; 5) eS findet jährlich eine General- Versammlung statt, und zwar in Berlur, dem Sitze deS Ausschusses; die außerordentlichen Generalver. sammlungen können auch anderwärts abgehalten werden; 6) der Ausschuß entscheidet durch Stim- menmchrheit; derselbe AbstimmungSmoduS findet in den Generalversammlungen statt; bei Stimmengleichheit gibt der Präsident den Ausschlag.
Zum Ausschuß wurden die Herren Degenkolb (Degenkolb führte den Vorsitz in der Versammlung), Buhl, Pfeiffer, Leye, Overweg, Jacob und Dr. Kuhnheim gewählt.
Die Einladung zu diesem Kongreß war wie bereits mitgetheilt wurde, auSgegangen von Industriellen, welche nach der Sitzung deS Frankfurter Vereins zum Schutz vaterländischer Arbeit vom 6. April wegen deS in der Zollfrage gefaßten Be- schluffeS ausgetreten waren. Dieser Beschluß lautete: „Der Verein begrüßt, seinen leitenden Grundsätzen getreu, die beabsichtigte Einigung deS Zoll, und Steuervereins mit lebhafter Freude und ersuch) zugleich sein Präsidium als erste und höchste Aufgabe die Reconstituirung deS Zollvereins zu erstreben,
I delsübereinkunft deS Zollsvereins mit Oesterreich
I auS den Augen zu verlieren".
Vergleicht man daS in Halle beschlossene Programm, so ergibt sich, daß die Art der Handelöbe- ! ziehung zu Oesterreich präciser und günstiger für Oesterreich formulirt, dagegen aber klar ausgespro> chen wurde, der Abschluß dieser der engeren commerciellen Verbindung erst nach Reconstituirung deS Zollvereins und Herbeiziehung deS Steuervereins erfolgen soll. Die „N. Pr. Ztg.", welche seit Kurzem in Entfaltung einer wahren Fktihan- delSpolitik daS alleinige Heil Preußens erblickt und mit prophetischem Geiste schon die Gruppen der dankbar um daS große Preußen geschaarten Staaten wahrnimmt, zieht nun (mit hochgehobenem Freihan- belSbanner gegen diese Beschlüsse und die Beschließenden zu Felde.
Sie beschuldigt sie deS Eigennutzes der Unfähigkeit, ihre Aufgabe in ihrem eigenen Geschäftskreise zu erfüllen, der Anmaßung, als geeignete Vertreter der ganzen Nation gelten zu wollen. Nicht Zolleinigung mit diesem oder jenem, sondern Zoll- einigung mit Allen, b. h. Handelsfreiheit sei daS allgemeine und tief gefühlte Bedürfniß.
Abgesehen davon, daß Preußen am allerwenigsten in der Lage ist, dieser Freihandelöpolitik jetzt schon zu folgen, müßte ein Hinneigen zu derselben die Stellung deS Augenblickes sehr erschweren. Indessen scheint die FreihauvelSpolittk die Parole deS TageS zu sein.
Wie die „D. A. Z." berichtet, hat nämlich die preußische Regierung Anfangs voriger Woche eine Note nach Wien gesendet, in welcher sie in längerer Ausführung darauf hinweist, wie eS auch dem Jn- I lereffe Oesterreichs zuwideriaufe, wenn die preußische Regierung in ihrem „wohlbegründeten Rechte" auf Reconstituirung des Zollvereines durch einen Theil der bis jetzt dabei beteiligten Regierungen ein Hinderniß erleide; denn durch die materiellen und finanziellen Verhältnisse sei die preußische Regierung gezwungen, eine i h r e n LanveSdedürfn ls se n angemessene Stellung in der Handelspolitik einzunchmen, und sollten jene Regierungen bei ihrer Opposition verharren und sich dem bestandenen Zollvereine feindselig enlgegcnsteUen, so würde die preußische Regierung in die Lage versetzt, eine Handelspolitik zu befolgen, die ihrem Lande und dem Norden Deutschlands allein zu gute kommen würde; sie würde aber die Idee einer Etnignng in weitere Ferne schieden, wenn nicht gar gänzlich unmöglich machen.
Die „N. Preuß, Ztg." geht auf den angeschlagenen Ton ein. Unbegreiflicher Weise zieht sie aber gegen einen Beschluß loS, der den von der Regie, rung abgegebenen Erklärungen nach Reconstituirung deS Zollvereins auf eine HandelSeinignng mit Oesterreich eingehen zu wollen — ganz entspricht. Wie lassen sich nun die frcihândlerischen Ausfälle erklären ? Entweder erscheint eS der ,>N. Pr. Ztg." unzeitgemäß und störend für den Gang der Verhandlungen, daß ein von preußischen Industriellen veranlaßter Kongreß sich so warm für eine enge commercielle Verbindung mit Oesterreich ausspricht, oder ihr ist die Art dieser Verbindung zu innig, weil sie nur die Reconstituirung deS Zollvereins erreichen und alle weiteren „Anbahnungen" und „Ueberein» künfte" der Zukunft überlassen, wir wollen nicht sagen ad calendas graecas verschoben sehen will.
Der Eingang ihres Artikels läßt dies nicht undeutlich errathen : Er lautet: Der Zollverein mit seinen hohen Schutzzöllen, die Ausdehnung dieser Schutzzölle auf den Steuerverein, die enge commer- cielle Verbindung (auf Deutsch: die Zolleinigung) mit Oesterreich, das war der Speisezettel, der auflag, und der gute Appetit der Herren hat, wie wir sehen sich gleich an alle Gerichte gemacht.
DaS Verbrechen der Hallenser Herren, deren Ansichten über die Gefährdung deS Zollvereins durch die Darmstädter Koalition und über den in Berlin einzuhaliendkn Gang der Verhandlungen wir übrigens durchaus nicht theilen, war, daß sie eben einer Zollt ei nigung mit Oesterreich überhaupt gedacht haben.
DaS Directorium deS JndustrievereinS für daS Königreich Sachsen und der Ausschuß deS Fabrik- und Handelsstandes in Chemnitz hat an die Serbin» • dung der Industriellen zu Halle eine offene Adresse i gerichtet, der wir folgende wichtige Stelle entnehmen: DaS Fallen der Zollschranken im Norden
Meere läßt unS einen neuen Aufschwung unserer Gewerbethätigkeit erwarten; allein in gleichem Maße ist unS auch die Zolleinigung mit unserm großen Nachbarstaats Oesterreich willkommen, nnd wir halten den (aufrichtigen Willen von beiden Seiten vorausgesetzt) eine solche nicht nur ausführbar, sondern wir sehen dieselbe mit den ZollvereinSinteressen alS vollkommen vereinbar an, wenn das gedachte Verhältniß in einem fest bestimmten Zeitabschnitt nach und nach eintritt während wir vom localen und mit wenigen Ausnahmen auch vom industriell sächsischen Standpunkte auS, einem raschen sofortigen Anschluß nicht entgegen sein würden. Dabei wollen wir nicht leugnen, daß unS die Art und Weise mit welcher in den letzten Jahren die österreichische Regierung auf materiellem Gebiet vorangegangen ist, so viel Vertrauen eingeflößt hat, daß wir die Betheiligung österreichischer Staatsmänner an der Leitung deS Zollvereins, wenn diese durch den Beitritt Oesterreichs eintreten sollte, für die VereinS- tnteressen in nicht geringem Grade fördernd halten und mithin den Bestrebungen, solche Verhältnisse herbeizuführen, nur beipflichten können.
Deutschland.
Frankfurt, 28. Mai. (M. I.) Von Bremen aus wurde Bericht über das dortige Fortbestehen geheimer revolutionärer Gesellschaften hierher geschickt. Eine dieser Gesellschaften nennt sich den „TodeSbund"; die Mitglieder theilen sich in sog. Kcilsectio- nen und.Hefeseciionen. Sie haben keine bestimmten Versammtungâplätze, sondern vertheilen sich in Gruppen zu fünf und sechs Personen in die öffentlichen Wirthshäuser, von wo auS sie sich durch Sendboten ihre Mittheilungen machen. In den aufgefundenen Briefen der Art Leute spielt Koffltth eine Hauptrolle; ihm stünden bereits zehn Millionen Dollars zu Gebote und bald werde man eö erleben, daß sich die americanische Kriegsflotte für ihn erkläre! — Derartige Vorspielungen bethören den Unerfahrenen und namentlich sind eS Handwerksbursche, die man bis jetzt zu fortwährenden Geldbeiträgen (hört l) zu gewinnen weiß. Da nunmehr dieses Treiben durch ganz authentische Actenstücke zur Kenntniß der Behörden gekommen ist, so werden mit den erforderlichen Eröffnungen wohl auch die sachdienlichen Maßregeln nicht auf sich warten lassen.
Mit Ende September ist der Vertrag unserer Stadt mit der Theaterbireciion abgelaufen. Dieser Vertrag war so günstig für die Direciion, daß man den reinen Gewinn derselben nach Abzug aller Unkosten binnen der drei letzten Jahre auf 130,000 fl. berechnet. Freilich ist eS wahr, daß Directyren, die nur auf drei Jahre Verträge abgeschlossen haben, wenig auf die Oekonomie der Anstalt verwenden werden. WaS seither an Honorar für Theatermaler und Machinisten erspart wurde, wird der Nachfolger doppelt verwenden müssen. AlS solchen bezeichnet man biS jetzt die Gebrüder Blanc, bisherige Directoren deS grünen TifcheS in Homburg.
In Betreff derjenigen Marinebeamten, welche von dem Reichsverweser nicht mit Vorbehalt angestellt worden, soll nunmehr die Verfügung von Seiten der Bundesversammlung vorliegen, daß ihnen zu ihrer anderweitigen Verwendung in dem BundeS- dienste der Non-ActivitâtSgehalt zuzutheilen sei.
Obschon der Bestand des FlottenpersonalS^be- reitS ansehnlich verringert worden, betragen die Ausgaben für daS Geschwader auch jetzt noch 1000 Thlr. täglich.
Frhr. A. v. Rothschild befindet sich wieder auf dem Wege der Besserung. — Einige deutsche Regierungen sollen, wie verlautet, sich mit dem Arange- ment der deutsch-dänischen Angelegenheit nicht einverstanden erklärt haben. — Die Stimmung für die neue österreichische partielle Silberanleihe von 35 Millionen darf als eine entschieden günstige bezeichnet werden.
Aus Baden, 28. Mai Wie der unfreiwillige Rücktritt deS Redacteurs der „Freiburger Zeitung" beweist, ist der Conflict der erzbischöflichen Curie mit der Regierung leider noch nicht beigelegU Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit die Bemerkung, daß auch die Israeliten unseres Landes bei der Todtenfeter für den verstorbenen Großherzog nicht die bei ihnen übliche Traurranvacht ft^en, spätern