RWlltsche Mgcmeme Zeitung.
^ LIS Samstag den 22. Mai L8S2
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für'den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufsclilages nur 2 für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur S fl. tr. — Jnsera te werden die dreispaltige PetU^eile oder de-eu Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenderg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Deutschland. Wi e Sbad cn (Landtagsverhandlung. Los- sen's Antrag angenommen. Einladung nach Halle. Versammlung deS Vereins für Naturkunde). — Aus dem Justiz-Amt Hochheim (Einbruch). — Camberg (Prüfung im Taubstummeninstitut). — Aus dem Avalgau (Consolidation). — Hachenburg (Berichtigung). — Frankfurt (Die Fondsbörse). — Stuttgart (Abreise des Königs. Verein der Eisenbahnverwaltungen). — München (Gerichtsorganisation). — Hannover (Aus der Kammer. Abreise des Königs nach Berlin. Gesetzvorlagen).
— Köln (Koffuth'S Mutter. Raveaur's 'Wittwe ) — Berlin (Zollverhandlungen mit der Schweiz. Die Zoll- conferenzen. Rußlands Intentionen. Schluß der Kammer- fitzung. Der Kaiser von Rußland. Die Großfürstin Olga. Die dänische Erbfolge. Vermischtes). — Bremen (Rössing).— Wien (Kaiser Nicolaus und Fürst Windischgrâtz. Die Herzogin von Berry. Unglück auf der Südbahn).
$ranfreid), Paris (Das Schreiben des General Chan- garnier, des General Lamoriciere und des Grafen v. Chambord. Vermischtes).
Italien. Turin (Rentenconvertirung. Rücktritt des Ministerpräsidenten).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Lehrer Demmer in Philipp stein ist am 25. April mit Tod abgegangen.
Lehrer Seibert in Cleeberg ist zum Lehrer in Philippstein, Lehrer Maurer in Laimbach zum Lehrer in Cleeberg, Lehrgehülfe S p a n cuS in Wehen zum Lehrer in Laimbach ernannt, dem provisorischen Lehrvicar Keiper in Steinbach die Lehr« gehilfenstelle in Wehen, dem Lehrvicar Grün in Neuweilnau die Lehrvicarstelle in Steinbach und dem Schulcandivaten Dorn von Grâveneck die Lehrvicarstelle in Neuweilnau in provisorischer Eigenschaft übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Deuts eh land.
* Wiesbaden., 19. Mai. In der heutigen Sitzung der ersten Kammer wurde der von dem Abg. Lossen in der Zollfrage gestellte Antrag:
»die Regierung zu ersuchen, bei den Zollconse- renzen in Berlin die fernere Erhaltung des Zollvereins zu vermitteln, weiter aber nach Herbeiführung eines Zoll- und Handelsvertrages mit Oesterreich, der später zu einer Zoll- und Handelseinigung führen könne, zu streben", mit überwiegender Slim» menmehrheit (10 gegen 5) angenommen.
Für den Antrag stimmten; Möller , Lossen, Trombetta, Kraus, Schütz, Syberg, v. Bock, Bellinger, Höchst, GrafWalvernborff; gegen denselben: v. Löw, v. Eck, Bertram , v. Marschall, Wilhelmi.
△ Wiesbaden, 20. Mai Zu den Unbegreiflichkeiten der Zeit gehört gewiß auch die nach Halle ausgeschriebene Versammlung preußischer Industriellen, die als ihr Programm die Wahrung des Zollvereins gegen Die Sprengung desselben durch die Darmstädter Beschlüsse aufstellen. Eine solche Kühnheit ist doch noch nicht dagewesen, daß man Leuten vom Fache zu sagen unternimmt, daß die in Darmstadt vereinigten Regierungen die Sprengung deS Zollvereins wollten, während diese Regierungen gerade seine Erhaltung mit den klarsten Worten festsetzten und gleichzeitig aussprechen, daß obwohl der Zollverein ihnen von Preußen aufgekündigt worden sei, sie denselben unter sich fort setzen wollten, wenn auch Preußen auSlreten sollte.
Während also Preußen den Zollverein durch Kündigung auflöf'te, schreiben preußische Industrielle, die für diese Auflösung sind, eine Versamm
lung zur Erhaltung deS Zollvereins auS, und während der Freihandel vom Norden auS immer mehr herandringt, stellen die Ausschreiber sich auf diesen nordischen Standpunkt, und laden Süd- und Mitteldeutschland ein, für die Kündigung deS Zoll- Vereins und für dieses nordische Streben, unter der Firma; Erhaltung des Zollvereins, sich nach Halle begeben zu wollen! Man sieht, daß man uns viel zutraut.
+ Wiesbaden, 18. Mai. Die Sectionen des Vereins für Naturkunde werden sich am 2. und 3 Juni zu Hadamar versammeln. Die Geschäftsführung hat Professor Barbieur übernommen, für die Sitzungen ist der Saal des Gymnasiums von der Direktion bereits auf das Freundlichste zur Verfügung gestellt.
< Aus dem Justizamte Hochheim, 21. Mai. Die Vermuthung, daß in hiesiger Gegend eine wirkliche DieSbande besteht, gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit. So wurden in einer Nacht der vorigen Woche einem Müller in Breckenheim mittelst Einsteigen in die Mühle 4V3 Malter Mehl gestohlen und um diesen Diebstahl zu verüben, bedurfte eS der Kraft mehr als eines Individuums. Der Bestohlene entdeckte feinen Verlust noch in derselben Nacht, hatte auch auf mehrere Personen starken Verdacht und beantragte deshalb bei dem Herrn Bürgermeister eine Haussuchung, welche dieser eben wohl mit dem Bemerken ablehnte, daß er zu einer solchen erst die justizamtl. Erlaubniß haben müsse. (!) ES ist dies schlimm, wenn ein Bürgermeister nicht befugt ist, in einem solchen Falle eine Haussuchung bâ-Perjonen , welche in dem Verdachte der verübten That stehen,, vorzunehmen, denn während die berichtliche Anzeige an Herzl. Justizamt geht und dieses sich an Ort und Stelle verfügen kann, haben die Diebe volle Zeit, ihren Raub in Sicherheit zu bringen. ES ist dies nun schon der zweite nächtliche Diebstahl in unserm Amtsbezirke innerhalb 8 Tagen; wie eS indessen möglich war, in eine mitten im Dorfe liegende Mühle einzusteigen und ein so starkes Quantum Mehl fortzuschaffen, ohne daß die Nachtwache Etwas hiervon wahrnahm, ist ein Räthsel, welches nur darin seine Lösung finden dürfte, daß die nächtliche Polizei in vielen Orten nur sehr fahrlässig auSgeübt wird.
N Camberg, 14. Mai. Gestern wurde dahier die Taubstummenprüfung abgehalten. Wie feit einigen Jahren die Zahl der die Taubstummenanstalt besuchenden Kinder immer mehr abgenommen hat, so scheint im Vergleiche zu früheren Jahren leider auch daS Interesse für diese so nützliche und wohlthätige Anstalt und die Theilnahme an der Prüfung immer mehr und mehr zu erkalten. Der Herzogliche PrüfungscommissariuS, Herr Professor- Schmitt, nahm daraus Veranlassung, am Schluffe der Prüfung an die Anwesenden eine kurze Anrede -zu halten, die zwar in ihrer Schönheit und Herzlichkeit hier nicht wiedergegeben werden kann, deren Hauptinhalt jedoch in weiteren Kreisen bekannt und wohl beherzigt zu werden verdient. Herr Professor Schmitt dankte den Anwesenden für die Theilnahme, welche sie an der Prüfung, und für daS Interesse, welches sie dadurch für die Anstalt beweisen; sprach aber sein Bedauern auS, daß der Zudrang der Theilnehmer, der in früheren Jahren so zahlreich gewesen, sichtlich abgenommen habe; weit trauriger alS diese Wahrnehmung sei eS jedoch, daß, obgleich nach seiner Ueberzeugung bei der vermehrten Bevölkerung deS HcrzogthumS die Zahl taubstummer Kinder selbst nicht geringer geworden sei, doch die Anzahl der Zöglinge der Taubstummenanstalt sich in den letzteren Jahren vermindert habe. Dies Letztere habe seinen Grund theils darin, daß das Vorhandensein taubstummer Kinder in herzloser Gleichgültigkeit für deren Ausbildung und auS niederen Rücksichten auf die dafür zu bestreitenden Ausgaben öfters absichtlich verheimlicht würde, theils auch in einer zwar natürlichen, durch daS Unglück solcher Kinder gesteigerten, aber doch, weil das wahre Wohl derselben nicht bedacht werde, zugleich blinden unvernünftigen Liebe mancher Eltern, besonders mancher Mütter, die sich von ihren taubstummen Kindern nicht trennen wollten. Wenn diese jedoch bedächten, welches Glück sie ihren sonst un
glücklichen taubstummen Kindern durch eine Erziehung und Ausbildung in der Taubstummenanstalt bereiteten und mit welcher Freude und Wonne sie dieselben einst wieder auS der Anstalt abholen würden (Herr Prof. Schmitt führt hierzu ein ihm auS der Jugendzeit erinnerliches, sehr rührendes Beispiel von einem Taubstummen an); wenn jene Gleichgültigen und Hartherzigen bedächten, sdaß sie ihre taubstummen Kinder nicht durch zeitliches Vermögen glücklich machen können, wenn sie geistig vernachlässigt und verwahrlost 'bleiben; wenn die Gemeinden bedächten, daß, wenn sie für die Ausbildung und Erziehung vermögensloser taubstummer Kinder nicht Sorge tragen, diese ihnen lebenslänglich zur Last fallen und ihnen stets zum Vorwurf gereichen; und wenn da, wo weder die Eltern taubstummer Kinder, noch die betreffenden Gemeinden hinlâng, liche Mittel zur Bestreitung der zur Ausbildung solcher Kinder nöthigen Ausgaben besitzen, nur guter Wille gezeigt und daS Vorhandensein solcher Kinder nicht verheimlicht werde, da nötigenfalls der Staat, wie er eS auch bisher gethan, für solche sorge: so würde in Zukunft keinem taubstummen Kinde die Wohlthat der Erziehung in der Ta-b- stummenanstalt mehr entzogen bleiben.
Schließlich bat Herr Prof. Schmidt alle Anwesenden, in ihrer Heimath auS deren Umgegend zu erzählen, was sie an diesem Tage bei der Prüfung zu Camberg gesehen und gehört hätten. Sich sodann zu den Lehrern wendend, von deren einem mittlerweile ein.Gebet zum Schluffe der Prü, fung an die Tafel geschrieben worden war, endete er darauf bezugnehmend mit den Worten: was sonst eine Prüfungsfeier erhöhe, ist hier unmöglich, nämlich Gesang; aber beten könnten die Taubstummen, und mit ihnen betend wollen wir die Prüfung beschließen-
Wenn auch die Wärme und Herzlichkeit, mit welcher Herr Prof. Schmitt diese Anrede hielt, sich auS diesen Zeilen nicht ersehen lassen, so sei doch wenigstens «»gedeutet, daß die Wahrheit seiner Worte und ihr ergreifender Vortrag die Herzen aller Zuhörer so mächtig bewegte, daß kein Auge thränenleer blieb. — Möge das Angeführte von den Eltern oder Verwandten taubstummer Kinder, sowie insbesondere auch von den Geistlichen und Lehrern und von Allen, die eS näher angeht, wohl erwogen und beherzigt werden, und dazu beitragen, daß kein taubstummes Kind mehr von der Ausbildung, wodurch es erst ein Mensch wird, ausgeschlossen bleibe: daS ist der Zweck, warum dies zur Oef, fentlichkeit gebracht wird.
Zugleich aber kann ich nicht umhin, hierbei noch die Frage zu berühren: kann der Staat solche Ellern, die ihren taubstummen Kindern die nöthige Ausbildung nicht verschaffen oder geben lassen wollen, nrcht dazu zwingen? Ich behaupte unbedingt: Jal denn wenn, wie eS unbestritten ist, die Eltern verpflichtet sind, ihren Kindern nicht nur das tägliche Brod, sondern auch die nöthige Ausbildung zu verschaffen, so hat der Staat, wenn Eltern diese Pflicht versäumen, nicht nur daS Recht, sondern sogar die Pflicht, für die unmündigen Kinder einzustehen und ihnen zu ihrem natürlichen Rechte der Eltern gegenüber zu verhelfen.
-s-Aus dem Avalgau, Mitte Mai. Wenn unsere südliche Nachbarn an dem Saynbach zur alten Bezeichnung ihrer Gegend zurückkehren und den Namen deS »EngerSgau" gern vernehmen; so wollen auch wir hier im Nisterthal unsere Gefilde wieder mit dem altehrwürdigen Namen deS Aval- gau's bezeichnen. Wenn der Engersgau gar an seine wichtige Thonindustrie erinnert, so reden wir hier mit Vergnügen von landwirthschaftlichen Dingen, und ich erlaube mir heute, Ihnen Einiges in diesem Sinne mitzutheilen und zwar über eine Angelegenheit, welche unS Nassauern zur Ehre gereicht und bereits nach andern deutschen Ländern hin anregend gewirkt hat. ES ist dies die Consolidation der zersplitterten Güter zu möglichst abgerundeten und zweckmäßig gelegten Compleren. ES hat diese Thätigkeit in unsern Gauen neuervingS die Aufmerksamkeit der preußischen Regierung auf sich gezogen und es sind zu wiederholten Malen preußische Commissionen in unserm Lande gewesen, um unser Verfahren in dieser für daS Gemeindewohl unglaublich wichtigen Wirksamkeit kennen zu lernen. Im