RassimW AllMkme Zeitung.
M 117.
Mittwoch den LS Mai
1832.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumecattonSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postanfschlageö nur S fl., für die übrigen Länder dès deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur 2 fl. SA kr. — Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu mache».
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Zur Zollfrage.
Deutschland. Wiesbaden (Landtagsverhandlung). — Aus dem EngerSgau (Gewerbeschulen und industrieller Aufschwung). — Von der Lahn (Der evangelische Verein).
— Hachenburg (Armenunterstützung). — Vom Rhein (Zur Würdigung der Rheinschifffahrtsfrage). — Karlsruhe (Beitritt zum Paßkarteuverein). — Freiburg (Hirtenbrief des Erzbischofs). — Dresden (Die Darmstädter Uebereinkunft). — Berlin (Vincke's Interpellation über die VerfaffungSbestimmung. Die „Krisis". Die Zollfrage. Vermischtes). — Kiel (Das schleswig-holsteinische Nationallied verboten). — Ischl (Die Königin von Preußen). — Wien (Medaille auf den Besuch des Czaren. Der DonauschifffahrtSvertrag. Die Zollanschlußfrage).
Frankreich. Paris (Der Nachklang des Maifestes. Eon- vertirung der Rente).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Lehrer Schneider in Steinfischbach ist in den Ruhestand versetzt, Lehrer Oswald von Dietenhausen zum Lehrer in Steinfischbach und zum Lehrer in Diebenhausen der frühere Lehrer Höngen zu Kirschhofen ernannt worden.
Nichtamtlicher Theil. — Zur Zollfrage.
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△ Die neueste Schrift von Wilh. O e ch e! h â u se r „vergleichende Statistik der Eisenindustrie aller Länder ic.", bietet ein so reiches Material zur richtigen Würdigung der schwebenden Zollvereinsfrage über, Haupt als der Interessen der deutschen Eisenindustrie dar, daß eS wohl nicht unnütz sein dürfte, dieses treffliche Merkchen vom Slandpuncte .des nassauischen ElsengewerbeS einer kurzen Besprechung zu unterwerfen.
Der Verfasser ist dem Princip nach gemäßigter Freihändler, der eben so weit entfernt ist, einen lebensunfähigen Industriezweig durch künstliche Mittel auf Kosten deS Gemeinwesens stützen zu wollen, als ein alteS umfangreiches tief in alle NahrungSver hâltniffe eingreifendes Gewerbe, das alle Keime der äußersten Concurrenzfâhigkeit in sich trägt, wie die deutsche Eisenindustrie eS ist, ohne Weiteres über Bord zu werfen, weil eS diese Fähigkeit in Folge außerordentlicher Umstände auf einige Zeit eingebüßt hat, aber unter Beihülfe geeigneten Schutzes bald wieder erlangen muß. Es wären abstraclen Theo» retikern unter den Freihändlern die deS wohlfeilen „laisser faire“ zu ihrem einzigen Dogma gemacht haben, sehr zu empfehlen, daß sie diese gründliche Schrift zum Werkzeuge ihrer Belehrung machten, dann würden sie — wenn sie ernstlich wollten oder könnten — auf das schlagendste nachgewiesen finden, daß all ihr Gepolter von Bereicherung der Fabricanten, von Benachtheiligung der Landwirth, schäft ic. eitle Täuschung ist, wie fit immer auS Verfolgung einer abstrakten Theorie in Anwendung auf das Leben und zumal auf die Volkswirthschaft entspringt, ^n der Volkswirthschaft gibt eS nun zwar nur ein einziges wahres Dogma, das ist aber nicht das „Gehenlassen", sondern daS „Leben- und Lebenlassen". Wer von diesem Satze abgeht, der gerâth auf solche Irrwege, auf welchem unsere Stockfreihânbler umherlappen.
Oechelhâuser geht, nachdem er den Leser kurz in die Technik deS Eisenhüttenwesens eingeführt und die Statistik der Eisenerzeugung aller Länder nach den besten Quellen kritisch aufgestellt hat, in Erörterung der ökonomischen Lage der vereinSländi- schen Eisenindustrie ein, wobei er den interessanten und reichhaltigen Stoff so geschickt verarbeitet und vergleicht, daß ein lebensvolles getreues Bild sich
vor dem Geiste des Lesers entrollt , das ihm die, durch Parteientstellung so sehr verwirrte und getrübte, für unser Vaterland so wichtige Angelegen« Heil, zur klaren;, mathematisch sicheren Anschauung bringt. Man muß sich nach dieser Darlegung über, zeugt halten, daß ein PreiSgeben der vereinSlândi- jchen Eisenindustrie an die gegenwärtig stärkere englische und belgische Concorrenz eine unendlich größere Calamitât für den Zollverein und Deutschland wäre, als die temporäre Beschützung dieses wichtigen und großartigen GewerbSzweigeS. Man kann vom vaterländischen Standpunkte auS sichrem geistreichen und fleißigen Verfasser nur zum innigsten Dank verpflichtet fühlen, daß er keine Mühe gescheut hat, über die Frage von den Eisenzöllen ein so kla reS Verständniß , ein so helleS Licht zu verbreiten. Welcher wahre Vaterlandsfreund wollte wünschen, daß eine Industrie geopfert würbe, die in ihren rohesten Theilen und bei ihrer jetzigen gedrückten Lage noch 450,000 Menschen im Zollverein ernährt; die in diesem Zustande den Eingeweiden der Erde jährlich noch ein Capital von 45 Millionen Gulden abgewinnt, wovon 75 pCt. für Arbeitslöhne entfallen; die sehr leicht auf daS doppelte und dreifache gesteigert werden kann; auf der wegen der großen zu bewegenden Massen fast die ganze Zukunft unseres Transportwesens und besonders die der Eisenbahnen beruht — und die die Wehrkraft deS Volkes u. f. w. bedingt. Auch der verstockteste Joealog wird nach Durchlesung dieser meisterhaften Schrift, wenn er nach gründlichen Beweisen zugänglich ist, sich gestehen müssen, daß die Verfolgung von Volks- wirihschaftlichen Idealen zu argen Verwirrungen führen kann und daß eS eine schwere Kunst ist, daS wahre Dogma aller StaatSkunst, das „Leden- und Leben lassen" zu eurer gedeihlichen Verwirklichung zu bringen
Auf die speciellen Interessen der nassauischen Eisenindustrie rücksichtlich der schwebenden Zollfrage übergehend, kann man sich nicht verhehlen , daß eö wegen deS gewonnenen Zusammenhanges derselben mit der preußischen, der sich am deutlichsten in der Verarbeitung nassauischer Erze und nassauischen StabeisenS in ven Kohlendistricten an der Ruhr, der noch eine großartige Erweiterung bevorsteht, ausspricht; ein beklagenSwertheS Ereigniß wäre, wenn Nassau sich von Preußen trennen wollte; man darf dabei aber auch nicht übersehen, daß der bei weitem größte Theil der nassauischer Erzeugnisse nicht seinen Absatz in Preußen, sondern in Süddeutschland findet, wohin sie nach dieser weiteren Verarbeitung gebracht werden. Stellt man die Frachibeträge der nassauischer Rohprodukte nach der Ruhr und die der fertigen Maaren von da bis wieder nach Lahnstein zusammen, so wird eS klar, daß die Verarbeitung nassauischen Eisenerze und Roheisens wenigstens eben so vortheilhaft mit Ruhr- oder Saar-Kohlen am Ausfluß der Lahn auf nassauischem Gebiete geschehen könnte, wodurch die Interessen unseres Landes nicht wenig gesördert würden. Wenn das bisherige Wechselverhâitniß Naffau'S mit Preußen in Folge einer Zollconcurrenz allerirt werden sollte, so würde allerdings eine Unterbrechung und zeitweise Stockung unseres Absatzes eintreten müssen, dieses würde aber auch sicherlich dann geschehen, wenn der September.Vertrag mit Hannover realifirt wird, da daselbst voraussichtlich ungeheure Massen britischen Eisenö aufgchüuft werden, die keiner Versteuerung unterliegen und gewiß den Eisenmarkt auf längere Zeit verderben. Es ist auch, abgesehen von den nachiheiligen Folgen dieses Vertrages für unser Eisengewerbe, leicht voranSzu- sehen, daß dann, wenn diese Einwirkung vorüber ist, unserer Eisenindustrie keine bessere Zukunft be- vorstehl; denn eS liegt sowohl nach den Erörterungen OechelhäuserS über diesen Gegenstand, wie auch in der Natur unseres EisengewerbeS klar begründet vor, daß die Ruhreiseninbustrie mit Hülfe unserer eigenen Erze und der bei den Kohlen entdeckten Eisensteine , unsere Roheisenerzeugung im höchsten Grade benachtheiligen, wenn nicht ganz erdrücken wird. Welchen enormen Verlust unser Land dadurch an angelegtem Capital und Verminderung der Walbrente ic. erleiden muß, liegt klar vor Augen. Wir werden zwar einen größern Aufschwung unseres Eisenbergbaues eintreten sehen, aber nur im Gebiet der Lahn, waS aber auch dann geschehen wird, wenn wir an Süddeutschland fest
halten; ohne daß dann unsere Roheisenerzeugung deßhalb bedroht ist. —
Wenn wir dagegen bei Preußen bleiben, ist für Letztere kein anderes Mittel zur Rettung übrig, als die eigne weitere Verarbeitung deS EisenS in werthvollere Produkte, worunter der Stahl oben an zu stellen wäre — und dazu bietet sich allerdings sowohl in unseren Arbeitskräften, wie in den Braunkohlen der gesundeste Anhalt dar, der mit Umsicht und Geschick benutzt in allen Fällen wegen der Trefflichkeit deS Eisens dem Ruin des wichtigsten nassauischen Industriezweiges vorbeugen kann. Wie wir bei der unerfreulichen Lage und unseren Gewerbs-Interessen, die keinen kräftigen Vorschub und keine gesunde ausmunternde Würdigung finden können, auS diesem Dilemma kommen sollen, muß dahin gestellt bleiben. DaS Vertrauen auf eine glückliche Lösung kann nur schwach sein.
AuS bieserDarlegung, die von ganzunparteiischem Gesichtspunkte entstanden ist, geht unzweifelhaft her, vor, daß für die nassauische Eisenindustriellen kein Grund vorliegt, daS absolute Festhalten an dem Zollverein zu wünschen; denn eS ist weder für sie noch für unser Land überhaupt, bezüglich der Eisenindustrie in ihrer jetzigen Gestalt davon besondere- Heil zu erwarten.
Deutschland.
Wiesbaden, 15. Mai. (Sitzung der ersten Kammer.) Außer dem bereits Gebrachten kamen in der Sitzung der ersten Kammer vom 15. Mai, Verhandlungen über den Antrag deS Geistl. Raths Schütz und über ein Gesuch der Aemter deS Rheingaus um Anlegung einer Chaussee von RüdeSheim nach Niederlahnstein vor:
Zu ersterem hatte der Ausschuß auf Annahme deS Antrags in der Weise gestellt, daß die Regierung ersucht werde, den 8. 7 deS Gesetzentwurfs vom 25. Nov. v. I. in der Art zu ändern, daß den Bischöffen das Recht sich vertreten zu lassen, unbeschränkt ertheilt werde.
v. Eck erklärte sich dagegen, weil jenes Gesetz kein definitives Gesetz sei, jedenfalls im Ganzen verordnet werben müsse, eine VertretungSbefugniß über- Haupt ihm nicht zweckmäßig scheine und die beantragte Aenderung nach der angenommenen Entscheidung nicht bringend sei. Schütz bemerkt, wenn «ine VertretungSbefugniß zugestanden sei, so sei eS unbillig, dieselbe einzlen unbeschränkt, andern beschränkt zu ertheilen und da der Uebelstand hervor, getreten und anerkannt sei, so sei auf dessen Be- seitigung hinzuarbeiten. Lossen ist gegen den Antrag, weil daS Gesetz vom 25. Nov. v. I. alS provisorisches Gesetz im Ganzen revidirt werden müsse. Bellinger, daS Gesetz könne ja in dieser fehlerhaften Bestimmung geändert werden, einerlei ob eS ein definitives ober ein provisorisches sei. Die Aufhebung der VertretungSbefugniß sei praktisch unausführbar und sollte man deßhalb Alle, denen sie zugestanden sei, auch gleich halten. Es sei zweckmäßig, einen erkannten Mißstand gleich zu beseitigen. — Trombetta, er betrachte daS Gesetz auch als ein provisorisches, finde aber darin keinen Anstand gegen den Antrag.
Möller; daS Gesetz fei erlassen, von dem Lande angenommen und in anerkannter Wirksamkeit. Eben deßhalb könne dasselbe jetzt nicht wohl in einer einzelnen Bestimmung geändert werden, sodann solle man weitere Erfahrungen abwarten und dann eine Revision im ganzen vornehmen. VerfassungS- gesetze oft zu ändern sei schädlich und sei er für Vertagung deS Antrags auf 3 Monate. Schütz bemerkt, daß der Antrag nur beabsichtige, der Regierung Material zu liefern für eine spätere Revision. v. Löw erklärt sich für den Antrag, v. Sy- b e rg, der Ausschuß habe daS Gesetz als anerkannt bestehend angenommen; wenn die Regierung sich auf denselben Standpunkt stelle, könne eine Vorlage desselben nicht erwartet, mithin eine Aenderung einzelner Bestimmungen nur auf dem Wege deS Antrags erfolgen: Sollten noch andere Aenderungen beantragt werden, so könne dieß nur auf demselben Wege geschehen.
Bei der Abstimmung wird der Antrag mit 9 gegen 4 Stimmen angenommen.