Rassilmsche ^lögcmcine Zeitung.
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Dienstag den 11 Mai
1832.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlagcs nur 8 fL, für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur S fl. ÄÄ fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Zur Zollfrage.
Deutschland. Wiesbaden (Die „Mittelrh. Ztg."). — Hochheim (Erceß). — Limburg (Neue Industriezweige).
— Mainz (Die Äheinschifffahrt). — Frankfurt (Die deutsche Flotte. Die Zollfrage). — Stuttgart (Dankadresse der Industriellen). — München (Zurückziehung der Regierungsanträge. Badereise deS Königs. Schluß des Landtags. Abel). — Leipzig (Koffuths Mutter). — Berlin (Die Zollconferenz. Der König. Die âgypti- tischen Knaben. Das letzte Kammervotum. Vermischtes).
— Oldenburg (Staatsrath Fischer). — Königsberg (Die Explosion).— Wien (Die überseeischen Besitzungen. Gewerbeausstellung. Ankunft des Kaisers von Rußland).
Frankreich. Paris (Die Staatseinnahmen. Das Maifest. Vermischtes).
Neueste Nachrichten.
Zur Zollfrage.
i.
â%* Vom Taunus. Die muthige und großartige Politik Oesterreich'S ist der zwar nieder- dergeworfenen, aber noch lange nicht auSgerotteten und gänzlich unschädlich gemachten modernen De; mokratie in Deutschland ein stechender Dorn im Auge. ES ist daher erklärlich die Wuth und die Nachhaltigkeit, mit welcher die Demokratie unter allerlei Formen und Gestalten gegen Ö sterreich vcn Kampf der Verzweiflung kämpft; daher erklärlich warum eS die Demokratie in neuester Zeit sich zahm stellend, nicht verschmäht, mit den s. g. Altliberalen und Jungliberalen bis auf bessere Zeiten, in denen man ihrer nicht mehr bedarf und sie über Bord wirft, sich zu verbinden und daraus ist es endlich auch erklärlich, warum die Demokratie jetzt mit Preußen, welches eS noch vor Kurzem über alle Maßen geschmäht, bei jeder passenden Gelegenheit, die alte Passion aber immerhin noch im Herzen tragend, liebäugelt. Man holte nur nicht die modernen Demokraten für Schwachköpfe nnv politische Träumer, sonst ist man, wie Anno 1848 der betrogene Theil. Gelingt eS ihnen, den Kampf zwischen Oesterreich und Preußen zu entzünden; so gewinnen sie wieder Fahrwasser für ihr auf den Sand gefahrneS Schiff und können die rothe Flagge wieder aufhiffen, deren Farbe die großen Massen zum politischen Taumel und zur Raserei entflammt.
Eine kostbare Gelegenheit zu dieser Art Agira- tion bietet sich der Demokratie dermalen in der Zollfrage dar, welche ganz Deutschland in Bewegung setzt. Diese Gelegenheit ist um so erwünschter, als die Demokratie dabei Anknüpfungspunkte bei denjenigen findet, welche sonst nichts mit ihnen zu schaffen haben wollen, deren politischer Gesichts, kreis aber durch die näher liegende, aber gleichwohl vielfach unklare materielle Partie getrübt und beschränkt ist.
Müller-Melchior eröffnete in der Darmstädter 2. Kammer den Zollreigen und Karl Broun setzte ihn in der Nassauischen 2. Kammer fort. Nach deren politischen Antecedentien kann man eS ihnen nicht verdenken, daß sie ihre Regierungen wegen deren Theilnahme an den Darmstädter Verhandlungen interpellirt haben. Und die Interpellation des Abgeordneten Braun erscheint auf den ersten Anblick in der Form auch wirklich zahm; wer aber ihren Inhalt näher betrachtet, bedarf wirklich keiner Nürnberger Stadtbrille, um daraus zu ersehen, daß damit in der That ein Mißtrauensvotum gegen die Herzogl. Regierung intendirt ist, wenn es auch nicht mit dürren Worten darin gesagt wird.
Durch den bekannten Beschluß der 2. Kammer für die Jnbetrachtnahme deS Braunischen Zollfrage- Antrages hat sich solche offenbar und das beinahe einstimmig der Braunischen Absicht angeschlossen und manchen düpirten Mitglieder dieser Kammer könnte man die goldenen Worte in daS Gedächtniß zurück rufen; „timeo Danaos et dona ferentes“.
Die Zollfrage, mit welcher das kreisende Deutsch- land sich dermalen beschäftiget, behandelt einen Gegenstand, welcher auS Le>b und Seele besteht. Die Seele ist die rein politische Seite desselben und der Leib die materielle. Wer eines We
sens Seele tödtet, zerstört auch dessen Leib! Und nur aus diesem Gesichtspunkte kann die Frage unbefangen und glücklich gelöst werden. Es wird Niemand, der die Zustände und die Lage Deutschlands ruhig zu überschauen und zu beurtheilen vermag, sich dem Gedanken hingeben können, daß Deutsch- land ohne Oesterreich einig und stark im Innern und nach Außen werden und sein könne. DaS Bestreben derjenigen Regierungen, welche Oesterreichs Interessen mit denen der übrigen Staaten Deutsch- landS auf das innigste verbinden wollen, kann daher nicht hoch genug gepriesen und gewürdlget werden.
Die unglücklich,n Ansichten und Aeußerungen, welche man zur UnionSzeit seligen Angedenkens in dieser Beziehung bis zum Ekel hatte hören müssen, sino größten Theils gesünderen und patriotischeren Meinungen und Bestrebungen zum Glücke Deutschlands gewichen. Nur noch politische Schwachköpfe und die Demokratie, sowie, was darum und dran hängt — die politischen Heuchler und Memmen — eifern gegen Oesterreich.
Abgesehen hiervon aber hat Preußen durch den Abschluß deS Septembervertrages mit Hannover und die Kündigung des ZoUvertrageS der seither mit ihm im Zollverein gestandenen Staaten den Stuhl vor die Thüre gesetzt und sie würden in gänzliche politische Abhängigkeit von Preußen ge- rathen sein, wenn sie sich dieß so ohne weiteres von ihm gefallen lassen. Wenn wir nicht bestreiten wollen, daß Preußen in seinem Recht gewesen sei, den gedachten Staaten zu kündigen; so kann man sicherlich auch nicht diesen das Recht absprechen, gegen preußische Hegemonie auf ihrer Hut zu sein, solche Schritte zu thun, welche sie davor bewahren, die Redensarten,von Sonderbündelei und dergleichen, wie sie die preußische Presse dermalen von sich gibt, sind daher nichts als purer Unsinn und Verdrehung. Staaten, welche halb oder ganz gezwungen sind, mit einem andern Staate Verträge abzuschließen, sind abhängig, wie die Geschichte aller Zeiten und Völker lehrt und wir verweisen statt vieler Beispiele nur auf die Geschichte Roms. Nur durch eine Coalition konnten Baiern, Sachsen, Würtcmberg, Hessen und Nassau Preußen politisch imponiren und zeigen, daß sie weder gesonnen, noch genöthiget seien, sich ihm auf Gnade oder Ungnade in die Hand zu geben. Diese Coalition war deßhalb ein muthi ger Act der S elbsterhal tung.
Wollten die so eben gedachten Staaten auch ganz von dem Gesammtinlereffe Deutschlands ab« sehen; so müßte schon das Sonderinteresse sie dafür stimmen, Oesterreich um jeden Preis in die Zoll- Union hineinzuziehen. Preußen ist durch seine Lage auf Eroberung und Vergrößerung hingewiesen, wenn es eine Macht Ersten Ranges bleiben will. Bleibt Oesterreich aus dem Zollverein ausgeschlossen und die andern deutschen Staaten springen unvorsichtig in den zu reconstruirenden hinein; so kommen sie nach und nach unter preußische Botmäßigkeit und werden bei der ersten passenden Gelegenheit unter- und beigesteckt. Die Lage Oesterreichs gegen die meisten der coalirten Staaten und seine Größe ist der Art, daß sie von seiner Seite in dieser Hinsicht nichts zu befürchten haben. Jedenfalls ist sein Anschluß ein Gegengewicht gegen zu befürchtende Abhängigkeit und Länder-Appetit.
Die Staatsmänner, welche die gedachte Coalition angetanen und zu Stande gebracht haben, verdienen daher den Dank ihrer Souveraine und ihres gesummten Vaterlandes.
Die materielle Seite — der Leib — ist der politischen — der Seele — Zweifelsohne untergeordnet und erstere durch diese ganz bedingt. Ein untergeordneter Staat wird von dem ihn beherrschende uach aller Erfahrung immer auSgebeutet und auSgesogen. Sein materielles Wohl kann daher bei feiner Abhängigkeit so wenig gedeihen, wie sein politisches. Diesen nicht weg zu lâugenden Hauptpunct übersehen alle diejenigen, welche sich jetzt alS Haupt schrei er gegen die Darmstädter Verhandlungen kopflos gebühren.
Hätte aber auch in der That die schwebende Zollfrage nur eine und zwar nur eine|'m aterielle Seite; so wäre eS immer hier noch sehr zweifelhaft, ob Nassau durch eine dritte Zollgruppe den Scha, den erleiden würde und könnte, welche man mit so vollem Munde und mit so großer Zuverlässigkeit auszusprechen, keinen Anstand nimmt, Ohne heute
auf diesen Frage-Punct einzugehen, dürften wir und zwar selbst.alSdann, wenn wir ihn zugestehen wollten, das aber kühnlich behaupten, daß er jeden Falls — mindestens gesagt — höchst taktlos und schädlich ist, die Verhandlungen der coalirten Regierungen mit Preußen, dessen Ausschluß wir ebenso wenig, als den Oesterreichs für ersprießlich und wünschenswerth für Deutschland erachten, durch unbesonnene und unzeilige Interpellationen zu erschweren und die möglichen Vortheile deS eigenen Staates zu beeinträchtigen. Der Abgeordnete Rau hat in seiner vortrefflichen Rechtfertigung seines Antrages auf ein Zutrauensvotum für die Herzog!. Raff. Regierung dieß sehr gut hervorgehoben. Wie aber diejenigen Leute, welche den Beruf haben und wenigstens die Bildung und die Einsicht besitzen sollten, die Regierung da, wo sie daS Wohl ihres LanveSherrn und seines Volkes im Auge hat und zu bethätigen sucht, kräftig zu unterstützen, dazu kommen können durch direkte und indirekte Betheiligung bei der Braun'schen Interpellation Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daö begreifen wir nicht.
Das wenigstens sollten aber jene Leute begreifen , daß die Kammern - Regierungen in Deutschland — sich nach und nach so weit fertig gemacht haben, daß selbst ein formell ausgesprochenes Mißtrauensvotum schwerlich die gedachten Regierungen abhalten wird, von der von ihnen beschrittenen Bahn abzulenken. Und selbst die preußischen Staatsmänner dürften bei den obschwebenden Verhandlungen — durch Vorkommnisse in ihrem eigenen Lande belehrt — kein größeres Gewicht darauf legen, als unter den jetzt obwaltenden Verhältnißen darauf in dem übrigen Deutschland gelegt wild und mit Recht gelegt werden sann.
Deutschland.
Wiesbaden, 5. Mai. Die „N. Preuß. Ztg." vom 8. d. erwähnt abermals ihres neuen Bundesgenossen, der „Mittelrh. Zeitung". Unter dem Datum Wiesbaden, 5. Mai, und mit der Rubrik „der Wein wird sauer" bringt die „N. Pr. Z." wahrscheinlich wieder in Folge freundlicher Mittheilung von Seite eines neuen Colporteurs der „Mittelrh. Zeitung" die Nachricht dieses Blattes über die im Rheingau zu Gunsten deS Zollvereins stattgehabten Kundgebungen, die sich wohl daraus am besten erklären lassen, das der Rheingau der Wahlbezirk deS Abgeordneten Braun ist.
Die neueste Nummer der „N. Pr. Z." bringt folgendes: „Berlin, 8. Mai. Die Organe der Darmstädter CoalitionSgenossen machen allmâhlig den Versuch einer Rechtfertigung gegenüber dem allgemeinen Unwillen, welchen die in Darmstadt eingegangenen Verbindlichkeiten in den beiheiligten Ländern hervorgerufen. Die „Nassauer Allg. Ztg." gibt sich dabei die besondere Mühe, geheimnißvolle „Berührungspunkte" zwischen unS und der „Mittelrheinischen Zeitung" aufzuspüren, waS unserer Meinung nach gar nicht so viel Anstrengung erfordert, indem Die gleiche Erkenntniß und Würdigung der realen Verhältnisse ganz von selbst zu dem gleichen Urtheil führt".
Wir wüßten nicht, daß in unseren Andeutungen eine Rechtfertigung der Darmstädter Uebereinkunft versucht wurde. Dieselbe bedarf keiner Rechifer- itgung und uur einige unberufene Schreier wollen der Welt ausbinden, daß hier und in den Staaten der coalirten Regierungen Unwillen darüber herrsche.
Die überwiegende Mehrzahl hat daS Vertrauen zu der Regierung, daß sie den richtigen Weg einschlagen werde und hält eS für überflüssig in den Gang obschwebenver Verhandlungen anmaßend und unzeitg etnzugreifcn; der politisch Gebildete weiß zu beurtheilen, welch günstige Stellung die bei der Darmstädter Uebereinkunft beteiligten Regierungen nun Preußen gegenüber gewonnen haben, der minder Gebildete kann eS leicht an dem Aerger und den Erpectorationen der „N. Preuß. Ztg." und der übrigen Chorus machenden Blätter entnehmen.
Unsere Bemerkungen hatten einen anderen Zweck und einen anderen Anlaß, scheinen aber nicht .so ganz ungegründet gewesen zu sein, sonst würde „man" nicht versucht haben, die Richtigkeit derfels den in Abrede zu stellen.