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Nassauische Allgemeine Zeitung.

«13 9T Sonntag den 2S April 18L2

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumecationSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur 8 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur S fl. 84 kr. In fera te werden die dreispaltige Petitzeile oder Deren Raum mit 3 ft. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Zur Anfklärung.

Deutschland. Wiesbaden (Festball. Der Kirchenbau. Berichtigung). Frankfurt (Graf Thun). Ulm (Die Großfürsten). München (v. d. Thann. Der Landtag. Eisenbahn). Sondershausen (Der Land­tag). Hannover (Anfhebung der Bannrechte. Die Justizorganisation. Haftbefehl gegen Dulon). Bremen (Dulon seines Amtes entsetzt). Köln (Thiers). Berlin (Die Aeußerung des bayerischen Bevollmächtigten. Die altgedienten Ofsiciere. Die Wiener Zollconferenzen).

Hamburg (Ein Schreiben Ruschak'S). AuS Hol­stein (Das BundeScontingent). «Wien (Das Schluß- protocoll der Zollconferenzen. Fürst Schwarzenberg. Graf Mensdorff-Pouilly. Die kaiserl. Familie. Die Entwaff- nungsjin der Herzegowina. Vermischtes).

Frankreich. Paris (Decket. Abreise des Präsidenten. Gerard. Erklärung über das Kaiserthum. Vermischtes).

Portugal. Lissabon (Reise der Königin).

America. (Die Chilenische Strafkolonie).

Neueste Nachrichten.

Zur Aufklärung.

ii.

Vom Lande, 23. April. Wenn die Jour­nalisten sich zanken, Haden die Leser vag Vergnügen, viel PiquanteS zu hören, wofern sie nicht, je nach Stoff und Rom des ZankèS, die Blâtier bei Seite legen. Was aber Ihr Artikel:Zur Aufklärung" in Nr. 92 über Stellung und Tendenz Der früheren Freren", jetztMittelrheinischen Zeitung" gesagt hatist viel zu ernst und zu tief greifend für alle Zustände unseres Landes, als daß, wer nur den geringsten Patriotismus hat, ohne Nachdenken dabei bleiben könnte. WaS Sie gebracht haben, war durchaus ein Wort zu seiner Zeit, und die kurze Erwiderung derMittelrheinischen Zeitung" war so ganz ungenügend und nichtssagend, daß man deutlich sah, wie Sie den rechten faulen Fleck getroffen hatten.

In der Zeit deS politischen Veitstanzes, die wir (Gott sei Dank!) hinter unS haben, ist Viel gesündigt worden und darum muß auch Viel ver­ziehen werden nach allen Seiten hin. DieMittel- rheinische Zeitung" hat ein offenes Gcstândniß abgelegt und ihreFlegeljahre" entgegenkommend zugegeben, mit dem Versprechen der Besserung. Bei einem Burschen, welcher viele Flegelstreiche beging, muß man auf Rückfälle gefaßt sein und Mancher bleibt ein Flegel sein Leben lang. Wer nun, wie dieFreie Zeitung" von Beginn ihres Daseins, von Skandal und Klatschereien so recht geflissentlich lebte und in diesem Genre mit der größten Behaglichkeit sich bewegte, der hat Ursache, wenn er zu den Vernünftigen gehören will, mit seiner Besserung eS ernstlicher zu nehmen. Wir wollen nicht an Vergangenes erinnern. Aber wo gab eS in der Nähe und in der Ferne einen Klatsch, eine Verdächtigung, welche dieFreie Zeitung" nicht auSbeutete und mit offener Schadenfreude, oft in wiederholten Artikeln, auflifchte? Wenn fern in Frankreich ein katholischer Priester vor den Assisen stand, wurde die ärgerlichste Verhandlung guSsühriich mitgelheilt. (Schreiber Dieter Zeilen ist .Protestant.) Die unglückliche Ermordung Der Grä- ftn Görlitz in Darmstadt wurde nur ähnlichen Dor« Urten Parteiblättern nacherzählt und alle Schuld von Stauff weg und nach anderer Seite hin ge­wendet, bis am Ende der AuSgang deS Prozesses und daS Urtheil der Geschwornen alle Verdächti gungen Lügen strafte. In unserem Lande selbst wurden gegen einzelne Personen und ganze Fami. lien Die abscheulichsten und unverantwortlichsten Hindeutungen mit frecher Stirne geschleudert. Man sah eS recht deutlich, wie dieFreie Zeitung" sich viarin gefiel, Die s. g. höheren Stände Den niederen zum Spotte und zur Verachtung hinzustellen, mit unv ohne Beweis, meist ohne daS Ergebniß irgend abzuwarlen. WaS in niederen Regionen geschah, wurde mit Stillschweigen übergangen oder gar entschuldiget; waS gegen die Partei sprach, wurde entstellt oder ignorirt. ES ist zu verwundern, daß dieFreie Zeitung" nicht mehr Prozesse erhielt. Aber wer wollte sich besudeln? Dazu herrschte

Jahre lang der Terrorismus eben der von ihr laut und geflissentlich vertretenen s. g. demokratischen Partei, und diese bedrohte Widersprechende ganz offen mit dem Aergsten, womit Menschen ihre Mitmenschen bedrohen können. Mehrere Städte und Dörfer unseres Landes haben leider! hierzu die Beweise im Einzelnen zahlreich genug geliefert, und man übergibt gern, zur Ehre der Menschheit, solche Fälle der Vergessenheit. DieFreie Zeitung" aber nährte offenbar, bewußt oder unbewußt, fol« chen verbrecherischen (gelind gesprochen^ Unsinn.

Will dieFreie Zeitung" durchaus nur ein OppostlionSbiatt fein, so wollen wir die Ausgabe ihr nicht schmälern. ES mag und muß am Ende Satz und Gegensatz in Der Welt geben, um Alles gehörig zu läutern; eS muß sogar Aergerniß sein in der Welt. Aber wenn sie mit dem Wechsel deS Namens auch einen Wechsel deS Tones und der ganzen Haltung eintreten lassen wollte; so zeigen Die neuen Blätter immer wieder Rückfälle in die alte Manier, nur etwas verhaltener, genau so, wie Ihr Artikel dieß recht anschaulich darthul. Die Presse war in Deutschland geknebelt und alS sie den Kne­bel mit Gewalt von sich stieß, mußte ihr Mund unwillkührlich unarticulirte Laute von sich geben. Wir Deutsche sind auS früherer Zeit nicht gewöhnt, öffentliche Charaktere, amtliche Handlungen, Ge­genstände deS Gemeinwesens ohne spießbürgerliche Beimischung von ungehörigen Persönlichkeiten zu behandeln. Wir sind nicht gewöhnt, einen lustigen Einfall, ein Scherzgedicht, ein bitteres, aber gerech­tes, Wort still hinzunehmen oder treffend zu erwi­dern, wie dieß Alles in England ganz ernsthafter Weife geschieht. Aber wenn die Presse uns daran gewöhnen will, muß sie nicht die skandalsüchtigen französischen Winkel- und Sudelblâtter zum M. ster sich nehmen. Wer ein öffentliches Amt hat, vom höchsten bis zum niedrigsten, wird und muß bereit fein, für feine Amtshandlungen einzustehen, nicht blos im nächsten Kreise seiner Vorgesetzten, sondern auch elforderlichcn Falles sogar Der Presse. Aber er darf erwarten, daß Die Presse behutsam dabei zu Werke geht und nicht von vorn herein mit Schmähungen ungehört Die Leute, die geringsten, wie Die vornehmsten, überschüttet, sondern zunächst Aufklärungen fordert und zulâßt. Selbst Regie- rungöhandlungen zu besprechen, wollen wir der Presse nicht verargen, und eS wird sich selbst für wirklichen und begründeten Tadel ein unanstößiger Ausdruck sich finden lassen. DieMittelrheinische Zeitung" stehet, daß Schreiber dieser Zeilen kein schwarzer Reaktionär ist. Man kann nämlich ein sogenannter Constitutioneller, man kann ein erklärter Monarchist, man kann sogar Absolutist sein, unv dennoch, oder vielleicht gerade eben deßwegen ganz besonders, recht aufrichtig wünschen, daß alle Organe der monarchischen Regierung überall tadelfrei sein möchten, und daß sie daS Licht der Oeffentlichkeit niemals zu scheuen hätten; man kann dabei rugleich Der Presse alle Rechte der Controle und ber Oeffenl- lichkeit jugestehen, welche mit Den Grundsätzen der Gerechtigkeit vereinbarlich sind.

Aber hier kommen wir aber auf den wesent­lichen Punct, welchen der letzte Theil JhreS Ar­tikels so ernst und nachbruckSvoU betont. Es wird nämlich jetzt endlich Zeit, daß die Demokratie, die demokratische Partei, deutlich und bestimmt erklären, waS dieser Ausdruck besagt, und was ihr als End. zweck zum Grunde liegt. Will Dieser AuSdruck nichts weiter besagen, als Eifer für Recht und Ge rechligkeit, Streben nach Gesetzlichkeit in allen Richtun­gen deS öffentlichen und privaten Lebens, Förderung der Civilisation, der Bildung, Der Wissenschaft, der Kunst, Der Sittlichkeit, der Religiösität, deS VolkS- wohleS u. f. w., dann ist der Ausdruck ein ganz unrechter , ein unnölhiger, ein falscher, ein ver­führerischer, ein trügerischer. DaS gemeine Beste, daS Volköwohl und Alles, waS dazu gehört, kann jeder Aristokrat eben jo gut wollen unv fördern; für das gemeine Beste, für deS ganzen Volkes Wohl arbeiten Hohe und Niedere auf Den verschiedensten amtlichen Posten und in den verschiedensten priva­ten Thätigkeiten. Wozu also die Spielerei deS Namens?

Der Demos warin keiner Republik, weder in Griechenland noch in Rom, das Volk, daS ganze Volk, sondern nur ein Theil de- Volkes, und oft gebärdete der Demos sich so, daß er Spott und

Hohn erntete, selbst auf den Theatern, und über­haupt nirgends der geachtetste Theil war.

Wll aber die Demokratie, die demokratische Partei EtwaS sein, von Anderen sich bestimmt un­terscheiden, so sage sie dies offen und unverholen und stecke ihr Zeichen kenntlich aus. In den Jahren 1848 und 1849 nannte sich Jedermann von dieser Partei (Knaben und Kinder gerechnet) in Wirths­häusern und auf offener Straße ungeschrut, mit und ohne Verstand, Republicaner. Dieß Wort ist verschwunden; geblieben ist der Ausdruck Demokrat und Demokratie. DieMittelrh. Zeitung" ist daS Organ der Demokratie, wiè sie noch jetzt selbst lagt. Wohlan, so sage sie auch, waS Demo­krat ist, und ob gleichbedeutend mit Republikanern? Wäre dieß, und bestünde daS Wesen der Demokratie wirklich in dem Streben, Die monarchische RegierungS- sorm zu vernichten, gleichviel ob mit gelinden oder anderen Mitteln; so wäre sie eben nichts weiter, alS ein förmliches Verbrechen, und eine Zeitung, welchediese Partei verträte, wäre eine verbrecherische; eben so wie in dem Lande mit einer republikanischen RegierungSform eS ein Verbrechen ist und bleibt und als solches bestraft wird, wenn man dort die republikanische Regierung vernichten und eine mo­narchische einführen wollte. Demokraten kann es in Frankfurt, Bremen, Hamburg begreiflicher Weise nicht geben. Wäre dieß, so wären eS eben nicht Demokr. ten, soudern höchstens Plebejer, etwa den Patriciern gegenüber.

In einem monarchischen Lande könnten Demo­kraten mit einigem Sinne höchstens den Arlstokraten gegenüber sich stellen, mit auseinandergehenden In­teressen. Doch selbst diese Interessen verschwinden und verschwimmen wieder mannichsaliig; und Ari­stokraten und Patricier gehören zum Volke, so gut wie Plebejer, gleicher Weise der Fürst selbst, wie der Weisel zum Bienenstöcke. Oder soll Demokrat einen Freund der niederen, ärmeren Klassen bedeu­ten? So würden recht praktische und thätige Demo­kraten unter Den Aristokraten aller Länder sich fin­den, auch in dem unseren.

DieMittelrh. Zeitung" wird, nach ihrer Weise, gegenwärtige Meinungsäußerung einen An­griff von Feinden nennen; es ist aber doch ganz einfach Nichts weiter, als eine bloße Ansicht, welche auf unläugbaren Thatsachen beruhet und hoffentlich erlaubt sein wird, den vielen Angriffen gegenüber, welche dieFreie Zeitung" von jeher gegen Per- fönen und Sachen brachte. Zum Schluffe noch folgendes.

Will dieMittelrheinische Zeitung" blos beson­dere Tendenzen verfolgen, z B. das Wohl der nie­deren und ärmeren Classen, der Elementarschullehrer, staatSökonomische Verhältnisse, Den Protestantismus, und Die Ansprüche Der Deutschkaihollken und der freien Gemeinden; wer will und wird daS weh­ren? Will DieMittelrh. Ztg." überhaupt mehr einen oppositionellen Charakter durchführen, die etwa vorkommenden Mißgriffe der Bureaukratie mit stren­ger Aufmerksamkeit rügen, die nimmer ruhende Wächterin der Gesetzlichkeit gegen die Regierung machen u. dgl. ; das ist ganz in ihr Belieben ge­stellt. Aber dieS Alles kann geschehen ohne Repu- blicaniSmuS ohne Die Tendenz deS Umsturzes gegen die bestehende und gesetzliche RegierungSform, mag sie versteckt sein oder offen zur Schau getragen wer­den. DieMittelrh. Z>g." wird zugeden wüsten, daß wir ihr einen großen freien Raum zur Wirk­samkeit offen lassen. Der Ton und die Behandlung aller Stoffe wollen wir eben so wenig meistern; denn daS ist am Ende Gcschmackfache.

Aber daS wetterwenderische Spiel mit dem Na­men Demokratie muß sie vor allen Dingen un­terlassen ; sie muß entweder auf gleichen gesetzlichen Boden mit allen gewissenhaften Staatsbürgern sich stellen, oder sie tritt ans einen fremden außerhalb dem Gesetze. Denn die Demokratie ist entweder Nichts oder gleichbedeutend, wir offenbar stets bis­her, mit RepublikaniSmuS. Darüber ist kein Zwei, fei, und Die Worte und Handlungen der Demokra­ten bezeugen dies sattsam, selbst wenn eS oft nur bei gewissen Festlichkeiten in allerlei nach der Lan- deSsilte sonst üblichen Dingen durch anhaltende Ne­gative geschah, worüber allwärtS im Lande Beispiele, lächerliche und ärgerliche, kleinliche und vielsagende, mit Fingern g-wtefen werben können.