MsMschc Allgemeine Zeitung.
JS 91
Donnerstag den 22. April
1852.
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal taglichmit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânumeeationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Bostaurseblaacs nur « rK für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostveteinS, wie für das Ausland nur Ä fl. «4 fr. — Inserate werden die breifptitiqe Pet'tteile oder ve-en Raum mit « kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e ll e n b e r g' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
ü e ö e r s t ch t.
Die Expedition nach Japan.
Deutschland. Wiesbaden (Die Handelspolitik der „Freien Ztg". Schluß der Mi sion. Berichtigung. Bitte. Asstsenfälle). — Darmstadt (Kammerverhandlung). — Kassel (Die Verfassung-urkunde von 1881). — Stuttgart (Abreise der Großfürsten). — München (Huttlers Erklärung. Die Kirchenfrage Zwehl. Auswanderung).
— Berlin (Die Eisenindustriellen. Die Zollconferenz).
— Wien (Die Großfürsten. Rutschak).
Frankreich. Par i s (Prinz Paul von Würtemberg. Agitationen gegen das Ministerium. Die Dotation. Der Nachdruck. Die letzte Revüe. Vermischtes). Großbritannien. London (Das Budget des Staats- kanzlerS. Der Sohn des Herzogs von Aumale. Der GlaS- palast. Die Nordpolerpedition).
Italien. Turin (Entwaffnung österr. Deserteurs) Türkei. Konstantinopel (AbbaS Pascha).
Neueste Nachrichten.
Die Expedition nach Japan.
♦ Die Erpedition der Vereinigten Staaten von Nordamerika ist ein Ereigniß von der größten Wichtigkeit, der Anfang' einer neuen Phase der Weltgeschichte. „In diesem Augenblick, so beginnt die Weser Zeitung einen tiefe Unternehmung besprechenden Artikel, ist wahrscheinlich die americani- sche Flotte schon unter Segel, welche dem kaiserlichen Hofe zu Setto eine Lektion über ameri- manisches StaalSrecht zu geben bestimmt ist. Drei Dampffregaiten, drei Korvetten, einige Briggs bilden die Kriegsmacht, welche ein Reich von dreißig Millionen Seelen demüthigen soll. Man rechnet darauf daß achtzehn Monate hinreichen werden, um das geheimnißvolle Japan dem freien Handelsverkehre aller Nationen zu erobern. „Wehe dir Jeddo"! rufen die New-Norker Zeitungen mit gewohnter SiegeSgewißheit".
Es ist vielleicht überflüssig, aber nicht uninte» reffant, darauf hinzuveuten, daß eS keinen Kaiser von Japan und daher keinen kaiserlichen Hof in Sette gibt. Der Kaiser von J.Pan, Dairi (Dairi bedeutet eigentlich daS Innere deS PalastcS; aber man gebraucht dieses Wort, um den Kaiser ju bezeichnen, weil eS verboten ist, feinen Namen zu nennen), testtitt zu M i k a o. Er führt den Titel Ten « fi, Sohn deS HunnielS, und wird für heilig gehalten. Er besitzt aber seit 1585 nur noch den Titel und die Ehre als Kaiser, er übt gewts- sermaßen nur die geistliche Gewalt. Die weltliche Macht wurde den Nachfolgern Simnu'â, der im Jahr 660 v. Chr. daS Land erobert, Cultur und Gesittung eingeführt hatte, zum Theil schon im 12. Jahrhundert durch den Kubo ober Seogun (Dscho- gun, Oberbefehlshaber) Schortomo entrissen, der sie in seiner Familie erblich machte. Im J. 1585 gelang eS dem, auS niederem Stamme entsprossenen Kubo Fidt Sch oft sich jder weltlichen Oberherrschaft vollkommen zu bemächtigen. Obgleich der Seogun die vollständige Gewalt hat, so bekennt er sich doch alS ersten Unterthan des Dairi und rm- plängl von ihm, wie die übrigen Großen deS Reichs, die Ehrentitel und schickt ihm alle Jahre eine Gesanbtschasi mit reichen Geschenken.
Ob die SiegeSsreube der New Aorker Blätter nicht eine verfrühte ist, muß erst die Folge lehren. Die Kriegsmacht der Kubo besteht auS 100,000 Mann Fußvolk und 20,000 Mann gepanzerten Reitern, zu welchen im Kriege noch die Conlin, gente der KriegSsürsten (Erbfürsten, DamjoS) kommen, die sich auf 368,000 Mann zu Fuß und 33,000 Reiter belaufen. Vor Ankunft der Euro» pâer besaßen die Japanesen zahlreiche Flotten, seit 1585 haben dieselben feine Kriegsschiffe mehr, die Landung an den Küsten der einzelnen Inseln ist gefährlich. Indessen wird auch diese ungeheure Macht kaum der europäischen Waffenkrast widerstehen können. Auch weiß Bruder Jonachan, wofür er seine Haut zu Maikte trägt. ES gilt, Japan — so lautet seit dem Opiumkriege der Kunst- auSdruck — dem Handel zu öffnen und der zwischen Kalifornien und China Projektilen Dampfschifffahrt eine Station zu sichern. Um ein Ab, satzgebiet von 12500 Quadratmeilen für die „Baum-
wollwaaren auS Cowell, für Prime Pork auS Cincinnati, vielleicht auch für Schinken und Mus- catnüffe von Hickory ic/ zu gewinnen und dafür Kupfer, Kampfer, Krepp und Gaze, Möbel, Dro- guen und die köstlichsten aller Fleischsaucen in den kleinsten aller Flaschen einzutauschen, dafür kann man immerhin einige Schiffe, die Geld kosten, und einige hundert oder tausend Leute, die nichts kosten, opfern und dazu noch obendrein ein Dutzend Pa- ragraphe auS dem StaatS- und Völkerrecht in den Kauf geben. Japan ist auch wirklich zu unverschämt und muß gezüchtigt und gestraft werden, weil eS auf feine Manier glücklich werden will. Seit dem Beginn deS 17. Jahrhunderts hat sich nämlich Japan beinahe hermetisch gegen das Aus- land abgeschlossen. ES hatte in seinem Inneren trübe Erfahrungen gemacht, und waren die größten Anstrengungen erforderlich gewesen, sich der Portugiesen, denen sich die zahlreichen, durch die Jesuitenmissionäre bekehrten Einheimischen angeschlossen hatten, zu entledigen, sie zu besiegen und zu vernichten. Der Kampf begann unter dem Kubo Fide Schosi (1580) und endete erst unter dem Kubo JejaSsama, welcher (1616) ter Holländisch ostinti» schen Compagnie , für die in diesem Kriege geleisteten Dienste, den Verkehr mit Japan und die Errichtung einer Faclorei auf Desima gestattete.
DaS Bremer „Hanbelöblait" erzählt, daß die Absperrung von jedem anderen Verkehr mit Außen durch einen spanischen Steuermann hervorgerufen wurde, der etwas unumwunden gegen einen vornehmen Japanesen Zementene gesprächsweise erklärt hatte, daS Heidenlhum müsse den Christen Platz machen. Der HanvelSneid ber-Holländer und Engländer gegen die Spanier trug redlich daSSei- nige dazu bei, die Besorgnisse vor den Eingriffen und Umsturzgelüsten der Fremdlinge zu steigern. Sie erzählten den Japanesen, welche Grausamkeiten die Spanier in Peru und Mexiko gegen die India-' ner verübt, auf welche Weise sie in den Niederlanden christliche Duldung geübt und suchten hauptsächlich den Glauben zu verbreiten, daß Spanien sich der Missionäre nur zu politischen Zwecken bediene und daß die Verbreitung deS Christenthums nur der Vorwand zur Erweiterung seiner Macht fei.
DeS Argwohns Saamen trug reiche Früchte, fremde Schiffe wurden nicht mehr zugelassen, gegen Schiffbrüchige bestanden unmenschliche Vorschriften und selbst Holland, ter Freund und Bundesgenosse sah sich auf einen unbedeutenden Verkehr beschränkt. Früher wurden jährlich sechs Schiffladungen nach Nangasaki gebracht, jetzt beschränkt sich der jährliche Verkehr, da eS an Rückfracht fehlt, auf ein Schiff mit 1000 Tonnen Last, auf welchem die holländische Regierung von Java (wir müssen hier der Weser- Zeitung widersprechen, welche angibt, daß die Regierung dieses Vorrecht jährlich an den Meistbietenden verpachte) , eine Waarensendung von etwa 80 Tonnen von Privatpersonen zuläßt. China genießt etwas größere Vorrechte.
So blieb daS Land über 200 Jahre beinahe ohne alle Berührung mit Außen, und konsequent in der Durchführung seines AbsonderungSlystemS, und erst in neuester Zeit scheint Japan von seiner Strenge gegen Gesandte fremder Mächte und gegen Reisende nachgelassen zu haben und hat aufgehört daS räthselhafte, sagenhafte Reich zu sein, wie die Weser-Zeitung eS schildert.
So ist Dr. Mohnicke, auS Stralsund, im December v. I. auS Japan nach Batavia zurückkehrt, mit den reichsten Materialien, die er während eines halbjährigen Aufenthalts in jenem interessanten und merkwürdigen Lande gesammelt. Er rühmt die Cultur der Japanesen alS sehr weit vorgeschrit len und nennt sie tüchtige Mathemaiiker, erfahrene Astronomen, äußerst geschickte Künstler und Handwerker, den Europäern in manchen Zweigen der Industrie sogar überlegen, wogegen freilich die meisten höhern Wissenschaften und Künste, wie Heil- künde, Architektur, Malerei und Musik noch in der Kindheit stehen. Ferner hat der auf einer Erpem tion gegen die chinesischen Seeräuber verwendete englische Dampfer „Sphinr" vor Kurzem Luchu, eine zu Japan gehörige Insel, besucht. Kapitän Shadwell, der einen Brief von Lord Palmerston an den Regenten zu übergeben hatte, begab sich nach kurzer Unterhandlung in die nicht weit vom Meere
liegende königliche Stadt Schui und hatte innerhalb der Mauern derselben eine Audienz bei dem Regenten. Während seines Aufenthaltes wurde ihm und seiner Mannschaft jede mögliche Aufmerksamkeit erwiesen.
Dagegen wurden im Jahre 1846 Versuche der Aankee'S, die Eröffnung deS japanischen HandelS- gebieteS auf vertragsmäßigem Wege anzubabnen, entschieden zurückgewiesen. Dafür soll nun Rache genommen werden.
Die „Weser Ztg." sieht übrigens in der gegen Japan beschlossenen Unternehmung, obgleich sie eben so wenig alS daS „Bremer Handelsblatt" die Rechtlichkeit derselben zugibt, nur den natürlichen Gang der Weltgeschichte, den unvermeidlichen Kampf zwischen weltgeschichtlichen Gegensätzen für w/che, bei der fortreißend schnellen Entwicklung des Menschengeschlechtes der Raum deS Erdballs zu eng wird vor denen daher der eine oder der andere weichen muß.
Welchem von Beiden dieses Schicksal bevor, stehe, könne nicht zweifelhaft sein. „Die alten Despotenreiche deS Ostens, in denen die Menschen nur Sclaven auf der Domaine deS Herrschers sind, widersetzen sich vergebens dem Andringen europäischer Culturalemente". Europa hat daS Monopol der Civilisation schon in America geübt, und wird an seinen Schülern vielleicht auch bald seinen Meistrr finden.
Vorläufig hat der Schüler sich Japan zu seinen Beglückungsversuchen gewählt. Siewerdengelingen. Es gibt zwei unwiderstehliche Elemente, die langsam aber sicher vorschreitend die Welt umge- staltcn ; sie sinb : der Handel und daS Christenthum. Apostel und Kaufleute sind die Herolde der Kultur* die erhebenden Lehren deS Christenthums geben je, nen übermenschliche AuSdauer; Eigennutz und Krämergeist machen diese zähe wie Leder und hart wie Stahl und wer wird den Aankee'S streitig machen wollen, daß sie — Kaufleute find.
Deutschland.
f Wiesbaden, 19. April. In Nr. 91 der „Mitielihein. Ztg." macht ein sogenannter Leitartikel Vergleichungen zwischen Ehedem und Jetzt in der Handelspolitischen Bildung der Einwohner Nassaus, besonders der lantstândischen Depulirten. Solche Vergleichungen können nur angenehm sein, wenn sie Fortschritte und Rückschritte mit allseitiger Kenntniß und Gerechtigkeit beleuchten. ES wird dort aber eine sehr unbillige und mit allerlei wohlfeilen AuSruszeichen untermischte Parallele gezogen zwischen den Berechnungen deS CommissionSde- richteS der zweiten Kammer vom Jahre 1834 bei der damals allerdings nicht leichten und nicht übersehbaren Frage von dem Anschlusse Nassau'S an den Preußischen Zollverein und den jetzt 1852 aller# wäliS vorliegenden sicheren Ergebnissen. Glücklicher Weise sind die Unterschriften dieses Berichtes von Mitgliedern beider Seiten der damaligen Kammer, der rechten und der Unsen ; eS erscheinen dabei sogar die Namen „GergenS" und „Trombetta" in voller Uebereinstimmung mit Anderen. Darin liegt Beweis genug, daß dieser Bericht keine Ausgeburt faciiöser Tenvenzpolitik war, weder reaktionärer noch demokratischer, sondern daS Ergebniß einer allseitigen unparteiischen Prüfung, nach Daten und Verhältnissen wie sie eben damals klar oder unklar vertagen und zur Anwendung kommen konnten. — Wo war der ungenannte Verfasser deS Leitartikels im Jahre 1834, und welche Ansichten hatte er in jenem Jahre und konnte er haben über die Folgen dieser Lebensfrage für daS Land? Hätte er damals im Schooße der Kammer und in Mitte deS Landes alle die obwaltenden Erwägungen und Befürchtungen der Konsumenten und der Producenten, der Industrie und deS Handels gekannt, oder sie sich jetzt von Einem der Genannten erzählen lassen; er würde, im geringsten Falle, billiger geurteilt haben über die unrichtigen Berechnungen und die „naiven Motive", welche er jetzt herauSfindet. Nach den offenkundigen und allseitigen Ergebnissen von 18 Jahren ist lchon in Folge deS alten Sprichwortes, der Unklügste jetzt sehr leicht klüger, als damals die Klügsten. Wenigstens dürfen die gejammten