NAmM allgemeine Zeitung.
M 89 Freitag -sn 16 April 1852»
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal tâgl ich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch.für den ganzen Umfang des Thurn-und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur s fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland nur Ä fl. »4 kr. — Inserate werden die dreisvaltige Pelitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e llen be rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Briefe vom Taunus.
Deutschland. Wiesbaden (Die Mission). — Griesheim (Beiträge für die Nothleidendcn). — Von der Lahn (Der historische Verein). — Mainz (Kolping). — Frankfurt (Der Schutzverein. Vorstellung für die Noth- leidenden). — Vom Main (Bedeutung des September- Vertrages). — Darmstadt (Prof. Liebig). — Kar l s - ruhe (Der Großherzog. Das „Hessische Volksblatt). — Kassel (Gräfin Bergen. Die Auswanderung), — W e i- m ar (Die deutsche Cocarde). — Coblenz (Prinz Friedr. Wilhelm). — M e u rS (Adresse an den König). — Berlin (Die Zusammenkunft res Königs mit der Königin von England.) Shrapnellzünder). — Wien (Vorkehrungen gegen den Schmuggel. Die Altconservativen. v. Bruck. Vermischtes).
Frankreich. Paris (Der Orden der Ehrenlegion. Die FMön. VertrauungSvotum für Ludwig Napoleon. Reha- bilitirung der Verurtheilten. Die Umprägung des Kupfergeldes. Dotationen. Vermischtes).
Großbritannien. London (Der „Eraminer" über die österrechische Handelspolitik).
Neueste Nachrichten.
5* Briefe vom Taunus
11.
Wie bet Staat überhaupt und wie die konstitutionelle Monarchie insbesondere aufzufassen sei.
Meines Erachtens könnte eine Stadt leichter ohne einen Bodeu gegründet werden, als ein Staat sich bilden oder bestehen ohne Glauben an,Gott. Der Glaube an Gott ist das Band und der Kitt aller menschlichen Gesellschaft und die Stütze der Gerechtigkeit. (Plutarch.)
Der Staat ist weder eine zufällige Erscheinung, noch daS Werk der Uebereinkunft; er ist wedereine Naturerscheinung, noch daS Product eines bewußtlosen ethischen Prozesses r Der Staat entspringt vielmehr auS der überirdischen Wellorvnunq; seine Quelle ist Gott. Der Staat ist keine Erfindung deS menschlichen Geistes, aber die Fortbildung, Entwickelung und Neugestaltung der Staaten ist daS Werk der Freiheit und deS Willens der Menschen. Wie der Staat, so hat die Obrigkeit ihren ersten Ursprung in Gott. Die Unterwerfung unter Einen ist die überall erkennbare Absicht der von Gott erschaffenen, mit ihm nicht in Widerspruch stehenden Natur.
Die Monarchie uud die Autorität deS Monarchen über dem Volke beruht sonach auf göttlicher Ordnung, Die constitutionelle Monarchie räumt dem Volke die Milherrschaft ein, ohne aber die Autorität deS Monarchen über dem Volke, die oberste Staatshoheit, die Einheit und Fülle aller HoheilSrechie des Regenten zu beeinträchtigen oder zu beschränken.
Diese Mitherrschast deS Volkes besteht aber lediglich nur in der Mitwirkung seiner Vertreter bei der Gesetzgebung und in der Mitwirkung der Minister in der Ausübung der RegierungSrechte. Die Minister sind nur dienende Organe deS Willens deS Monarchen und der Monarch ist das Haupt deS gesetzgebenden Körpers, wie auch ihm allein die Sanction der Gesetze zusteht Parlamentarische Regierung mit unbedingtem Steuer- verweigerungSrecht und Ministerregierung sind deßhalb in der constitutionelle,, Monarchie ein Unsinn und diejenigen monarchischen Staaten, worin solche wirklich Vorkommen, sind nur noch dem Namen nach Monarchien; sie sind weiter nichts als Republiken mit monarchischem Kopsputze. Wie aber — so kann man auch billig fragen — sollen beim Wegfall der Parlaments- und Ministerregierung Uebergriffe der Krone behemml und daS Recht deS Volks auf Milherrschaft durch Betheiligung bei der Gesetzge- gebung gewahrt werden können?
Abgesehen davon, daß die fürstliche Gewalt an und für sich schon sittlich begränzt ist, beruht die Wahrheit der konstitutionellen Monarchie auf der Verantwortlichkeit der Minister.
Wenn die Minister auch dem Willen deS Monarchen als Organ bienen, so sind sie aber doch
nicht willenlose Agenten derselben. Sie haben eine Selbstständigkeit, welche auf ihrem eigenen Gewissen, ihrer eigenen Einsicht, ihrer Ehre, ihrer Verpflichtung auf die Verfassung und auf dem in den Kammern sich manifestirenden Willen deS Volkes beruht. Collidirt der Wille des Monarchen mit dieser ihrer Selbstständigkeit, so haben die Minister die sittliche Verpflichtung, jenem nicht als Organ zu dienen und vom Amte zurückzutreten, wenn eine Ausgleichung der Differenzen nicht statlfinden kann. Der Monarch wird keine Organe zur Ausführung seines Willens finden, welchen er jene Selbstständigkeit nicht zugesteht und die Geschichte wird kein Beispiel aufzuweisen haben, daß der Wille deS Regenten den w o h l b e r c ch t i g t e n Volkswillen auf die Dauer unberücksichtigt habe lassen können. Wenn also auch der VolkSwiUe dem Willen deS Monarchen nach göttlicher Ordnung untergeordnet ist; so kann dieser in der constitutionellen Monarchie doch nicht mit jenem dauernd im Widersprüche bleiben, beide müssen sich versöhnen und haben ihr Correctiv in sich selber d. h. in ihrer gegenseitigen sittlichen Beschränkung. Die Furcht vor der Omnipotenz deS Willens deS Regenten ist sonach um so mehr eine Ch.wäre, als die Monarchie an Krast, Stärke und Dauer gewinnt, wenn sie sich innerhalb der ihr fitt. li$ gezogenen Gränze hält. Diese allgemeinen Sätze werden den künftigen Briefen zur Grundlage dienen.
Deutschland.
x Wiesbaden, 14. April. Den weiteren Verlauf unserer Muston kurz darstellend, können wir nunmehr berichten, daß ihr vielversprechender Beginn bis jetzt nicht getäuscht hat. Die Reden der Missionsprediger erregen allgemeine und wie wir hoffen, auch aufrichtige, nicht aus bloßer „Opposition" gegen andere Confessionen entspringende Theilnahme. Nachdem wir bisher die StanveSpredigten des Pater Haßlacher, die Predigten deS Pater Roh über daS Abendmahl, über die Gottheit Jesu und über die Hölle, die des Pater Schmude über Jndifferen- tismuS und Unglauben, die Reue und Buße, den Tod des Sünders und des Gerechten gehört haben, sind die erstgenannten, die eigentlichen StanbeSprediglen heute mit der Belehrung der Eltern über die Erziehung ihrer Kinder beschlossen worden, und der übrige Theil der Mission wird besonders noch zu den Vorträgen über Gegenstände deS Glaubens benutzt werden.
Noch erwähnenSwerth ist wohl, daß auch viele Fremde von nah und fern herbeigeströmt sind, die Lehren deS Christenthums von jenen Vätern vortragen zu hören. So kam am 2. Osterfeiertage eine ganze Procession von Hochheim hierher, die den Predigten während deS Hochamtes und deS Nach- mittaggotteSvienstes beiwohnte, bei welcher ersteren wir bedauern mußten, daß die Stimme, in Folge der vielen Anstrengungen dem Redner, Pater Schmude, gänzlich versagte und so ihre Schluß- auSführung hinderte. Selbst von Mainz, Limburg, der Main- und Rheingegend sahen wir im Laufe der Mission Viele anwesend.
Die schon früher erwähnten musikalischen Messen deS hiesigen katholischen gemischten Gesangver. eins und jenes der Unteroffiziere hiesiger Garnison trugen zur Erhöhung deö Festlichkeit der Ostertage vieles bei.
0 Griesheim, Amts Höchst, 13. April. Bei den Sammlungen von Gaben zur Unterstützung der^Nothleidenden auf bem Westerwalde ergaben sich'dahier recht erfreuliche Resultate, eS kamen in unserem etwa 180 Familien starken Dorfe durch Verkauf von Loosen (um welchem sich Herr KreiS« amtmann Frhr. v. Wintzingerode sehr verdient gemacht hat) und andere freiwillige Beiträge etwa 55 fl. ein. Besonders Erwähnung verdienen die Gaben deS Herrn Wachstuchfabrikanten Trier dahier, welcher außer einem Geldbetrag auch viel werth- volleS von feiner schönen Waarenproduction zur Ver. loosung einsendete. Sind unsere Bürger gleichwohl keine reiche Gutsbesitzer, so herrscht dennoch bei ihnen ein reger WohlthätigkeltSsinns, waS sich schon mehrmals, als z. B. bei der Collecte zum Elser Brand bewährte.
Auf dem Felde deS nahe an unS grenzenden GutleutbofS wurde in der Nacht vom 11/12. b. M. durch die Hand eines FrevlerS eine Feime 60 Fuder Stroh enthaltend angezündet. Löschungsversuche blieben fruchtlos.
x Lon der Lahn, Anfang April. Wenn sich unser historischer LandeSverein kräftiger entwickeln soll, so ist durchaus eine größere Regsamkeit aller Mitglieder nothwendig, dem Vorstand kann nicht alles ausgebürdet werden. Nach einer unS geworbenen Mittheilung find von einem VereinSmitglied dem Vorstände mehrere Vorschläge eingeqeben, welche Beachtung und Verwirklichung in Anspruch nehmen. Zuerst beklagt dasselbe mit Recht den Mangel an Arbeitskräften, indem man die Heranbildung junger Talente vernachlässigt hat. ES hängt dies aber auch mit von Lebensgrundlagen unserer Bevölkerung und der dadurch gegebenen Stellung der Wissenschaft zum Staate zusammen. Wir haben noch zu wenig Männer mit unabhängiger Lebensstellung welche aus eigenem inneren Antriebe sich wissenichaftlichen Arbeiten widmen. Die ideelle Thätigkeit in Wissenschaft und Kunst wird nur vom Staate entwickelt und gepflegt, aber auch wiederum vollständig, von ihm sür seine nächsten Zwecke in Ampruch genommen und gänzlich absor« bitt. Nur bei einer reicheren Entwickelung der materiellen Lebensgrundlagen und der damit zusammenhängenden sesteren Organisation der bürgerlichen Gesellschaft wird auch eine selbstständigere ideelle Thätigkeit sich bei unS entwickeln. Ferner wünscht dieses Mitglied nun zunächst eine größere Berücksichtigung der eigentlichen LandeSgeschichte, 5 als der historische Verein bisher bethätigt hat und daß derselbe zu diesem Zwecke sich in innigere Beziehung zu den LandeSarchwen setze, wodurch außer- dem bei literarischen Unternehmungen bedeutende gegenseitige Ersparnisse erzielt werden können, z. B. bei Herausgabe von Urkundenbüchern, wobei wir zugleich erfahren, daß unser Archivdirector die vollständige Herausgabe unserer interessanten Klosterurkunden beabsichtigt. Zweitens wird verlangt, baß Ver Verein ein Verzeichniß der zerstreut gedruckten nassauischen Urkunden veranlasse und unterstütze, damit wir mit diesen so nöthigen Regesten nicht gegen andere Länder zurück stehen. Drittens die Vervollständigung der Stammtafeln der beiden Fürstenlinien, waS dadurch sehr erleichtert werbe, daß die Kupfertafeln der von HegelganS begonnenen Stammtafel der Walramischen Linie noch in wohlerhaltenem Zustande vorhanden seien und auch noch den nöthigen freien Raum barbieten. Viertens wünscht, daß VogelS Gaucharte deS HerzogthumS neu aufgelegt werbe. Leiber hat Vogel dieselbe bei der neuen Ausgabe feiner schätzbaren Beschreibung unseres Landes weggelassen. In der letzten Zeit ist aber daS Bedürfniß nach einer solchen Charte doppelt erwacht. Besonders hat auch die Nassauische Zeitung vielfach auf diese alte natürliche Ein- «Heilung unserer Gebirge und Thäler hingedeulet. Mancher Leser hätte dabei aber auch gern seine Charte gehabt; denn die Erinnerung an unsere frühere Geschichte ist selbst bei den Gebildeteren sehr erblaßt. Hoffentlich wird Vogel bald diesem Bedürfniß entsprechen; denn die Sache liegt zunächst natürlich in seinen Händen. Will er dieselbe Andern überlassen, so sollte der historische Verein sich dieser Angelegenheit annehmen. Fünftens müssen die alten Ortsnamen urkundlich festgestellt werben, schon um die von der zu Frankfurt gehaltenen Germanistenversammlung für ganz Deutschland gestellte Aufgabe auch nassauischer SeitS zu erfüllen. Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Arbeit leuchtet ein. Für mehrere Orte unseres Landes ist bereits dankenSweriheS geleistet.*) Sechstens die Förderung der Localgeschichte, wobei den Geistlichen eine schöne Aufgabe zufällt. Vogel und Friedemann wünschen mit Recht, daß die Geschichte der Stadl und Herrschaft Limburg, sowie deS Lahngau'S, welche der selige StiftSdechant Corden in Limburg in drei Foliobânven geschrieben, gedruckt werde. Dieselbe befindet sich wahrscheinlich unter den Handschriften deS Vereins und enthält gewiß bei dem bekannten Fleiß deS Verfassers viel
*) Wir erinnern an die Erklärung der Ortsnamen vom Archivdirector Dr. Friedemann, welche wir im „Wanderer" des Jahres 1850 mitgetheilt haben.