Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 87.
Mittwoch den 14L April
18SL
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumerationSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufscblagcs nur 8 fL, für die übrigen Länder d'eS deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland nur S fl. SL rr. — Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e llen be r g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
W Bestellungen auf die Nass. Allgem. Zeitung für das zweite Quartal 1852 wolle man baldigst machen.
Uebersicht.
Staat und Kirche.
Deutschland. Wiesbaden (Reges kirchliches Leben). — Camberg (Berichtigung). — Vom Lande (Das Schulblatt).— Ka ssel (DieneuePerfaffung. Verurtheiliingen).
— München (Meirner. Die Getraidepreise). — Ans dem Schwarzburgischen (Scheidung).— Hannover (Das Ministerium). — Berlin (Die Kaiserin von Rußland. Die deutsche Flotte. Die Darmstädter Konferenz Vermischtes). — Königsberg (Gnadenact. Prediger Detroit). — Hamburg (Verurtheilungen). — Kiel (Amnestie für die Militärpersonen. Proscriptionslisten). — Wien (Die Zollconferenzen. Graf Buol-Schauenstein. Handschreiben des Kaisers. Der „Morning Chronicle") Frankreich. Paris (Besuch der russtschen Großfürsten. HeisathSplâne. Vermischtes).!
Spanien. Madrid (Das Preßgesetz).
Italien. Turin (Die Befestigung von Casale. Die Na- tionalgarde von Cagliari). — Rom (Prinz Canino).
America. ,Neu-Bork (Kossuth. Die Erpedition nach Japan).
Neueste Nachrichten.
Staat und Kirche.
II.
A. K. In Nr. 54 dieser Blätter brachten wir den Lesern daS Urtheil eines der ersten jetzigen katholischen Historikers über den obigen Gegenstand und wiesen auf dessen weitere Mittheilungen hin. Heute lassen wir die neuesten Aussprüche und Ansichten eineS der ersten jetzigen evangelischen Histo- rikerS darüber folgen, deS Professors H. Leo in Halle, aus dessen 3. Aufl. deö 2. BdeS. der Universalgeschichte (Halle 1852), daS Mittelalter enthaltend.
Wie man auch über Einzelnes bei dem weiten Umfange urtheilen mag; die Gründlichkeit der Forschung, die Benutzung der neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse und die Großartigkeit der Anschauung, womit er ganze Massen zu ordnen und unter sichere Brennpunkte zu bringen weiß, wird Niemand ver> kennen. r
„DaS Mittelalter hat begonnen mit dem Auftreten deutscher Stämme in der Völker w an de- rung; sie ist daS erste allgemeine Ereigniß der deutschen christlichen Welt. Resultat der Bewegun- gen der Völkerwanderung war zuletzt daS Reich Karls deö Großen, die geistigste äußerliche Vereinigung der deutschen christlichen Welt. AuS einander gerissen ward dieses Reich und bis in kleine Kreise hin zersplittert durch die Entwickelung innerer Gegensätze, vor allen deö Gegensatzes weltlicher und geistlicher Gewalt, während welcher und in Folge welcher Kämpfe daS zweite allgemeine Ereigniß der deutschen christlichen Welt eintrat, die Kreuzzüge. Die Kreuzzüge waren eS, deren Folgen und Wirkungen in eben dem Maaße, wie früher die Kirche die weltliche Gewalt herabgebracht, so die Kirche herabbrachten, indem sie sie verweltlichten und neben ihr eine neue, ihr feindliche, geistige Welt schufen. DaS dritte allgemeine Ereigniß der deutschen christlichen Welt ist die G ä h r u n g in Kirche und Staat, welche daS Resultat der Nachwirkung der Kreuzzüge war, welche Gâhrung immer mehr alle Geister an sich riß und und dann in der sogenannten Reformation sich bethätigte".
„Sowohl die Völkerwanderung alö die Kreuzzüge und die Reformation, also die allgemeinen Aeußerungen deS deutschen christlichen Gesammtle- benS, sind nicht von einzelnen Völkern, noch von Staaten, noch durch weltliche Gewaltige, sondern durch geistige Bewegungen, welche von vielen Einzelnen auSgingen, und durch welche Tausende von Einzelnen, ganze Reihen von Völkern in gleich inleressirten Massen vereinigt wurden, geschaffen worden. Insofern kann man mit Recht sagen, daß sich die Weiterentwicklung im Mittelalter, die Fortbewegung deSGeistes nicht an V olkö- thüml ich ketten knüpfe. Volköthümlichkeitenaber
und kräftige Volköthümlichkeiten den Völkern deS Mittelalters absprechen zu wollen, wäre Unsinn".
„Aeußerlich wurden zwei große Werke vollbracht, von denen daS Eine vornemlich der Thätigkeit der Romanen, deö andern vornemlich der Thätigkeit der Germanen anheim fällt. Jenes Werk ist die Herstellung einer festgeordneten Gesell sch a f t S v e r f a s su n g der Kirche, eineS festen WalleS, an dem sich die Fluthen der Rohheit deS in sich zerfallenden römischen und deutschen HcidcnthumeS brechen. Daran knüpft sich zugleich die Verbreitung deS Christenthums über die germanische Welt. Die Mißbräuche, die sich an diese positive Thätigkeit anschlossen und Vie theils in Resten antiheidnischer Sinnesart, theils in südlichen EmpfindungS- und Lebensweisen wurzelten, fanden ihr stetes Correctiv an der reineren, innigeren Auffassung der christlichen Lehre durch deutsche Seelen. Wie aber den Romanen gewissermaßen durch daS ganze Mittelalter hindurch das Kirchenregiment in die Hände gegeben war, so den Germanen das ReichSregiment, und sobald die Ausartung und Anmeßung deS Kirchenregimentes alle Schranken zu überschreiten, wieder zu Greueln deS HeidenthumS zu führen drohte, trat ein deutscher Fürst, trat zuerst mit Nachdruck Ludwig der Baier in Nothwehr entgegen, und Germanen waren eS, die in Constanz und Basel die Kirche, obwohl für'ö erste noch vergeblich, von der Lasterhaftigkeit auSgearteter Roma- nen zu befreien bemühet waren. Die Reinigung deS von Romanen ausgebildeten Kirchengebäudes von darin erwachsenem Verderben ist das Werk der Germanen.
„Wenn wir daS Christenthum im Mittelalter erblicken alö die Wurzel aller großartig-förderlichen Erscheinungen, wie eö zuerst daS römische Reich zu einem anderen Wesen erzogen, der Karolinger Reich gebaut, dann die daraus heroorgehenden Reiche von Deutschland, Frankreich, Burgund und Lombardien in ihrer Bildung und Entwickelung bestimmt, die germanisch romanische Welt der Ungläubigen entgegen geworfen und zuletzt einen geistigen LäuterungS- Proceß eingeleitet hat, dessen Arbeit noch nicht als vollendet angesehen werden kann; darf man doch nie vergessen, daß die Geschichte der christlichen Kirche in verschiedenen Perioden und innerhalb dieser auf verschiedenen Localen einen wesentlich anderen Character trug, wenn Die Richtung der ä u« ßeren Gestaltung vorherrschte, und einen wesentlich anderen, wenn die Richtung der inneren Durchbildung und Läuterung der Sitte und Lehre vorherrschte.
„Diese beiden Richtungen haben nur einmal, in den allerersten Zeiten der Christenheit sich so energisch vereint gefunden, daß sich von dieser ersten Periode nicht sagen läßt, daß die eine ober die andere darin mächtiger gewesen sei. Nachher haben sie einander abgelöst, und jede Richtung hat ihre eigenen Helden und Märtyrer, ihre eigenen Bewegungen und Siege hervorgetrieben, und verschiedene Völker haben zum Theil diese Richtungen repräsen- tirt. Zuweilen, wenn Gleichgültigkeit gegen die Lehre und Erschlaffung eingetreten war, hat das Misstonöinlereffe electrisirend gewirkt und auch in den heimischen Gegenden den Sinn für GotteSge- danken geweckt; zuweilen, wenn, wie in den Kreuzzügen , das ganze Christenthum in der bloßen Negation deS Unglaubens aufzugehen drohete und man an der kürzesten Zusammenfassung der Lehre genug zu haben schien, hat gerade daS Fremdartige, was man äußerlich bekämpft und bezwungen, auch im Inneren deS Christenthumes Irrlehren und in der Nothwendigkeit der Bekämpfung derselben ein neues Feuer für allseitige Einbildung der reinen Lehre entzündet; wogegen ein so im Inneren ent- zündeteS Feuer auch ost wieder daS lässig gewor- Vene MissionSwerk belebt und neue Kräfte nach außen getrieben hat".
„Man sollte sich über daS polarische Zusam- mengehören, Auseinanverwirken und sich gegenseitig Neubeleben dieser beiden Richtungen stets die klarste Vorstellung vor Augen halten; denn in ihrer Beziehung ist, wie in Zettel^und Einschlag daS ganze Gewebe der europäischen Völkergeschichte seit der
Bekehrung der deutschen Völker enthalten. Die Geschichte der christlichen Kirche ist seit Constantin dem Großen durchaus der Kern, Die Seele und daS eigentlich Lebendige in der Universalgeschichte.
Uebersicht man aber dann Die Massen im Großen, so wird man sofort darüber einig sein, daß während deS Mittelalters Die Richtung auf äußere Erweiterung deS christlichen Religio n S g e b i e t e S durchaus und in eben dem Grade die vorherrschende war, wie in der nachfolgenden Zeit seit der Reformation die Richtung auf innerer Läuterung; biS in neuester Zeit die Kraft der einen Richtung an der Kraft der andere,n zu erstarken, und so eine neue Periode der christl - chen Kirche zu beginnen scheint. Jeder KreiS aber, der tiefer und reiner von der christlichen Lehre durchdrungen ist als andere, durchlebt im Verhältniß zu diesem zugleich eine neue Missionsgeschichte, und Völker, die in ihrem Geiste nicht die Kraft der einfachen ruhigen Uebergânge zu dem Leben der geläuterten Kreise haben, gerathen oft aus einem früher geordneten Zustande in den der Destruction, die für sie erst ein Mittel der Läuterung wird. Dieß darf man nie vergessen, wenn man Mittelalter und neueste Zeit zusammenhält und den Jammer und die Gräuel, den religiösen Unverstand so mancher Zwischenzustände, selbst so mancher Zustände unserer Zeit im Gegensatz deS Mittelalters beklagt. An einen Krebsgang der Kirche und der Menschheit hat noch Niemand geglaubt, der an Gott und Christum glaubte".
Das Christenthum wird fortan bewußt und unbewußt mit der Luft eingeathmet, und wie man auch in polarisirenden Bewegungen Wesentliches und Unwesentliches sondern oder vermischen oder gar verwechseln mag, daS Leben der europäischen Welt wird immerdar ein christliches sein und der Staat, wie indifferent er dagegen sich verhalten will und muß, um die einmal neben einander eng wohnenden und wirkenden verschiedenen Thätigkeiten unparteiisch zu behandeln, kann selbst nicht aushören christlich zu sein; nur muß er dafür sorgen, daß er eS in edelster Potenz ist und die Geschichte zur warnenden Lehrmeisterin nehme.
Deutschland.
+ Wiesbaden, 10. April. So still und geräuschlos auch der gestrige Tag, der Charfreitag, gemäß der Bedeutung des Festes vorüberging, so konnte doch Keinem, der längere Zeit in Wiesbaden gelebt hat, der auffallende Unterschied in der Feier desselben im Vergleiche zu früheren Jahren entgehen. ES ist nicht zu verkennen: auch in der evangelischen Kirche regt sich ein neues Leben, und wer die Ueberzeugung theilt, daß nur in dem Christenthume und seiner Wiedererweckung in der ihm fast abgestorbenen Zeit daS Heilmittel für unsere durch und durch krankhaften Zustände gefunden werden kann, der wird Die zahlreiche Betheiligung an dem gestrigen dreimaligen Gottesdienste in der evangelischen Kirche mit inniger Freude wahrgenommen haben und auS der äußeren Erscheinung auf daS wirkliche Vorhandensein eineS religiösen Bedürfnisses daö in der Kirche und ihren Institutionen Befriedigung sucht, gern einen Schluß ziehen. ES mag sein, daß an dem vorzugsweise, als protestantisch geltenden Festtage Viele nach ihrer alten Gewohnheit sich wieder einmal in der Kirche zeigten, um darauf im Bewußtsein ihrer geistigen Stärke und religiösen Vollkom- menheit vielleicht für ein Jahr oder wenigstens bis zu dem nächsten hohen Feste unsichtbar zu bleiben; damit ist aber die gestrige Ueberfüllung der Kirche noch nicht erklärt; denn daß daS Militär auS Mangel an Raum wieder abziehen mußte, daß die Zahl der Communicanten nahe an 800 betragen hat, das sind Thatsachen, deren Grund wohl in etwas Anderem gesucht werden muß, und Die wir mit um so lebhafterer Theilnahme begrüßen, je größere Hoffnungen wir daran für unsere evangelische Landeskirche und eine bessere Gestaltung der Zukunft überhaupt knüpfen.