Einzelbild herunterladen
 

JE 86

Montag den 12 April

1882

Uebersicht.

Fürst Felix Schwarzenberg.

Deutschland. Frankfurt (Marcard). Hanau (De- mocratenversammlung). Darmstadt (Berichtigung). München (Liebig, Pfeuffer und Wagner). Berlin (Die Zollconferenzen). Prag (Banknotenfabrik. An­kunft des Kaisers). Wien (Die Altconservativen. Baron ; v. Kübeck. Die Vorgänge in Bosnien).

Frankreich. Paris (Die Rentenconverfion. Prinz Ca­nino. Thiers. Girardin. Vermischtes).

Großbritannien. London (Graf Buol-Schauenstein ab­berufen. DerBirkenhead").

Spanien. Madrid (Die Königin. Cuba).

Neueste Nachrichten.

Fürst Felix Schwarzenberg.

mende Urtheile dieser Art haben dieOesterr. Corr.", dieNeue Pr. Z." und diePresse" gefällt.

DerLloyd" sagt: Fürst Schwarzenberg war nicht ein Mann, um in untergeordneten Stellungen zu glänzen. Die Natur hatte in der That auf seine Stirne daS Siegel der Macht gedrückt; sein Beruf in der Welt war zu leiten, nicht zu folgen. Große Feldherrn werden geboren, nicht erzogen, und große Staatsmänner sind auch Feldherren.

Er fährt fort r Nicht einzelne große Talente machen den Staatsmann; sie machen nur die Ge­hilfen des Staatsmannes. Der glänzende Redner, der gewandte Unterhändler, der gewiegte Staatâ- ökonom, der erfahrene Administrator, sie taugen gut als Zweite im Staate, die Ersten im Staate dürfen selbst diese Fähigkeiten entbehren, und wenn sie sie auch besitzen, so müssen sich zu ihnen noch andere Gaben gesellen. Die Gabe, mit Einem Blick ein Ganzes zu ersassen, im rechten Moment den rechten Entschluß zu ergreifen , alle vorrâihigen HilfSmitel zu einem gegebenen Zwecke zu nützen, mit bedäch­tigem Muthe zu wagen, mit muthiger Geduld ab­zuwarten , mit zäher Beharrlichkeit anscheinende Schlappen in endliche Erfolge zu verwandeln, sie war die Gabe des verblichenen Staatsmannes.

Die Const. Zeitung glaubt dagegen, daß man im Allgemeinen eher geneigt fein wird, die Bedeu­tung diesesmöglicherweise folgereichen" Ereignis­ses zu hoch als zu niedrig anzuschlagen. Es sei wahr, der Name deS Fürsten repräsentirte ein Sy­stem , dessen Entwickelung auf den Gang der Dinge auch außerhalb Oesterreichs, namentlich auch in Deutschland und in Preußen einen entscheidenden Einfluß geübt hat und daS er, sobald eS einmal eine bestimmte Gestalt angenommen hatte, jedenfalls in energischer und bis zu einem gewissen Grade auch wirksamer Weise vertrat. DaS allein aber könne ihm noch keinen Anspruch auf den Namen eines großen Staatsmannes geben; die gewöhn- i lichste Hartnäckigkeit eines beschränkten Geistes könne unter Umständen ganz dasselbe leisten (!); Jakob II. von England war einige Jahre lang in seinen Maßregeln äußerst energisch, der spanische Philipp war eS sein ganzes langes Leben hindurch und dennoch hat ihnen die Geschichte keinen Platz in der Walhalla der großen Monarchen oder Staatsmän­ner angewiesen, weil dem System, das sie mit Anstrengung und Ausdauer verfolgten, kein großer leitender und fruchtbringender Gedanke zu Grunde lag, weil sie nur Motive deS kleinlichsten persön­lichen Interesses und eines bornirten Fanatismus kannten.

Ein Ruhm bleibe dem Fürsten allerdings un­geschmälert, der seines Olmützer TriumpfeS, gleich­viel ob er ihn nur mehr der klugen Berechnung der Verhältnisse und richtigen Würdigung der Geg­ner oder der hazardirenden Leichtfertigkeit verdankt, mit der er Oesterreich den Chancen eines Krieges auösetzte, unter dem eS im schlimmsten Falle leicht zufammenbrechen konnte. Daß er Preußen damit I viel geschadet, sei sicher; die Frage, ob und wie I weit er Oesterreich damit genützt habe, bleibt noch zu beantworten.

Auch die A. A. Z. hält die Conferenz in Ol- mütz für den denkwürdigsten Moment auS dem Leben des Fürsten. Sie hebt besonders die staats­männische Mäßigung hervor, welche der Fürst dort an den Tag gelegt, sie sagt:

Daß der Fürst seine persönlichen Gefühle völlig beherrschte und den StaatSzwecken unterordnete, daS bewies der AuSgang der Olmützer Conferenz. AlS wir damals die großen Heersäulen, Schwadronen, Batterien und Karren nach Böhmen sich hinauf be­wegen sahen, da waren alle gefaßt auf daS, was unvermeidlich schien. Oesterreich führte damals krieg­geübte Schaaren nach dem Norden, eS konnte drei, vier erprobten Feldherren die Heere übergeben, die SiegeSgewißheit war in dem Herzen jedes Soldaten, und die Oesterreicher hatten nahe Bundesgenossen, während Preußen fast allein ^stand. Erinnert man sich noch wie verpestet durch Schmähungen alle Ge­müther waren, wie die Galle überall kochte, und selbst der Besonnenen zuletzt in einen Zustand der Ermuthigung gerieth, daß er das Unabänderliche lieber herbeiwünschte, 'als die Verlängerung der Ungewißheit? Ein hartes Wort, ein eigensinniges Verharren auf Nebenpunkten, die geringste Unacht­samkeit bei der außerordentlichen Gereiztheit deS Ehrgefühls, welches geschont sein wollte, hätte die Gegner aneinander gebracht. Fürst Schwarzenberg hat die nöthige Besonnenheit und Kaltblütigkeit ge- zeigt, und daS ist jedenfalls die größte That seiner Laufbahn als Staatsmann. DaS wird man ihm banken noch nach Jahrhunderten am Rhein und der Elbe wie an der Donau.

Uber die letzten Augenblicke des Fürsten Schwar­zenberg berichtet dieAugSb. Allg. Ztg." Folgendes: Der Fürst erledigte im Laufe des VormiuaagS, wie gewöhnlich, die Geschäfte deS auswärtigen Annes, empfing einige Personen, vollzog die Beeidigung eines neuernannten kaiserl. geheimen Raths , prüfn dirle dann dem Ministerrath, welcher sich um 3 Uhr in der Staatökanzlei, der Amtswohnung deS Für­sten, versammelt hatte, und nahm wie er stets zu thun pflegte bei einzelnen Punkten lebhaften Antheil an der Berathung. Um 4% Uhr entschuldigte er sich, bat aber die Verhandlung forlzusetzen. Er be­gab sich in ein anstoßendes Cabinet um Toilette zu machen, da er bei seinem Oheim, dem regierenden Fürsten Schwarzenberg, zur Tafel erwartet wurde. Er zog die Uniform auS und legte den Schlafrock an, als der im Vorgemach harrende Kammerdiener, durch das Geräusch eines Falles aufmerksam ge­macht, die Thüre öffnete. Der Fürst lag dcwußlvS am Boden. Der in größter Eile auS der nahen Hofburg geholte Leibarzt Sr. Majestät, Dr. See­burger, und ein zweiter Arzt wendeten augenblicklich alle Mittel der Wissenschaft an. ES war vergeblich. Ein Nervenschlag hatte den Fürsten getroffen; er konnte nicht mehr zur Besinnung zurückgerufen wer­den. Der Dechant der Augustinerkirche kam noch zu rechten Zeit, dem Sterbenden daS Sakrament der letzten Oelung zu geben. Um 53/< Uhr starb Fürst Schwarzenberg, anscheinend ohne weiter ge­litten zu haben. Sein Sterbebett umstanden außer den Aerzten und dem Priester nur der her­beigeeilte erste General-Adjutant des Kaisers, Feld- marschall-Lieutenant Graf Grünne und der erprobte Freund und College deS großen Staatsmannes, der Minister deS Innern Dr. Bach. S. Maj. der Kai­ser befand sich auf einem Spaziergang als die Nach­richt in die Hofburg gelangte; er begab sich sogleich in die Staatökanzlei., aber der Fürst war bereits verschieden; der Monarch betete, tief ergriffen, bei der entseelten Hülle seines treuen und ersten Rath­gebers und Freundes. Herr v. Bach begleitete den Kaiser in die Hofburg und empfing die ersten auf daS unglückliche Ereigniß bezüglichen Befehle. Spä­ter wurde der Präsident des ReichSrathS, Baron V. Kübeck, und der UnterstaatSsecretär im Ministe­rium der auswärtigen Angelegenheiten, Baron v. Werner, zu Sr. Majestät berufen.

Schon vor einigen Wochen hatte der Fürst- Präsident einen Schlaganfall. Bekanntlich litt Fürst Schwarzenberg schon seit Jahren an einem organischen Herzübel (Aneurisma). Die Aerzte empfahlen ihm dringende Erholung und Ruhe, min­destens für einige Zeit. Seine Thatenunruhe ließ eS n-icht zu. Kaum hergestellt, widmete er sich wie­der den StaatSgeschäften mit rastloser Thätigkeit. Seit jeNer Zeit hatte die engern Kreise seiner Um­gebung, seiner Kollegen und alle Gutunterrichteten die Besorgniß nicht nur um die Gesundheit, sondern um daS Leben des Fürsten keinen Augenblick ver­lassen. Die großen organischen Arbeiten wollte er erst unter seiner Leitung zum Ziele geführt sehen, im Frühjahr sich dann Erholung und Ruhe gönnen. In den ersten Frühlingstagen geleiten wir nun den großen Staatsmann zur ewigen Ruhe.Ob ich das große Werk vollenden werde", äußerte er vor einiger Zeil in einer Unterhaltung mit dem Schrei­ber dieser Zeilen,das kann ich nicht sagen. DaS aber weiß ich gewiß, den Gedanken der Einheit der Monarchie meines Kaisers wird keiner meiner Nach- folger mehr aufgeben können". Und das allein, so däucht mir, genügt zu einer bedeutungsvollen Stelle in der Weltgeschichte.

Allgemein ist die Anerkennung, welche dem Charakter und der Wirksamkeit deS Hingeschiedenen von Seite der .Presse gezollt wird. Uebereinstim-

Die englischen Dlâkter füllen keine besonders günstigen Urtheile. DieTimeS" zollt der Ent­schlossenheit, Kühnheit, unermüdlichen Thätigkeit und zähen Ausdauer deS österreichischen Minister- Präsidenten alle Anerkennung, ist jedoch weit davon entfernt, ein unbedingtes Loblied auf ihn anzustim­men. Er besitzt, sagt dieTimes", Anspruch auf den Ruhm, außerordentliche Schwierigkeiten mit außerordentlichem Erfolge bewältigt zu haben. Allein der Glanz dieses Erfolges ward oft durch das hochfahrende und anmaßende (?) Wesen deS Fürsten getrübt, welcher keinen Nebenbuhler dulden konnte und von Mäßigung nichts wußte. Ec baute in unsinnigem Maße auf die Militärmacht als auf die Hauptquelle der Regierung, weil sie ihn, alS eS noth that, in Stand gesetzt hatte, das Reich vor der Anarchie zu retten. Dieser Irrthum gab vielen seiner Handlungen einen harten und willkür­lichen Charakter. Die Art und Weise, in welcher der Fürst gegen England ausgetreten ist, kann die TimeS" nicht verschmerzen. Sie macht ihrem Groll in folgender Aeußerung Luft. Gegen fremde Nationen und namentlich gegen England, pflegte Fürst Schwarzenberg schroff aufzutreten, gleichsam als sei er beständig von der Krankheit verwundeter Eitelkeit oder unbefriedigter Rachsucht geplagt. Wir hoffen ernstlich, daß an seine Stelle ein in Erfül­lung seines politischen Berufes nicht weniger kräf­tiger und eifriger, aber im Rathe weniger anma­ßender und im Handeln weniger maßloser Staats­mann treten möge.

DerGlobe" legt der Persönlichkeit des Für­sten Schwarzenberg keinen so großen Einfluß auf die Geschicke Oesterreichs bei, wie dieTimes". DaS Whighblatt erblickt in ihm nicht sowohl den selbstständigen Leiter der österreichischen Politik, als das vornehmste Werkzeug jenes MilitârsvstemS, welches als die einzige Organisation im Kaiser­staate, auS der überhaupt noch nicht alle Lebens­kraft gewichen gewesen sei, nothwendig nach oben habe gelangen müssen und unter jedem anderen Minister mit gleicher Nothwendigkeit, wie unter dem Fürsten Schwarzenberg geherrscht haben würde. AehnlicheS bringetDaily News".

DieAssemblee nationale"^ dieUnion" und derUniverS" geben auch Leitartikel über den Hin­geschiedenen Fürsten Schwarzenberg. Alle sprechen sich mit mehr oder weniger großen Anerkennung, aber von verschiedenen Gesichtspuncten auS, über die politisch. Laufbahn des verstorbenen Staats­mannes aus.UniverS" preist das Andenken des Fürsten wegen seiner Verdienste um den Papst und die katholische"Kirche;Assemblee nationale" bezeich­net alS einen der leuchtendsten bewundrungswürdig- sten Acte seines Ministeriums seinen Widerstand gegen Lord Palmerston.Union" bespricht den Ver­storbenen im Allgemeinen als einen großen Staats­mann und ergebenen Freund der Monarchie, ohne diese Ergebenheit größer finden zu können als die, welche der großen Masse deS österreichischen Volkes eigen sei, weßhalb auch eine Erschütterung deS mo- narchischen Princips durch das Hinscheiden deS Für­sten nicht zu befürchten stehe. (Daran denkt Nie­mand in Oesterreich.)

Deutschland.

Frankfurt, 8. April. Der in der Marinever­waltung angestellt gewesene königl. hannov. Haupt­mann Marcard ist von seiner Regierung zurück­berufen worden.

Hanau, 5. April. Vor einigen Tagen soll eine, übrigens nicht sehr zahlreich besuchte, Ver­sammlung von hervorragenden Mitgliedern der vor­gerückteren Fractionen der demokratischen Partei in unserer Nähe, in Pfungstadt, abgehalten worden sein. Auch auS Mainz, Frankfurt, Offenbach und anderen Nachbarorten sollen sich Koriphâen dieser Richtung dabei eingefunden haben.

Darmstadt, 9. April. Die Nachricht der Frankfurter Postzeitung", daß auch der Bundes- prâfidialgesandte dem Vernehmen nach den Minister- conferenzen in Darmstadt beigewohnt habe, beruht, wie diesem Blatt- unter obigem Datum mitgetheilt wird, auf einer Unrichtigkeit, weil sich Graf Thun zwar allerdings Montags den 5. um 4 Uhr Nach­mittags nach Darmstadt begeben hatte; jedoch nicht um den Ministerconferenzen, sondern einem von dem großherzoglich hessischen Ministerialdirektor, Frhrn. v. Dalwigk, veranstalteten Diner beizuwoh­nen, und weil derselbe am nächsten Morgen wieder