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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^2 86 Sonntag den 11» April 18S2

Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur S fl., für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland nur S fl. kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Wegen des Osterfestes erscheint morgen keine Zeitung, am zweiten Feiertage aber eine Beilage, welche um 11 Uhr Vormittags abgeholt werden kann.

Uebersicht.

Atmlicher Theil.

Dieuftnachrichten.

Nichtamtlicher Theil.

Fürst Felix Schwarzenberg.

Deutschland. Wiesbaden (Die Mission). Weil­burg (Der Zeichnenunterricht). Vom Main (Die Darmstädter Conferenzen). Frankfurt (Austritt der preußischen Mitglieder des SchutzvereinS). Hannover (Diplomatische Personalien). Erfurt (Die badische Thronfolge). Berlin (DaSSchlußprotocoll der Wiener Zollconferenz. Haube ein Geisterseher. Vermischtes). Bremen (Dulon). Hamburg (Aussetzung der Bür­gerschaftsversammlung). Altona (Eine Tricolore). Wien (Die Marine. Ministerielle Erklärung. Uebertritt zum Katholicismus. Die Zollconferenzen. Vermischtes). Frankreich. Paris (Zusammenkunft des Königs von Preußen mit der Königin von England. Fürst Canino. Schreiben Louis Napoleons. Graf Chambord. Verm.).

Großbritannien. London (Der Finanzplan. Die Miliz- Bill. Der Kaffernkrieg. Schiffbruch).

Neueste Nachrichten.

Amtlicher Theil.

Seine Hoheit der Herzog haben den Medicinalaccessisten Hofrath Dr. Spengler zu Herborn zum Medicinalaccessisten für den Badeort EmS zu ernennen geruht.

Der Provisorich an die Lehrgehilfenschule zu Marxheim dirigirte Schulcandidat Bruckheimer von Niederwalluf ist auf sein Ansuchen von der Annahme dieser Stelle entbunden und dieselbe dem Schulcandidaten Becker von Erbach, AmtS Idstein, provisorisch übertragen worden.

Nichtamtlicher Theil.

* Fürst Felix Schwarzenberg.

Der NameSchwarzenberg" war mit der neu erstandenen Größe Oesterreichs, sein Glanz und Gewicht mit dem wachsenden Einfluß des KaiserstaateS beinahe gleichbedeutend geworden, so daß jetzt, wo daS Verhângniß eines Augenblicks dem lhatenreichen und erfolggekrönten Leben dieses Staatsmannes ein Ziel gesteckt, die Frage sich un- willkührlich aufdrângt: wer wird in die Fußtapfen dieses Mannes treten, wer hat den Muth, die Lan­zen wieder zu holen, die er rings in die fremden Lager geworfen, wer hat daS Verständniß für seine wett gerückten Pläne, wer dieselbe Unbeugsamkeit deS Charakters, dieselbe Entschiedenheit und Hin­gebung? Die hohe Stelle, auf der er gestanden, will Männer, wie die Gletscher, hochragend, glatt und kalt, sie verlangt aber zugleich Männer, welche nicht, wie die Firnen, trügerischen Schimmer von fremden Strahlen borgen, sie verlangt Männer, welche selbst Licht, Wärme und Leben der Welt verleihen, die sie lenken.

Drei großartige Ideen bilden die Nachlassenschast dieses Mannes, drei Ideen, zu deren Durchführung ein eiserner Wille, selbstbewußte Festigkeit nicht minder alâ geschmeidige Klugheit gehören, Aufgaben welche die Energie des KriegerS gleich wie die Ge­wandtheit deS Diplomaten in Anspruch nehmen. Sie sind: der Eintritt von Gesammiösterreich in den deutschen Bund, die deutsch-österreichische Zoll- und HandelSeinigung und die Einheit deS Kaiserreichs.

Wie weit sind diese Ideen ihrer Verwirklichung nicht nahe gerückt und unter welchen Umständen hat Fürst Felix Schwarzenberg die Zügel der Regierung ergriffen? Er hatte ein großes Ziel. Er wollte Oesterreich stark und lebenskräftig im Innern, mächtig und angesehen gegen Außen; die­ses Ziel verfolgte er unverwandten Blickes.

Als Fürst Felix Schwarzenberg an die Spitze des Ministeriums trat, da standen Provin­zen mit den Waffen in der Hand den kaiserlichen, hart bedrängten Herren gegenüber, die historische Scheinberechtigung ihrer offenen Widersetzlichkeit, ihrer LoSreißungSgelüste hatte ihnen Sympathieen und Bundesgenossen zugeführt; die Revolution war damals zwar niedergeworfen, Wien war besiegt und auf feinen Wällen flatterten wieder die kaiser­lichen Fahnen, doch im Stillen gvhr und kochte der lang verhaltene Groll der einander bekämpfen­den Nationalitäten.

Um den Preis von Concessionen an eine oder die andere hätte die Regierung in einer oder der anderen der Hauptnationalitäten leicht Bundesge­nossen finden können, um die Macht aller zu bre­chen, sie hätte aber nur die Wahl gehabt, ein deut­sches oder ein slavisches Reich zu gründen, während es ihr darum zu thun war, das traditionelle Oester­reich zu erhalten. Der Plan einer Föderativmo- narchie lag nahe, man glaubte jedes einzeln wider­strebende Element auf seinen eigenen Heerv beschrän­ken zu müssen und so leichter beherrschen zu können, man erkannte aber bald Ungarn war daS mene tekel dieser Politik daß der gesammte StaatS- körper machtlos bleiben müsse, je mehr sich das geistige und materielle Leben auf verschiedenen Punkten concentriren würde, je weniger gemeinsame Berührungspunkte geboten würden. Die Idee, ein widerstrebendes Element durch daS andere zu besie­gen, war bald aufgegeben. Graf Stadion hatte die staatsmännisch nicht genug zu würdigende Idee, daS NationalitätSprincip bis an die äußerste Con« fequenz zu treiben und daS lähmende Bestreben dieser vivergirenden Elemente dadurch ad absurdum zu führen, daß er Nationalitäten zwar nicht impro visirtt, aber aus längst verklungenen Traditionen wieder wach rüttelte, und gleichberechtigt an die Seite jener fetzte, welche nie daran dachten, Rivale'zu dulden oder zu erhalten und welche die Kräftigung ihrer Stämme selbst durch die Knechtung anderer zu befördern, jeden Augenblick bereit waren. Die Böhmen waren in den Tagen drängender Gefahr dadurch begütigt und zu Bundesgenossen der Regie­rung gemacht worden, daß man ihren Ansprüchen auf Prâponderanz deS slavischen Elementes Aner­kennung, ihren Träumen von einem einheitlichen großslavischen Reich Nahrung zu geben schien. Graf Stadion trat diesem durch den Drang deS Augen­blickes, durch die gefahrvolle Lage kaum in etwas gerechtfertigten, selbstmörderischem Beginnen auf seine Weise entgegen; die Durchführung seiner Idee hätte aber nothwendig zur Föverativmonar- chie, zur Wiederbelebung der provinziellen Berechn tigungen geführt.

Fürst Schwarzenberg verwarf diese Mit­tel als geringfügig. Der Krieg in Ungarn war, wenngleich leider durch die Hilfe Rußlands beendet. Radetzky hatte den sanguinischen Hoffnungen der giovine Itâlia ein Ende gemacht, hatte die südwest­lichen Provinzen, die Schatzkammer des Reiches wieder erobert; Oesterreich hatte nicht mehr nöthig, seine Armeen im Innern zu verwenden. Gestützt auf ein kampfgeübtes, krieggewohntes Heer konnte nnn Fürst Schwarzenberg den Siegen Nach­druck verleihen, die fein diplomatisches Talent zu einer Zeit schon in Deutschland erfochten hatte, als es noch machtlos seinem wohlgerüsteten Gegner gegenüber stand, der die unermeßlichen Vortheile seiner Lage nicht zu benützen verstand oder auS un­erklärlichen, vielleicht auch ganz natürlichen Gründen nicht zu benutzen wagte. In der kürzesten Frist hatte Schwarzenberg seine Armee von der Gränze Vorarlbergs an biS zur Nordsee vorgescho­ben, Preußen hatte ihm dazu die Wege geebnet, die Brücken geschlagen; sein Einfluß wuchs in Deutschland von Tag zu Tag. Oesterreich hatte sich von der Bewegung im Jahre 1848 am fernsten ge­halten, hatte derRevolution" nur geringfügige Zu- geftänrniffe gemacht, war die wenigsten Verpflich­tungen eingegangen. Schwarzenberg erkannte mit richtigem Blick die günstige Lage Oesterreichs

und ging von Sieg zu Sieg. Er befolgte die ein­fache Politik, alles was feit dem März 1848 in Deutschland sich ereignet hatte, ungeschehen zu ma­chen, und die Consequenzen der Bewegung ebenso zu lâugnen , wie er die Berechtigung derselben ge« läugnet. Preußen hatte damals noch nicht die Um­kehr gefunden, und Oesterreich war der Sympathieen und der Unterstützung aller Regierungen sicher ge­worden, denen der daS Wesen der Dinge so richtig erfassende Muth deS österreichischen Premier auS dem Traume und zu der früheren Machtvollkommen­heit verholfen hatte, ohne daß sie mit ihrer Ueber­zeugung oder mit ihren Verpflichtungen in bedeu­tenden Conflict gerathen waren. Oesterreich stellte den Bund wieder her, dessen Kontinuität nach seiner Ansicht durch die Errichtung der provisorischen Cen­tralgewalt nicht unterbrochen und durch die Bun- deScentralcommisston erhalten worben war. ES ant­wortete auf daS Erfurter Parlament mit der Dres­dener Conferenz der deutschen Regierungsbevoll­mächtigten, auf die Union, welche die einzelnen Staaten Preußen unterzuordnen drohte, mit dem Projecte deS GesammteintritteS in den resuScirten deutschen Bund, das höchstens unbestreitbare Präsidial­recht in der Diät zur Folge haben sollte. DaS Streben seinen Einfluß in Deutschland zu sichern, führte notgedrungen zu der Erkenntniß, daß Preu­ßens handelspolitischer Einfluß, den es als Schöpfer und hevorragendesteS Glied deS Zollvereines auf Deutschland übte, neutralisirt werden müsse. Der Ablauf des ZollvereinSvertrageS war die passendeste Gelegenheit und wurde benutzt, um mit der Idee der deutsch-österreichischen Zoll - und HandelSeinigung hervorzutreten, so einerseits dem tiefgefühlten Be­dürfniß, der österreich. Industrie neue Absatzquellen zu verschaffen, wie auch dem Gebote zu entsprechen, Deutschlands Interesse an dem Gedeihen Oesterreichs durch die stärksten Bande zu fesseln. Die Siege, welche in Warschau, Olmütz und Dresden errungen waren, die Demüthigungen, welche Preußen an denselben Orten erlitten, ermuthigten zu jedem Un­ternehmen, sicherten den Erfolg eines jeden.

Leider erlebte der große Staatsmann nicht daS Gelingen derselben. DaS GesammteintritiSprojecl ist wegen deS Widerspruchs der Garanten der Wiener Verträge vertagt, die ZolleinigungSfrage in der Schwebe und sseit der Abschließung deS Sep­tembervertrages, dem die Wiener Zollconferenzen ein Gegengewicht bieten sollten, in ein weit ungün­stigeres Stadium zurückgedrängt. Die Einheit des österreichischen KaiserstaateS scheint zwar gesichert; allein wer weiß eS nicht, welch erbitterten Wieder­stand er in Verfolgung dieser Idee bei seinen eige­nen StandeSgenossen gefunden hatte.

Die Einheit deS österreichischen Kaiserreichs war nur durch die Aufhebung der Provincialverfaffungen durch Aufhebung der feudalen Einrichtungen der Krcnländer zu erreichen; der Adel sah seinen Ein­fluß vernichtet, seine Stellung gefährdet, deren Glanz er doch aufrecht erhalten wollte, trotzdem daß die Ab­lösung der bäuerlichen Lasten ihm kaum zu verschmer­zende Wunden geschlagen hatte; er wollte seine Prärogative, die in einzelnen Kronländern nicht unbedeutend sind, ungeschmälert wissen. Oesterreichs Finanzen waren nicht von der Art, daß es die Politik Schwarzenberg'S, die stets kampfbereit an daS Schwert schlug und den der Ruhe bedürftigen Kaiserstaat zu stets erneuten Anstrengungen zwang, auf die Dauer ohne Schwierigkeiten zu verfolgen im Stande gewesen wäre.

Diese Ueberzeugung wurde in der letzten Zeit dem Ministerpräsidenten näher gerückt, die Schwierig­keit der Lage gestaltete sich bedenklicher, zahlreichere Hindernisse stellten sich seinen Plänen entgegen, der Widerstand der Adelspartei mit den kleinlichen aber unausgesetzt wiederkehrenden Reibungen er­müdete und erbitterte ihn.

Die letzten Tage seines Lebens waren für ihn keine freudigen und es liegt die Vermuthung nahe, daß feine durch die Genüsse und Leidenschaften einer allznrasch durchlebten Jugend untergrabene, durch die ungewöhnlichen Anstrengungen der letzten Jahr?