Nassauische Allgemeine Zeitung.
Jtë 7« Dienstag den 30. März 1852.
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Durch den „amtlichen Theil" dieser Zeitung gelangen Kundmachungen der Regierung am frühesten zur Kenntniß des Publikums. Die Assisen und Landtagsverbandlungen werden mit möglichster Schnelligkeit und Ausführlichkeit mitgetheilt. Ueber die Vorfälle und Zustande im Lande sowie von außenher berichten zahlreiche und zuverlässige Correspondenten, während der für Wiesbaden äußerst günstige Postverkehr es ermöglicht, die Nachrichten aus Norddeutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien rc. früher, andere gleichzeitig mit den in der Umgegend erscheinenden Blättern zu bringen.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" erfreut sich deßhalb einer bedeutenden, stets zunehmenden Verbreitung und eignet sich dadurch besonders zur Veröffentlichung von Anzeigen aller Art. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 rr. berechnet.
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Uebersicht.
Die Bedrängung der Christen in Bosnien. Deutschland. Wiesbaden (Hoftrauer. Landtagsver- handlungen). — Vom Westerwald (Centralschule für industrielle Verzierungskunst). — Mainz (Berichtigung).
— München (v. Neurath. Die Kinnbârie der Soldaten. „Von Babylon nach Jerusalem"). — Leipzig (Berichtigung). — Hannover (Der Flottencongreß). — Köln (Changarnier und Lamoricier). — MeurS (Anwesenheit des Königs). — Magdeburg (Der König). — Berlin (Pistolenduell. Die Zollfrage. Der Herzog von Augustenburg. Vermischtes). — Bremen (General Jacobi). — Wien (Die Zollconfèrenzen. Radetzkydenkmal. Russische Flüchtlinge. Vermischtes).
Frankreich. Paris (Protest der Familie Orleans. Decrete. Henon. Die „Entente cordiale" mit England. Der Krönungsmantel. Vermischtes).
Italien. Nizza (Garibaldi's Mutter t).
Neueste Nachrichten.
Die Bedrängung der Christen in Bosnien.
Von der Unna, Mitte März. Die Christen« Verfolgungen in Bosnien nehmen einen Charakter an, welcher ihnen — abgesehen selbst von den natürlichen Sympathien — eine gewisse allgemeine poli- tische Bedeutung verleiht, die zu Verwickelungen führen könnte. Omer Pascha möchte wohl die Türken vergessen machen, daß er ein Renegat ist und will man den auch wahrscheinlich übertriebenen AuS- sagen der Flüchtlinge nur zum Bruchtheil Glauben schenken, so wüthet dort der Fanatismus gegen eine Bevölkerung von „GiaurS" ganz auf alttürkische Art. Ob die Behauptung Omer Paschas, die Fäden eines großen panslavistischen ComplottS entdeckt und in Händen zu haben, begründet ist, läßt der Correspondent der „AugSb. Allg. Ztg." von der Unna, dessen Bericht wir hier anführen, unentschieden; seinem Verfahren nach müßte aber nahezu die ganze christliche Bevölkerung Bosniens Mitwisser und Theilnehmer der Verschwörung sein. Sämmtliche Christen werden entwaffnet, den Türken aber die Waffen gelassen; die Folgen davon, besonders bei der erhitzten Glaubenswuih der Mohammedaner, sind leicht zu ermessen. Die Geistlichen und die Dorfvorsteher sollen fast sämmtlich eingekerkert, weh. tere gehängt worden sein. Die Zahl der unglücklichen RajaS, die sich auf österreichisches Gebiet flüchten, nimmt immer zu; vor einigen Tagen überschritt eine bedeutende Zahl zu gleicher Zeit die Gränze. Ihre Flucht ist so eilig, daß selbst die Wohlhabenden von allen und jeden Hülfsmitteln entblöst herüberkommen. Ihr Anblick ist jammererregend und flößt der diesseitigen Bevölkerung lebhaftes Mitgefühl ein. Der Wunsch der Unglücklichen geht dahin, in Dalmatien sich ansiedeln und ihr Brod, wenn auch mit den schwersten Arbeiten, sich erwerben zu dürfen. Man zweifelt nicht, daß die kaiserliche Regierung Fürsorge für die Flüchtlinge treffen wird. An der Gränze sind bereits die unter solchen Umständen gebotenen Maßregeln getroffen.
Die bosnischen Angelegenheiten, schreibt die „Triester Zeitung", haben alSbald eine Wendung genommen, die recht klar beweist, wie schwierig die Verhältnisse sich in der slavischen Türkei über kurz oder lang gestalten müssen. ES ist nun gewiß, daß eine panslavistische Verschwörung den Vorwand zur allgemeinen Entwaffnung der Christen gegeben hat.
Wie und mit welchen Mitteln dieselbe ihren Anfang genommen, darüber find, wie eS scheint, selbst die türkischen Behörden nicht ganz im klaren. Während Ommer Pascha einerseits den Darstellungen der auswärtigen Presse große Beachtung geschenkt, geschehen doch auf der andern Seite täglich Dinge, welche mit den frühern reformatorischen Bestrebungen der Pforte nicht in rechtem Einklang stehen. ES ist unläugbar, daß seit dem Fall Reschid Pascha'S die liberalen Bestrebungen in Bosnien in daS Gegentheil umschlagen mußten. Während die Reform- männer in Konstantinopel sich dem Abendland ge. genüber der Stufe zu schämen begannen, auf der daS Volk der MoSlemS steht, ist die Partei in Bosnien und der H-rzogewina sehr stark, welche immer einen Umschwung der Dinge, zu Gunsten ihrer feudalen Gelüste, erwartete. Der Christ wird eben nur als ein Geduldeter betrachtet. Was der Koran dem Raja gegenüber gebietet, ist jedem er« innerlich, der die morgenländischen Verhältnisse kennt. Zudem haben sich Griechen und Katholiken in Bosnien ewig gegenseitig angeklagt und verdächtigt, nun tragen beide gleiches LooS — von beiden Confessionen ist eine gute Zahl verhaftet. Wenn aber die Slaven, besonders die Serben und Croaten, in Omer 'Pascha einen vorzugsweise slavischen Helden, einen zweiten Tscherni Georg zu erblicken glaubten, so dürften ihnen die jüngsten Vorgänge eine andere Meinung aufgedrungen haben. So viel ist gewiß, daß der SeriaSker weder ein entschiedener Gegner der Christen noch der Slaven ist; daß eS aber nicht unwichtige Gründe gewesen sein mögen, die ihn allerdings zu seinen jetzigen sehr strengen Maßnahmen bewogen haben.
Bestätigen sich die Gerüchte von einer Agitation im slavischen Sinn — und wenigstens sind diese in ganz Bosnien verbreitet — so wäre dieß ein neuerlicher Beweis mit welcher Unsicherheit und mit welchem Verkennen des Zeitpunkts die pansla- vische Partei agitire. Es ist kaum zu bezweifeln, wessen Fahne einmal in den so zerfallenen, so arg unterwühlten nördlichen Provinzen der Türkei entrollt werden wird, denn der Traum eines Serbenreichs vom HâmuS und Balkan bis an die adriatische Küste, der Traum eines griechisch slavischen Reichs ist kein bloßes Phantasicgedilde mehr, er findet feine Gläubigen. In Monlenegro'S Felsen- kesseln, in den Bergwäldern der Schumadia, in den Gebirgen Bulgariens, ja selbst an den civilisirteren Gestaden der Save singt man das alte Lied vom einigen Serbenreiche. Leise und vorsichtig tritt eine Partei auf den Kampfplatz, deren zähe Ausdauer die Länge von Jahrhunderten'nicht erschöpfen wird. Eine Täuschung ist nun der panslavischen Partei geworden. Sie hatte in Omer Pascha einen Propheten ihrer Tendenzen erwartet, sie erhält nun die bittere Lehre, baß Omer Pascha vor allem kaiserlich türkischer SeriaSker ist. DaS LooS der Christen und die Beziehungen der benachbarten Handelsleute bilden übrigens eine andere Frage. Es muß der nächsten Zukunft, wenn der dichte Nebel der über der gegenwärtigen „Conspiration" liegt, verschwunden ist, überlassen bleiben, zu entscheiden auf welche Weise die Handelsinleressen der fremden Mächte in Bosnien gewahrt werben sollen.
Deutschland.
Wiesbaden, 29. März. AuS Anlaß des Ablebens der Königin Wittwe von Dänemark, Marie
Sophie, geb. Prinzessin v. Hessen-Cassel ist eine 14lagige Hoftrauer angeordnet. Die hohe Verblichene war geboren am 28. October 1767, vermählt mit König Friedrich VI. am 31. Juli 1790, durch ihrer 49jährigen Ehe dreißig Jahre Königin von Dänemark und ist am 22. März in dem Alter von 84 Jahren und 5 Monaten nach kurzem Leiden an einem heftigen Brustkatarrh, Husten und zunehmender Schwäche verschieden.
* Wiesbaden, 27. März. (Sitzung der ersten Kammer). Vorsitzender Graf v. Walderdorsf. Nach der Eröffnung der Sitzung wird durch den Herzogl. StaatSminister die Beeidigung deS Prâs. Möller, welcher als Vertreter deS Grafen Schönborn ernannt ist, vorgenommen. Darauf theilt der landesherrliche Commissâr Präs. Ler mit, daß Sr. Hoheit der Herzog den Frhrn. v. Bock zum stellvertretenden Präsidenten der ersten Kammer für den diesjährigen Landtag ernannt habe. — Der Abgeordnete Bertram berichtet über die Wahl des Ant. Ger gen s von Rüdeâhcim, da ein materieller Fehler bei der Wahl nicht vorgekommen, so trägt der Ausschuß darauf an, die Wahl für legitimirt zu erklären. Der Antrag wird einstimmig angenommen.
Eine Petition wegen Erbauung einer Chaussee längs des Rheines von RüdeSheim nach Braubach wird dem betreffenden Ausschüsse überwiesen.
□ Som Westerwald, Ende März. Die Londoner Wellindustrieausstellung hat eS allen deutschen Besuchern zur lebendigsten Erkenntniß gebracht, daß Deutschland in der industriellen Verzierungskunst noch eine niedrige Stellung einnimmt. Unser Vaterland muß daher alles aufbieten, diese Verjauwniß nachzuholen, wenn eS auf den Weltmärkten nicht immer schwerer dafür büßen will. Industrieausstellungen sind wohl auch ein Mittel, eine Beihülfe zu diesem Zweck, aber kein gründliches und regelmäßiges. Dies kann nur im Unterrichte, in der Errichtung von Fachschulen gefunden werden. Je eher diese inS Leben treten, desto weniger wird Deutschland die Mißachtung der Wichtigkeit dieses Unterrichts auf industrielle Größe, Naiionalreichthum und Macht zu fühlen haben. Die Errichtung einer Schule für industrielle Verzierungskunst müßte nach der Ansicht eines seit längerer Zeit in England lebenden Deutschen auf gemeinschaftliche Kosten verschiedener Staaten geschehen und zwar in einer möglichst großen Stadt, wo immer die besten Bil- dungShülfSmittel zu Gebote stehen. Auf diese Art könnte sie als „Centralschule" in gehöriger Ausdehnung errichtet und mit den gehörigen bestmöglichen Lehrmitteln auSgestattet werden. Auch daS öffentliche Interesse würde auf diese Weise dafür reger, daS Feld deS Unterrichts und der Beschäftigung sowie der Einfluß aus die Gesammtindustrie größer. Jeder dazu beisteuernde Staat könnte nach Verhältniß deö Beitrags Schüler an diese Centralschule senden, deren Leitung einem Centralcomite übertragen werden könnte, zusammengesetzt auS theoretisch und praktisch gebildeten Männern der verschiedenen darin zu lehrenden speciellen Unterrichtsfächer, auS Künstlern, Manufakturisten, Gewerbsleuten rc., die unter einem activen Director ständen. ES würden in dieser Hauptschule gebildet werden können DekorationS-, Zimmer- und Porcellanmaler, Bildhauer in Stein und Holz, Modelleure, Ornamentiken, Musterzeichner, Graveure, Lithographen, praktische Lehrer für unsere niederen Gewerbschuleq