Contingent. So sah Referent vor einigen Tagen an feinet Thüre eine Frau, welche von einem fünf Stunden entfernten Orte deS genannten KreiSamtS bis hierher gepilgert war, um, wie sie sagte, ihren vier Kindern daS nothdüiftige Brod zu vey'chaffen. — Mag eS fein , daß unter diesen Bettlern Viele sich befinden, welche der Unterstützung nicht würdig sind und sich lieber umhertreiben, alS zu Hause bleiben; wag eS sein, daß sie, um daS Mitleid zu erregen, ihre Noth größer schildern, alS sie wirklich ist: ist die Armuth, welche Einem täglich vor tie Augen tritt, nur zur Hälfte so groß, wie sie zur Schau getragen wird, so liefert sie einen so traurigen Beweis, wie wenig man von Seiten der OrtS» behörden bemüht ist, dieselbe zu mildern.
Zum Belege noch folgende Thatsache: Vor Kurzem beantragte ein Bürgermeister bei dem Ge- Mkinderaihe die Unterstützung einer Waise. Dieselbe ist zwar bereits 16 Jahre alt, aber nach einem ärztlichen Zeugnisse körperlich und geistig unfähig, sich selbst zu ernähren, und besitzt alS ganzes Vermögen höchstens 45 Gulden. Welche Antwort erhielt der Bürgermeister? Man staune! „DaS Mädchen soll zuerst fein Vermögen ver,ehren, dann ist zur Unterstützung noch Zril"! — Fiat applicatio t
O Frankfurt, 4. März. (Der Nothstand und seine Ursachen.) Immer mehr Berichte laufen hier leieer ein über furchtbare Noth» stände, welche in unserem deutschen Süden einge« treten sind und denen sich feit Kurzem ähnliche oder gleiche auS den nördlichen Gegenden der Zollvereins« staaten beigesellen. Jedoch auch immer mehr bestätigt sich, waS wir gleich anfangs in Bezug auf jens äußerten: daß daS Wahre der Noth einzig und allein in dem Mangel an Erwerb und Ver- dienst zu suchen ist, nicht in der noch keineswegs weit gediehenen Preissteigerung der nothwendigen Lebensmittel, welche augenscheinlich nur additionell einwirkt, wozu ein neuer Beitrag durch daS Mannheimer Journal Nr. 53 vom 2. d. geliefert wird. Dasselbe versichert in einem herzzerreißenden „Ans« ruf für die Bedrängten deS OkenwalreS" wörtlich, daß „es ganz und gar an Gelegenheit zum Arbeiten und Verdienst fehlt".
„Ganz und gar" ! DaS Wort ist stark und muß umsomehr Ausfällen, wenn man bedenkt, daß auS dem Zollverein nicht angehörenden Gegenden Deutschlands gleiche Klagen über Nothstände, wie die vorstehenden, bis h^t keineswegs laut geworben sind, muß aber vollends anffallen, wenn man ein noch Andere- bedenkt. Wo ist, fragen wir, die lohnende Arbeit in Hülle und Fülle, „welche uns seit Jahren unablässig von Denen zu- gesichert wurde, die um den Schutz der vaterländischen Arbeit" nachsuchken? Der Schutz ist lange gewährt worden und steht dick verzeichnet in unserem Tarif. Die „lohnende Arbeit" aber ist auS- geblieben, will sich nicht einfinden, und nur daS bis zum äußersten gediehene, leidige, bittere Gegentheil zeigt sich gegenwärtig!! Man spreche nur nicht, um daS Unglück in ein milderes Licht zu stellen, von Uebervölkerung. DieS ist schon deshalb verfehlt, weil eine gleiche Calamitât als hier im Süden in mehreren schwach bevölkerten Gegenden des Nordens sich kund gibt, und kann einen Mil- derungSgrund von keiner Seite abgeben. ES sind der Lebensmittel im Ganzen genug vorhanden, wenn nicht augenblicklich auf einer Stelle, so doch auf anderen des In- und Auslandes, und wenn nur die Kaufkraft, daS Vermögen sie zu bezahlen, nicht fehlt, wird eS auch nirgends an jenen fehlen. Nur darin aber liegt daS Leiden der vielen Unglücklichen, die jetzt Hunger leiden, daß sie überhaupt keine Lebensmittel, auch wenn sie billiger noch wären, als sie eS sind, bezahlen können, und daS muß seine positiven Ursachen haben, unter denen die Vernichtung der vielen Arbeiten, die durch den sogenannten „Schutz der Arbeit" zuwege gebracht wird, odenansteht. Und dieS ruft zugleich eine sehr schlimme Mahnung an alle die« jenigen hervor , welche so lange in selbstgefälliger Täuschung über jenen Punct lebten, sich nicht entschließen konnten, auf eine gründliche Prüfung der Sâ einzugehen, eine noch schlimmere an diejeni- gen , welche eine solche Täuschung wohl gax mit Bewußtsein seither zu unterhalten suchten! Die erste Bedingung deS ökonomischen Erwerbs und Gedeihens ist: möglichste Wohlfeilheit aller Dinge, die verbraucht oder verarbeitet werden, während umgekehrt der sogenannte „Schutz der Arbeit" Ver- theurungrn zur praktischen Regel erhebt. Jeder Einzelne wird stetS dahin trachten, so billig aIS irgend möglich zu saufen, waS auch offenbar in seinem ökonomischen Interesse lieat, und wie mit ’ dem Einzelnen, jo mit dem Ganzer. Je mehr künstliche Verthturuuqcn dagegen dem letzteren auferlegt werden, desto mehr AuSgabe für dasselbe und desto mehr Beschlänkung seiner Prodnctivkraft, worauf der Gewinn, den Einzelne durch den „Schutz" machen, nur eine bittere Satire ist. Wohl können B'kle, denen eS gut geht, Einzelnen helfen, nicht aber umgekehrt Einzelne, denen eS gut geht, Vielen, denen eS schlecht geht. Man sorge nur für daS Erstere, dann wird eS auch den Wenigen, die jetzt so ff tost Angst habt», daß sie ruinirt werden, wenn
ihnen der „Schutz", den sie genießen, genommen wird, wahrlich nicht schlechter gehen, als eS ihnen jetzt geht.
Das System deS Zollvereins bewirkt aber, wie schon oft nsichge riefen, daS Gegentheil, und deßhalb dürfen solche ercessive Nothstände, als nunmehr sich offenbaren , um so weniger verwundern. Deßhalb sind, wenn auch nicht ganz so weit greifende, jedoch immerhin wiikliche Nothstände in vielen Gegenden deS ZollvekeinS (vor Allem in Würlemberg) schon lange vorhanden. Deßhalb blieben bisher, mit gleichen Kalamitäten anderer, außerhalb deS Zollvereins stehende Gegenden Deutschlands durchaus verschont, und deßhalb kann eS, wenn keine Aenderung teS herrschenden Systems eintritt, schlechterdings nicht ausbleiben , daß auch diejenigen zulctzt in daS allgemeine Elend hineingezogen werden, denen jetzt noch der „Schutz" als eine künstliche Einnahmequelle günstig zur Seite steht.
Wie schon öfter hervorgehoben, drückt das System deS Zollvereins vor Allem auf die bei weitem zahlreichste feiner gewerblichen Classen, die der Land- wirthe, und daher der furchtbare, immer mehr zunehmende Drang zur Auswanderung unter ihr. Der Bauer sieht nicht ein, wo der Druck herkommt, fühlt ihn aber desto mehr und kennt kein anderes Mittel, um ihm für die Zukunft zu entgehen, als — auSzuwanbern. Die vorjährige Auswanderung hat Deutschland über 120,000 erwerbsfähige Individuen , darunter gegen drei Viertel Landwirthe, mit einem baaren Vermögen von mindestens 24 Millionen Thaler entzogen. Die diesjährige wird vielleicht daS Doppelte an dem Einen und Andern hinweqrikhmen und wird unfehlbar dazu beitragen, den schon im Sinken begriffenen Werth deS Grunk- tigenihumS noch weit mehr ju rebuciren! Schon dieser trübselige UmftanD sollte über den eigentlichen Stand der Verhältnisse belehren. Die besprochenen Noihrufe gebieten eS aber noch weit mehr, und wenn jene dennoch nicht erfolgen sollte, und zwar bald, sehr bald, dann läßt sich nur eine höchst pre» caire Zukunft für Deutschland absehen.
Möchte doch namentlich unsere Presse fleißiq- dazu beitragen, über die wahren Ursachen der Nothstände aufzuklârrn und sich nicht länger dazu'gebrauchen lasten, wie eS seither so häufig geschah, statt Belehrung und Aufklärung V-rblenduug in naiionalökonomischer Beziehung zu prcpaganchiren.
Kassel, 4. März. (Fr. I) Die Mitglieder deS permanenten Ausschusses befinden sich noch immer in Haft, da daS Generalauditoriat auf daS Gesuch der Vertheidiger um Entlassung noch keinen Beschluß gefaßt hat vielmehr den legiern hat eröffnen lassen, daß die Angelegenheit zu einer definitiven Beschlußnahme noch nicht reif sei.
Sigmaringen, 2. März. (S. M.) Nachdem am Ende der letzten Woche die Negierungen von Sigmaringen und Hechingen aufgelöst worden sind, wurde gestern hier die neue Regierung für die hohenzollernschen Lande feierlich durch den Präsidenten der Regierung, Grafen v. Villiers, eingesetzt.
Hannover, 1. März. Dem Vernehmen nach ist die Bearbeitung der VerfassungSrevision speciell dem Kanzleidirector Meyer in Osnabrück übertragen worden.
Berlin, 3. März. Die Einladungsschreiben zu der auf den 29. d. M. festgesetzten Zollvereins- conserenz sollen der „Epen. Z." zufolge durch das Ministerium deS Auswärtigen vorgestern an die betreffenden Regierungen abgct'chickt worden sein.
Dagegen schreibt die „K. Z.": Die Nachricht, daß die Zollconserenz am 29. März zusammentreten werde, ist unbegründet. Vielmehr scheint die Mitte deS MonatS April wohl der nächste Termin zu sein; denn die Auswechselung deS Vertrages mit Oldenburg wegen Anschluß an den Septemberver- trag erfolgte erst gestern, indem sich die oldenburgische Regierung nach der Unterzeichnung deS Vertrages noch eine Frist Vorbehalten hatte, nach deren Verlauf erst die RechtSgültigkeit deS Vertrages ein» treten sollte. Da nun die Einladung zur Conferenz nach den reglementarischen Bestimmungen vier Wochen vorher erfolgt, so wird der Termin der Eröffnung später fallen. Die heutige „Neue Preußische Zeitung" verlegt ihn dagegen auch auf das Ende dieses MonatS und versichert auch, daß die Einladungsschreiben bereits heute abgegangen waren.
Oesterreichische Correspondenzen sprechen von in Wien eingctroffenen Depeschen auS Berlin, welche die Betheiligung Oesterreichs an dem ZollvereinS- congresse alS wünschenSwerih bezeichnen sollen. Die „L. C." versicheil, daß derartige Depeschen nicht cristiren. — Man hört hier, daß die Ernennung deS Baron Gehringer zum kaiserl. österrrich. Han- VelSminister bereits bestimmt worden.
Wegen deS Osterfestes werden die Kammern, wie verlautet, vom 6. bis 18. April vertagt werde».
Die Nachricht deS „C.-B." von einer bevorstehenden Conferenz deS Ministerpräsidenten mit den zurückgekehrten BundeScommisjarien, Graf Menö- dorff und v. Thümin, welche auch für die Regn
lirung her dänischen Erbfolgeangelegenheit von Bedeutung sein würde, wird von der „N. Pr. Z." für unbegründet erklärt. Dasselbe Blatt will wissen, daß die Erbfolge deS Herzogs Christian von Holstein Glücksburg bereits die vorläufige Zustimmung der sämmtlichen europäischen Mächte erhalten haben „dürfte".
DaS „C.-B." berichtigt seine Angabe, daß die w eim arische Negierung die Anregung zu der beschlossenen Einstellung der Erhebung DeS Ein- gangSzolltS für Getreide auf einige Monate gegeben habe, dahin, daß nicht Diese Regierung, sondern die gr o ß h e rz o gl i ch hessische eS gewesen, welche die Initiative für diese Maßregel ergriffen hatte.
Oldenburg. 2. März. Auf der Tagesordnung der Kammer stand heute der AnSschußbericht über Fortdauer der mit Bremen bestehenden Brigadenver- bindung, der Antrag des Ausschusses auf Zustimmung der Kammer wurde angenommen. Gegen den Antrag stimmten die Mitglieder der Linken unv der Abg. Riebour, welcher die Stellvertretung abge- fchaffl wissen wollte.
Bremen, 3. März. Der Bremische DolkS- freund thetlt mit, baß Hr. Dulon durch einen Befehl deS Senats von seinem Amte suSpendirt und ihm zugleich Die Ausübung jeder Amtshandlung untersagt worden sei.
Der Senat hatte, wie bekannt, daS Gutachten der theologischen- gacuhât zu Heidelberg Darüber eingrholt, ob Hr. Dulon nach dem Inhalte seiner Schriften noch alS Mitglied der christlichen Kirche angesehen werden und demgemäß alS Prediger an einer christlichen Kirche fungiren könne. Die Antwort Der Facullät.ist verneinend ausgefallen, und der Senat hat nunmehr Hrn. Dulon seines Amtes verlustig erllärt, ihm jedoch eine Frist von 6 Wochen zum Widerrufe vergönnt.
Kiel, 27. Febr. Den „Hamb. Nachr." schreibt man: „Nachdem die Commissarien Oesterreichs und Preußens unS verlassen haben, und die Regierung deS Landes ausschließlich Dänemark übergeben worden ist, treten auS Dem Bereich der geführten Verhandlungen einige Partiten in ein helleres Licht. Man hat cs immer unbegreiflich gefunden, daß Deutscherseits nicht auf Der Bildung eines wirklich deutschen Bundes - ContingenlS bestanden worden, wozu noch Die fchleSwig-holsteinische Armee selbst nach ihrer Nevuction bis auf Den Dritten Theil ihrer Stärke ein völlig ausreichendes Matmal dar bot,
I Ja eS lag' dieS um so naher, als idamrf
Die Erhaltung der Festung Rendsburg und deS auS«' gezeichneten Materials der schleSwig-holsteinischen Armee für Deutschland Hand in Hand ging. DaS gerechte Erstaunen über die jetzt eiugetretene PreiS- gebung eines wichtigen Theils DeuschlandS kann aber nur gesteigert werden, wenn man vernimmt, daß eS den Dänen noch im Februar des vorigen JahreS nicht entfernt einfiel, daß man deutscherseits von der Bildung eines wirklich deutschen BundeS- ContingentS abstehen werde, daß vielmehr der erste Anlaß zu einer undentschen Formirung deS ContingenlS von dem preußischen Cabinet auSgegangen fein soll, indem Dieses dem Vernehmen nach eine Vorfrage darüber, ob man in Kopenhagen beabsich- i tige, dänische Offiziere in DaS holsteinisches Conti - * gent einzuschieden und event, wie viele, an daS b»# Nische Cabinet erlassen hat. Sie werden sich fibrös genS entsinnen, daß die Formation deS holsteinischein ContingenlS und namentlich die Unterordnung desselben unter einen dänischen General in der Mitte des JahreS plötzlich während mehrerer Monate inS Stocken gerieth. Ueber die Art, wie ohne Zuthun der Dänen diese Stockung beseitigt worden, ist unS auS zuverlässiiger Quell« daS Nähere mitgetheilt worden. Unter den obwaltenden Umständen müssen wir jedoch noch davon Umgang nehmen, eS mit, zutheilen".
Kiel, 2. März. Wie der „Hamb. C." von hier geschrieben wird, beabsichtigt der König von Dänemark nicht deqi deutsch-österreichischen Post- Verein beizutreten. Welche Folge dieser Beschluß für daS Herzogthum Holstein haben werbe, daS bekanntlich längst zu diesem Vereine gehört, muß die Zukunft lehren. Auch hat eS bis jetzt sich nicht bestätigt, daß Den dänischen Truppen in Schleswig zum 5. D. M. Marschordre ertheilt worden lei. — Die dänischen Uniformen sind jetzt auch für daS holstein^auenburgische Contingent reglementirt; doch dürfen Die Uniformen, Die Offiziere und Mannschaft gegenwärtig tragen, erst noch aufgeschlissen werden. — AuS FlenSburg berichtet Die „Flenâb. Ztg.": Gestern Mittag 1 Uhr schifften die hier noch weilenden RegierungSbeamten sich auf dem Dampfschiff Sfirner nach Kopenhagen ein. — In der nächsten Woche wird her Minister für Schleswig, Graf Carl Violtke nach Flensburg kommen.
Wien, 28. Febr. Der Kaiser von Oesterreich hat ein sehr merkwürdiges und in seiner Art großartiges StaatSinfhtut »geschaffen, über welches Die „Augöb. Allg Z." Folgendes berichtet: Die Söhne