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Freitag den 27. Februar
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Die Raff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntag«. — Der vierteljährige PränumeeationSpreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Vostregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und TariSichen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlaaes mit 8 st für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen Postvereinâ, wie für das Ausland nur 8 fl. 84 kr. — Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder ve--ü Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch eilen bergischen Hof-Buchhandlung, auâwärtâ bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen
Uebersicht.
Die evangelische Geistlichkeit und der Central- Kirchenfonds.
Deutschland. Wiesbaden (Asffsen). — Eltville (Be- raubung. Beitreibung deS Zehnten). — AuS dem Justiz- Amte Eltville (Entgegnung). — Diez (Berichtigung).
— Karlsruhe (Der Landtag). — Kassel (Stellung und Beruf KurheffenS. Henkel). — Gotha (Der Protest der Agnaten). — Hannover (Der Septembervertrag).
— Berlin (Die Zollconferenz. Noth in Oberschlesten. Uebernahme von Eisenbahnen. Proceß Arnim). — Altona (Abzug der Bundestruppen). — Wien (Uebereinkommen mit der Bank. Die Dampfschifffahrt auf, dem Bodensee. Prinz v. Ligne).
Niederlande. (DaS DefenstonScomite. Der neue Canal). Frankreich. Paris (Gehalte des StaatSministeriumS.
Decrete. Beschlagnahme. Brief des Herzogs von Mont- penfier. Bocher. Der Staatârath. Die orleanistische Vcr- Aschwörung. Vermischtes).
Grostdritaunieu. London (Das Bombardement von
Lahor. Das neue Ministerium).
Italien. Turin (Die Gesellschaft St. Paul).
Neueste Nachrichten.
% Die evang Geistlichkeit in Nassau und der Central-Kirchenfonds.
(Fortsetzung.)
In ähnlicher Weise, jedoch mit weit empfindlicherer Bedrohung für die evangelische Ge stilch- seit sind, wie die Zuschüsse zu den DecanaiSdesol- düngen, so auch Die Zuschüsse zu dem Geistlichen Wittwen- und WaisensonbS in den letzten Jahren angefochten worden, und hat man gewähnt, durch deren Verweigerung oder Verringerung am erfolgreichsten die Last der Beiträge zum CentralkirchenfouvS erleichtern zu können. Diese Zuschüsse betrugen allerdings im Jahr 1847, bis wohin die Nachweise veröffentlicht sind, die be- deutende Summe von über 20,000 fl. Und doch haben die Geistlichen selbst schon seit längeren Jah ren anderthalb Procent ihres Einkommens zur Wittwen- und Waiiencaffr eingezahu, obgleich das Qtoitt von 1817 nur e i n Procenl als Jahresbeitrag festgesetzt hatte. Ist aber die Zahl der Wilt- wen und Waisen von Geistlichen, welche so oft in ihrem angreifenden Dienste frühe aufgerieben werden, eine so bedeutende; würde eine Verkürzung der gegenwärtig schen so kärglichen Versorgung bei der kleinen Anzahl von Reichen unter den Psarrfamilien nur ein gemißhandeltes Proletariat zur Folge haben: — so wird an diesem Posten nur dann eine wesentliche Ersparniß eintreten dürfen, wenn daS Bedürfniß selbst geringer geworden ist. Allerdings sollten billigerweise VicarSwiltwen htnsor« nicht mehr auf den Listen erscheinen, jedoch die andere Zumuthung, daß die Geistlichen in Zu- sunft »wer Procent ihres Einkommens abge- ben mochten, darf mit gleichem Rechte als eine harte und den Verhältnissen nicht eni,prechende bezeichnet werden. Bereits sind die B e s o l d u n g s b e z ü g e der Gerstll ch en durch den Lauf der Zeit und namentlich durch die Ereignisse der letzten Jahre auf daS Empfindlichste geschmälert worden. Manches Emolument ist unrettbar verloren gegangen. Dahin gehört neben den gesunkenen Holzpre.sen und Herabgegan- g-nen Guterpachten namentlich der unabsehliche Verlust, welchen die erzwungene Zehntablö- jung mit ihrem ungenügenden Ersätze sowie die durchaus nicht gebotene G . i 11 a 61 ö f u n 8 mit ihrer Umwandlung in le.chtbewegiichen und großen Ge- fahren ausgesetzten Capitalbesitz für einzelne Pfarr- compktenzen mit sich gesührt hat. Es gehört weiter dahin der große Nachtheil., welcher für die Geistlichen durch den Richters atz mancher verloren gegangener G r e ch i s a m e, w i e d-r 710 Rückvergütung der Zehnt- und Gilistruer wahrend jetzt die Gervcrb« oder AmlSavbitiona!^ steuer um rolle ,0/10 der entstandenen Zehntabtöfe. eapiialien erhöht worden ist. Es ist ferner hierhin zu rechnen, der V e r l u st v i e l e r ö r t l i ch e n Im. m un l täten, die Beizichung zur Gemeindesteuer, persönliche Inanspruchnahme zu Gemeindefrohn-
den, wogegen dermalen im Preußischen bereits in erfreulicher Weise Abhülfe angestrebt und auf Wiederherstellung deS früheren canonischen RechtSzu- stanbeS gedrungen wird. Auch darf an Dieser Stelle der bedeutenden Einbuße nicht vergessen werden, welche die evangeliiche Geistlichkeit in Nassau durch die völlig ungenügende Ablösungssumme der Stolgeb »ihren, durch die unzureichende Größe der sogenannten „ A cci d enzi e n - V e r g ü- tung« erlitten hat. Da die bei jener vor 30 Jahren geschehenen Festsetzung in Aussicht g«stellte Revision durch die Ungunst der Zeitereignisse noch nicht rathsam war, und für das Ganze keine wandelnde Scala nach Maßgabe der Bevölkerung vorgesehen worden ist: so liegt nahe, in welchem Abstände der frühere gering gegriffene Beirag zu der inzwischen vermehrten Seelenzahl nunmehr steht.
In Anbetracht aller dieser Verhältnisse wird eS darum von Wichtigkeit sein, daß die einzel- nen Geistlichen nicht noch höheren Beiträgen, als bereits jetzt derFall ist, zur Selbstversorgung ihrer Hinterbliebe- z»en mittelst Zuziehung zur Wittwen- und Waisenkasse in Anspruch qenom, men werden. DieS würde um so härter die Pfarrersfamilien treffen , da sie schon ohnehin gegenüber der höheren S t a a t S d i e n e r n, welche doch nur gleichen UniversitätScursuS mit den Theo, logen zurücklegten, deren Relikte jedoch ohne Beiträge auS der allgemeinen StaatScasse gut versorgt «Verven, in bedeutendem Rückstände sich befinden. Wird zwar hier der Einwand geltend gemacht, daß dieses Benefiz bei der Bestimmung der GehaliS. Rassen Dieter Beamten in Anrechnung gebracht und daß daher der fragliche Vorzug nur ein scheinbarer sei: so wird doch ejne genaue Abwägung aller hier einschlagenben Verhältnisse, Vortheile und Nach- ihtlle darihun, daß der geistliche Stand in bedeu tendem Maße zurücksteht. Da nun aber hier die LanbeSsteuercaffe nicht eintreten kann, so ist eS nicht mehr als recht und billig, daß die Gesammtheit der evangelischen KirchfpielSgemein- den die Stelle deS FiScuS übernehme d. h. hier: mittelst deS CeiitralkirchenfondS nöthige Zuschüsse zur Wlitwenversorgung und zum Waisesi- unterballe leiste.
Gleiche Erwägung dürfte Platz greifen bei der Frage nach den Zuschüssen deS Centralkir- chenfond S für PeOfionirungen älterer oder erkrankter Geistlichen und für Ver- waltunq der von ihnen minelst der Pfarr-Competenz noch inne gehabten Pfarreien durch Vikare. Auch hier sind Die■ Verhältnisse im Ganzen so wenig voriheilhat«, die Lage der PfarrerSsamilien bei derlei Ereignissen ist meist eine so gedrückte, daß eine Abänderung deS bekannten PensionSgesetzeS, eine Schmâlernng Dieses BeneficeS, damit den Steuerpflichtigen eine Erleich- ierung durch Verringerung des deßfallsigen Zuschusses erwachse, zu den offenbaren Unbilden gehören würde. Im Jahre 1847 betrug dieser Zuschuß etwas über 6000 fl., eine Summe, deren Größe nicht besonders auffallen dürfte, ein Posten, woran mit karger Hand Abzug zu nehmen wohl nur eine unzeitige Eisparung sein dürste. (Schluß f.)
Deutschland.
* Wiesbaden. 25. Febr. (Assisenverhandlung gegen Martin Klein, 15 Jahre alt, Schubmacherlehrling von St. Goarshausen, wegen auSgezeich- nelen Diebstahls.) Martin Klein ist anqeklagr, in die Wohnung deS Conrad Peter ©öttert zu Weisel durchs Fenster eingestiegen und demselben 2 preuß. Thaler aus der Tischschublade entwendet zu haben, ferner durch falsche Vorspiegelungen die AuSsolgung eineS dem Schneiderlehrling Reinhard Bildhauer gehörigen HemdeS erreicht und dasselbe verkauft zu haben. Die Geschwornen haben den M. Klein für schuldig befunden unbhat ihn der Assisenhos zu 3 Monaten EorreclionShauS Ver- urtheilt. Die Kosten betragen 42 fl. 26 kr.
Die Verhandlung leitete der Assisenprâsivent Trepka; als SiaatSanwalt fungirte StaatSpro- curaiorsubstitut Flach, als Vertheidiger Prokurator Hees er.
Unserem Bericht über Georg Mehli von Höchst haben wir hinzuzusügen, daß dessen Strafe (1 Monat EorrrctionShauS) durch Beschränkung der Kost aus Wasser und Brod wäbrend der letzten 14 Tage der Strafzeit verschärft worden ist
Bei der gegen den flüchtigen I. A. GlaS- mann von EmS wegen versuchter 4ioihzucht gepflogenen Coiitumazverhandlung wurde der Angeklagte zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, zum Verlust seines Vermögens und feiner bürger- Oche Rechte, sowie zur Zahlung der NntcrsuchungS- kosten verurtbeilt.
H'emit wurden die Assii'enverhandlungen deS ersten Quartals 1852 geschlossen.
cf Eltville, 25. Februar. Heute früh wurde der Zehntelheber Heinrich Engelmann von Neudorf auf der sog, «anten Hube zwischen hier und Nevdorf von drei mit langen Messern bewaffneten Männern überfallen und feiner Baarschaft von 390 fl., welche er eben auf die Receptur abzuliefern Willens war, beraubt.
Die Räuber sollen Larven und große schwarze Bârte gehabt haben. Daß sich Engelmann widersetzt, bewies sein zerkratztes Gesicht und sein zerrissener Rock, allein 6er Uebermachi mußte er weichen, wollte er nicht sein Leben wagen.
Durch Verfügung der Ministerial Abtheilung der Finanzen werden dermalen im hiesigen Amte die Zehnten rc. blos vom Jahr 1850 beistetrieben; die besser Bemittelt n zahlen solche auch von 1851, dagegen wird deren Zahlung für 1852 Jedem in den Willen gestellt.
* Wir können diese hohe Verfügung nur willkommen heiße» in der jetzigen bedrängten Lage und wünschen nur, daß sie unsere Bevölkerung auch zu würdigen verstehe.
-4- Aus dem Justizamte Eltville, 25. Febr. Die in der heutigen Nummer d. Bl. abgegebene Entgegnung veranlaßt unS, auf den Gegenstand zurückzukommen, den wir an sich schon ungern besprochen haben, waS auch nicht geschehen wäre, wenn unS nicht die Correspondenzart deS „Frankf. Journals" dazu gezwungen hätte; am wenigsten aber fiel <S UnS bei Abfassung fraglichen Artikels ein, daS Mißtrauen rege zu mach n , als hätten unsere Beamten absichtlich nicht gewählt, eS war vielmehr die einzige Absicht, welche unS leitete, die, Die Behauptung deS Correip. deS „Frf. I." zu widerlegen , denn welche Gründe die Nichtwâhlen- ben hauen, konnten wir nicht wissen. Einem Versehen von uns ist eS zuzuschreibtn, daß die Herren Geistlicher Rath Schütz, Medicinalraih Ricker und LankoberichulthtiS Hammer nicht als bei der Wahl anwesend von unS bezeichnet wurden; — dagegen halten wir Die in Der fraglichen Entgegnung vorgebrachte Entschuldigung nicht für ausreichend, da ja die Wählerlisten acht Tage lang vor der Wahl offen lagen und Abänderungen in Dieser Zeit noch möglich waren.
Schließlich wollen wir eS jedem vernünftigen Menschen überlassen, zu beurtheilen inwiefern wir Verdächtigungen in unserem Artikel ausgesprochen haben. Wir sind gewohnt, der Wahrheit die Ehre zu schenken und werden unS von Niemanden beirren lassen, diese offen zu sagen und mit Beweisen zu belegen.
+ Diez, 24. Febr. ES ist hier aufgefallen in 9R 44 Dieser Zeitung einen so zweideutigen *) Artikel, die Wahl deS Frhrn. v. Marschall zur 2len Kammer betreffend, zu finden.
ES war allerdings von den hiesigen Wahl- männern die Absicht Herrn Minister von Win, z in g «rode, Der Die ungeteilte Achtung hier genießt, zu wählen. Als jedoch Bürgermeister Heß erklärte, daß ihm von zuverlässiger Seite mitge- thetlt worden fei. Herr v. Winzingerode nehme die Wahl nicht an, und zugleich der größere Theil Der Wahlmänner sich entziehen für Die Wahl des Herrn v. Marschall aussprach, derselbe auch schon früher als Candidat neben seinem Herrn Schwager hier aufgestellt war, da konnte die Entscheidung nicht mehr zweiselhast sein.
*) Der Herr Correspondent würde uns verbinden, wenn er an^âbe, inwiefern der fragliche Artikel ein „jwei- dentiger genannt werde» könne. Die Red.