RassauW AllMcine Zeitung.
32 L7.
Mittwoch den 2S Februar
1852»
Die Raff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint erumal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur 8 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur S fl. 84 fr. — Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit iS tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Organisation des Bauernstandes. Deutschland. Wiesbaden (Assisen. Reges wissenschaftliches Leben. GergenS).— Herborn u. Vom Westerwald (Der Nothstand). - Frankfurt (Die deutsche Flotte). — Kassel (Henkel. Kellner. Verurtheilungcn).
— Leipzig (Schwedler. Dammann). — Berlin (Das BundeSpreßgesetz. Vermischtes). — Oldenburg (DaS revidirtè Staatsgrundgesetz). — Hamburg (Ruczak). — Ra he bürg (Zusammensetzung der lauenburgischen Landesversammlung). — Wien (Die deutsche Flotte). Frankreich. Paris (Verhaftung Bocher's. Absetzung algerischer Richter. Preßgesetz für die Colonien. Schreiben der Herzogin von Orleans. Vermischtes). .
Spanien. Madrid (Der Kirchengang. Vermischtes). Großbritannien. London (Antrag des Lord Naas). Italien. Turin (Galvagno. Die franz. Flüchtlinge). America. New-Dvrk (Koffuth. Paraguay gegen Rosas.
General Cruz).
Neueste Nachrichten.
Organisation des Bauernstandes.
+ Vom Lande, Mitte Febr. Der Grund« besitz ist nun frei, wenn auch die Zeit der Abtragung der Feudallasten noch eine schwere UebergangS- Periode bildet. DaS Gefühl dieser Befreiung muß aber erbebend auf die gesummte Landwinhschaft wirken und sie zur selbsteigenen Organisation ihrer Verhâltniffe auS ihrem eigenthümlichen LebcnS« princip heraus antreiben; denn nur die organisirte Freiheit ist eine wahre Freiheit, Daher der Ruf von allen Seiten nach einer angemessenen Agrarverfassung, welche bei unserm über alle Maßen zersplitterten Grundbesitz in mancher Hinsicht zu spä, kommt, aber doch dazu dienen muß, allmählich wie, der zweckmäßige Zustände herbeizuführen. Weder ein zu weit ausgedehnter, von einer Familie nicht mehr zu bewirthschaftender Landbesitz, noch auch ein zu kleiner etwa mittelst Spaiencultur nur das tâg- liche Brod liefernder Garlenraum erscheint als das eigentliche normale Bauerngut, sondern dasselbe muß im Gegensatz zum Ritter- oder herrschaftlichen Gut, sowie anderer SeitS in seinem Unterschied von den HâuSlern und Gärtnern, oder wie man sonst diese kleinen Grundbesitzer nennen will, festgesetzt werden. Diese Mittelgröße der Güter muß für den Betrieb und Bedarf einer Familie nicht nur die nothwendige Konsumtion bestreiten, sondern auch Ersparnisse gestatten , die bei der Erbiheilung eine billige Ausgleichung und für die sich absiedelnden Familienglieder ein zureichendes Anlagekapital abwerfen können, folglich daS Proletariat verhindern, ohne daß dieß in sich abgerundete Stammgut einer unendlichen Theilung unterworfen werden müßte. Die zweiten und dritten Söhne werden dann bei einer nationalen Handelspolitik des Vaterlandes zu den Gewerben übergehen können; oder wenn sie den Landbau vorziehen, auSwandern. Um das abgerundete Stammgul vor Zersplitterung zu bewahren, wären denn auch für die Bauern unter den nöthigen Beschränkungen und Bedingun- gen fibeicommissarische Bestimmungen zu gestalten etwa ähnlich den dairischen Gesetzvorlagen. Der Wohlstand eines Landes beruht wesentlich auf dem Vorhandensein einer angemessenen Menge solcher bäuerlichen Normalgüter, die ohne der Production selbst zu schaden, nicht beträchtlich vergrößert oder verkleinert werden darf. Der Normalzustand eines Landes wird in ökonomischer Hinsicht gerade darin zu suchen sein, daß daS Land in solche tüchtige Bauernwirthschaften aufgetheilt sei, und die großen Landgüter sowie die kleinen Parcellen sich zu dieser Grundeintheilung nur wie Ausnahmen zur Regel verhalten. An großen herrschaftlichen Gütern leiden wir weniger Ueberfluß als an den kleinen Kar- toffclwirthschaslen Diese großen HerrschaftSgüter haben auch ihre tiefe volkâwirlhschaftliche Bedeutung, wie in diesen Blättern schon mehrere Male nachgewiesen worden ist, wenn sie ihre Aufgabe be. greifen, so unter andern, Magazine für den Fall von Kalamitäten zu sein. Freilich ist diese früher geübte Tugend einiger Maßen in Vergessenheit ge- lachen. Mit den HerrschaftSgüter« ist auch eine
gewisse Zahl von kleineren Hausbesitzern gefordert, welche Tagiöhnerdienste verrichten können.
Eine gewisse Zweckmäßigkeit und Regel muß daher in der Vertheilung und Anbringung deS Landbesitzes walten und mithin der Stand der Landeigenthümer eine bestimmte Organisation anstreben, indem er sich, nicht allein zu Localgemeinden, sondern auch zu größern Compleren, zu Gau- gemeinschaften und LanbcSvereinen gestaltet, um feine Interessen selbst zu überwachen und zu ordnen. Nur kann, um der Zersplitterung einer SeitS und der Zusammenziehung in Latifundien anderer SeitS vorzubeugen, nicht zu dem gesetzlichen Mittel der Unveränderlichkeit geschloffener Hufen gegriffen werden, sondern die Theilbarkeit muß im Allgemei- nen schon deßhalb als Grundsatz gelten, damit die unzweckmäßig vertheilten Felder auf ersprießliche Weise zusammengelegt und dadurch ihr Werth unendlich vermehrt werden könne. Die Consolidation hat in unseren Gauen unseres Landes bereits schöne Früchte getragen. Möchte die rechte Einsicht und Thatkraft bald überall erwachen! Wahrhaft conso- lioirten Gütern könnte dann die Gemeinde die Ab- schließung erlauben. Welch' ein reizendes, den denkenden Geist befriedigendes Bild würden unsere fruchtreichen Gefilde darbiclen, wenn sie vorherrschend in solche Güter eingetheilt wären, von denen jedes eine Familie ernähren und für die Absiedelnden ein angemessenes Kapital abwerfen könnte! Dann würbe wieder Freudigkeit, Stolz und eine wahrhaft confervative Politik im Volksleben einkehren. Wie dies und anderes bewerkstelligt, wie gewissen Mißbräuchen, z. B. dem verderblichen Güterhandel gesteuert, wie die Nothwendigkeit deS Verkaufens durch ; landwirthschaflliche Leihinstitute und Banken ver- • rindert werben könne, muß unsere angelegentliche Sorge sein. In unserm landwirthschaftlichen Verein hätten wir einen guten AnknüpkungSpunct für eine segensreiche Thätigkeit. Er müßte aber mehr ins Volksleben selbst hineintreten. Würde sich der Stand der Urproduktion auf diese Weise organi- siren, dann könnten die Ansichten Ihres § Kor» reSponventen vom Taunus über wahrhafte Volöver- tretung unserer SeitS bald verwirklicht werden.
Deutschland.
* Wiesbaden, 23. Febr. (Assisenverhandlung gegen Peter Anton Roth von ZeilSheim wegen Fälschung.) Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhose zu 3 Monaten CorrectionShauSstrafe verurtheilt. Die Kosten betrugen 43 fl. 54 kr.
• Wiesbaden, 24. Febr. (Assisenverhandlung.) Die Schuhmachergesellen Aug. Schürmann, 21 Jahre alt, aus Bommern in Preußen, Philipp Eiffert, 19 Jahre alt und Peter Rau, 19 Jahre alt, von Höchst, sind angeklagt, dort am 14. December 1851 Abends nach vorgängiger Verabredung ihrem Meister Schnappenberger aus einer Gerâlhkammer, in welche Philipp Elf- fett auf einer von Peter Rau herbeigeschafften Leiter durch daS Fenster von Außen eingestiegen war, 12 Pfund Würste im Werth von 4 Gulden gestohlen zu haben.
Die Verhandlung leitet der Assisen-Präsident Trepka; als Staatsanwalt fungirt SlaatSprocu- rator Re ich mann , als Vertheidiger deS Ange- kkagten v. Arnoldi.
X Wiesbaden, 22. Februar. In unserer Stadt entfaltet sich in diesem Winter ein ungewöhnlich großes Interesse für Kunst und Wissenschaft. Der historische Verein, der Kunstverein und der Verein für Naturkunde haben Vorlesungen veranstaltet, wovon sich die des Letzteren auch von den Damen eines sehr zahlreichen Besuchs zu erfreuen haben. Die seit Neujahr durchgeführten Vorträge über Astronomie werden am nächsten Mittwoch beendigt sein und Klarheit der Auffassung verbunden mit einer ansprechenden Darstellung werden dieselben gewiß bei den Zuhörern in gutem Andenken erhalten. Wie wir hören, sollen demnächst Vorträge über Infusorien folgen und eine Darstel- lung der Gewebe deS menschlichen Körpers den Beschluß machen.
Neben diesen Bestrebungen zur Anregung und Belehrung des größeren PublicumS gehen die wis- senschaftlicheu Untersuchungen Nassaus ihren ruhigen Gang fort. Es dürften besonders die fast vollendet vorliegenden Arbeiten über die Infusorien und Conferren nassauischer Mineralquellen, zahlreiche neue Entdeckungen in der phanerogamischen Flora und der Jnsectenwelt geeignet sein, über diese bisher bei uns weniger beachteten Seiten der Wissenschaft Licht zu verbreiten.
Ein gleicher Eifer zeigt sich in dem land- wirthschaftlichen Vereine, dem eS in ver« bâltnißmäßig kurzer Zeit gelungen ist, eine bei Weitem größere Anzahl praktischer Landwirthe alS früher für die Beförderung seiner Zwecke zu gewinnen und sich so einen birecten Einfluß auf die Entwickelung der Lanvwirihschafl zu erringen. Gewiß sind diese überall sichtbaren Zeichen erhöhter geistiger Regsamkeit in unserm Vaterlande mit der größten Freude zu begrüßen und können nicht verfehlen, nach mancherlei Seiten hin einen wohlthätigen Einfluß zu äußern.
•f* Wiesbaden, 24. Febr. Dem Vernehmen nach hat der hier zur ersten Kammer gewählte Abgeordnete Ger gen S die auf ihn gefallene Wahl abgelehnt. Wir können die Richtigkeit d'eser Nachricht nicht verbürgen, halten sie aber dadurch für be, stâtigt, daß Herr Gergen S sich bei der in RüdeS- Heim vorgenommenen Wahl eines Abgeordneten zur zweiten Kammer, obwohl er an der stallgehabten Vorberathung theilgenommen, der Abstimmung enthalten und weil eS ein Widerspruch wäre, sich an einem Orte zu einer Kammer wählen zu lassen, deren Berechtigung, Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit man an einem anderen Orte dadurch leugnet, daß man eS nicht der Mühe werth halt oder seinen Grundsätzen nicht entsprechend findet, sich an der Wahl zu derselben zu beteiligen.
0 Herborn, 21. Febr. Wir haben die Nachricht mit Freuden vernommen, daß Se. Hoheit befohlen haben, ein RegierungScommissâ, soll persönlich sich von der Noth deS WesterwaldeS überzeugen. Wahrlich die Schreckbilder auS Schlesien stehen noch warnend vor unsern Augen und drohend blickt die Noth von der Rhön zu unS herüber. Hunger ist ein fürchterliches Wort! Wir hatten daher schon am 1 3. August v. I. in einem längeren Artikel den Nothstand deS WesterwaldeS in dieser Zeitung geschildert, um daS Gouvernement auf diese Kalamität aufmerksam zu machen. Kauft in der Zeit, so habt ihr in der Noth ! das war damals unser Vorschlag. Früher war daS so leicht nicht nothwendig. ES eriftirten überall die Zehnt- scheuern , die volle Speicher lieferten. Im wohlverstandenen Interesse deS PublicumS wurden diese Speicher von Zeit zu Zeit geöffnet, und ein Theil der Früchte »ersauft. So war immer momentan wenigstens der größten Noth vorzubeugen. Allein man schall eS damals Wucher, deu die Domäne trieb, daß sie nicht all ihre Frucht an gewinnsüchtige Händler auf einmal verkaufte. Jetzt werden wir nur allzu lebhaft daran erinnert, daß jene Einrichtungen, wie so vieles Andere, nicht so schlecht waren, und wohl den März 1848 hätten überleben dürfen.
Hier in Herborn kosten 4 Pfund Brod 17 kr., eine Theuerung, wegen der das Kreisamt sich genöthigt sah, die Vorschriften wegen Güte und Gewicht deS Brodes dringend einzufchärfen. UebrigenS ist auffallender Weise in hiesiger Gegend daS Brod stets mehrere Kreuzer theuerer, als am Rhein und am Main.
+ Dom Westerwald, 20. Februar. Die Zustände unseres Landes fangen nun bald an, sich Bahn zu brechen in die höheren Regionen. Der Schrei der Noth ist in die Residenz gedrungen ^unb unser edler Herzog war der Erste, der ihn vernommen hat und sorgfältige Untersuchung der Sachlage anordnete.
Wir haben vernommen, daß der zu tiefer Untersuchung aUderfe bene herzogliche Kommissariat? sich an mehreren Orten deS WesterwaldeS nach den Dcrhâliniffen erkundigte — und es läßt sich diesem nach hoffen, daß derselbe höchsten OrtS getreuen Bericht abstatten und dann geschehen wird, waS unter den jetzigen Umständen möglich ist