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NassauW AllMeinc Zeitung.

M 41» Mittwoch den L8 Februar 1832.

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumerationSvrekS für Wiesbaden und, nach dem Neuen P o str eg u lati v nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tariâfchen VerwaltungSgebieteS mit Inbegriff des Poftaufscstlages nur % fL, für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland nur S fl. SL kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile over ve-en Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e ll en b e r g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die handelspolitische Lage Deutschlands.

Deutschland. Wiesbaden (Asflsen.) AuS dem Nassauischen (Beseitigung deS Wuchers).Limburg Wahl. Die erste Kammer). Hadamar (Wahl). Kassel (Dr. Kellner'S Flucht). Magdeburg (Die österr. Truppen). Berlin (Erste Kammer). Lübeck Besetzung Rendsburg«!. Wien (Donauschifffahrt Der neue Tarif. Die Ersatzleistung an Rußland. Die Besatz­ung de« Kirchenstaates. DaS Armeecorps in Holstein. Die neue Ueberlandpost. Vermischtes).

Frankreich. Paris (Der Proceß Conds, v. Tocqueville. Vermischtes).

Spanien. Madrid (Merino).

Großbritannien. London (Die Maschinenbauer. Prinz Nicolaus von Nassau. AuS dem Parlament).

Neueste Nachrichten.

Die handelspolitische Lage Deutschlands.

ES ist in der That keine Uebertreibung mehr, wenn »an sagt, daß gerade in unserer unmittel­baren Gegenwart die Lage deS gesammten deutschen Volkeâ in handelspolitischer Beziehung eine solche ist, wie sie noch nie gewesen. Der Zollverein ist einerseits an daS Meer gelangt, andererseits in seinen Grund­festen erschüttert; die österreichischen Vorschläge und Verhandlungen eröffnen dem deutschen Handel und der Industrie eine Reihe von Eventualitäten, für welche weder in der Statistik noch in der bisherigen Berechnung ein Maststab gefunden werden kann; in Berlin soll zum März ein ZollvereinScongreß eröffnet werden, der diesmal wohl kaum eine bloße Abrechnungsversammlung bleiben wird; Dänemark erklärt, daß eS die Zvlllinie zwischen den Herzog- thümern aufheben, seine eigene Zolllinie an die Elbe verlegen, und sich mithin alS ein selbständi­ger Zoll- und Handelskörper an der Ostsee consti- tuiren will, und endlich ist die Geschlossenheit und Gleichartigkeit der Interessen unserer drei großen Handelsstädte, Bremens, Hamburgs und Lübecks gebrochen; Bremen wird vom Zollverein umgeben, Hamburg wird fast als ein fremder Staat von demselben betrachtet, und Lübeck ringt umsonst nach seiner alten Bedeuiung auf der Ostsee. AlleS vaS deutet auf einen Zustand, für den wir noch keinen Namen und keine Form haben. DaS Alte ist nicht mehr möglich, und daS Neue ist noch nicht vorhanden.

Ich weiß, daß man sich nicht täuscht, wenn man der Ueberzeugung lebt, daß neben genauester und tüchtigster Beachtung der einzelnen Fragen und Verhältnisse eben auch dies Allgemeine von den besten Männern unsrer praktischen Welt mit allem Ernste beobachtet wird. ist dabei ganz natür­lich, daß die Beurtheilnng jener allgemeinen Lage der Dinge sich zunächst an die praktische Haupt­frage deS Nordens, den Anschluß an den Zollver­ein, anlehnen muß. ES ist weder thunlich noch auch von Nuyen, über jene im Allgemeinen zu reden, ohne sofort auf diesen zurückzukomenm.

Allein eS möge mir nun gestaltet sein, hier so­gleich die Grundlage alles weiteren Eingehens auf diese Frage, die zugleich Berechtigung für die fol­gende Auffassung enthalten soll, auSzusprechen. Ich muß für ganz und gar unmöglich halten, mit irgend einer auch nur annähernden Bestimmtheit daS Maß deS Nutzens over Schadens, den ein solcher Anschluß bringen wird, festzustellen. Ich be­haupte, daß jede Untersuchung in dieser Richtung ganz nothwendig bei allgemeinen Erörterungen ste­hen bleiben muß, und daß man, obwohl nunmehr seit 20 Jahren diese Frage theils praktisch, theils theoretifch fortwährend durch alle Gebiete deS mer cantileii unv industriellen Lebens hindurch ventilirt worden ist, doch nicht im Stande fein wird, einen einzigen Punkt nachzuweisen, den man als ein ge­meingültiges und unbestrittenes Ergebniß deS An­schlusses hinstellen darf. Daâ Verhältniß ist viel, mehr daS, daß alle Untersuchungen über Freihandel und Schutzzoll, über einzelne Tarifsätze und über die gesammle Verwaltung der HandelSangelegenhei« len Deutschlands allen andern Dingen und theore­

tischen Gebieten sehr viel genützt, baß sie aber für die positive Frage, ob der Anschluß eines neuen Staates für diesen vortheilhaft sei oder nicht, keine positive Antwort möglich gemacht haben.

ES bleibt dieses allerdings ganz natürlich, denn so ist der Charakter der deutschen Entwickelung auch auf diesem Gebiete, daß jeder Theil Deutschlands, seit Jahrhunderten aus sich angewiesen, auch ganz eigenthümliche Bedingungen seines materiellen Le­bens für sich erzeugt hat. In dieser bunten Mu­sterkarte vielartigster Gestaltungen war nur Eins für jeden Einzelnen etwas bisher Unbekanntes. DaS war die Einheit und ihr Einfluß. Sie mußte erst durch sie selber erkannt werden. Es ist nutzlos zu fragen, welche Beweise eS für oder gegen ihren Nutzen gibt. Wir halten fest daran, daß hier zwar ungemein viel neues Material, aber ungemein wenig neues Resultat zu finden sein werde.

In der That, wäre daS nicht der Fall, glaubt man dann wohl, daß so viele und tüchtige Männer so entgegengesetzter Ansicht und vielfach so zweifel­haft sein würben? Daß so viele thatsächliche Er­gebnisse mit den scheinbar bestimmtesten Vorherbe- rechnungen im Widerspruch stehen könnten? Daß sich bei jedem neuen Staate derselbe Kamps, derselbe Zweifel wieder erneuerte?

Ich meine gewiß nicht, daß man mithin nun auch die praktischen und einzelnen Untersuchungen darum weniger hoch anschlagen, ober sie gar liegen lassen solle. DaS wäre, als ob man in einer Armee die einzelnen Soldaten überflüssig erachten wollte, weil sie den Sieg nicht entscheiden. Oder vielleicht daß diejenigen, welche den Blick auf das Allgemei­nere richten, dadurch daS Anrecht auf eine Stunde Gehörs finden dürften. Penn wo das Einzelne auch mehr Recht hat-als daS Allgemeine, da hat doch das Allgemeineine mehr Macht. Es kommt darauf an daS Wesen Vieser Macht zu verstehen.

Wir erkennen dabei alS oberstes Princip der Betrachtung den Grundsatz, daß wo sich in einem solchen Convolut von Gegensätzen und Verschieden­heiten wie in Deutschland dennoch irgend ein Ge­meinsames Bahn bricht, dies nicht mehr auf Will« kühr und Einzelintereffe, sondern auf höheren über jene beiden Factoren erhabenen Gesetzen beruhen müsse, und daß eS daS Zeichen eines tüchtigen und veritânbigen Mannes sei, der Beachtung dieser Ge­setze ihren Antheil bei Beurtheilung deS einzelnen Falles zukommen zu lassen. Von diesem Stand- Punct aus erscheint uns nun die allgemeine gegen­wärtige Lage der Verhältnisse und Bewegung als eine in sich sehr einfache, dabei aber auch großartige.

Jene Gesetze sind nämlich erstens, daß wo ein Volk und ein Land eine natürliche Einheit bil­den , mit absoluter Noihwendigleit die Einheit seines Wirth schaftlichen Lebens in dem Grave mehr zur Herrschaft kommen wird und muß, je mehr jene Einheit sich selber barsteUt; daß also eine Trennung der HandelS- und Jnvustrieinlereffen im Allgemeinen in Deutschland ein Widerspruch ist, und daß Die Einheit der wirthschaftllchcn Gesetzge­bung in Deutschland eben so natürlich und noth­wendig erscheinen muß trotz der großen Mannigfal­tigkeit seiner Theile, wie dies in Nordamerica bei einer viel größeren Verschiedenheit lange anerkannt ist; daß mithin endlich die Vereinigung in Ein HandelS- und Zollsystem und Gebiet eben darum außerhalb oder über aller Berechnung deS Vortheils ober Nachtheils liegt, weil sie in der Thal nichts Anderes ist, als die unwiderstehliche Vollziehung eines natürlichen Gesetzes, für welche der einzelne Staat zwar- eine Schwierigkeit, aber am Ende doch kein Hinderniß zu bilden im Stande ist.

Als das zweite Gesetz betrachten wir den Satz, daß jeder Staat, der bis zur eigenen Herr­schaft über den innern Markt gelangt ist, mit Noth­wendigkeit nach einem noch unauSgebeuleien Agri- culturgebiet streben wird und m u ß, um den durch die Anhäufung der Capitalien sinkenden Zinsfuß dadurch zu beleben, daß ein Theil jener Capitalien sich in jenem Gebiet auf den Landbau wirft. ES ist falsch, zu glauben, daß'eS bloß der Absatz der Provucte in dem legiern ist, der Die Capitalien in Dem erstem an Werth und Zins steigen läßt. ES ist vielmehr eben so sehr Die Anziehung, Die ein solches Gebiet auf die angehäuften An läge capi- talien auSübt, welche die Stockung der Volks­

wirthschaft, die der zu niedere Zinsfuß erzeugt, auf­hebt und neues Leben in daS Geschäft bringt, weil eS dem angesammelten Capital Verwendungen sichert.

Wir find nun von jeher von der Ueberzeugung auSgegangen, daß der Zollverein mit all seinen Wirniffen und großen Resultaten die Bethätigung deS ersten Gesetzes ist, und baß er sich eben darum unwiderstehlich auSbreitet. Die vorurtheilsfreie Be­trachtung der Frage nach dem Anschluß Oester­reichs crgiebt, daß derselbe in der That nur daS weite Gesetz für Deutschland erfüllt, und daß derselbe daher mit derselben Nothwendig- feit erfolgen und mit derselben Entschiedenheit sich vorhersagen lassen wird, mit welcher der Beitritt der Nordseegebiete zum Zollverein feit Jahren alS unausbleiblich vorhergesagt ist.

Wir haben in dem obigen einen Auszug aus einem größeren Aufsätze deS Bremer HandelSblatteS gegeben, dem wir eine tiefere Bedeutung zuschreiben müssen, da er auf die Handelspolitik Bremens gro­ßen Einfluß üben dürfte und überhaupt der Aus­druck einer dort weitverbreiteten Ansicht zu fein scheint.

Deutschland.

* Wiesbaden, 16. Februar. (Assisenverhand- lung.) C. Johann Schläfer von Oberursel, we­gen ausgezeichneten Diebstahls. Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu 6 Monaten CorrectionS- hauSstrafe verurtheilt. Die Kosten betragen 76 fl.

* Wiesbaden, 17. Febr. (Assifenverhandlung gegen Anna Maria Kreß, 29 Jahre alt, Dienst- magb von Uerzell im Kurfürstenthum Hessen, wegen KinbeöauSseyung.)

Am 10. Nov. v. I. kam ein kleiner, etwa fünf­jähriger Knabe mit Schnee bedeckt in die Stube deS Wirthes Allendorf in Wicker. Die Ehe­frau Allendorf fragte das Kind, waS willst du? Dasselbe gab keine Antwort, sie gab Demselben ein Butlerbrod und sagte, sie wolle eS zu seiner Mut­ter führen; daS Kind schüttelte mit Dem Kopf. Auf die Frage, wo ist Deine Mutter ? antwortete daS Kino: nach Kastel. Etwas weiteres konnte die Ehe­frau von Dem Kinde nicht erfahren. Am anderen Tage gab Der Knabe an, er heiße Joseph, feine Mutter heiße Anne Marie und diene in Kastel.

Am 12. Nov. führte der Bürgermeister von Wicker daS Kind nach Kastel und wurde voc der dortigen Polizei ermittelt, baß Die Angeklagte die Mutter des Kindes fei. Dieselbe gab in der Unter­suchung an, sie habe ihr im Jahr 1846 außerehelich geborneS Kind Joseph Kreß zuerst ihrem Stief­vater, dann anderen Leuten in Uerzell in Pflege ge­geben ; dieses sei dort schlecht behandelt worden, deßhalb habe sie daS Kind im August v. J. abge- Holt. Sie habe sich vergebens bemüht, das Kind in Mainz in Pflege zu bringen, ihr Dienstherr habe nicht geduldet, daß sie eS bet sich behalte und habe ihr gerathen, vaS Kind wieder in ihre Heimath zu bringen.

Sie fei von Kastel eines MonlagS (10. Nov.) fortgegangen, um dasselbe nach Uerzell zu bringen, jenseits Hofheim fei ihr ein Fuhrmann begegnet, sie habe sich mit dem Kind auf Den Wagen gefetzt und fei b>S nach Höchst gefahren. Dort sei sie in einem Wirthshaus eingekchri und habe sich in den HauSgang gesetzt. Weil sie kein Geld gehabt habe, so sei sie nicht ia die Wirthsstube gegangen. Dor­ten habe sie sich entschlossen, weil sie sein Geld zur weiteren Reise und keine Unterkunft für ihr Kind gehabt habe, sich dessen zu entledigen. Sie habe dem Kind ein Stück Brod und einen Apfel gegeben, h.>be daS Kino zurückgelassen und habe sich heim­lich fortgewacht.

Da nun ein Geständniß der That vorliegt, so ist eS sonderbar, daß sie in Bezug auf die Orte absichtlich irrige Angaben macht.

Durch die Untersuchung ist ermittelt, daß ge­gen 1 Uhr am 10. Nov. eine fremde Weibsper­son, in welcher Die Zeugen die Angeklagte wieder erkennen, mit einem Kinde auf der Chaussee nach Wicker zugegangen, vaS Kind sei allein nach Dem Naffauerhof gegangen, die Weiböperson aber auf