Nassauische Allgemeine Zeitung.
J2 34.
Dienstag den IO. Februar
1852.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige DränumecationSvreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang der Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur 8 fL, für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur 8 fl. 24 kr. — Inserate werden die dreisvaltige Petit^eile oder be-en Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellen berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Verordnung, die Ernennung eines Staatsmint- fterS betreffend.
Dienstnachricht.
Nichtamtlicher Theil.
Eine franzöfische Landung in England.
Deutschland. Mainz (Unglücksfall). — Frankfurt (v Bismark-Schönhausen, v. Leonhardi. Verein der Ar- beitsbeförderer). — Karlsruhe (Eisenbahn). — Dresden (Die „Sächsische constitutionelle Zeitung". Anleihe. Besuch des Königs von Hannover). — Luxemburg (Die Deputirtenkainmer). — Berlin (Die Zusammensetzung der ersten Kammer. Proceß Arnim, v. Schellwitz. Der österr. Zolltarif). — Elbing (Auflösung der gottesdienstlichen Versammlung der freien Gemeinde). — Hamburg (Zurückziehung der österr. Truppen). — Kiel (Die Reformen). — Rend Sburg (Die österr. Truppen).—Wien (Hinrichtung zweier politischer Verbrecher).
Dänemark. Kopenhagen (Hansens Interpellation).
Frankreich. Paris (Montalembert'S Aufnahme /n die Akademie. Das Schreiben der Prinzen von Orleans. DaS Attentat auf die Königin von Spanien. Die Wahlen). Vermischtes).
Spanien. Madrid (Der Kirchengang der Königin. Ge-. Heime Emissäre).
Großbritannien. London (Lord Palmerston. Die Reformbill. Das Parlament).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Wir Adolph, von Gottes Gnaden Herzog zu Nassau rc. rc. haben, da sich die durch Unser Edict vom 17. Oct. 1849 eingeführte Organisation der obersten CenlralverwaliungSbehörde als unzureichend erwiesen und sich die Nothwendigkeit ergeben hat, derselben einen StaalS Minister, welcher als Chef der ganzen Verwaltung von der speciellen GeschâftSleitung einer der vier Abtheilungen der Central-Verwaltung befreit bleibt, zum Vorstand zu geben, mit Vorbehalt einer GeietzeS- Vorlage bei dem nächsten Landtage über die hierdurch bedingten Veränderungen in der Organisation der Central-Behörden und die Festsetzung deS Gehaltes, beschlossen und verordnen wie folgt.
§. J. Der obersten Central «VerwalungSbe« Hörde Unseres HerzogihumS steht ein StaaiS-Mi- Nister vor.
§. 2. Wir bestimmen für Unseren StaatS- Minister als Dienstgehalt 6000 Gulden und als FunctionSgehalt 4000 Gulden in vierteljähriger Vorauszahlung auS Unserer Staatskasse.
8. 3. Gegenwärtige Verordnung soll durch daS Verordnungsblatt verkündigt werden.
So gegeben Wiesbaden, den 7. Febr. 1852.
(L. 8.) Adolph
Ler. Faber. Hadeln.
Dienftnachrickt.
Seine Hoheit der Herzog haben den Prinzen August zu Sayn-Wittgenstein- Berleburg Durchlaucht zu Höchstihrem Staats- minister ernannt, und demselben den Charakter als General-Lieutenant und General-Abjutanl zu ertheilen geruht.
Nichtamtlicher Theil.
Eine französische Landung in England.
Den Wiener und andern Journalen macht eine telegraphische Depesche auS London, welche die Rückberufung der briiischen Flotte vom Tajo meldet, viel zu schaffen. ES ist wohl nicht überflüssig, da man sich jetzt so viel mit dem Gedanken einer Landung französischer Truppen an der Küste von Eng
land beschäftigt, an die Resultate der neuem historischen Forschungen zu erinnern. Unmöglich ist eine solche Landung ebensowenig, alS sie eS 1803 war, und daß sich die Engländer nie ganz sicher gehalten haben, beweisen ihre Vorkehrungen an der Küste unlf zum Empfang der Gelandeten. Seit Napoleons Rüstung hat sich die Ueberlegenheit der Marine dadurch vermindert, daß die KriegSdampfer bedeutende Anwendung fanden. Zur Leitung eines Dampf- booiS bedarfS eS nur eines Mechanikers, der feine Schrauben richtig zu drehen weiß, während bei dem Segelschiff die Erfahrung des CapitânS und die Seetüchtigkeit der Matrosen alled entscheidet. Mit einem Dampfschiff legt man oft in weniger als zwei Stunden den Weg von der englichen zur fran. zöstschen Küste zurück. Trotzdem ist die Ueberfahrt und Landung eines Heeres noch eine schwierige Aufgabe, und immer ein Wagstück. Die Schwierigkeit, eine große Truppenmacht zu landen, wird gewöhnlich unterschätzt. Bonaparte bedurfte zu den angeblichen 40,000 Truppen, die er nach Aegypten führte, 15 Linienschiffe , 14 Fregatten, 72 kleinere Kriegsschiffe. Mit den eigentlichen Transportschiffen zählte die Flotte 500 Segel. Daß sie dem englischen Geschwader im Mittelmeer entging, verdankte sie dem sorgfältig bewahrten Geheimniß der Expedition und dem Cäsarischen Glück, das mit ihr 'eingeschifft ward. Wenn man über den Canal eine streilfähige Armee setzen wollte, würde daS Geheimniß verrathen sein, ehe nur die Vorbereitungen zum Einschiffen gegeben wären. Die Engländer würden nicht blos ein Geschwader, sondern ihre ganze Flotte entgegensetzen. Und wie wenig Truppen lassen sich auf einer Flotte tranSporiiren!
Die größte See-Erpedition in diesem Jahrhundert, war die der Engländer nach Walchern (See, land). Sie rüsteten dazu 34 Linienschiffe und zwei- undzwanzig Fregatten , alle europäischen Meere standen offen, die feindliche Flagge war wie weg- gekebrt. Dennoch wurden nicht mehr Truppen als 38,000 Mann ans Land gesetzt. Welche Flotte würde dazugehören, um die Landung von nur eben so viel Mannschaft bei der Wachsamkeit der britischen Flotte in England anS Land zu setzen! Aber man könnte eine Wiederholung deS Boulogner Lagers denken, und man denkt daran, weil man von 100,000 Mann spricht, die nach England hinübergeworfen werden könnten. Ein solches Unternehmen ist keine Absurdität. Bonaparte aber hielt 120,000 Mann für eine Landung in England nicht hinrei. chend, selbst unter der Anführung der ersten Feldherren seines Jahrhunderts, er wartete stets auf die Brester Flotte mit 20,000 und auf die Flotte vom Terel mit 18,000 M. Zur Ueberfahrt der 120,000 Mann hatte er aber 2300 Boole nöthig. Ehe diese angesertigl wurden , ehe sie von den verschiedenen Weiften nach dem Einschiffungsplatz gelangten, welche Zeit verging nicht! Ferner dauerte eS nicht Monate, sondern Jahre lang, ehe Bonaparte seine Truppen für daS Ein- und Ausschiffen eingeübt hatte. Und dennoch beruhte das Gelingen der Unternehmung nur auf einem günstig erwarteten Zufall, daß nämlich entweder in der Aequinoctialzeit ein heftiger Sturm die englische Flotte aus dem Canal fegte und die Ueberfahrt auf vierundzwanzig Stunden hintendrein frei war, ohne daß, wie dies im Winter einigemal einzutreten pflegt, gänzliche Windstille auf dem Canal Herrsche, wo die Ruder- flotle nichts von Segelschiffen zu befürchten habe. Ist eS nun unbezweifelt, daß durch Dampfboote diese Ueberfahrt jetzt unendlich erleichtert ist, so sind eS eben wieder die KriegSdampfer, womit die Engländer bei Sturm oder Windstille den Canal bewachen können. Nach den historischen Erfahrungen folgt also, daß die Landung größerer Truppenmaffen große und langwierige Vorbereitungen erfordern, daß, wenn diese begännen, augenblicklich eine Kriegserklärung erfolgen würde, und daß, ehe sie vollendet wären, England nicht nur seine Geschwader von allen Winkeln deS Erdballs zusammenrufen könnte, sondern noch Muße besäße, die Franzosen auS ihren noch übrigen Colonialbcsitzungen zu vertreiben, ihre Häfen zu dlokiren, die Vereinigung einer größeren Flotte zu verhindern, und im entscheidenden Augenblicke entweder die Einschiffung oder die Landung ganz oder theilweise zu vereiteln. (A. Z.)
Deutschland.
Mainz, 6. Febr. (Fr. I.) Ein schrecklicher UnglückSfaU, der Ende voriger Woche zur Entdeckung kam, macht hier viel von sich reden. Eine Anzahl österreichischer Mineure befand sich Anfangs der verflossenen Woche in den unterirdischen Gängen der Festung, um dort zu arbeiten. AlS die Mannschaft dieselben wieder verließ, wurde der AuSgang, wie gewöhnlich, sorgsam verschlossen. Niemand ahnte, daß in den dunkeln Räumen ein Unglücklicher zurückgeblieben sei; vielmehr glaubte man, alS derselbe später vermißt wurde, er sei desertirt. Eo gingen fast 6 Tage vorüber; da führte — nach Einigen — wiederholte Arbeit, nach Andern die plötzlich erwachte Vermuthung, der Vermißte könne auf irgend eine Art in den Minen unbemerkt zurückgeblieben sein, mehrere Mineure in dieselbe Gänge; und — entsetzlicher Anblick — wie sie die Thüre öffnen, finden sie ihren Kameraden an dem Eingänge liegen, die Hände zerkratzt, ein Bild deS JammerS! AuS den Armen hatte sich der Unglückliche Stücke Fleisch gebissen. Man trug ihn sogleich in daS Hospital, wo er nach sechs Stunden starb:
Frankfurt, 1. Februav. Man spricht in den höchsten und konservativsten Kreisen ernstlich, sei eS auS Wunsch oder weil eS wirklich im Werke ist, von der Ersetzung deS Herrn v. BiSmark-Schön- hausen durch den frühern preußischen Gesandten in Wien, Grafen Bernstorff.
Freiherr v. Leonhardi, der bereits seit mehren Jahren daS Großherzogthum Hessen als Minister- resident bei der freien Stadt Frankfurt vertritt, ist nunmehr auch zum großherzoglichen Ministerresiden- ten am herzoglichen nassauischen Hofe ernannt worden.
□ Frankfurt, 7. Febr. Es ist hier, so wenig günstig auch der gegenwärtige Zeitpunkt dem Wesen der Vereine, dennoch seit Kurzem ein neuer solcher entstanden, ein sog. „Verein der ArbeitSde« förderer". Wie auS den Aufrufen und Statuten des Vereins zu ersehen, hat derselbe nur phtlan- tropische Zwecke im Auge, und da überdem der Stifter, wie gedruckt zu lesen, ein specifisches Mittel gefunden zu haben behauptet, „den Verbrauch der industriellen Erzeugnisse zu vermehren", hat unser Ort anscheinend um so mehr Ursache, sich zu dieser neuen socialen Schöpfung zu graiuliren. Unsere Fabricanten und Manufacturisten, die in den letzten Messen so sehr über Mangel an Absatz geklagt, und gewiß mit Grund, werden, trenn sie sich an den Entdecker jenes Mittels wenden, ihr Leiden für die Zukunft vielleicht ganz beseitigen können. Wir sagen vielleicht, denn wir unserer - seils hallen, wollen wir unsere wahre Meinung auS- drücken, die angebliche Entdeckung nur für ein Hirn- gespmnst und erblicken zugleich in dem ganzen Experiment , welches der Verein durchzuführen beabsichtigt, wenig Anderes oder Günstigeres. ES handelt sich bei ihm in der Hauptsache darum, daß mittelst auS der Gesellschaft zu sammelnder Gaben und Beiträge neue Industriezweige inS Leben gerufen und im Betriebe erhalten werden, dessen Leitung und Führung dem Stifter gegen eine Remuneration von 10 pCt. der Bruttoeinnahme und einer Anzahl anderer Personen, die wieder unter dessen Aussicht stehen, und von selbst verstanden, ebenfalls remunerirt werden, beamtenmäßig anvcr- lraul werden soll. W>e jedoch durchaus nicht zu verkennen, trägt die Sache einerseits einen schutz- zöllnerischcn, andererseits einen rein socialistischen Charakter, welches beides, wie schon oft nachge- wlèsen, in engem Zusammenhänge steht.
Bekanntltch verlangt die Schutzzöllnerei, daß Industriezweige, die angeblich sonst nicht würde» bestehen können, durch ZwangSbeiträge, welche die ZoUrolle neben dem, welches der SlaatScaffe zuzu- fließen bestimmt ist, stritt hat, unterstützt und unterhalten werden. Die Zollrolle ist nur eine besondere Form dieser Unterstü^ung, indem sie bewirkt, daß einheimische Jndustrieproducle, gegen die Concurrenz der billigeren fremden gesichert, so und so viel theurer bezahlt werden, alS eS sonst der Fall sein würde, und man könnte zu jenem Zwecke sehr wohl auch eine andere Form wählen, z. B. die, daß so und