RaffauW Allgemeine Zeitung.
4â 26 Samstag den 3 BL Januar 1832
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumecationSpreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen P o str eg u l a ti v nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postauffehlages nur 8 fl., für die übrigen Lânver des deutsch-öüerreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur S fl. 184 kr. — Jnfera te werden die dreisvaltige Peut^eile oder oe-en Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. S ch e l l e n b e r g' ichen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
V. Fiquelmont's neues Werk.
Deutschland. Wiesbaden (Der hellsehende Knabe). — AuS dem A. Nassau (Erplosion einer Pulvermühle). — Fra n kfu r t (Antwort deS englischen CabinetS. Die Bun- deSpreßnormen. Die deutsche Flotte). — Alteuburg (Erb- Großh. von Oldenburg). — Hannover (Der Septembervertrag). — Berlin (Die RevistonSfrage. Der Militär- etat. Die Westbahn). — Wien (Henzi'S Monument. Das Ministerium in Neapel. Die Familie Orleans).
Frankreich. Paris (Fallour. Die Adelstitel. Dupin. Die Senatoren. Revision des Processes CondS. Vermischtes).
Großbritannien. London (Lord Normanby. Das Jn- vasronSproject. Vermischtes).
Dänemark. Kopenhagen (Der StaatSrath).
Schweden. Stockholm (Krüdener).
Italien. Turin (Der Klerus).
Neueste Nachrichten.
V. Fiquelmont's neues Werk.
* Vor einigen Tagen ist von dem Grafen Fi« quelmont, ehemaligen österreichischen Minister deS Auswärtigen und Gesandten in Petersburg und Konstantinopel ein Werk in zwei Bänden erschienen , das den Titel führt: „Lord Palmerston, England und das Festland". ES j hat großes Aufsehen erregt; die französischen Journale bringen Fragmente desselben; die Censur hat sich veranlaßt gefunden, einzelne Stellen und Ca- ps»tl dieser Mittheilungen zu streichen. Wir erinnern an eine in diese Blätter aufgenommene Bemerkung über die Sympathie«! , die LouiS Napoleon für die Politik deS Lord Palmerston empfinde oder doch nach Lage der Verhältnisse, in welche er sich hineingeworfen, empfinden müsse. Wir wollen in der Amtspflicht, welche die Censur geübt, keinen Zusammenhang mit der Politik deS Präsidenten suchen, immerhin bleibt eS aber auffallend, daß die Censur der französischen „Präsidentschaft" diese rücksichtsvolle Sorgfalt für Lord Palmerston an den Tag legt. Dieser Staatsmann und dessen Politik wird in dem obenerwähnten Werke der schärfsten Kritik unterzogen. Der Ton, in welchem diese Kritik gehalten ist, möge aus der folgenden Stelle entnommen werden:
In der Westminster-Abtei zu London befindet sich ein Denkmal mit ter Inschrift: „Errichiet von dem Könige und dem Parlamente als Zeugniß der Tugenden und Talente William Pitt's, Earl von Chatham, während dessen Verwaltung unter der Regierung Georgs II. und Georgs III. die göttliche Vorsehung Großbritannien zu einer dem Lande bis dahin unbekannten Höhe des Wohlstandes und Ruhmes erhoben hat. Geboren 1708, gestorben 1778". Seine Biographen haben diesen Worten die folgende Umschreibung hinzugefügt: „Dem Mi- nister, welcher zuerst die Kunst entdeckt hat, den Gewerbfleiß und Handel während deS Kriegs noch zu höherer Blüthe zu bringen, als während des Friedens". Die Bezeugung der Dankbarkeit von Seiten deS englischen Volkes bezieht sich auf die Zeit deS siebenjährigen Krieges, in welcher daS englische Volk zuerst zu der Ansicht gelangt zu fein scheint, daß der Krieg auf dem Festlande den Aufschwung deS englischen GewerbfleißeS nur begünstigen und zu seiner Ueberlegenheit über den ausländischen Gewerbfleiß beitragen könne. ES war dieS zudem dieselbe Zeit, in welcher England durch die Erwerbung Canaba'S die Zukunft der französischen Colonialmacht in America brach. Während später die langen französischen RevoluiionSkriege England die Gelegenheit boten, mit bewaffneter Hand daS commercielle Uebergcwicht zu erobern, welches cS seitdem behauptet hat, belasteten sie doch das englische Volk mit einer so ungeheueren National Schuld, daß eS demselben unmöglich feip würde, nochmals einen ähnlichen Kamps auSzuhalien. ES hat also eine andere politische Bahn eingeschlagen. Seine Finanzlage gebot ihm die Ersparnisse deS Friedens, während andererseits der Besitz deS durch den Krieg erworbenen Supremats nur durch den Krieg behauptet werben konnte. Lord Palmerston
hat Anspruch auf ein Denkmal, dessen Inschrift besagt, daß er eS ist, belli daS englische Volk die Lösung dieser Ausgabe verdankt; denn wenn in England der Friede herrscht, so haben sich die Völker deS Festlandes fast in einem beständigen Kriegszustände befunden. Oder ist daS etwa eine Zeit deS Friedens, welche Zeugin gewesen ist non einem vierjährigen Bürgerkriege zwischen Dom Pedro und Dom Miguel und von einem siebenjährigen Kriege zwischen Don CarloS und den beiden Königinnen? Zeigen uns die aufeinander folgenden Erhebungen in Italien, welche mit dem Sturze Karl Albert'S endeten, einen Zustand deö Friedens? Zwei Jahre deS Krieges zwischen Polen und Rußland, die Unruhen im Großherzogihum Posen, in Krakau und in Galizien, ist daS ein FrievenSzustand? Welchen Namen sollen wir dem Raten - Kampfe in Ungarn und jenen Feldzügen deS Bürgerkrieges geben? welchen Namen dem blutigen Streite zwischen Dänemark und den beiden Herzogthümern, die zugleich geeinigt und getrennt sein wollen? War der Zustand deS deutschen Bundes am Ende deS JahreS 1850, wo verwegene Politiker und ehrliche Schwärmer (Les hommes de poliliqae aventureuse et les surexcités de könne foi) nur vor der Großartigkeit der KriegSrüstungen zurückwichen, ein Zustand deS Friedens? Die geheimen Ränke (les sourdes machinations), welche feit so langer Zeit Die Regierungen und Völker in beständiger Besorgniß erhalten, geben sie etwa unserer Zeit den Cha- racter einer friedlichen? England hatte in seinem großen Kampfe den Krieg mit seinen Flotten und Heeren in allen Theilen der Welt zugleich geführt. Den verbündeten Regierungen zahlte eS Subsidien, oder schoß ihnen Geld vor. ES rief die Völker zu den Waffen, indem eS an ihre Leidenschaften appellirte. Seil dem Frieden hat eS in seinem Budget alle KriegS- Kosten gestrichen, aber eS appellirt noch immer an die Leidenschaft. ES weiß sie, so zu sagen, permanent zu machen, indem eS sich dec schwierigsten Fragen Der gesellschaftlichen und politischen Ordnung als Mittel zur Aufregung bedient. Die Ergebnisse dieses Verfahrens sind sichtbar. Große Ereignisse sind niemals zufällig. Die Ursachen, welche sie hervordringen, müssen ihnen nothwendig vorhergehen. DaS einzige Zufällige und Unvorhergesehene, waS an ihnen haftet, ist die Form, welche ihnen der Augenblick deS AuSbrucheS gibt. Seit dem Jahre 1848 hat daS englische Ministerium in jedem Jahre bei Gelegenheit der Eröffnung deS Parlaments dem englischen Volke Glück gewünscht wegen seiner ruhigen Haltung und wegen deS politischen Frie- venS, den die Regierung inmitten der daS Festland zerfleischenden Revolutionen zu bewahren gewußt habe. Die Sprache deS englischen Ministeriums ist einfach, natürlich und offen, wie die Unschuld, doch haben wir ihm eine Frage zu stellen, die gleichfalls sehr einfach und sehr natürlich ist. Seit langer Zeit hat kein Land seinen Einfluß so eifersüchtig gewahrt, wie England den seinigen. Kein Minister hat ferner zur Geltendmachung dieses Einflusses einen solchen Grad von Thätigkeit aufgewandt, wie Lord Palmerston. Kein Minister hat je vor ihm so laut ausgesprochen, daß eS Der Wille Englunds sei, diesen Einfluß zur Geltung izu bringen. Die TorieS hatten bas Princip der Nlchtiniervennon zur Grundlage ihrer Politik genommen. Die Streitigkeiten mit den festländischen Mächten, in welche sie sich einließen, wurden durch die Vertheidigung dieses Princ'pS herbeigefühn, daS Die Tories dem von jenen Mächten für gewisse gegebene Fälle in Anspruch genommenen JnlervenlionSrechie entgegensetzten. Lord Palmerston hat diese Politik, die ihm alS zu zaghaft für den englischen Stolz und zu wenig einträglich für die englischen Bedürfnisse erschien, ohne Umstände aufgegeben. Er hat nie aufgehört, zu interoeniren, bei großen sowohl, wie bei kleinen Angelegenheiten, und hat diese Intervention für ein England zukommendeS Recht er. klärt. Zur Begründung dieses Rechtes hat Lord Palmerston mit der Politik Der Interessen die der Docirinen und Principien verbunden. Die Geschmeidigkeit dieser Principien-Politik war ganz wie gemacht für den Ehrgeiz dessen, der sich in AlleS einmischen wollte. Da, wo eS sich um kleine positive Interessen handelte, kam, wenn eS England so beliebte, die politische Doclrin zur Sprache. Wir haben also daS Recht, England folgendes
Dilema vorzulegen: Entweder ist der Einfluß, welchen eS ausüben wollte, ein völlig nichtiger gewesen ; eS hat nichts vorhergesehen, nichts geleitet, nichts geregelt; eö hat nichts von dem erreicht, waS eS erreichen, und nichts von dem verhindert, waS eS verhindern wollte, over wenn England sich nicht zu diesem Grade der Nichtigkeit herablassen will und den Einfluß anerkennt, welchen eS auS- üben wollte und wirklich auSgeübt hat; wenn eS den feinen Lehren und seinen Rathschlägen entgegengesetzten Widerstand und die Fehler der Regierungen alS Ursachen der Revolutionen anklagt: dann hat seine Politik eine vollständige Niederlage erlitten; sie ist ungeschickt gewesen und unzulänglich für daS von ihr unternommene Werk. Will und kann England den Antheil, welchen eS an allen europäischen Ereignissen entweder durch seinen direkten Einfluß oder durch das Predigen seiner Doktrinen genommen hat, nicht lâugnen, und will eS andererseits behaupten, keinen Fehler begangen, sich in keiner seiner Operationen getäuscht zu haben: dann bleibt nur noch eine dritte Annahme übrig, die nämlich, daß England alleS daS, waS geschehen ist, gewollt hat.
Die „Köln. Ztg." findet diese Ansichten im höchsten Grade gehaltlos und schief. Sie faßt ihrerseits die Gründe, die Hrn. v. Fiquelmont widerlegen sollen, auch in ein Dilemma zusammen; sie sagt:
„Erstens, England kann nicht den Willen haben, den Frieden der europäischen Staaten zu stören, und zweitens, England ist zwar mächtig, aber nicht so mächtig, daß eS alle die Revolutionen, welche Europa in den letzten dreißig Jahren durchwühlt haben, hätten aus dem Boden stampfen können".
Die Wahrheit deS zweiten Satzes wollen wir nicht bestreiten.
Den Beweis für den ersten Satz hat sie nicht geführt. Dieser der Gefühlspolitik entnommene Satz läßt sich auch nicht beweisen. Sein Gegentheil läßt sich aber aus einer Reihe von Thatsachen vermuthen. Wenn England auch nicht mächtig genug ist, die Revolutionen Europas zu erregen, so war eS doch schwach genug, die Revolutionen Europas zu schüren, zu unlerstützen und zu benüten. Gegen diesen Vorwurf wird sich Lord Palmerston nur mit Mühe vertheidigen können.
Deutschland.
* Wiesbaden, 30. Jan. Vorgestern ist der bellsehende Knabe auS Mittelfischbach in daS hiesige Hospital zur Heilung gebracht. Eine zweckmäßigere Vorkehrung zur baldigen Wiederherstellung deS Kranken konnte von den Behörden nicht gelrof- sen werden, als daß man ihn hierher und zwar in Begleitung eines GenSd'armen bringen ließ. BiS jetzt hatte der Knabe noch keinen seiner KrankheitS- anfâlle. Wunderbarer Weise hat sich auch sein gutes Gehör wieder eingestellt. Seine l tzle Prophe- zeihung war, daß er aus dem Herweg dem ihn begleitenden Landjäger eröffnete, er werde nicht mehr krank werben; der Geist, der ihn seither heimgesuckt, habe ihn verlassen und sei in einen andern Knaben übergegangen. AuS HnmanitälSrücksichien und weil die TranSportirung deS Knaben wenigs dessen Ueberwachung als dessen Heilung bezwcckle, wurde Dem Vater oder der Muller freigestellt, denselben zu begleiten und bei ihm zu bleiben. Demzufolge ist der Valer deS Knaben mit hierher gekommen, ist aber auf den ausdrücklichen Wunsch deS Letzleren wieder nach Hause zurückgekehrt. Dem Knaben gefällt cS hier ganz gut, beionderS freut er sich darüber , daß er hier nicht mehr so viel auswendig zu lernen brauche. Die Vermuthung der Behörde, daß hinter dieser Hellseherei eine absichtliche Täuschung verborgen war, scheint vollkommen gegründet; auch konnte die immer steigende abergläubische Aufregung der Bevölkerung nicht länger geduldet werden. Davon den Behörden zur Verhütung beider angewen- delc Mittel hat sich daher als ganz zweckmäßig her- auSgestellt. Wir finden darin einen abermaligen Beweis, daß daS enjchiebene Auftreten der Behörden steiS den guten Erfolg sichere und deßhalb auf ungeteilten Beifall rechnen könne. (S, Nastätten.)