Nassauische AllMeinc Zciümg.
<12 8,
Samstag den LEV Januar
1852.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrLnunkccationsvreiS für Wiesbaden und, nach dem Neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur « fl., mit dein Bringerlohn nur « fl. 1*5 fr., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland nur » fl. kr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof- Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
MT Bestellungen auf die Nass. Allgem. Zeitung für das erste Quartal 1852 wolle man baldigst machen.
Uebersicht.
Graf Casimir Batthyany über Kossuth. Deutschland. Stuttgart (Prof. Reyscher). — Leipzig (Die „Sachsen Ztg."). — Hannover (Stüve. Das neue Anlehen). — Berlin (General Bonin. G.-L. Stülpnagel. Der Pretzprozeß gegen Graf Arnim. Vermischtes). Bremen (Die Verfaffungsfrage). — Danzig (Tie Verschwörung). — W ie n (Eröffnung der Zollconserenzen. Der Zolltarif. Erzherzog Albrecht v. Bertouche. Baron Haynau. Der Entwurf des österr. Zolleinigungsvertrages).
Frankreich. Paris (Abschaffung der pol. Aufschriften. Die Paris-Lyoner Eisenbahn. Englands Gesinnungen.
Die Verfassung. Vermischtes).
Spanien. Madrid (Literarischer Vertrag mit Frankreich. Gonzales Bravo. General Espartero). Großbritannien. London (Die Ministerkrisis. Lord Palmerston. Abschaffung der Einkommensteuer. Die Kaffern). Italien. Tur in (Der Handelsvertrag mit Oesterreich» — Venedig (Berurtheilung). — Rom (Anrede des Papste«).
Neueste Nachrichten.
Graf Casimir Batthyany über Koffuth.
Wir haben kürzlich des Berichts gedacht, welchen Graf Casimir Ballhyany d. d. Paris, 10. Dec. an die Times gerichtet Hal, und der in der Nummer dieses Journals vom 30. Dec. ganze drei Spalten füllt. Klarer und gewandter geschrieben als der n uliche Brief des Fürsten Paul Esterhazy, den er beantwortet, bezweckt er zunächst eine Apologie für Ludwig Ballhyany und seine Verwaltun -, als denen der Fürst, namentlich auch, was ihr Verhältniß zur Krone Oesterreich betrifft, nicht die gebührende Gerechtigkeit habe widerfahren laffen. — Graf Ballhyany *) erhebt, wiewohl in ziemlich gemäßigter und anständiger Sprache, die bekannten Anklagen der ungarischen Revolutio Spartei gegen Oesterreich , und fällt dann über Koffuih ein Urtheil, welches die Times nicht ermangelt, den Enthusiasten für diesen Mann in England un» America zur Begutachtung zu empfehlen.
Die Stelle über Koffuth lautet im wesentlichen: „...Indem ich behaupte, daß, mit Ausnahme einer verächtlichen Fallion, es Anfangs der loyale Vorsatz jedes Menschen in Ungarn war, die Union mit Oesterreich aufrecht zu halten, schließ' ich — waS er auch seitdem gethan haben mag — Koffuth selbst nicht auS. Schon die Versatilität seines Geistes und Temperaments, die ihn alles Neue mit so viel Feuer und heißblütiger Hoffnung ergreifen läßt, ist der beste Beweis (?), daß er, wiewohl von der Natur zum Agitator gestempelt, in dieser Hinsicht ehrlich und aufrichtig war, und unter anderen Umständen es geblieben sein würde. Aber als jenes Verfahren Österreichs gegen Ungarn eintrat, da gewann KossuthS stürmisches und unruhiges Temperament, feine angeborne Charakterschwäche und Lockerheit in den Grundsätzen die Oberhand über sein besseres Gefühl. Ehrgeiz, NotorielätSsucht und die Biegsamkeit, womit er immer den am meisten Drängenden und mindest Gewissenhaften nachgab, versetzten ihn zuerst in Widerspruch mit sich selbst, und verwickelten ihn dann — und, kann man sagen, auch die andern Minister — in eine inkonsequente Politik, biS sie ihn endlich zu eigensinnigen und willkürlichen Maßregeln verleiteten, welche den Sturz deS Ministeriums Batthyany beschleunigten. ES ist unnöthig einem Menschen mehr Fehler und Thorheiten aufzubürden als deren er sich schuldig gemacht hat. Kossulh hat vor dem Richterstuhl der öffentlichen Meinung bereits genug für fein politisches Verfahren zu verantworten, welches ohne Frage die Haupiursache deS Verderbens und Stur, zes seines Vaterlandes war. — Unzulänglich in
•) Graf Casimir Battbyany war bekanntlich der einzige revolutionäre Minister-College, der mit Koffuth das Eril in Kiutahia theilte, und erst mit ihch von dort befreit wurde.
der Kenntniß von Menschen und Dingen, in der stärken Haltung , dem kalten Urtheil und der um* fass nden Einsicht eines Staatsmannes , und ohne die feste Hand eines Regenten; alle gesunden Berechnungen für nichts achtend, während er ein Spiel deS Zufalls spielte und das Schicksal der Nation auf einen Würfel setzte; tollkühn gegen die Gefahr solange sie fern war, aber vor >hr zurück bebend, wenn sie nahe herankam; stolz und sich übernehmend im Glück, aber ganz verzagt im Unglück; ohne jene Kraft und Unerschrockenheit deö Charac- terS, die sich allein Huldigung und Gehorsam von Andern erzwingt, während er sich selbst zum Spielzeug jedes mit ihm in Berührung kommenden Intriganten hergab; seine mannigfache Geistesbildung und seinen natürlichen Genius als Beruf zur Regierung eines Landes in unruhigen Zeiten mißverstehend, und, in seinln Phantasieflügen alle Cchran- ken seines Ehrgeizes überfliegend, so riß Koffuih die Nation zu den politisch unklügsten Maßregeln fort, und erfaßte die höchste Gewalt im Reiche mit zweideutigen Mitteln. Allein kaum im Besitz derselben ließ er sie sich auS den Händen reißen durch einen Mann , den er selbst unverständigster Weise auf eine hohe Stellung erhoben hatte, und dessen wahren Charakter er hätte kennen können. (Hier folgt ein heftiger Ausfall auf Görgey, der deS VerrathS an Ungarn beschuldigt wird. *) . . . Indem daS englische Volk Koffuih ehrte, bezeigte eS seine Sympathie für die Sache eines unglücklichen Landes, daS seine verbrieften Rechte und Freiheiten verloren hat, und Koffuth, indem er diese Sympathie pflegte, war genöthigt, dem Gefühle der Gesetzlichkeit, daS auch die untersten Volksclaffen in England beseelt, einen Tribut zn entrichten, dadurch, daß er in seinen Reden die demagogische Phraseologie vermied, worin er sich eine Woche zuvor in Marseille ausgelassen hatte. Der Beifall deS englischen Volks galt nicht dem revolutionären Charakter deS Mannes, sondern der gewandten Manier, worin er ihnen Ungarns Beschwerden dariegle. Mehrere unbefam gene und unparteiische englische Journale haben nachgerade angefangen zu untersuchen, inwiefern Koffuth zu den ihm widerfahrenen Auszeichnungen berechtigt sei, und der Era min e r namentlich hat seine frührere Laufbahn, und die Anmaßung, womit er sich in eine neue wirft, einer scharfen Kritik unterzogen. Indessen nicht dem englischen Volke kommt eS zu, Koffuth'S Stellung unter seinen eigenen Landsleuten zu bestimmen. Dieses Recht gebührt ausschließlich den letzteren, und zwar nicht den über die Welt im Eril zerstreuten, sondern denen, in welchen der Wille der Nation daheim beruht. — Mittlerweile ist eS meine eigene entschiedene Ansicht, daß Kossulh nicht daS mindeste Recht hat, sich zum einzigen und ausschließlichen Repräsentanten seines Landes aufzuwerfen; nicht daS mindeste Recht, den Gouverneurstitel und daS Gebaren eines Diktators anzunehmen, wie er dieß in seiner Zuschrift auS Brussa an die Bürger der Vereinigten Staaten thut; wenn er in diesem Aktenstück behauptet: die ungarische Nation könne gesetzlicherweise keine Verpflichtung eingehen, noch eine Maßregel annehmen, die mit dem Acte seiner Erhebung zur GouverneurSwürde nicht in Einklang stehe; denn offenbar, auch wenn er diese Würde nicht ab- gedankl hätte, würde daS auf seiner verfassungsmäßigen Grundlage reconstituirte Ungarvolk und dessen gesetzliche Vertretung im Reichstage berechtigt sein, frei so zu handeln, wie eS demselben am zweckmäßigsten für die Wohlfahrt deS Landes schiene. Weit entfernt eine gesunde Politik zu befolgen, wenn er die reformirte Verfassung von 1848 um- zumodeln und ihr Grundsätze deS RepublicaniSmuS und der unvergohrenen Demokratie einzupflanzen wünscht — Grundsätze, die mit unsern Nationalgefetzen und Institutionen sowohl als mit den Sitten, Gewohnheiien und dem Geiste deS Volkes im Widerspruch stehen — würde er weiser gehandelt und seinem Vaterlande einen wesentlicheren Dienst erzeugt haben, wenn er, nach seiner Befreiung auS
•) Hub doch hatte der ungarische Reichstag sowohl als der ungarische Ministerrath Görgey zur Unterhandlung mit Rußland bevollmächtigt!
der türkischen StaatSgefangenschaft, vor der Welt in dem einfachen Charakter eines Privatmanns er, schienen wäre. Die hervorragende Rolle, die er in Ungarn gespielt und sein nachheriges Unglück würden ihm vielfache Achtung gesichert haben, während die Bescheidenheit seines Benehmens die Erinnerung seiner Irrthümer und Fehler, wodurch er all daS viele Elend über Ungarn gebracht, im Gedächtniß der Nation auSgelöscht hätte, so daß man ihm unter den Gefährten seiner Verbannung gern von Höflich- keitSwegen den Vorrang eingerâuml und in der Art mit Rath und That unterstütz! hätte, daß er später (?) durch eine gesunde und gemäßigte Poli, iik die dem Lande seiner Geburt zugesüglen Unbilden wieder hätte guimachcn können. Statt d.ssen hat er sich zum Diktator seiner LandSIeule aufgeworfen. Daher ist eS die heilige Pflicht derjenigen die, wiewohl weit entfernt feine Thätigkeit fesseln zu wollen, feine Ansprüche einzurâumen nicht geneigt find, öffentlich gegen sein Verfahren zu pro- testiren. Namentlich will ich bemerken, daß sein Anspruch noch immer alS Gouverneur betrachtet zu werden, um so unverschämter (the more barefaced) ist angesichts der Umstände die seine Abdankung begleiteten. Diese Umstände sind folgende: Erwürbe von Görgey und drei Mitgliedern deS Ministeriums ausgefordert zurückzutreten. Er willfahrte sogleich, und dankte bie Statthalterschaft ab ohne ben StaatS- rath zusammenzurufen, den er bei jedem wichtigen Anlaß zu berathen durch daS Gesetz verbunden war. Er trat zurück ohne sein Vorhaben ben drei andern Ministern (worunter ich war) mitzutheilen, welche folglich gar nichts von dem Schritte wußten. Er übergab seine Autorität nicht in die Hände der Minister, wie eS unter solchen Umständen seine Pflicht war, sondern in die Hände Görgey's. Er bekleidete Gör- gey sogar mit einer Gewalt und Autorität, womit er selbst nicht betraut worden, d. h. mit der Dic- tatnr. Er übertrug eine Gewalt, die er selbst bloß persönlich und, durch ein unmittelbares Mandat deS Reichstags, provisorisch besessen. Er dankte ab im Namen deS Ministeriums, waS er zu thun durchaus kein Recht hatte. Wiewohl man mit Sicherheit behaupten kann, daß er bei seinem Rücktritt in einem Zustande moralischen und phy- fiichen Zwangs war, so muß man sich doch erinnern, daß er diesen Act später, wo er frei von aller Nöthigung war, freiwillig bestätigte und zur Wiederannahme seiner aufgegebenen Gewalt nicht mehr bewogen werden konnte, weder in LugoS, in der Mitte von General BemS Armee, noch hernach zu Mehadia, wo Bem ihn dringend ersuchte , eS zu thun, und die letzte Chance deS Erfolgs zu versuchen , worauf er schriftlich mit Nein antwortete. Durch diese Handlungsart gab er Ungarn seinem Schicksale preis und setzte alle Theilnehmer deS Kriegs der Rache des Siegers auS. Er bestätigte seine erklärte Absicht ins Privatleben zurückzutreten dadurch, daß er die Gränze überschritt und daS türkische Gebiet betrat, ehe ihm die Capitulation von VilagoS möglicherweise noch bekannt fein konnte, und während eS noch Festungen und Armeen in Ungarn gab, mit denen die Nationalsache hätte aufrecht erhalten werden können. Zu Wibdin erklärte er nochmals öffentlich seinen Entschluße, sich inS Privatleben zurückzuziehen — ein Entschluß, nach dem er kurze Zeit handelte. Ich überlass' eS dem Publicum, inwiefern diese Thatsachen vereinbar sind mit KossuthS gegenwärtigen Ansprüchen. Graf Casimir Batthyany". — So urtheilt ein Hanptcheilnehmer an der ungarischen Revolution über deren Führer!
Deutschland.
Stuttgart, 7. Jan. In den letzten Tagen hat der Abg. Dr. Reyscher einen Ruf alS Professor an die juridische Facultât in Kiel von der holstei, Nischen Oderbehörde erhalten, denselben aber nicht angenommen.
Leipzig, 5. Jan. Die ^Sachsen-Z." schleudert jetzt der Eommunalgarve^ den Staotverorvneten