Einzelbild herunterladen
 

Mssduischc Allgcmeim Bettung

JI2 303, Donnerstag den 2S December L8SL

Wegen des Weihnachtsfestes erscheint morgen keine Zeitung/ am zweiten Feiertage aber eine Beilage/ welche um 11 Uhr Vormittags abgeholt werden kann.

Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntag«. Der vierteljährige PrüyumecationsvreiS für Wiesbaden und, nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages nur S fl., mit dem Bringerlohn nur Ä fl. fr., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereiuS, wie für das Ausland nur 8 fl $4 kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch elleuberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

W Bestellungen auf die Nass. Allgem. Zeitung für das erste Quartal 1852 wolle man baldigst machen.

Uebersicht.

Die Weltmacht der Geldwirthschaft und das con» stitutionelle Staatsbürgerthum.

Deutschland. Wiesbaden (Geburtsfest Ihrer Hoh. der Frau Herzogin). AuS einem nass. Landstädt­chen (Der Gewerbestand). Aus dem Amte Diez (Mißbrauch der Presse). Frankfurt (DaS Brief­markeninstitut. v. Bothmer). Karlsruhe (Steuer­erhebungsbeschluß. Landescreditanstalt). Gotha (Ver­legung der Residenz). München (Vorsichtsmaßregeln). Berlin (Die Bundesverhandlungen. Die Wiener Zoll- conferenz). Hamburg (Die JnsurrectionSplane). Kiel (Die BundeStruppen). Wien (Die Bankdirectoren. Graf Chambord. Graf Stürmer).

Frankreich. Paris (Die Abstimmung. Details über die Decembertage. Mad. DoSne. Heirathsproject. Cavaignac. Vermischtes).

Spanien. Mad rid (Der Kaiser von Marocco. Amnestie. Gährung).

Italien. Mailand (Verurtheilungen).

Neueste Nachrichten.

Die Weltmacht der Geldwirthschaft und daS conEitutionelle Staats- Bürgerthum.

II Vom Rhein, Mitte December. Man hat in neuester Zeit viel von der ständischen Gliederung deS Volkes, von der historischen Gesellschaft im Gegensatze zur modernen nivellirten, allgemein staats­bürgerlichen gesprochen. ES ist gut, daß man wie» der Sinn bekommt für diese Gliederung deö Vol­kes und die eigenthümliche Aufgabe eines jeden Standes, sowie für das Zustândllche in den Mas­sen, welches bisher unseren Blicken zu sehr ent­gangen ist. Man vergesse aber bei diesem liebe­vollen Versenken in historisch gegebene Zustände nicht die große weltbewegende gesellschaftliche Macht der Neuzeit, den großen Handel, die zersetzende Kraft, die gegenwärtig der über den ganzen Erdball ausgedehnte Verkehr, die koSmopolische Conföde­ration der producirenben Mächte auf die alten, in nationaler Abgeschlossenheit noch verharrenden In­stitutionen ausüben muß. Die ArbeitStheilung in der ganzen Welt ist eine andere geworden und trägt ihre neue Gliederung auf den Eisenschienen auch auf daS Land selbst zu den Bauern. Frühere Zu­stände deS Bauernstandes, der gewerblichen Zünfte und der bevorrechteten Stellung des Adels, wenn sie daS dichterische Gemüth auch noch so sehr an­sprechen, können nicht wieder zurückgeführt werden. Die Zeit ist eine andere geworden. Jetzt gilt eS einzig und allein, die Gesellschaft mit staatsmänni­scher Hand selbstbewußt in dasselbe Gleichgewicht von Ackerbau, Industrie und Handel zu bringen, in welchem sie sich bis dahin mehr oder weniger unbewußt von selbst aufgebaut hat.

Ueber die naturwüchsige Gliederung deS Volks­lebens erhebt sich immer mehr die heutige Gleich­mäßigkeit deS Lebens. Im Allgemeinen herrscht bereits überall Hand in Hand mit der nothgebrun- genen Geldwirthschaft unserer Zeit daS gleiche StaatSbürgerihum von der Ständemitgliedschaft. DaS unaufhaltsame Verschwinden der früheren nai­ven Zustände in Stadt und Land hat allerdings, wer wollte eS lâugnen? seine schmerzlichen Sei- ten. Und leider ist unsere Generation allzusehr an der Brust der Romantik groß gesäugt. Die Göthe'- sche Behaglichkeit im kleinsten Kreise, die wir in der ruhelosen Gegenwart so leicht vermissen, wird nur zu oft in der Vergangenheit gesucht, sobald die ZukunftSideale den immer stiller werdenden Lauf deS Daseins verlassen haben. Tauschen wir unS aber nicht absichtlich selbst l Der Dichter mag so

träumen; allein der staatsmännisch strebende Kopf hat nicht Zeit über Ruinen zu phantasiren. In die Unmittelbarkeit, wie sie noch auS früheren Jahrhunderten zu uns herüberragt, bringt daS Selbstbewußtsein der Bildung hinein, ein Prozeß, der zwar bis zur Klärung unerquicklich fein mag, jedoch sicher einen bedeutenden Schritt vorwärts in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit bildet.

DaS feudale Prinzip bestand so lange, als die reine Ackerwirthschaft vorherrschte. Die Corpora- tionen deS beweglichen Eigenthums trugen so lange die volle Lebensfähigkeit in sich als dasselbe noch nicht durchgebildet genug war, um sich als etwas Zusammenhängendes im Staate zu begreifen. So­bald aber dieser Zeitpunct eintrat, ward das Für­stenthum zugleich zur Repräsentation der StaatS- einheit über dem allgemeinen StaatSbürgerthume der Menschheit. Glücklich daS Land, in welchem die alimälige Veränderung ohne Unterbrechung vor sich geht, wo z. B. daS Zunftwesen nach und nach in die freie Association übergeht, die Majorate zum Kerne einer neuen Agrarverfassung werden. DaS indessen möge man festhalten, neu sch affen läßt sich der Vergangenheit Wesen nicht mehr. Jene fleischige, derbe organische Bildung im StaatSleben ist vorüber. Was heut zu Tage eingerichtet wird, wächst nicht in den freiergegliederten Umriffen deS Mittelalters, sondern wird nach den scharfen mathe­matischen Linien der modernen Staatseinbeit aus­gebaut. Auch die Agrarverfassung, deren Nothwen­digkeit in Deutschland immer mehr hervortritt, wird dasselbe LooS theilen.

Wie gesagt, die Geldwirthsch^ft ist die Herr- schende Macht im Staate der Gegenwart geworden. Darin findet auch daS Princip der Dreiclassenwahl seine Berechtigung. Wie wir hören, können sich auch konservativ gesinnte Männer in unserm nassaui­schen Binnenlande noch nicht mit dem Dreiclassen- system befreunden. Sie sind eben noch nicht zum Bewußtsein der neuen Weltmacht durchgedrungen. Sie träumen noch uuter epheuumranklen Ruinen. Wir hier am .Rhein, zwischen die Geldmächte Triest'S und Amsterdams, CalcuttaS und Londons gestellt, die wir täglich eine stolze Dampfflotte den Strom hinauf und hinunter brausen sehen und in inniger Beziehung mit dem reichen Niederrhein stehen, begreifen schon die Würde der neuen Weltmacht.

Wenn wir auch selbst an ihren Grundlagen wenig Theil nehmen, wenn auch unser Land Han­del, Industrie und wodurch sonst Geld gewonnen wird, noch wenig ausgebildet hat, so haben wir doch die pädagogische Intention deS neuen Wahl­gesetzes anzuerkennen. DaS Volk wird durch das­selbe mehr auf die Bedeutung deS Geldes aufmerk­sam gemacht werden. Wie in so manchen andern LebenSbeziehungen sind wir auch hierin auf den Vorgang deS übrigen Rheinlandes angewiesen. Wenn ebenfalls in den kleineren Staaten zwei Kam­mern sein sollen, so muß die eine die gesellschaftliche Ständegliederung, die andere daS konstitutionelle StaatSbürgerihum darstellen, wenn man nicht eine Kammer föderativ gestalten will. In wie weit daS ständische Princip in unserer ersten Kammer zur Anerkennung gekommen, wollen wir hier nicht un­tersuchen.

Die zweite Kammer stellt daS constitutionclle moderne StaatSbürgerihum unter dem Einfluß der Geldherrschaft dar und erfüllt so eine mächtige For­derung der Zeit. Wir treten jetzt in eine Zeit, wo die Form der Volksvertretung noch vielen Umwand­lungen entgegen gehen wird; denn die gesellschaft­lichen Zustände sind selbst in der Umwandlung be­griffen. ES wird dies ein interessanter Entwick- lungSproceß sein. Wer ihn verstehen will, muß aber fähig sein, sich in die wirklichen LebenSmâchle des Volkes einleben zu können.

Deutschland.

Wiesbaden, 24. Dec. Zur Feier deS mor­gigen GeburlösesteS Ihrer Hoheit der Frau Herzo­gin wird heute Abend ein großer militärischer Zapfenstreich, begleitet von Fackelträgern zu Pferde, die Straßen der Stadt durchziehen.

§ Aus einem nass. Landstädtchen, Mitte Dec, Mit unserm Gewerbstand ist in den letzten beweg­ten Jahren eine große Veränderung vorgegangen. Derselbe strebt entschieden, sich zu organisiren, sich wieder eine corparative Gestaltung zu geben. In dem Jahre, in welchem am meisten von Freiheit gesprochen wurde, hat er aus allen Kräften. gegen die f. g. Gewerbefreiheit protestirt. Die Gesetz­gebung ist diesem Streben nach Organisation und Selbstverwaltung der eigenen Interessen in dankenS- werlher Weise entgegengekommen und eS hat in der ganzen inneren Haltung deS Handwerkerstandes ein großer Umschwung stattgesunden.

Man hat oft gesagt, daß die schönen Bestre­bungen deS Landgewerbevereins vor dem Jahr 1848 nur auf dem Papiere gestanden, daß die nassaui­sche Bevölkerung für diesen Verein noch nicht reif gewesen. Sicher ist aber, daß er vieles trefflich vorbereitet hat, daß ohne ihn die Ermannung deS Gewerbestandes nicht so schnell und in so gehaltener Weise stattgefunven hätte. Dazu kamen allerdings in manchen Distrikten des Landes die Erinnerun­gen an frühere hohe Blüthe unb Selbstständigkeit deS Gewerbes, die zum Theil erst im letzten Men­schenalter zu Grunde gegangen, so z. B. die Leder- fabrication und Tuchmacherei, welche letztere im Südwesten und Nordosten deS jetzigen HerzoglhumS sehr schwungvoll betrieben wurde. Die Linnenwe- berei theilte daS allgemeine deutsche Schicksal, dem sich nur wenige Gegenden deS GefammtvaterlandeS entzogen haben. Der Gewerbstand vieler unserer jetzigen Städte ist großen Theils erst sehr jungen Ursprungs. Er bildete sich um die bis auf die neuere Zeit noch zahlreicheren Hofhaltungen deS Landes und im festen Menschenalter in den Orten der Amtssitze, in denen die Angestellten und der durch die Behörden herbeigeführte größere Zusam­menfluß von Menschen, einer Anzahl von Hand­werkern Verdienst gewährte. Diese Art seiner Ent­stehung übt aber noch vielfach einen nachtheiligen Einfluß auf seinen Charakter auS. Die Bewohner krüherer Residenzen sind an die bekannten gebrate­nen Tauben gewöhnt. Sie klagen oft mehr über die dahin gesunkene schöne Zeit, statt sich aufzu­raffen und weitere Mäikte zu gewinnen. Ein ähn­liches gilt von dem Gewerbstand, der sich haupt­sächlich um die Behörden gebildet. Da ist Alles noch zu passiv und entblößt von SpeculationSgeist. ES ist nun eine Hauptaufgabe, diesen zum Theil durch Staatsinstitute künstlich gebildeten und ver­anlaßten Gewerbstand zu selbstständigen unter« mhmenden Handwerkern zu erwecken, die auch über ihre vier Pfähle hinauSzuschauen wissen. Unsere zahlreichen Gewerbschulen leisten in dieser Hinsicht gewiß Vorzügliches und eS ist nicht genug anzuer­kennen , mit welcher aufopfernden Thätigkeit viele Dem Gewerbstand fernstehende Männer sich dem Unterricht der Gesellen und Lehrlinge widmen. Verhängnißvoll für manche Landstadt erscheint nur hierbei der Umstand, daß zuweilen die umliegenden Dörfer die Gewerbschule fleißiger besuchen alS dies auS der Stadt selbst geschieht, wo sich zugleich nicht selten eine krähwinkliche Mißgunst gegen daS Land funD thut , indem man dies gern in früherer Weise Niederhalten möchte. Auf diesem Wege wür­den die Städte ihren Beruf schlecht erfüllen. Sie sollten ihre günstigere Verhältnisse besser zu be­nutzen wissen.

5 Aus dem Amte Diez, 20. December. Als Beitrag zu der vor einiger Zeit in den Spalten derNass. Allgem. Zig." au 6 oem EngerSgaue gebrachten Andeutung, daß einzelne Nummern des