Nassauische Allgemeine Zeitung.
J£ 204.
Sonntag den 14. December
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Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationspreiS für Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, der drei Hessen, und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, für die übrigen Ländern dcö fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages 2 fi. IO fr.
Durch den „amtlichen Theil" dieser Zeitung gelangen Kundmachungen der Regierung am frühesten zur Kenntniß des Publikums. Die Assisen und Landtagsverhandlungen werden mit möglichster Schnelligkeit und Ausführlichkeit mitgetheilt. Ueber die Vorfälle und Zustände im Lande sowie von außenher berichten zahlreiche und zuverlässige Correspoudenten, während der für Wiesbaden äußerst günstige Postverkehr eS ermöglicht, die Nachrichten auS Norddeutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien ic. früher, andere gleichzeitig mit den in der Umgegend erscheinenden Blättern zu bringen.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" erfreut sich deßhalb einer bedeutenden, stets zunehmenden Verbreitung und eignet sich dadurch besonders zur Veröffentlichung von Anzeigen aller Art. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet.
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Das außergewöhnliche Interesse, welches die letzten politischen Ereignisse erregen, bestimmt uns, den mit dem 1. Januar 1852 neu eintretenden Abonnenten der ,-Nass. Allg. Ztg." eine besondere Begünstigung zuzugestehen. Denselben werden schon jetzt vom Tage ihrer Beitrittserklärung an bis zum Ende des laufenden Monats Gratisexemplare unseres Blattes zugesendet werden. — Wir ersuchen deßhalb die lobt. Postämter, uns die einlangenden Bestellungen und dabei die Allzahl der neuen Abonnenten baldmöglichst bekannt zu geben.
Uebersicht.
Louis Napoleons.
Deutschland. Vom Westerwald (Mangel an Bewerb' thatigkelt). — Mainz (Thier«). — Frankfurt (B»n- deSbeschluß die Veröffentlichung der Sitzung-Protokolle bete).
— Karlsruhe (Die Ständeversammlung). — Kassel (Henkel. Kellner. Grâfe). — Hannover (Niederlagen de« Ministerium«). — Berlin (Die Wiener HandelScvn- ferenz. Antrag die Presse betr. Vermischtes). — Wien (Stimmung in Bosnien).
Dänemark. Kopenhagen (Ministerwechsel), Frankreich. Paris (Weiterer Verlauf der Ereignisse.
Grundlagen der neuen Verfassung).
Neueste Nachrichten.
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* Louis Napoleon.
DaS kühne Wagniß LouiS Napoleons kann alS gelungen betrachtet werden. Der Aufstand in Paris, dem die Dekrete vom 2. Dec. untz deren Durchführung, wie eö scheint, mehr den Borwand als die Veranlassung, die Berechtigung gaben, ist, obgleich mit beklagenSwerthen Opfern, gedämpft. Die Nachrichten auS den Departements sind bei allen betrübenden Einzelheiten doch nicht so beschaffen, daß eine Wendung der Dinge, wie sie sich jetzt in Paris gestaltet Haden, zu erwarten steht.
Ist mit dieser anscheinenden und einstweiligen Ruhe wirklich einem Bedürfnisse deS Volkes abgeholfen, waren alle diese Maßregeln, die den kurzen und schon beschwichtigten Sturm hervorgerufen haben, nothwendig um Frankreichs Wohlfahrt zu gründen, daS Land einem rastlos thätigen Partei- getriebe zu entreißen, war diese That eine rettende That: dann wird die Geschichte den Namen deS Neffen mit gleicher oder größerer Verehrung als den deS OheimS nennen, dann hat Louis Napoleon sich ein Verdienst um Frankreich erworben, daS der Vorwurf einer unterlaufenen Verfassungs- Verletzung nicht schmälern kann. Es ist nicht zu läugnen, daß die ParleizerNüftung in der Nationalversammlung einen höchst bedauerlichen Grad der Steigerung erreicht hatte, daß der Moment, wo beide Gewalten der Republik, die gesetzgebende und die vollziehende, einen Wechsel zu erfahren hatten, von allen Parteien : den Socialisten, Republicanern, Royalisten aller Principe als Signal zum Kampfe, zu Umtrieben aller Art angesehen und daS Land den fürchterlichsten Erschütterungen preiSgegeben worden wäre. ES galt also, daS Land gefahrlos über diese Klippe hinauSzudringen; daher der auS dem Elyiee hervorgegangene Antrag: die Wahlen zur Nationalverlammlung und die Präsidentenwahl, die beinahe gleichzeitig vorzunehmen waren, auf verschiedene Zeiten festzusetzen.
Indessen drängten die Ereignisse immer weiter vorwärts.
Von der einen Seite die Eifersucht einer Versammlung , welcher di/ Uebergriffe der Erecutivge- walt immer drohender schienen, von der Seite deS Präsidenten die Rastlosigkeit deS Selbsterhaltungstriebes, der dadurch zu den verwegensten Entschlüssen gesteigert wurde, weil er alle: Republica- ner, wie Royalisten, gegen sich und nur die Wahl hatte, den Letzteren zum Werkzeug, zur Förderung ihrer Pläne zu dienen und von ihnen betrogen zu
werden, oder sich mit Aufopferung der eigenen geheimsten LieblingSplâne den Republicanern in die Arme zu werfen. Wären so die Sachen stehen geblieben und hätte eS sich darum gehandelt, die geheimen Wünsche auf Präsidentschaftsverlängerung c urchzusetzen oder gar die Träume von der Kaiser- würde inS Leben zu rufen, dann wäre, ging auch nur ein Menschenleben auS diesem Anlasse verloren , der gewagte Wurf durch nichts zu rechlferti, gen gewesen. So aber kämpfte die Nationalversammlung gegen die Möglichkeit, daß der Präsident etwas unternehmen könne, was das Palladium Der einen Partei, die Republik gefährden oder die nur allzusehr zur Schau getragenen Absichten der anderen, mochten sie sich Legitimisten, Orleanisten oder Fusionisten nennen, kreuzen oder ihre Erfüllung aus Jahre hinauSschieben konnte. Der ge- sktzgebknve Körper wollte sich eine Macht beilegen, die den StaalöorganlSmuS gefährdet, die Armee demoralisirt und Bürger gegen Bürger gestellt hätte. ES wurde der Quâstorenantrag elngebracht, man ging damit um, Den Präsidenten in den Anklagezustand zu versetzen, ihm den Prozeß zu machen. Wäre dieß geschehen, wer hätte in Frankreich regiert? eine zersplitterte Majorität einer zum Convent gewordenen Versammlung, die bald ihre Kämpfe, ihr wechselseitiges Bestreben, einander zu vernichten oder unschädlich zu machen, von der Tribüne auf die Straße und vor und hinter die Bar- ricaden getragen hätte. Dann wäre eine Zeit der Prätorianer gekommen und Changarnier hätte voraussichtlich das gethan oder thun zu müssen ge- glaubt, was nun der Präsident gethan hat. ES galt, eine Zeit der schrecklichsten Verwirrung von Frankreich abzwenden. Daß der Präsident dabei etwas an sich gedacht hat, wird ihm Niemand verdenken. Er hatte die Pflicht, einzuschreiten und, wollte er sich selbst retten, keine andere Wahl. Er — oder sie, darum handelte eS sich. DaS Vorhandensein deS großen ComploicS, welches dem General Changarnier den Degen in die Hand spielen sollte, ist ernsthafter alS man glaubt und durch unzweifelhafte Beweise dargethaii; eben so gewiß ist eS, daß Changarnier und Cavaignac sich schon in daS Fell deS Bären theilten, wobei sich jener mit der warmen Decke begnügte, dieser die Tatzen deS Bären beanspruchte. Der Präsident wird sich in der Alternative gesehen haben, zu vernichten oder vernichtet zu werden. Er hat rasch den flüchtigen Augenblick benützt und er hat wenigstens für Die nächste Zukunft die Partie gewonnen.
Die Chancen waren ihm äußerst günstig, nur die äußere prägnante Veranlassung seines Handelns fehlte, vielleicht trug gerade .daS zum Gelingen seines Planes bei, weil feine Gegner sich sicher glaubten und allzuviel auf die Ruhe und 'Apathie zählten die er zur Schau trug und die seine Feinde bis zur Sorglosigkeit einwiegtr.
Die „Wefer-Ztg." schildert die Lage der Dinge, die Stimmung des Volkes folgendermaßen:
„Zwischen wem war der Kampf? Auf der einen Seite die verbündeten alten und neuen parlamentarischen Coierien, uneinig unter sich in allen Stücken, nicht nur in dem einem Bestreben in hergebrachter Weise daS StaaiSleben Frankreichs im eigenen Interesse, durch die Intriguen der Kammer- kämpfe auSzubeuten. Die Mehrheit dieser Coterien, bestehend auS Anhängern der alten Dynastien und aus Männern der bureaukratifchen Schule, viele
von ihnen reich an Geist, an Talent, an Kenntnissen und Verdiensten, aber fast alle eingerostete Sclaven der Routine, Verehrer des straffen PolizeiregimentS, voll AbfchenS gegen jedwede selbständige Regung der Volkskrâfte, und darum freilich konservativ im negativen Sinne, entschiedene Gegner der Anarchie, aber auch durchaus unfähig zum positiven Schaffen, durchaus ohnmächtig Frankreich aus dem furchtbaren Dilemma zu erretten, in welchem daS geängstete Land der dunkeln Krisis deS Frühjahrs entgegenging, kurz eine Versammlung, die daS Vertrauen der Nation verloren hatte.
Auf der anderen Seite ein einzelner Mann, Träger eines zauberhaften glorreichen Namens, an Talent und Geist vielen seiner Gegner nicht von ferne vergleichbar, aber ihnen unendlich überlegen durch einS: durch festen Glauben an feinen provi- ventiellen Berus und durch den persönlichen Muth, welcher AllcS an Alles fetzt. Vielleicht auch noch durch ein anderes, durch das Bewußtsein, daß er alles zu gewinnen und nichts zu verlieren habe. Frei von der Aengstlichkeit und Pedanterie, die Den in Geschäften ergrauten Staatsmännern anklebt, nicht frei von einer abenteuerlichen Ader, empfänglich für gewisse Lieblingsideen deS großen Haufens, mit einem Hange zum Romantischen und Heroischen, persönlich tapfer, ja verwegen, so mußte er leicht der Redner und Fed rhelben Herr werden in einem Augenblicke, wo alle Welt, biS zum Ueterdruffe gesättigt mit Worten, dürstete und sechste nach einer kühnen, ja wenn auch nach einer tollkühnen That.
Beiden gegenüber die Nation, gleichgiltig an sich gegen den einen wie gegen den andern streitenden Theil, aber tief erschüttert von der vulkanischen Atmosphäre deS über ihr grollenden politischen Kampfes. Die Nation wußte, daß sie mit sehenden Augen einem Abgrund entgegenschritt, wußte, daß in ihrem eigenen Schooße der TerroriSmuS und die Anarchie nur des verhängnißvoUen Augenblicks harre wo beide Nebenbuhler sich bis zum Tode ktschöpft haben und den Staat dem Zufalle preiSgeben würben, und sie sah dem Kriege zwischen Dem Präsidenten und der Nationalversammlung zu mit der Gleichgiltigkeit der Verzweiflung. Sie erwartete weder von jenem noch von dieser mehr einen kühnen rettenden Entschluß, und sie dachte wie Proudbon, welcher auf die Frage, waS er von der Situation Frankreichs denke, antwortete: „Ich denke nnr einS: Gott schütze Frankreich"!"
Die Nation würde wahrscheinlich ebenso theil- nahmSloS zugesehen haben, wenn der Quästor Baze daS Elysee mit Soldaten umzingelt und den Präsidenten nach VineenneS geführt hätte, wie sie jetzt gleichgilttg die Nationalversammlung fallen sah. Deßhalb kam in dieser Fehde alles daraus an, der Angreifer zu sein. Die Armee schlägt sich in Frankreich für jede Regierung, welche die Nationalgarde nicht gegen sich hat, und die Nationalgarde ist diesmal nicht in die Straße herabgestiegen. Die Armee würde sich auch für General Changarnier geschlagen haben, wenn die Nationalversammlung die Zeit gehabt hätte, ihn zum Dictator rinzusetzen.
Bei der sogestalteten Lage der Dinge war alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß im ersten Augenblicke die Mchrheit der Nation ein Gefühl deS AusaihmenS nach langer Beklemmung empfinden, und daß sie dem Staatsstreiche applaudiren würde. So athmet man auf, wenn nach langer banger Gewitterschwüle der erste Blitzstrahl durch die tödtliche Finsterniß