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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^L 287» Samstag den 6 December 185b

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumecationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder de^en Raum mit 3 fr» berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Amtlicher Theil.

Dienstnachrichten.

Nichtamtlicher Theil.

Die Ereignisse zu Paris.

Deutschland. Vom Lande (Die GeNchtSvollzieher). VonderElb (Braunstein). Frankfurt (Die Börse).

Heidelberg (Abmarsch der Garnison). Stutt­gart (Die Pariser Ereignisse).Hannover (Eröffnung der Kammer). Bonn (Ihre königl. Hoheit die Frau Herzogin von Nassau). Berlin (v. Klenze. Die Zoll­frage. Verlegung der Residenz).

Dänemark. Kopenhagen (Verhandlungen der Thinge.

Das Ministerium. Die österreichischen Truppen).

Frankreich. Paris (Das Wahlresultat. Gendarmerie- Abtheilung für Nukabiva).^

Italien. Turin (Abercromby. Brofferio's Interpellation. Vermischtes). Rom (Der bayrische Gesandte. Mezzo- fantiS Bibliothek. Finanzopperation).

Neueste Nachrichten.

Amtlicher Theil.

Decan EndreS zu Montabaur ist von der Schulinspection über die Elementarschulen zu Mon­tabaur und an den zu dem dastgen Kirchspiel ge­hörenden Orten entbunden und dieselbe dem Semi- narvirector Professor Bellinger daselbst über­tragen worden.

Nichtamtlicher Theil.

Die Ereignisse in Paris.

DaS bedeutungsvolle Ereigniß, das nicht nur Frankreich, sondern auch ganz Europa wieder in Bewegung setzt, kam ganz unerwartet.

Die Wahl Devinck'S, der mit 52,000 Stimmen gewählt worden ist, hat diese Ereignisse beschleunigt. In dem heute NachtS stattgefundenen Mimsterraihe wurde den erstaunten Ministern, welche mit Aus­nahme Casablanca'S und St. Arnaud'S, nichts von den geeinten Plänen wußten, die bevorstehende AuSeinandersprengung der Nationalversammlung bekannt gemacht. Der ganze Plan war sehr geheim gehalten worden. Selbst die intimsten Anhänger deS Elysee wußten nicht, wann der Schlag gewagt werden würde. Man wußte wohl um den Plan, um den Bestand der Proklamationen, aber außer LouiS Bonaparte und zwei oder drei Personen war Allen der Augenblick unbekannt. Thorigny, Durufle-Lefebvre und Daviei reichten sofort ihre Entlassung ein, da ste keinen Antheil an dem Wag- stück deS Präsidenten der Republik nehmen wollten. Der Polizeiprâfect de MaupaS ist mit im Einver- stänvNlß gewesen. Er hatte schon gestern Abends alle Befehle ausgefertigt, und heute Morgens nah­men die seit gestern AdendS consignirten Munici- palgardisten Besitz von den Buchbruckereien. Die Befehle, die Thorigny am letzten Samstage an die Prâfeclen wegen Bereithallung der Truppen gege­ben, bestehen. Hr. de MaupaS hatte nämlich Tho­rigny einen langen Bericht über eine angebliche socialistische Bewegung eingesandt. Die Truppen wurden jedoch nur für den Staatsstreich in Bereit­schaft gehalten. Girardin hat mit L. Bonaparte in der letzten Zeit häufige Konferenzen gehabt.

Gestern Abend war wie gewöhnlich Empfang im Elysee; die Salons waren gedrängt voll, eine Menge der schönsten Damen waren anwesend und der Präsident li-benSwürbiger als je; kein Wort, keine Silbe verrieth , welches Stück Geschichte we­nige Stunden später gespielt werden sollte. Gegen 10V, Uhr zog sich Louis Napoleon zurück und man wußte bald in den SalonS> daß ein Minifterrath statlfand, baß der Polizei.Präfect und eine Menge Generale anwesend seien. Weiteres ahnte man nicht einmal. Um 11 Uhr verließen die Gaste daS Elysee und fanden im Hose eine Menge Ordonnanzen, die im selben Augenblicke nach allen Richtungen davon sprengten. Dieselben überbrachten die Proclama- uonen, nach der StaatSdruckerci, die Befehle zum

AuSrücken an die Generale. Um Mitternacht be­gann die »rettende That".

Die zwei Bataillons der mobilen GenSd'ar« merie und ein Bataillon rückten nach der National- Versammlung, ihnen voraus ein höherer Polizei- Beamter, gefolgt von einer Menge Agenten. Alle Theile der Nationalversammlung wurden besetzt, daS Archiv mit sämmtlichen Papieren fortgebracht, alle Thüren der Bureaux u. s. w. versiegelt. Herr Dupin im anstoßenden Paläste wurde höflich unter­richtet von dem, was vorging, aber Hr. Baze, Ge­neral Leflo und Hr. v. Pannat wurden mit etwas derberen Formen in Kenntniß gesetzt, daß ihr Reich zu Ende sei: einevoiture bourgeoise erwartete die Herren und fort ging'S in sausendem Galopp nach VincenneS. Um 4 Uhr drangen Truppen und Polizei in die Wohnung des Generals Chan- garnier. Lamoriciere und ThierS wurden dort ge­troffen. Man kann denken, wie die drei Herren diese ungebetene Visite empfingen. DaS Gerücht, daß die beiden Generale sich blutig vertheidigt, daß Charas zwei Soldaten bei seiner Verhaftung ge- ködtet und Bcdeau sich nur an Händen und Füßen gebunden habe fortschleppen lassen, soll unwahr sein; dagegen ist eS sicher, daß Changarnier umsonst ver­suchte, die Truppen zu seinen Gunsten zn haran- guiren. UebrigenS der Wahrheit die Ehre. Der kleine Thiers soll sich in dieser kritischen Lage sehr entschlossen und muthig benommen haben. Also auch ThierS, Changarnier, Lamoriciere, Cavaignac, CbarraS, General Bedeau, Chambolle, Roger du Nord, Miot, Nadaud, Valentin, Greppo, Beaune, Lagrange, Cremieur, alle diese Koryphäen der Par­teien und Colerieen sind in VincenneS. (Nach an­deren Nachrichten in Ham.)

Um 8 Uhr Morgens versammelten sich mehrere Deputirte bei O. Barrot, der sie jedoch ersuchte, sich lieber bei Herrn Daru, einem Viccpräsidenlen, zu versammeln. Hier kam wirklich gegen 10 Uhr eine Versammlung von 200 Volksvertretern zu Stande, welche im Namen der Nationalversammlung den Präsidenten der Republik seiner Würde entsetz, ten, alle Behörden und die Armee ihrer Pflichten entbanden und den hohen NationalgerichtShof ein­beriefen. 600 Mann Truppen zerstreuten jedoch auch bald diese Versammlung. Herr O. Barrot verlangte, verhaftet zu werden; der commandirende Offizier der Militârabtheilung verweigerte jedoch diesen Dienst, da er keinen Austrag dazu hatte. Nachmittags wurde daS HauS O. Barrot'S, sowie daS Dupin'S mit TruMn umgeben; letzterer ward schon seit Morgens bewacht. Di^ 60 Verhafteten, unter denen die Generale Changarnier, Cavaignac, Lamoriciere, Bedear, Oberst CharroS, dann die Herren Miot, Beaune, ThierS, Baze sich befinden, wurden zuerst ins Gefängniß Mazas, wo ihnen die Diebe in der Nacht schon den Platz geräumt hat­ten , dann nach Vincennes gebracht. Um 10 Uhr verließ der Präsident daS Elysee, begleitet von einem zahlreichen Generalstabe und einer starken Menge Neugieriger. Die Rufe, die man hörte, wa­ren :Es lebe Napoleon, eS lebe die Republik, eS lebe die Constitution!" Es hieß, er werde noch heute oder morgen die FanbourgS besuchen. Die Nationalversammlung hatte in der letzten Zeit alle Achtung und Sympathieen verloren; die Wendung der Dinge hat also noch keinen entscheidenden Ein­druck hervorgebracht ; so viel ist gewiß, daß die Ar­mee bereit ist, jeden Aufstand zu bekämpfen.

Nachdem die Versammlung bei Hrn. Daru ge­sprengt war, versammelten sich auf der Mairie deS 16. Stadlvierteis unter dem Vorsitze deS Hrn. Be­noist d'Azy mehrere andere Mitglieder der Bureaux; Bitet, Pannat, Chapot waren zugegen. Die Ver, fammlung zählte gegen 200 Mitglieder; man faßte die Ihnen schon gemeldete Protestation ab und 180 Mitglieder unterzeichneten dieselbe. Die Bersamm lung ernannte hierauf Marschall Oudinot zum Be­fehlshaber der Truppen; derselbe nahm die Mission an. Die Versammlung war ungefähr eine Stunde beisammen, als der Minister des Jnneru Befehl er- theilte , sie zu sprengen. Der Officier wollte sie auseinander treiben, allein sie verlangten, verhaftet zu werden, und da sie nicht gehen wollten, wuroen 152 von ihnen wirklich verhaftet und zu Fuße, Broglie, O. Barrot, Benoist d'Azy an ihrer Spitze, nach der Cavallerie-Caserne deS Quay d'Orsay ge« I geführt. Berryer hatte sich kurz vor Ankunft der

Truppen entfernt. Victor Lefranc, welcher später mit den Insignien der Volksvertretung erschienen war, wurde ebenfalls verhaftet. Die fünf, Mitglie­der deS hohen NalionalgerichtShofeS werden ut ihren Wohnungen überwacht; auch die übrigen Mitglieder deS CassationShofeS werden beaufsichtigt. Bis jetzt wurde die materielle Ordnung nicht gestört; allein gegen Abend ist auf den Boulevards und den Quai'S daS Gedränge ungemein groß -und die Cir- cuialion gestört; die Truppen werden überall mit dem Ruf: ES lebe die Republik" ! empfangen. Die MontagnardS organiRren für morgen einen Auf­stand ; die Regierung ist jedoch vollkommen in der Verfassung, denselben schnell zu unterdrücken. Die Stimmung ist hier keineswegs dem Ereigniß seh» günstig, allein eS herrscht in den oberen und mitt­leren, und theilweise selbst in den unteren Classen eine so große Gleichgültigkeit, daß ich keineswegs an dem Gelingen des elyseeifchen Planes zweifle.

Die Reste der Linken und Rechten haben sich bereits möglichst versammelt, wie eS heißt, bei Herrn Dupin, der in der Rue du Bae ein Privat« Hotel hat. Ein Decret, welches den Präsidenten in Anklagezustand versetzt, soll bereits redigirt und auch von Montalembert gezeichnet sein; man soll aber umsonst einen Drucker suchen, denn alle Drucke­reien sind militärisch besetzt. Eine wichtige Nachricht iR die, daß die fünf Mitglieder deS hohen Gerichts­hofes, welche nach derConstitution" immer per­manent sind, sich versammelt und beschlossen haben, den Gerichtshof sofort zusammen zu berufen, um L. Napoleon zu richten. Roger soll aufgefordert sein, daS Amt als Procureur general dabei zu ver­sehen. In den Bureau deSSiecle" sind in diese« Augenblicke einige 40 Journalisten rc. versammelt, um eine Protestation zu redigiren. Dieselbe wird aber wohl nicht erscheinen; denn obgleich derSiecle" nicht suSpendirt ist, so hat man ihm doch angezeigt, daß solches bei einer feindlichen Haltung sofort ge schehen würde. L'Avenement ",Le Message", L'Opinion Publique ", L'Ordre ", La Repu- blique",La Revolution" rc. sind suSpendirt, die Pressen versiegelt. In der Druckerei derPresse" campirl ein Piquet Munwipalgarde, um den Druck deSAvenement" zu verhindern; dennLa Presse" darf erscheinen, und von ihrer MittagS-AuSgabe waren bis eben 24,000 Exemplare verkauft. Girar- bin ist in diesem Augenblicke im Elysee. Wie ver­lautet, haben eine Menge Mitglieder deS Appell­und CassationShofeS ihren Abschied eingereicht.

So eben rücken die herrlichen Cuirassier-Regi- meuter, die in St. Germain und Versailles liegen, in Paris ein; der Präsident empfing sie in den elyseeischen Felkern; die Reiter schwenkten die Säbel und riefen enthusiastisch:Vive Napole'on ! Die Menge Volkes, die in der Nähe des Elysee und bei der Nationalversammlung steht, rief beim Er­scheinen deS Präsidenten, der dreimal die Truppen inspicirte:Vive Napoleon! Vive lEmpereur I Auf den Boulevards stehen dieRothen", stehen die FaubourgS; jedes Regiment, jeder General, jeder Ordonnanz-Offizier wird mit dem wüthenden Geschrei:Vive la Re'publique! auchVive la Constitution 1 begrüßt. An der Porte St. Martin sind die bedeutendsten Aufläufe; im Ganzen haben schon über 200 Verhaftungen Statt gefunden. Ein« wirkliche Ruhestörung ist nicht vorgekommen.

Der provisorische Saal, der sog. Salle de Carton, in welchem die Sitzungen der gesetzgeben­den Versammlung gehalten wurden, besteht nicht mehr. Heute (am 2. Dec.) morgens begab sich ein FriedenSosfizier mit Handwerkern dahin, um die Demolirung desselben vorzunehmen.

Die Abg. Beaumont, Ferdinand Barrot, Lu­cian Murat, General Vast-Vimeur, Anton und Peter Bonaparte, General Hautpoul, Berger, Obrist Laborde, von der MoSkowa, Baraguay d'HiüierS, Fould, Berard, Baisse, Leverrier, Adatucci Vater und Sohnu. a.m. haben ihre Zustimmung erklärt.

Die Proclamation des Präsidenten LouiS Na­poleon an daS französische Volk lautet:

Im Namen deS französischen Volkes verordnet der Präsident:

Art. I. Die Nationalversammlung ist auf* gelöst.

Art. II. DaS allgemeine Stimmrecht ist wie­der hergestellt , daS Wahlgesetz vom 31. Mai ist aufgehoben.