RaffauW Allgcmeinc Zeitung.
L8L> Mittwoch den 3. December 18SL
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrânumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des ürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. iO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile 'oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man n Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Eröffnungs - Rede.
Deutschland. Wiesbaden (Asfisen). — Mo ntabaur
(DaS Seminar). — Frankfurt (Gen. v. Xylander). — Darmstadt (Das Gemeinderathsgesetz). — Heidelberg (Vangerow). — Lörrach (Verbot). — München (Verlängerung). — Fürth (Die Deutschkatholiken). — Aus dem Fürsten thu m SonderShausen (v. Chop)
— Köln (Conflict). — Berlin (Die Kammer. Der diplomatische Verkehr mit Würtemberg. Vermischtes). — Posen (Die russische Armee). — Wien (Der Erlaß gegen die Deutschkatholiken. Der Großherzog von Toscana. Die [• Valuta. Erzherzog Rainer).
Dänemark. Kopenhagen (Verhandlungen der beiden Thinge. Gräfin Danner).
Frankreich. Paris (Die Wahl. Narvaez. Verlegenheit der portugiefischen Regierung).
Neueste Nachrichten.
Die Eröffnungs-Rede.
Die Rede, welche der Ministerpräsident von M a n t e n f fe l bei Eröffnung der preußischen Kam, mern hielt, lautet:
„Meine Herren Abgeordneten der ersten und zweiten Kammer! Se. Maj. der König, unser Aller- gnädigster Herr, sind durch die Erfüllung einer Allerhöchstdemselben so schmerzlichen, wie theuren Pflicht verhindert, Sie heute, bei dem Beginn Ihrer wichtigen Arbeiten, willkommen zu heißen. Wie des dahin geschiedenen Königs von Hannover Majestät zu dem Leichenbegângniß Unseres hochseligen Königs Friedrich Wilhelm Hi. hieher nach Berlin gekommen waren, haben auch Se. Maj. unser Allergnädigster Herr nicht unterlassen wollen, durch Allerhöchstihr persönliches Erscheinen bei dem Be- gräbniß eines erlauchten Bundesgenossen und langjährigen Freundes ein öffentliches Zeugniß von der aufrichtigen Verehrung der hohen Tugenden dieses Monarchen, und von der Theilnahme zu geben, welche Se. Maj. dem schmerzlichen Verlust widmen, der in gleichem Maß daS hannoverische Königshaus und Land getroffen hat. Se. Maj. haben mich daher durch eine Allerhöchste Ermächtigung vom 24. Nov. d. I. beauftragt, in Allerhöchstihrem Namen die Sitzung der Kammern zu eröffnen, und Ihnen zugleich einige auf die Thätigkeit der Regi«, rung Sr. Maj. und auf die Ihnen zunächst zugehenden Vorlagen bezügliche Mittheilungen zu machen.
Die früher von der Regierung Sr. Maj. erlassenen Verordnungen, die noch nicht Ihrer Prüfung unterbreitet waren, werden Ihnen sogleich wieder vorgelegt werden. Die gewissenhafte Anwendung der durch die bestehenden Gesetze geböte, nen Mittel und der in allen Schichten der Bevölkerung erstarkende Sinn für Ordnung und Gesetz- lichkeit hat die Regierung Sr. Maj. in der seit dem Schluß Ihrer letzten Sitzung verflossenen Zeit der Pflicht überhoben von der Befugniß zu solchen Verordnungen Gebrauch zu machen, oder Ausnahmezustände eintreten zu lassen. Der StaatS- hauShaltSetat für 1852, der Ihrer verfassungsmäßigen Beschlußnahme baldigst unterbreitet werden wird, weist für die Armee eine unumgänglich gebotene Mehrausgabe nach. Indem sich die Regierung Sr. Maj. weitere Erläuterungen hierüber vorbehält, gereicht es ihr zur Genugthuung schon jetzt erklären zu können, daß die wachsenden Einnahmen zu dieser Mehrausgabe hinreichende Mittel bieten, und daß die finanzielle Lage des Staats überhaupt eine befriedigende ist. Die großartige Ausstellung der Gewerbserzeugnisse aller Völker in London, zu welcher die Regierung Sr. Maj. bereitwillig mitwirkte, hat von dem hohen Grad der Entwickelung , welchen bei uns die Landwirthschaft, die Gewerbe und der Kunstfleiß in verschiedenen Richtungen erreicht haben, von neuem ein erfreuliches Zeugniß gegeben.
Zwischen der Regierung Sr. Majestät und den Regierungen der übrigen zum Zollverein gehörigen Staaten sind Abänderungen des gemeinschaftlichen Zolltarifs vereinbart worden, welche hauptsächlich die Zollbefreiung ausländischer Fabrikmaterialien und die Erleichterung deS Durchfuhrhandels zum Zweck haben. Zu gleicher Zeit ist mit den Re
gierungen von Bayern, Baden, Großherzogihum Hessen und Nassau eine Uebereinkunft wegen gegenseitiger Ermäßigung der Rheinzölle abgeschlossen. In der sichern Erwartung Ihrer nachträglichen Zustimmung hat die Regierung Sr. Majestät beide Vereinbarungen zur Ausführung gebracht. Wie diese Maßregeln, so wird auch der Vertrag, welchen die Regierung Sr. Majestät mit dem Königreich Sardinien geschlossen Hal, einen wohlthätigen Einfluß üben, während der am 7. Sept. d. J. mit dem Königreich Hannover abgeschlossene Vertrag der Entwicklung deS ganzen Zollvereins eine neue für alle Zweige der Production und deS Handels hoffnungsreiche Zukunft eröffnet. Zur wahren Genugthuung gereicht es hierbei, daß die gewichtigsten Stimmen im Norden wie im Süden Deutschlands die Bedeutung eines Schritts, den Preußen im wohlverstandenen Interesse aller Betheiligten gethan, richtig erkannt haben, und es ist nicht zu bezweifeln, daß die nahe bevorstehenden Verhandlungen über die Neugestaltung deS Zollvereins zu einem allseitig befriedigenden Ergebniß, und somit dem Ziele einer Zolleinigung aller deutschen Staaten näher führen werden. Ueber alle diese Angelegenheiten werden Ihnen zu Ihrer verfassungsmäßigen Beschlußnahme ungesäumt Vorlagen gemacht werden.
Die Einberusung der früheren Provinzialland- tage, als interimistische Provinzialvertretungen zur Wahl der durch daS Gesetz über eine classificirte Einkommensteuer nothwendig gewordenen BezirkS- commissionen, und zur Wahrnehmung ihrer com» munalständischen Verpflichtungen, hat der Regierung Sr. Majestät zugleich Gelegenheit geboten, über die gegen die Einführung der Gemeinde-Ordnung erhobenen gewichtigen BebenkeP das Gutachten von Versammlungen einzuhvien, die vorzugsweise befähigt sein mußten, über die hiebei in Betracht kommenden praktischen Verhältnisse zu urtheilen. Ein reiches Material ist, als das Ergebniß jener Berathungen, bei den Gesetzesvorlagen, die Ihnen über diesen Gegenstand zugehen werden, sorgfältig benützt worden.
In einigen Theilen der Monarchie ist leider ein ungünstiger Ausfall der Ernte zu beklagen gewesen, und eine hierauf gegründete Besorgniß hat sich auch in verschiedenen Anträgen an die Regierung Sr. Majestät ausgesprochen. Diese hat aber jeden Eingriff in den freien Verkehr und in die Rechte deS Eigenthums als einen Weg vermeiden zu müssen geglaubt, der das Uebel verschlimmert, statt eS zu mildern, und gibt sich auch jetzt noch der Hoffnung hin, daß die Freiheit des Verkehrs einerseits und die vernünftige Wirthschaftlichkeit eines intelligenten Volkes andererseits ihre Hülfe ganz entbehrlich machen werden. Ueber mehrere andere Vorlagen behält sich die Regierung Sr. Majestät vor, bei ihrer Einbringung nähere Mittheilung zu machen.
Meine Herren! Se. Maj. der König, unser allergnädigster Herr, haben mir noch den besondern Auftrag ertheilt unter dem Ausdruck allerhöchstihreS Bedauerns Sie heute nicht persönlich begrüßen zu können, Ihnen die zuversichtliche Erwartung Sr. Majestät auszusprechen, daß Sie auch dieseömal in Eintracht und Treue an dem Wohl des Landes bauen und zur Erfüllung derjenigen Bedingungen beitragen werden, unter denen allein eine gedeihliche, kräftige und selbstständige Entwickelung Preußens möglich ist. Und hiermit erkläre ich denn kraft deS mir allerhöchst ertheilten Auftrages die Sitzung der Kammern für eröffnet".
Deutschland.
* Wiesbaden, 1 Dezbr. (Assisenverhandlung gegen Schlosser Krämer von Wiesbaden wegen Schriftfälschung.) Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu einer CorrectionShauSstrafe von zwei Monaten verurteilt.
Die auf heute anberaumte Verhandlung gegen Joseph Rühl aus Camberg wegen Herabwürdigung der katholischen Religion ist ausgefallen, indem die dieSfâllige Untersuchung niedergeschlagen worden ist.
△ Montabaur, 26. Nov. Ihre Zeitung vom 24. d. M. brachte einen Artikel vom Gelbach über daS hiesige Schullehrerseminar. Dieser Artikel
spricht von gar Vielerlei — von Berg und Thal, von Kirche und Kapelle, von Wallfahrt und Stationen; allein der Hauplkern desselben liegt doch offenbar im letzten Satze: Dem Herrn Correspon- denten ist gar bange, die Seminarzö^linge möchten allzusehr zu Kirchendienern erzogen werdeu. Da wir nun dem Seminar doch etwas näher wohnen, als der Herr Correspondent, wenn er von dem Gelbach ist, so wollen wir einmal sehen, wie die Sache wirklich ist utfd ob die katholischen Bäume schon drohen, in den Himmel zu wachsen. Die Zöglinge deS hiesigen Seminars gehen jeden Morgen, bevor der Unterricht beginnt, also um 7 Uhr zur Kirche. Diese dauert 20 — 30 Minuten, und daS ist die Zeit des Tages, in der sie zu Kirchendienern erzogen werden. Die übrige Zeit verwendet die Anstalt, ihre Zöglinge zu Schuldienern, freilich nicht zu Schul Herrn zu erziehen. Ist hier ein Mißverständniß? Daß die Zöglinge des hiesigen Seminars nicht zu sehr zu Kirchendienern erzogen werden dürften, dafür bürgt die Art und Weife, wie nach Ansicht deS bischöflichen CommissariuS der Religionsunterricht zu ertheilen seidafür bürgt der ganze Seminarlehrplan, dafür bürgen, so viel wir jetzt schon beurtheilen können, die Persönlichkeiten der einzelnen Lehrer deS SeminarS; ihr Grundsatz kann wohl kein anderer sein, als der, den Seminaristen außer einem nur möglichen Maße gründlicher Kenntnisse für ihren künftigen Beruf ein warmes Herz für Religion und Sittlichkeit und alles wahrhaft Gute beizubringen. Unsere Schullehrer sollen nicht bloß lehren; sie sollen mehr sein; sie sollen erziehen und müssen darum nicht allein I ihren Schülern, sie müssen der ganzen Gemeinde als Wuffcr vorseuchren. Wer das nicht kann oder will, der wähle einen anderen Beruf, und hat er den Lehrerberuf schon gewählt, so ist er ein Ehrenmann, wenn er sagt, ich kann nicht mehr. Aber vielleicht urtheilen wir zu einseitig, indem wir auf zu beschränktem Standpunkt stehen.
Der Herr Correspondent verweist auf die nahen Rheinlande. Zufällig wissen wir, in der Nähe woh. nend, die Sache etwas besser, als hier der Herr Correspondent weiß oder wissen will. An den katholischen Schullehrer - Seminarien am Rheine gehen die Zöglinge jeden Morgen zur Kirche und am Sonntagmorgen sogar zweimal; wir sind also noch im Rückstände. Und der Lehrplan an den rheinischen Seminarien? der der nassauischen kann einen Vergleich bestehen. Auch an den rheinischen Gymnasien gingen die Schüler, ich glaube bis 1826 über 28, jeden Tag zur Kirche. Um diese Zeit — die höchste Blüihe deS PolizeistaateS — fand man eS, wie so manches Andere, für gut, die Zöglinge wöchentlich nur 2—3mal zur Kirche zu schicken, wahrscheinlich weil man auch glaubte, die künftigen Staatsdiener würden allzusehr Kirchendiener. WaS hat man damit gewonnen? Wenn eS nicht alle Welt wüßte, könnte man eS hier eines Breitern auseinandersetzen : Man hat gesehen, StaatS- und Schuldiener, die von ihrem Herrn im Himmel nichts wußten ober wissen wollten und darum auch ihren Herrn auf Erden zur Zeit der Noth verließen oder gar verriethen. Ja gewiß, Selbstverleugung und Aufopferungsfähigkeit, Treue und wie die schönen Tugenden eines Dienstmannes alle heißen, sie stammen aus der Religion, die in bcr Kirche gelehrt, bekannt und demnächst im Leben geübt wird. Und ich sollte denken, davor brauchte man doch nicht im Voraus zu verwarnen. Weiß der Herr Correspondent auch, wie viel StaatS- und Schuldiener zu Idstein auf dem „LanbeScongreß" waren?
Frankfurt, 26. Nov. Die A. A. Z. schreibt: ES ist ungewiß, ob der General von Ty lande r in seine frühere Stellung bei der BunveSmili- tärcommission zurückkehrt. Seine Stellung bei der Bundesversammlung galt immer für eine provisorische, wie er denn auch nur Bevollmächtigter, nicht BundeStagSgesandtcr war, während sein Nachfolger gleich in der letzteren Eigenschaft eintritt. ES ist erklärlich, daß einem Soldaten ein diplomatischer Posten nur so lange zusagtn konnte, als die politische Lage gefährlich und sorgenvoll war; er soll daher desselben auch in den ehrendsten Ausdrücken enthoben und zugleich, waS bisher noch nicht der Fall gewesen war, in den vollen Gehalt als Gene« ral eingetreten fein.