Raffamschc Allgemeine Zeitung.
^L 282. Sonntag den 30» November 1851»
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang deâ HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchafi Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des ürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man n Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.'
Concession zur Vermittelung des Transports von Auswanderern.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Kirchliches Leben.
Deutschland. Wiesbaden (Einrichtung von HülfSkassen.
Der Alterthumsverein). — Karlsruhe (Die Rekrutenquote). — Stuttgart (Die Kammer). — München (Antwort auf Kolb's Interpellation. Polizeistunde). — Nürnberg (Sinken der Fruchtpreise). — Gera (Austritt von Abgeordneten). — Aus Thüringen (DieMi- nisterkrisiS). — Go th a (Das Schulhaus für lutherische Mädchen in Jerusalem). — Hannover (Der Ministerwechsel. Gerüchte). — Berlin (Die Veröffentlichung der BundeSprotocolle. v. Plötz. Postporto. Die „Neuen Gespräche". Der König. Der Congreß in Auswanderungs- Angelegenheiten). — Brem en (Dulon. Die deutsche Flotte). — Hamburg (Reibungen. Die Ungarn-Angelegenheit). — Wien (Die neuen Obligationen. Die Mitglieder der Hofkapelle. Fürst Metternich. Vermischtes).
Dänemark. Kopenhagen (DaS Programm).
Frankreich. Paris (Die Rede des Präsidenten. Das Widerstandscomite. Vermischtes).
Großbritannien. London (Koffuth).
America. New-Vork (Koffuth. Oribe. Der Aufstand in Meriko).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
(Concession zur Vermittelung des Transports von Auswanderern.)
Dem Caspar Müller zu Eltville ist als Hauptagenten des HanvlungShauseS Johann CaS, par Godeffroy und Sohn zu Hamburg die Erlaubniß zum gewerbmâßigen Betrieb der Vermittelung des Transportes von Auswanderern auS dem Herzogthum unter den in der Verordnung vom 31. Januar 1849 enthaltenen näheren Bestimmungen ertheilt worden.
Wiesbaden, den 22. November 1851. Herzog!. Nass. Ministerialabtheilung deS Innern. Schepp.
vdt. Grimm.
Dienftnachrichten.
Der AmtS-Accessist Snell zu Königstein ist an daS, Justizamt Idstein versetzt worden.
Der Receptur-Accessist Moureau zu Diez ist nach Hachenburg und der Receptur-Accessist Ullrich von Marienberg nach Oberlahnstein versetzt worden.
Der Candidat der Berg - und Hüttenkunde Ferdinand von Schütz zu Holzhausen aus Cam- berg ist zum Accessisten bei der Gergmeisterei Diez ernannt worden.
Der von Seiten deö Herrn Grafen von Walverdorsf erfolgten Präsentation deS Pfarr- verwalterS Witta per zur Pfarrei Berod ist die landesherrliche höchste Bestätigung ertheilt worden.
Nichtamtlicher Theil.
Kirchliches Leben.
Q Vom Taunus, Ende November. Mit Recht ist durch viele Predigten am diesjährigen Reforma- tionSfeste ein Ton der Klage gegangen über die Gefahren, in denen die protestantische Kirche in diesen Zeiten schwebt. Im Inneren sind viele Elemente deS Widerspruchs und der Auflösung. Von Außen fehlt ihr an entscheidenden Punkten die Anerkennung, deren sie sich früher erfreute. In diesen Bedrängnissen darf sie auf ihre Mutterkirche schauen, von welcher sie hier und da noch lernen darf. Wenn wir von den Höhen deS Taunus hinabschauen in daS weite Rheinihal, sehen wir eine stolze, domarlige Kirche sich in der Hauptstadt un- seres Landes erheben, in welcher vor noch nicht
langer Zeit nur mit Mühe die kleinste Kapelle für die katholischen Christen eingerichtet werden konnte. Eine Kirche im großartigsten und dabei reichsten Styl erhebt sich in der Stadt, in welcher die abgebrannte . protestantische Kirche auch den billigsten Anforderungen nicht entsprach und wo man uns jetzt allzulange mit einem angemessenen Neubau zu zögern scheint. Die Geschichte und zwar die pecuniâre Geschichte der katholischen neuen Kirche ist äußerst interessant und lehrreich. Dieselbe zeugt von großem GlaubenSmuthe und dem festesten Gott- vertrauen der jungen, aber mächtig herangewachse- nen Gemeinde, sowie von dem großen, überall hilfreich gegenwärtigen Organismus der katholischen Kirche und dem brüderlichen Zusammenhalt der katholischen Christenheit. In der protestantischen Welt leistet der Gustav-Adolph-Verein in pecuniârer Hinsicht auch Erfreuliches; aber mit einer kleineren oder größeren Summe, die man ins Allgemeine hingibt, glauben die Meisten die Sache abgemacht. Man lese aber die Berichte über den Bau der katholischen Kirche zu Wiesbaden, um in den meisten Fällen, wo Geld herbeizuschaffen war, die sinnige, aufopferungsvolle Thätigkeit vieler einheimischen und .auswärtigen Freunde und Freundinnen deS KirchènbaueS zu bewundern, sowie zugleich den âcht praktischen Geist, der sich vielfach dabei bethätigte. Besonders interessant und lehrreich ist die Anwendung des VereinSwesenS, um auch einzelne Zwecke zu erreichens einzelne Theile der Kirche ihrer Verwirklichung'entgegenzuführen. Obgleich dem ganzen Geiste deS Protestantismus gemäß und bei feinem Hervorheben der unsichtbaren Kirche auch das äußere Gotteshaus nicht die Bedeutung haben kann, wie in der katholischen Welt, so würde eS der protestantischen Kirche doch gewiß nichts schaden und auch nicht ihrem Princip widerstreiten, wenn sie auf die würdige und schöne Gestaltung ihrer Gotteshäuser etwas mehr Gewicht legte, als dies bisher der Fall war. Auch der Protestant muß wieder mehr Freude an den Hallen empfinden, in denen er seine Andacht verrichten will. Wir haben daher zu unserer großen Genugthuung gehört, daß auf dem Predigerseminar zu Herborn auch die Bedeutung der Kunst für den Cultus umfassender, eindringlicher und wärmer ins Auge gefaßt wird, als dies früher geschah. Ist einmal bei den Dienern der Kirche in dieser Beziehung der rechte Sinn erwacht, so werden unsere Architekten an ihnen eine Anre- regung und Stütze finden, um nun auch von ihrer Seite daS Nöthige zu thun. Freilich haben die Architekten protestantischer Kirchen eine doppelt schwierige und große Aufgabe, weil dem protestanti« fchen Kirchenbau noch gar keine festen, sicheren Bahnen angewiesen sind, ja sogar gegen eine gesunde, lebenskräftige Ausbildung desselben noch mächtige Vorurtheile bestehen; aber um so herrlicher ist der Preis großer architektonischer Thaten, die dem protestantischen Bewußtsein entsprechend, einen demselben angemessenen Kirchenstyl begründen und entwickeln helfen.
Durch den Neubau zu Wiesbaden ist hierzu eine seltene Gelegenheit gegeben. Es kommt darauf an, in dieser Weltstadt eine protestantische Kirche zu erbauen, welche sich neben der katholischen als würdige Schwester darf sehen lassen. So viel wir wissen, ist der Entwurf zu dem neuen Werke würdigen Händen anvertraut. Der dazu auSerwählte Baumeister hat bereits durch andere Gebäude gezeigt, daß er wohl fähig sein wird, die Bedürfnisse des protestantischen Bewußtseins zu befriedigen. ES müssen ihm aber auch die nöthigen Mittel zur Verfügung gestellt, werden und kleinliche Rücksichten dürfen ihn nirgends hemmen. Die protestantische Bevölkerung Wiesbadens kann bei dieser Gelegenheit zeigen, daß auch sie für ihren Glauben eine aufopferungsvolle Thätigkeit zu entwickeln weiß. Ihre katholischen Brüder haben eS ihr zuvorgethan.
Versetzen wir unS auf die nördliche Seite deS Taunus und lassen unfern Blick über daS vielglicd- rige Lahnbecken schweifen, so erhebt sich in dem Mittelpuncte desselben die gewaltigste unv stolzeste Kirche unseres LanveS auf mächtigen Felsen empor, bei welchem daS die katholischen Angelegenheiten deS ganzen Landes überwaltende Domcapitel seinen Sitz genommen. Diese beiden Kirchen sind sehr bedeutungsvoll für fdie Stellung und Entwicklung der katholischen Kirche in unserm Herzogthum. An den
herrlichsten Dom unseres Mittelalters reiht sich auf der andern Seite deS Taunus die glänzendste, Gemüth und Herz fesselnde Kirche unserer Tage. ES ist ein großes, nachhaltiges Wachsthum in dieser katholischen Kirche, welche viele kluge Leute noch vor Kurzem erstorben glaubten, die aber in überraschender Weise neue LebenSsprossen treibt. Eâ ist in dieser Beziehung der protestantischen Kirche an- zurathen, sich die Augen nicht zuzuhallen, sondern in edlem Wetteifer ebenfalls Großes zu wirken. (Wir machen in Vorhinein auf einen A.tikel „die „Sonnlagsfeier betreffend" aufmerksam, den wir im nächsten Blatte bringen werden. Derselbe zeügtvon einem äußerst regen Leben der evangelischen Kirche und wird gewiß unseren Herrn Corresponventen zufrieden stellen.)
Die neuen evangelischen Kirchentage nehmen einen sehr erfreulichen Aufschwung. ES zeigt sich, daß in der protestantischen Kirche nicht bloß Protestation und Negation zu Hause sind, auf welche so viele dürftige Geister den Hauptaccent legen zu müssen vermeinten, sondern auch tüchtige Schöpferkraft und OrganisationStricb. Letzteren möchten wir aus allen Kräften in der protestantischen Kirche gefördert sehen, da er bisher gar zu sehr geschlummert hat. Wenn man geglaubt, daß die letzten bewegten Zeiten nicht die geeignete Zeit zu kirchlichen Organisationen gewesen sei, so ist dieselbe gewiß jetzt nicht mehr fern, da der VolkSgeist bis auf wenige versumpfte Gebiete immer empfänglicher wird für die großen objectiven Mächte deS Lebens. Wird diese Zeit der Empfänglichkeit nicht benutzt, so wird sich diese Versâumniß später durch Stumpfheit rächen. In den unS benachbarten westphâUschen und Rheingebieten ist dâS kirchliche Leben schon mehr erstarkt als bei unS. Wir müssen mit jenen Gegenden wetteifern und zugleich manche krankhafte, fanatische Auswüchse vermeiden. Die Kirche muß auch bei unS rin Institut werden, welches einmal im Sturme festzustehen und in die Geschicke des Volkes einzugreifen vermag. Dies wird sie am besten erreichen, wenn sie sich vor allem bloß polizeilichen Charakter hütend, ihre ewige Bestimmung voll und ganz zu erfüllen sucht. Die deutsche Kirche, welche Männer, wie BonifaciuS und Luther aufzuweisen hat, ist trotz aller Spaltung im Einzelnen doch eine große, herrliche Gemeinschaft der Geister, welche sich in der nächsten Zeit wieder vertiefen und dadurch noch gesünder werden wird. Je mehr sie sich von allen KrankheilSstoffen befreit, desto mehr wird sie ihre Eroberungen und Kraft- entwicklungen nur auf ihrem eigenen religiösen Ge, biete suchen und bethätigen. Der Drang nach einem lebendigeren religiösen Leben ist im Volke erwacht. Jede Kirche wird sich selber richten, welche diesem Bedürfnisse nicht entgegen zu kommen weiß.
Deutschland.
△ Wiesbaden, 29. Rov. Nachdem längere Zeit hindurch von der Thätigkeit deS historischen Vereins für Nassau nicht mehr die Rede gewesen ist, so scheint daS Interesse für die Zwecke dieses Vereins nach und nach wieder lebendiger zu werden. Mit besonderer Befriedigung vernehmen wir, daß der Vorstand monatliche Zusammenkünfte der Mitglieder abzuhalten im Begriffe steht, die zu Vorträgen über geschichtliche und antiquarische Gegenstände und zu Besprechungen über Vereinsangelegenheiten dienen sollen. DaS gewählte Mittel ist gewiß zweckentsprechend, und wenn diese Zusammenkünfte dazu benutzt würden, um zunächst die merkwürdigsten Alterthümer deS hiesigen Museums nach und nach zu erläutern, so würden dieselben für daS hiesige Publicum gewiß wahrhaft praktischer werden. Durch Erläuterung einzelner Partien der LandeSgeschichie, sowie durch Besprechung über wissentschaftliche Unternehmungen deS Vereins und dergl. ließe sich diesen Zusammenkünften noch ein mannichsachereS Interesse abgewinnen. Dabei ist nur der Ucbelstand zu bedauern, daß gerade diejenigen Männer, deren eigentliches Fach die A l« ter t h u m S w i f s e n t s ch aft ist, d. h. die Gym- nasial-Lehrer deS Landes, sich von je her sehr wenig, fast gar nicht an den Bestrebungen deS Vereins be- theiligt haben, während Studium und Lebensberuf gerade ihnen eine solche Theilnahme am nächsten legen sollten.