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MMM AllMeinc Zeitung.

^L 27L» Donnerstag den 20, November L8SL

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânumecationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl., in den übrigen Ländern des ürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man fn Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Hamburg und der Zollverein.

Deutschland. Wiesbaden (Asfisen). Vom süd­lichen Taunus (Die Stellung der Bürgermeister). Aus dem Rheingau (Die Weinlese). AuS dem KreiSamt Höchst (Koffuth). AuS dem Ei nrich- gau (Gedrückte und unentwickelte Zustände). Limburg (Unfug der Conscribirten). München (Prinz Adalbert. Kolatschek'S Monatsschrift. Die Kündigung deS Zollver­eins). Bautzen (Flucht. Ein kühner Sprung). Aus Thüringen chEisenbahnanschluß). Hannover (Das Befinden des Königs. Die Eisenbahn. Dulon). Coblenz (Die Lahnbahn). Duisburg (Ueber- seeischer Verkehr). ln (Die Polizeiorganisation). Berlin (Schreiben bf< ^nigS. Die DiScontogesellschaft. Die Postconferenz. Die Liga PolSka. Vermischtes). Hamburg (Garnisonswechsel). BreSlau (Haus­suchung). Wien (Die franz. Angelegenheiten. Schrei« ben deS Königs von Sachsen an Radetzky. Der Groß­herzog von Toscana. Regulirung der Oder).

Schweiz. Basel (Die Lukmanierbahn). Dänemark. Kopenhagen (Neue Ministerkrists). Frankreich. Paris (Gerüchte über Ministerwechsel. Ab­setzungen im Polizeidepartemcnt. Geheime Gesellschaft. Der Vorschlag der Quästoren. Vermischtes).

Neueste Nachrichten.

«Hamburg und der Zollverein.

Vom Rhein, 16. November. Die SluqS« burger Allgemeine ist bekanntlich auf Hamburg schlecht zu sprechen, und hat dies durch einen Ar­tikel, überschriebendie Hansestädte und der Zoll­verein", in ihrer Beilage vom 7. Nov. neuerdings bethätigt. Die AugSburger Allgemeine ist aber, wie ebenfalls bekannt, mit ihrem nationalwirth- schaftlichen Wissen noch immer nicht über Fr. List hinaus gekommen und möchte, darin getreulich ver­harrend, den Deutschen u. A. gerne die Ueberzeu­gung beibringen, daß eS ihnen besonders gute Rech­nung gebe, wenn sie möglichst viel in Augsburg spinnen und weben lassen, und dafür resp. 3 und 50 Thlr. pro Ctr. aus dem, was sie auf andere Weise erübrigen^ vergütigen. In Hamburg dage­gen, wo Jeder für feinen materiellen Erwerb nur auf die eigene Kraft angewiesen ist und Keinem etwas dabei aus allgemeinen Mitteln geschenkt wird, steht man die Dinge ganz anders an, hält man eine Theorie und Berechnungen, wie jene, für vollständig falsch und wagt eS sogar, über eben solche zu lächeln und zu spotten, waS Alles der Allgemeinen, wie leicht begreiflich, fortwährend großen Aerger und Verdruß verursacht. Auch der vorgedachte Artikel zeugt davon zur Genüge, denn Sinn und Ueberlegung, die bei Ausbrüchen von jenem in der Regel verloren gehen, ist schwer in ihm zu finden.Der Zollverein klopft an die Thore Hamburgs und Bremens", ruft die Allgemeine pa­thetisch aus, und gleich darauf fragt sie:ob jene in selbstgewäblter Jsolirung gleich Triest Freihäfen bleiben wollen, ob solche Jsolirung den Bedürfnissen deS Hansehandels angemessen ist, und ob der Zoll­verein sich dieselbe auf die Dauer wird gefallen lassen"? Von einer Erörterung der letzteren Frage hat jedoch die Allgemeine Ztg. ganz abgesehen und daran auch sehr klug gethan. Aber auch auf die erstere weiß sie sehr schwach einzugehen. Sie kann die Freihafenneigung der Hamburger nicht begrei­fen und hält ihnen alS ein Remebium, sie von die­ser Neigung zu curiren, die Aussicht hin, daß der Zollverein möglicherweise auf den Einfall kommen könnte, ihnen Differenzzölle für directe Einfuhren von 10 bis 20 Procent zu bewilligen. Dagegen wirft sie den Hamburgern vor, daß sie für 90 Mill. Mark Banco von England importiren, dagegen nur für 35 Mill. M. B. dorthin aussühren und sonach keinevolle Gegenseitigkeit deS Absatzes" zu bewirken wußten. Was den letzteren Vorwurf betrifft, so ist er schon der Zahlenangaben wegen falsch. Der unmittelbare Handel zwischen Ham­burg und England variirt in seinem Werth, je nach­dem die Conjuncturen laufen und namentlich der Export dahin von deutschen Bodenproducien stärker -der schwächer ist, sehr wesentlich. Er ist aber auch

deshalb ganz falsch, weil einerseits die Hamburger vielen indirekten Handel auf England treiben, eine Menge Güterladungen aus allen Weltgegenden, von der Ostsee bis zum indischen Archipel, für ihre Rechnung nach England dirigiren und dort ver­kaufen lassen, und andererseits von Hamburg aus viele Güter für Rechnung englischer Häuser nach anderen Ländern, außer England, expebirt werden. Alles dieses ist so ziemlich jedem Comptoirlehrling Hamburgs bekannt, und nur Jemand, der von dem internationalen Verkehr erst so schwache Begriffe zu fassen wußte, wie die Augsburger Allgemeine, kann über den hamburgisch-englischen Handel so urtheilen, als eS von ihr geschieht. ES läuft voll­ständig auf die bekannte triviale Redensart hinaus: das Geld gehl auS dem Lande", dem aber hier noch der faktische Umstand gegenüber tritt, daß Hamburg in der Regel weit mehr sog. Conlan- len oder edle Metalle von England an sich zieht, alS eS dahin abgibt.

In Bezug auf den ersteren Punct ist vor Allem zu bedenken, waS Hamburg, trotz seiner bisherigen Jsolirtheit, erreicht hat. Die Existenz Hamburgs war zur Zeit seiner Befreiung von der Franzosen- Herrschaft vollständig dahin, und wenn eS seitdem wunderbar emporgekcmmen, sich zur dritten Welt- handelSstadt aufgeschwungen hat, so ist daS ganz allein sein eigenes Werk, vor Allem aber Folge des Freihandelsprincips, dem Hamburg praktisch durch­aus treu bisher geblieben ist. Nie, auch nur ent­fernt, würde Hamburg daS geworden sein, waS cS ist, wäre eS gleich nach seiner Wiedergeburt in 1814/15 unter die Obhut eines Schutzzollsystems gekommen. DaS zeigt sich schon hinreichend an den preußischen ZollvereinShäfen (Stettin, Danzig, Kö­nigsberg u. s. w.), wo der Handel fortwährend stark gelähmt und einseitig und Alles höchst unzu­frieden bleibt, während in Hamburg (mit Ausnahme einer sehr kleinen kurzsichtigen Partei) jeder mit dem Zustand der Dinge völlig zufrieden ist. Hamburg hat Comptoire und Etablissements in allen Welt- gegenden und einen bedeutenden transatlantischen Handel, wie einen bedeutenden Absatz deutscher In- dustrieproducte nach außen erlangt, und wenn der letztere nicht noch bedeutender, als eS der Fall ist, so ist das augenscheinlich nicht die Schuld Ham­burgs, sondern allein die der deutschen Industriellen. Hamburg hat eS, trotz vieler Warnungen, nicht hindern können, daß die deutschen Industriellen sich in der Leinen-Industrie immer mehr von den Eng­ländern überflügeln ließen, diesen so äußerst wichtigen Zweig arg vernachläßigten und deutsches Leinen in immer stärkeren Mißcredit im Auslande brachten, um dafür desto eifriger der Prämie nachzujagen, welche auf Rechnung der deutschen Staatsangehö­rigen für den Betrieb der Baumwollindustrie aus­gesetzt worden ist. Differenzzölle, gleichfalls nur Schutzzölle oder Prämien, welche das Allgemeine hergeben muß, würden die Schwächen unserer deut­schen Industrie wahrlich nicht heben und dieselbe in Wirklichkeit keinenfallS concurrenzfâhiger machen, würden aber dahin führen, den Handel in künstliche Bahnen zu lenken, wie dies auch die Schutzzölle thun, und denselben nur in neue Verwirrung brin­gen, dem Allgemeinen nichts einbringen, sondern nur neue Opfer abverlangen. Die ganze deutsche Secküste, von Memel bis Emden, hat sich wieder­holt gegen die Einführung von Differenzzöllen aus­gesprochen und sie entschieden zurückgewiesen. DaS sollte doch die AugSburger Allgemeine sehr wohl wissen, und wenn sie eS dennoch nicht unterlassen kann, dieses Recept ihrer national winhschaft- lichen Capacitât stets auf'S Neue zu empfehlen und eS denjenigen, welchen eS dienen soll, die aber nichts von demselben wissen wollen, gewissermaßen aufzu« dringen, so läßt sich dieS nur aus der Eingang- gegebenen Andeutung erklären. Weil die Augsbur­ger Allgemeine daS Spinnen und Weben im Innern und vor Allem in Augsburg durch Prämien auS dem Geldbeutel deS großen Ganzen unterstützt ha­ben will, muß sie nothwendig dahin streben, daß auch die deutsche Seeküste in dieses System der Un­terstützungen verflochten werde, da es sonst um so eher überhaupt zerreißen könnte! Dieses Streben aber ist durchaus vergebens. Die deutsche Seeküste wird sich nie zur Annahme solcher Beneficien ver­stehen. (Auch Bremen, daS eine kurze Zeit hindurch dahin neigte, ist wieder abgefallen).

Natürlich würden die Hansestädte und würde namentlich Hamburg noch besser daran sein, alS eS jetzt ist, stände eS mit'dem übrigen Deutsch­land im freien, offenen Verkehr. Dies von feinet Seite herbeizuführen, daran kann und wird jedoch Hamburg nie entfernt denken, so lange Deutschland (der Zollverein) sein Schutzsystem beibehält. Ham­burg unter daS Regime eines solchen bringen, heiße, dessen innere Lebenskraft aufs höchste angreifen, eS zu einer Dürftigkeit deS Handels herabdrücken, wie sie in den preußischen Häfen des Zollvereins nur zu gut gekannt ist, und auch Deutschland, so lange eS sein Schutzsystem nicht aufgibt, wird seines eigenen Interesses wegen wohl daran thun , eS nie im Ernst zu verlangen, eS stets als ein noli me tangere zu betrachten. Unter solchen Umstän­den muß Hamburg seine Jsolirtheit aufrecht erhal­ten auS denselben Gründen, die Triest dahin führen, die (einige beizubehalten.

DieAugSb. Allg. Z." weiß alles dies jedoch nicht zu erkennen und legt auch in dieser, wie in anderen handelspolitischen und nationalwirthschaft« lieben Beziehungen eine Naivetät an den Tag, die wirklich ihres Gleichen sucht! *)

Deutschland«

* Wiesbaden, 18. Nov. (Asfisenverhandlung gegen Melchior Eckert vonZeilSheim wegen Dieb­stähle). Der Angeklagte wurde von den Geschwor­nen für schuldig befunden und von dem Assisenhofe zu einer Zuchthausstrafe von 6 Jahren unter Ein­rechnung deS Restes der bereits gegen ihn durch Erkenntniß Herzog!. HofgerichtS dahier erkannten Zjähnger CorrectionShauöstrafe.

* Wiesbaden, 19. Nov. (Asfisenverhandlung gegen Christian Gras, 29 Jahre alt, Müller zu Braubach, wegen Fälschung und Betruges.) Chri­stian GraS ist beschuldigt, von dem Bäcker Lin, kenbach zu EmS, welcher der Wittwe Wieghardt zu Braubach für erkauftes Mehl Geld schuldete, unter dem Vorgeben, er sei Wilhelm Wieghardt, der Sohn der Wittwe Wieghardt (dem der Ange­klagte ähnlich sehen soll) den schuldigen Betrag ein­gemahnt, auf Abschlag dieser Schuld Geldbeträge und zwar am 9. Nov. 1848 8 fl. 15 kr. und am 12. 8 fl. 16 kr. in Empfang genommen und hierüber so wie über eine früher an Wilh. Wieghardt vom Bäcker Linkenbach geleistete Zahlung eines Betrages von 100 fl mit Unterzeichnung des Namens Wil­helm Wieghardt quittirt zu haben.

Der Angeklagte Christian GraS ist vermögens. loS und nach dem Zeugniß feiner HeimathSbehörde ein sehr schlecht erzogener, dem Vagabundiren er, gebener und alS Betrüger bekannter Mensch.

Die Verhandlung leitet Asfisen-Vicepräsident Jeckeln; alS Staatsanwalt fungirt Staaisprocu- rator-Substitut Moritz, als Vertheidiger des An­geklagten Procurator Leisler, sen.

H Vom südlichen Taunus, 17. Nov. Es ist als ein zu mancherlei 'Collisionen führender Uebel- stand anzusehen, daß bei der jetzigen Gemeindever- fassung der Bürgermeister zugleich Mitglied deS Kirchenvorstandes ist. Weniger mag dieser Uebel­stand in confessionell nicht getrennten Gemeinden sich zeigen: in solchen mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen tritt er hervor, und zieht oft Miß­helligkeiten nach sich, wie Beispiele beweisen. An­ders war dies bei der früheren Gemeindeordnung, wo die Verwaltung von einer höhern, intelligenten und parteilos dastehenden Behörde auSgeübt wurde, und civil« und kirchengemeindliche Angelegenheiten von deren Bestimmungen abhingen. Die Selbst­verwaltung der ersteren hat sie in ein von dem vor­maligen verschiedenes Verhältniß zu den letzteren gebracht, daS, wenn der Bürgermeister auch dem Votstanbe seiner ConfessionSgemeinde angehört, Be­einträchtigungen deS andern CoiifessionötheileS mög, lich macht. Von näheren Erörterungen sehen wir hier ab, und möchten nur durch diese öffentlichen An-

*) Die vaterländische Section der Hamburger patriotischen Gesellschaft, auf die sich die Augsburger Allgemeine be­ruft, repräsentiere nicht Hamburg, und überdem hat sie deren Aeußerung in 1847 sehr mißverstanden.