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Nassauische Allgemeine Zeitung.

J2 LVS

Samstag den 13. November

1831.

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes 8 fL iO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 ft, berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Freiheit des Verkehrs.

Deutschland. Vom Eingänge ins blaue Länd­chen (Weinlese. KindeSauSsetzung). Vom Main (Anonymes Geschenk). Frankfurt (Die Arbeiteü der Sachverständigen). Stuttgart (Gantprozeffe). München (v. Kleinschrodt. Erziehungsanstalt. Budget).

Dresden (Justizreform). Hannover (DerKönig).

Magdeburg (Die Elbeschifffahrt). Marien bad (Die Kindergärten). Berlin (Hannovers Anschluß an den Zollverein. Abgränzung der Wahlbezirke. Die Bun- deSpreßgesetzgebung. Vermischtes). Breslau (Die Blum-Feier verboten). - Prag (Auswanderung). Wien (Dr. Hock'S Sendung. Großfürst Constantin).

Belgien. Brüssel (Die Herzogin von Orleans. Der Nachdruck. Die Adresse).

Frankreich. Paris (Die Rede des Präsidenten. Die republicanische Partei. Geschichte des QuâstorenantragS. Vermischtes).

Spanien. Madrid (DerBankdirector. Rüstungen gegen die Mauren).

Großbritannien. London (Koffuth).

Italien. Venedig (Verurtheilungen).

Neueste Nachrichten.

* Die Freiheit des Verkehrs.

Die Klagen über Getreidemangel, über den Mangel an Lebensmitteln überhaupt, über den schlecht ten Ausfall der heurigen Erndte nahmen vor einiger Zeit so überhand, daß theils die ungegründetesten Beschlüsse um dem Uebel einer Vertheuerung der Lebensrnittel (an eine HungerSnoth hat wohl Nie­mand gedacht) entgegenzuwirken, von ängstlichen Gemüthern beantragt und von den Regierungen ge- faßt wurden. Auch bei uns erregten einige miß­liche Erndteberichte Bestürzung und riefen sogar den Antrag hervor, die Regierung möge dem Beispiel der Coblenzer Handelskammer folgend ein Ausfuhr­verbot auf Lebensmittel erlassen. AuS Veranlassung dieser Besorgniß erregenden Berichte wurden nähere Erkundigungen eingezogen; die Berichte lauteten nun weniger ungünstig und die ruhiger gewordenen Gemüther konnten die eigentliche Bedeutung der drohenden Gefahr und der zur Beseitigung derselben gestellten Anträge ermessen und daS Unnütze und Unzweckmäßige der letzteren beurtheilen. Auch wir brachten gleichzeitig einen namentlich gegen den An­trag der Coblenzer Handelskammer gerichteten Ar­tikel, der in gedrängtem Raume dieselben Grund» sätze enthielt, von denen ein Leitartikel der neuesten Weser-Zeitung" ausgehend, den Gegenstand be­leuchtet. Die Zusammenfassung und Darstellung dieser Grundsätze ist äußerst interessant und von allgemeinem Werth. DaS erste Thema, das sie gewählt, betrifft den Getreidewucher. Für die wei­teren Artikel hat sie die Besprechung der Ausfuhr­verbote, der Verbote des Ankaufens für Brannt­weinbrennereien in Aussicht genommen. Im ersten Artikel verfolgt sie folgenden Jbeengang:

Ein Unglück kommt nie allein. Mit jeder schlechten Ernte stellt sich auch regelmäßig ein Heer von Vorurtheiien ein, die obwohl uralt, doch zu immer neuer Jugendfrische zu erstehen scheinen. Die Preise der Lebensmittel brauchen nur einen gewis­sen Punkt zu erreichen und alsbald öffnen sich die Schleusen beS Irrthums und WahnS und überflu- then mit ihrem Schlamme den gesunden Menschen­verstand und die Erfahrung der Völker. WaS schon tausendmal widerlegt worden ist, macht sich laut auf allen Gassen, in allen Zeitungen, auf den Bierbän­ken, in Petitionen, selbst in den Gutachten von Han­delskammern. Zuerst erhebt sich daS Geschrei gegen die Aufkäufe von Lebensmitteln, gegen die «Korn­wucherer", gegen die Getreivefpeculanten, gegen die Ausfuhr von Brodstoffen : dann beginnt die Agita­tion, welche ein Verbot des Branntweinbrennens bezweckt, und zulept dringt man von allen Seiten in die Regierungen durch Anlegung großer Vorrälhe aus­ländischen Getreides, wenn nicht gar durch gesetzliche Feststellung der Marktpreise der Theuerung entgegen* ruwirken. Im Jahre 1847 haben wir die ganze Stufenfolge dieser verschiedenen Maßregeln in Europa erlebt, und vieler Orten hat die Landwirthschaft noch heutigen Tages die Folgen einer Heilmethode nicht

verschmerzt, die den Producenten tyranni« sirte, ohne dem Konsumenten zu nützen. Damals haben die besseren Zeitungen und andere Schriften sich alle erdenkliche Mühe gegeben, um das Publicum über die wahre Natur der Calamität aufzuklären und ihm zu beweisen, daß die damals von der blinden Menge verlangten Heilmittel das liebel nur verschlimmern könnten, aber kaum sind vier Jahre verflossen, und alle guten Lehren sind verschwitzt. Man braucht gegenwärtig nur einen Blick namentlich in manche süd- und mit­teldeutschen Blätter zu thun, um zu gewahren, daß daS alte Vorurtheil bereits wieder in vollster Blüthe steht. Aber wie soll man dem beschränkten Unter* chanenverstande übel nehmen, daß er Unsinn redet und Unsinn fordert, wenn hockerleuchtete Regierungs­behörden mit dem schlechten Beispiel vorangehen und in diesem Concert von hundertausend Narren die erste Geige zu spielen sich beeifern. Unsere Obrigkeiten reden so viel von der Nothwendigkeit, den unklaren Forderungen der Menge, dem Geschrei der Massen keine Zugeständnisse zu machen: möchten sie doch auf diesem Gebiete, wo wirklich Vernunft, Wahrheit und Gerechtigkeit auf ihrer Seite stehen würden, die vielgerühmte Energie bethätigen und einem verderblichen Pöbelwahne mit aller Entschie­denheit entgegentreten.

DaS schlechte Beispiel hat diesmal in Kur­hessen begonnen; aus Herford erging daS erste in die Verkehrsfreiheit und das EigenthumSrecht ein­greifende Verbot gegen daS Kartoffelbrennen. Wenn wir nicht irren, hat indessen daö kurhefstsche StaatS- ministerium die Maßregel hernach wieder aufgeho­ben. In Hessen-Darmstadt dagegen ist die StaatS- regierung selbst alsbald auf die Forderungen des Unverstandes eingegangen. Sie hat, den Brannt- weinfabrikanten verboten, nicht allein Kartoffeln zu brennen, sondern auch Kartoffeln zu kaufen, und um consequent zu seindaS eben ist der Fluch der bösen That" hat sie auch befohlen, daß Kar­toffeln nur dann auSgeführt werden sollen, wenn vorher durch polizeiliche Bescheinigung nachgewiesen werden kann, daß sie auch im AuSlande nicht zum Brennen verwandt werben sollen. Man kann sich vorstellen, welchen Werth solche Bescheinigungen in einem Augenblicke haben, wo alle Behörden die Einfuhr von Lebensmitteln lebhaft wünschen. Fast noch origineller ist waS uns neulich von einer Ent­scheidung deS Regierungspräsidenten zu AnSbach in Bayern berichtet ward. In Bayern besteht bekannt­lich eine Biertare, und bei den hohen Preisen der Gerste und deS Hopfens wünschten die Brauer von Fürth und Erlangen eine Erhöhung deS Tarifs. Darauf konnte nun eine Behörde allenfalls ant­worten:bei den jetzigen Preisen wirft die bestehende Taxe noch einen Nutzen für euch ab, und ihr werdet daher abschläglich beschieden." Darin wäre Sinn gewesen. Der Herr Regierungspräsident dagegen antwortete :Da daS Essen schon so theuer ist, so kann ich nicht gestatten, daß daS Trinken auch noch theurer wird; Angesichts der Eventualitäten in Frankreich muß ich verlangen, daß ihr das Bier zu den bisherigen Preisen liefert, und wenn ihr Scha­den dabei habt, so ist das eure Sache." Natürlich werden die Brauer, sobald sie wirklich Schaden ha­ben, entweder gar kein Bier mehr liefern oder schlechtes; denn so weit ist es doch noch nicht ge­kommen, daß Jemand gezwungen werden kann, eine Waare zu fabriciren, bei der er Verlust hat.

In Preußen ist der Beamtenstand zu aufge­klärt, um 'sich solcher Extravaganzen schuldig zu machen. Indessen tauchen auch dort Spuren einer Tendenz auf in den freien Verkehr einzugreifen. Wir erinnern an die Gerückte, daß die Regierung Auftrag gegeben habe, große Vorräthe von Korn auf Rechnung des StaateS in Südrußland aufzu- kaufen. Wenn der Staat auf solche Weise in Korn speculiren will, so ist am Ende dabei der einzige mögliche Schade, daß er falsch speculiren kann, daß er leichter falsch speculirl als der Privathändler, und daß er theuerer bezieht als der letztere. Der entstehende Verlust fällt zurück auf die Steuerzah­lenden, also auf diejenigen, zu deren Nutzen er ope- riren will. In Berlin tritt eine locale Agitation gegen die Höcker und Aufkäufer auf, und Hr. v. Hinkeldey schickt die berittenen GenSdarmen auf die benachbarten Landstraßen, um die mit Lebensmitteln zur Stadt fahrenden Bauern gegen die Zudringlich­

keiten dieser Jndustriebranche zu schirmen, und so weit es dabei nur auf Abwendung gewaltsamer Käufe abgesehen ist, läßt sich gegen diese Maßregel nichts einwenden. Wenn dagegen der Bauer es für Vortheilhaft hält seine Waare auf der Landstraße zu verkaufen, anstatt in der Hauptstadt Zeit und Geld zu verausgaben, so ist nicht abzusehen, auS welchem Grunde man ihn daran hindern darf.

Wir halten eS nicht überflüssig unter den ob­waltenden Conjuncturen noch einmal die gangbaren Vorurthcile gegen die Freiheit deS Handels mit Nahrungsmitteln einer Musterung zu unterwerfen.

Obenan steht das Vorurtheil gegen den soge­nannten Kornwucher oder überhaupt gegen daS SpeculationSgeschäft in Lebensmitteln. Diesem Feinde müssen wir zunächst mit einem Satz entgegentreten, der auf den ersten Anblick paradox klingt und dem gleichwohl jeder Leser, ehe er diese Seite herunter­gelesen hat, beistimmen wird. Bei Theuerung sind die hohen Getreidepreise nicht das Uebel selbst, sondern ein Heilmittel ge­gen daS Uebel. (Forts, folgt.)

Deutschland.

nr Vom Eingänge in's blaue Ländchen, 12. Nov. Die Weinlese zu Wicker begann am 10. b. M. Im Durchschnitte erhalten die' Wickerer heuer einen halben Herbst; aber einen angenehmen 1851er. Am verflossenen Montag ereignete sich in Wicker der seltene tragische Fall, daß eine fremde Mutter , von Frankfurt ober Mainz kommend, wäh­rend deS heftigsten Schneewetters ihr etwa drei- jähriges Kind in das an der Mainstraße'liegende Gasthauszum Nassauer Hof" schickte und sich, während dies geschah, fortmachte. Durch die Aus­sage des Knaben und die Aufmerksamkeit der Be­hörde ist erwähnte Person bereits verhaftet.

it Vom Mainufer, 12. Nov. Gestern ging dem Herrn Bürgermeister Adelon zu Höchst durch die Post ein mittelst der Deutz.Mindener Bahn beförderter Brief zu, in dessen Verschluß sich 80 Thaler Kassenanweisungen befanden, und über de­ren Absender ein an die innere Seite deS CouvertS geklebtes gedrucktes Zettelchen mit den Worten: Gotha"Für öffentliche Arbeiten"Mickel Pelzer" nur dunkeln Aufschluß gibt, da nicht nur eine Be­ziehung dieses Namens zu der Stadt Höchst, son­dern auch dieser Name überhaupt daselbst ganz un» bekannt ist. Dem Vernehmen nach soll dieses Ge­schenk dazu verwendet werben, dürftigen Einwoh­nern von Höchst in der herannahenden arbeits­losen Jahreszeit durch städtische Arbeiten Verdienst zu verschaffen, weil unterstellt werden muß, daß diese Verwenbungsart dem mildthätigen Sinne deS edeln Gebers am sichersten entsprechen werde.

Frankfurt, 9. Nov. (A. Z.) In der vorgest­rigen Bundestagssitzung wurden vom handelspoli­tischen Ausschuß Die Arbeiten der Commission der einberufenen Sachverständigen der Bundesversamm­lung vorgelegt, welche beschloß, den deutschen Bun­desregierungen dieselben mitzutheilen und sie zu Erklärungen über daS Resultat jener CommissionS- Verhandlungen aufzuforbern. ES ist dabei eine Frist von vier Wochen gesetzt worden.

Stuttgart, 6. Nov. In der heutigen Num­mer desS. M." sind bloß 129 Ganten ausge­schrieben.

München, 11. Nov. Hr. v. Kleinschrodt hat wegen anhalt nder Unpäßlichkeit sein Portefeuille wieder abgegeben, und die Verwesung beS Justiz­ministeriums wurde wieder dem StaatSrath von Pelkhoven übertragen. Sie haben schon im vori­gen Jahre die Nachricht von dem Bau einer Er­ziehungsanstalt für den höhern Staatsdienst mitge- theilt. Mit der Ausführung soll im nächsten Früh- jähr begonnen werden. Der Bau kommt unterhalb Haidhausen auf den Gasteig zu stehen, und soll durch eine neue großartige Straße mit der neuen Residenz in Verbindung gebracht werden. Die Ent­eignungen zu dieser Straßenanlage sind nahezu vollendet und nahmen eine Summe vpll nahezu