Nassauische Allgemeine Zeitung.
Jo 2VV
Mittwoch den 12 November
18SL
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags.— Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang der HerzogthumS Nassau. des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
H. W. Riehl's Werk: „Die bürgerliche Gesellschaft.
Deutschland. Wiesbaden (Das landwirthschaftliche Institut. Brand). — Camberg (Die zu erwartendenGesetz- entwürfe). — Aul dem EngrrSgau (Die Gesammt- entwickelung der Thonbäckerei). — Weilburg (Selbstmord). — AuS dem Kreisamt Herborn (Wachtmeister Kleinschmidt). Baumzucht). — Kassel (Brand. Henkel und Hornstein). — Nürnberg (Bierdimpfel. Prügelstrafe). — Braunschweig (Aussicht auf Einigung). — Berlin j(Die jBundeSpreßgesetzgebung. Die Regierung von Hohenzollern. Vermischtes). — Altona (Einquartirung. Die Erbfolge). — Kiel (Das holsteinische Contingent).— Wien (Erzherzog Albrecht erwartet. Theuerung. Der Feldzug des Fürsten Windisch-Grätz. Die Börse. Vermischtes).
Schweiz. Bern (Die Regierung).
Frankreich. Paris (Der Slntrag der Quästoren. Tho- rigny. Haviel).
Italien». Turin (Farini).
Neueste Nachrichten.
W. H. Riehl's Werk: „Die bürger» liche Gesellschaft".
(Schluß.)
Riehl meint: im Weine ist Wahrheit; wir schicken: Reibung gibt Wärme.
Riehl konnte einen besseren Zeitpunkt die Hin« Neigung unseres Volkes zur Sonderung und Einigung zu studiren nicht wählen, eine reichhaltigere möchten unseren Betrachtungen die Worte voran- Quelle ihm sich aufdrängender Wahrheiten nicht finden,, als die Epoche des Jahres 1848 mit den endlosen Reibungen der Interessen und der gesteigerten Wärme der Gefühls« und GeisteSthäligkeit. Im ersten Capitel zeigte Riehl den Einfluß der socialen Interessen, als eines fertigen, in sich abgeschlossenen Begriffes auf daS Leben, auf die Gestaltung der Verhältnisse, im zweiten das Werdende: den Einfluß deS Lebens, der Politik, der Verhältnisse auf die Thätigkeit der socialen Elemente; in beiden zusammengenommen die ewige Wechselwirkung zwischen den Anregungen der Außenwelt und den die Außenwelt gestaltenden socialen Faktoren, — daS Geheimniß des einzig möglichen perpetuum mobile.
Riehl faßt die hervorragendsten Erscheinungen des SondergeisteS und deS EinigungStriebeS in die Formel: Im Realen zeigt sich der Sonde- rungStrieb, im Idealen der Einigungstrieb. Wenn w r auch den Sondergeist als einen in allzukleine ff eife sich splitternden Einigungstrieb bezeichnen können, so ist damit nichts gewonnen. So lange der Sonderungsgeist blos ein sociales Element dem anderen gegenüberstellt, so lange wirkt er nicht verderblich : so lange aber der Einigungstrieb sich nur auf die Abschließung, auf daS Cimentiren der einzelnen sich gegenüberstehenden Elemente erstreckt, so lange wirkt er auch nur im beschränkten Kreise und bleibt ohne Einfluß auf daS Erwachen deS Ge- sammtbewußtseinS. Eine Bestätigung des Gesagten ist in der Sonderung, in der Zersplitterung zu finden, welche daS deutsche Volk in ein Conglomerat von Volksstämmen spaltet, in dem particularistischen Einigungstrieb, der diese Volksstämme in sich ab* spießt und zu Theilen des Ganzen, daS Ganze aber eben dadurch zu einem getheilten macht. Der EinigungStrieb liegt im Idealen, deßhalb bleibt auch die Einigung ein Ideal.
Bevor Riehl von seiner synthetischen Behand- lungSweise, als solche ist die Zusammenstellung der Grundsätze in der Einleitung vorzugsweise zu betrachten, zu der antithetischen im besonderen Theile deS Werkes übergeht, widmet er ein drittes Capitel der „Wissenschaft vom Volk", die er daS Diplo- matarium der socialen Politik, eine der noch nicht eristirenden HilfSbiSciplinen der Staatswissenschaften nennt. Ihm ist das Volk der Stoff, an welchem das formbildende Talent des Politikers sich erproben, ihm ist daS Volksleben daS natürliche Element, dem er als ein Künstler Maß und Ordnung fetzen soll. Er sieht die Zeit kommen, wo man auf den
Universitäten Collegien lesen und im Staatsexamen Noten ertheilen wird über die „Wissenschaft vom Volke".
Zur Aufbauung einer Wissenschaft vom Volke genügt die Ethnographie vom geographischen und culturgeschichtlichen Standpunkt nicht; nur im Verein einer social-politischen Ethnographie wird sie die Grundzüge und die obersten Grundsätze derselben -liefern. Damit ist aber auch zugleich ausgesprochen, daß eS soviele Wissenschaften vom Volke geben wird, als eS Völker gibt. Aus diesen neben einander liegenden systematisch geordneten Stoffen wird der Denker die „Wissenschaft vom Volke" zu sublimiren haben, dem Politiker, dem formenden Staatsmann genügt die „Wissenschaft von den Völkern", oder die Wissenschaft von dem bestimmten Volke, dem er seine Thätigkeit widmet, somit die Darstellung deS (bestimmten) Volkes nach feinen gesellschaftlichen Gruppen in der Begränzung eines bestimmten Landes, eines bestimmten Zeitraumes, als Frucht einer gleichsam naturgeschichtlichen Untersuchung der bürgerlichen und politischen Verhältnisse eines Volkes, mit einem Worte die Physiologie eines bestimmten Volkes im Gegensatze zur Philosophie der Naturgeschichte der Völker,
'Die Kenntniß deS eigentlichen Wesens des Volkes wird nicht mit einem Schlage zu erwerben, nicht mit einem Wurfe darzulegen sein. Jeder einzelne Beobachter wird mit dem Schatz feiner Erfahrungen, den er in der Presse niedcrlegt, nur den Stein zum Steine tragen, die endlich mühevoll den Hügel bilden, von dem ein klarer Blick über das Ganze gestattet ist.
Jede Untersuchung des Volks- und Gesellschafs« lebens in feinen Einzelzügen wird Werth für daS Gemeinsame haben, sie kann aber ebensowenig für eine Wissenschaft vom Volk gelten, alS der besonders vorgehobene und vorgeschobene Theil deS Volkes für daS Volk, als eine zufällig topisch concentrirte Masse eines gesellschaftlichen Elementes für daS Element selbst gelten kann. In diesen Fehler sind die Social-Demokraten verfallen, diesen Fehler wird Jeder begehen, der sich der Einseitigkeit nicht erwehren kann.
Riehl bezeichnet die Gesichtspunkte, von denen er auSgegangen ist, den Zweck und die Bedeutung seines BucheS in folgendem Programm:
„Ich habe in diesem Buche sein sociales System aufstellen, keine neue oder alte Theorie der.socialen Politik durchführen wollen. Ich bescheide mich, anspruchslose Beiträge zusammen zu reihen zur Wissenschaft vom Volke alS dem Quellenbuche der socialen Politik. Die Zustände der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland sind dabei fast ausschließlich in Betracht gezogen worden; denn auch für das sociale Leben gilt die Schranke der Nationalität. AuS dem Kleinen, Beschränkten und Einzelsten heraus« arbeitend, möchte ich in einer möglichst großen Fülle von Anschauungen und Thatsachen darlegen, welcher Reichthum an mannichfalliger Gestaltung selbst in der modernen Gesellschaft noch sich aufthut. Ich möchte den praktischen Staatsmännern als ihre hei« lichste Pflicht vorS Gewissen führen, dieser Man- nichfaltigkeit der socialen Gebilde in der Politik Rechnung zu tragen, auf die Individualität des immer noch reich gegliederten Volkslebens ihre Systeme zu gründen, nicht umgekehrt nach vorher entworfenen und wenn auch der Idee nach noch so sehr berechtigten Systemen daS Volksleben zu modeln. Wer die moderne Gesellschaft nur von obenher in allgemeinen großen Ueberblicken betrachtet, dem mag sie nivellirt oder zur vollständigen Nivellirung reif erscheinen; wer aber hinabstcigt in die Tiefen deS VoklSlebenS und aus dem Kleinen und Einzelnen heraus sich seine Gesammtanschauung zusammenfügt, der wird überall noch sehr strenge und im Wesentlichen gesonderte Gruppen wahrnehmen. Ueber die Rolle, welche den ständischen Gruppen im Verfas- sungSleben der Gegenwart zugelheilt werden soll, kann man verschiedener Ansicht sein, aber die Existenz und Berechtigung dieser Gruppen muß man entweder gelten lassen, oder man muß auch den Muth haben, sich zu der letzten Consequenz, zum Socialismus zu bekennen. Ein Drittes ist nicht möglich".
„Je mehr der Verfasser sich dem Detailstudium des Volkslebens widmete, desto fester wurde er auch in der Ueberzeugung, daß nur eine auf die so man*
nichfaltig gearteten Besonderheiten deS VolkSthumS gegründete, das geschichtlich Gegebene reformatorisch weiter bildende Politik die richtige sei. Und für eine solche Politik möchte er den Ehrennamen der „konservativen" beanspruchen. Jene kleinen Maß, regeln werden bei ihr als die größten sich erweisen, welche den einzelnen Körperschaften ein so reiches Maß der Selbstverwaltung gestatten, als sich immerhin mit der höheren Staatöidee vereinbaren läßt, welche den schier verloren gegangenen Stolz, am liebsten der eigenen Gesellschaftsgruppe und keiner andern anzugehören, wieder wecken, jenes feste Behagen, daß sich Jeder in seinem Kreise recht wie in seiner Haut wohl fühlt.
Es ist ein wahrer Herzenswunsch des Verfassers, man möge in den nachfolgenden Beiträgen zur „Wissenschaft vom Volk" ein Document erkennen, welches bezeugt, daß eine mit liebevoller Hingabe an die Eigenthümlichkeiten deS Volkslebens unternommene Durchforschung der modernen GesellschaftS- zustänve in letzter Instanz zur Rechtfertigung einer konservative^n Socialpolitik führen müsse".
ES folgt nun der besondere Theil nach der von unS oben bezeichneten Gliederung.
Unser Urtheil über das ganze Werk können wir in die wenigen Worte zusammenfassen, daß wir selten ein Buch gefunden haben, daS so viele geistige Anregung und — Belehrung bietet.
Deutschland.
^Wiesbaden, 10. Nov. Unser landwirth, schaftlicheS Institut erfreut sich fortwährend deS besten Rufes. ES zählt in Diesem Wintersemester 70 Zuhörer; — eine Zahl, die eS seit seinem Bestehen in keiner srüheren Zeit erreichte und welche wenige Anstalten in Deutschland, welche keine andere Fakultäten mit der Landwirthschaft verbinden, * aufzuweisen im Stande sein werden. ES kommen von der genannten Zahl 36 auf daS.Herzogthum Nassau und 34 auf auswärtige Staaten. Von den Naf sauern sind 20 auS dem Justizamte WirS, baden, 3 auS dem Amte Nastätten, 3 auS dem Amte Hochheim, 2 auS dem Amte Limburg, 2 aus dem Amte Montabaur; 2 aus dem Amte Eltville, 1 aus dem Amte Diez, 1 aus dem Amte Herborn, 1 aus dem Amte Dillenburg und 1 auS dem Amte RüdeSheim. Vonden Ntchtnafsauer n kommen 8 auf daS Königreich Preußen , 7 auf daS Groß« . herzogthum Hessen, 5 auf Frankfurt a. M., 4 auf daS Kurfürstenthum Hessen, 3 auf daS Fürstenthum Lippe-Detmold, 1 auf daS Großherzogthum Baden, 1 auf daS Großherzogthum Luxemburg, 1 auf Holland und 1 auf England; durchgängig Söhne aus wohlhabenden und gebildeten Familien, die — wie auch Der größere Theil unserer Nassauer — durch ein anständiges Benehmen ihrem Stande und der Anstalt nur Ehre machen können.
ES ist ein erfreuliches Zeichen, daß nicht nur größere Staaten, welche bekanntlich selbst landwirth- schastliche Lehranstalten — meistens mit größerem Aufwande — auS öffentlichen Mitteln unterhalten, ihre LandeSkinder aus weiter Ferne der nassauischen Anstalt zusenden; sondern daß auch gerade die nassauischen Landwirthe und andere Staatsangehörige, namentlich auS Dem gebildeten Bürger- und Beamtenstande, auS der nächsten Umgebung deS Schul, sitzeS, welche den dermaligen Geist der Anstalt auS eigner Anschauung zu beurtheilen im Stande sind, auS Wiesbaden selbst und der nächsten Umgegend, ihre Söhne dem vaterländischen Institute in so be* nierkenSwerther Zahl anvertrauen. Möchten daher Die, welche etwa noch der Ansicht sind, Wiesbaden sei als Haupt« und Kurstadt nicht der geeignete Ort für eine höhere Lehranstalt, daraus entnehmen, daß ihre Bedenken unbegründet sind. Den wackeren Männern, die als Lehrer daS Ihrige dazu beitragen, diesen Vorwurf faktisch zu widerlegen, jedenfalls unsere ungeheuchelte Hochachtung.
* Wiesbaden, 11. November. Gestern Abend um 6 Uhr brach in dem hiesigen Badehause zum „Bären" Feuer auS. Durch Die bei so früher Abendstunde mögliche schleunige Hilfe gelang eS, den Brand, der im Dachgebâlke auf eine bis jetzt noch nicht ermittelte Weise ausgebrochen war, in kurzer