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^L 265» Dienstag den 11 November L8SL
Die Raff. Allg. Zeitung mit dem W a n b e r e r erscheint einmal t ä g l i ch mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang deS HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fL lO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof- Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
A m t l i ch e r Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
H. W. Riehl's Werk: „Die bürgerliche Gesellschaft.
Deutschland. Wiesbaden (Urtheil des Cassationshofes).
— Vom Mai nufer (Der archäologische Fund). — Aus dem EngerSgau (Pfeifenbäckerei). — Herborn (Kreisamtsverordnung). — Montabaur (Das Seminar). Frankfurt (Der Prinz von Preußen. Schöffe Heydten).
— Darmstadt (Kammerverhandlung. PrinzAlerander).
— Coblenz (Henriette Sontag). — München (Anleihen für die Pfâlzerbahn. Palmerstons Note. Die Telegraphenverbindung). — Hannover (Befinden des Königs).
— Braunschweig (Schlechte Aussichten auf Einigung).
— Berlin (Die Stellung zu Frankreich. Entschädigung. Polizeiorganisation. Bodelschwingh. Prof. Stahl. Vermischtes). — Bremen (Dulon). — Wien (Titoffs Sendung. Der Zolltarif. Entschädigung. Haynau. Die Waffen der Nationalgarde. Die Karstbahn. Vermischtes). Frankreich. Pjaris (Der Antrag der Quästoren. Magnan. Das Wahlgesetz. Dupin. Legitimische Chouanerie. Derm.). Italien. Turin (Handelsvertrag mit Rußland. Eisenbahn. Vermischtes).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Dem JustizamtSsecretär Hehn er zu Rennerod ist die nachgesuchte Dienstentlassung ertheilt worden.
Der Recepturbeamte Rechnungsrath v. Bonhorst zu Oderlahnstein ist zum Bescher bei dem Rheinzollamle zu Caub ernannt und dem Receptur- secretâr Köhler zu Oberlahnstein die Verwaltung der dasigen Receplur provisorisch übertragen worden.
Der Bauaccessist Lang zu Weilburg ist an die Wasserbauinspection zu Diez, der Bauaccessist Wiegand von Wiesbaden an die Weginspection zu Weilburg und der Bauaccessist Preußer III. von Diez an die Weginspection zu Wiesbaden versetzt worden.
Dem Collaborator Fleckeisen zu Weilburg ist auf sein Ansuchen die Dienstentlassung ertheilt worden.
Dem zum 'ersten Pfarrer zu Dillenburg er nannten Decan Keim von Hachenburg ist daS Decanat Dillenburg übertragen und der nach Hachenburg versetzte Pfarrer N i n k von BergeberSbach zum Decan für den DccanalSbezirk Hachenburg ernannt worden.
Der Pfarrer Schramm zu Diedenbergen ist auf fein Ansuchen in den Ruhestand versetzt, dem Pfarrer Mellor zu Schönborn die Pfarrei Dick schied und dem Caplan Bo de zu Dillenburg die Pfarrei Schönborn übertragen worden.
Der Pfarrer Wißmann zu Schadeck ist in den Ruhestand versetzt und der Pfarrvicar Freu« denberg zu Emmerichenhain zum Pfarrer ernannt und demselben die Verwaltung der dasigen Pfarrei übertragen worden.
Der Pfarrer Koch zu Osterspai ist seines Dienstes entlassen worden.
Den von des Herrn Erblandpostmeisters Fürsten von Thurn und Taris Durchlaucht zu Secre- târen bei dem Postamte zu Wiesbaden prâsentirten Postaccessisten Meyer und Gustav Pfeiffer daselbst sowie den zum Posterpeditor zu Nassau prâ« fentirten Carl Wilhelm Kilp von da, ist die landesherrliche höchste Bestätigung ertheilt worden.
Nichtamtlicher Theil.
W. H. Mehls Werk: „Die bürgerliche Gesellschaft".
(Fortsetzung.)
' „Im Wein ist Wahrheit. Auch eines Volkes geheimste Gedanken belauscht man wohl in den kurzen Augenblicken seligen Trunkenseins, nicht in
den langen nüchternen Tagen deS ruhigen Gewohn- heitSlebenS.
So ein glücklicher Moment des Rausches war daS Jahr 1848. Kommende Geschlechter beneiden gewiß den Cullurforfcher, dem eS damals vergönnt war, mit Mappe und Bleistift zuzuschauen und Skizzen zu Dutzenden für künftige Ausarbeitung aufs Papier zu werfen. Denn ein Rausch des Volkes mag wohl rasch wiederkehren, aber schwerlich ein so gutartiger, der von allen guten und schlechten Geheimnissen deS Volkslebens so arglos den Schleier heben wird. Es sind bereits so viele Eittenzeichner ausgetreten, welche auS den Scenen des Jahres 1848 eineu Höllenbreughel zusammengesetzt haben, warum nicht lieber einen Ostade, ein Bildchen, wo der Wein so recht als ein Verklârer, daö ist ein Klarmacher, auf jedem Lächeln, jedem Blinzeln, sjedem Stirnrunzeln der Zechgenossen leuchtet, und auch der unglückselige Mann nicht fehlt, der seitab sich in den Winkel stiehlt, weil eS ihm übel wird?
In jenem dem Beobachter so günstigen Jahre deS großen VolkSrauscheS konnte man eine zwiefache Erscheinung wahrnehmen. Zuerst, daß sich alle Welt, Rang und Stand vergessend, brüderlich in die Arme fiel — und wer nicht auS dem Seelenjubel der Begeisterung mitmachte, der that eS wenigstens beim Zähneklappern der Furcht. Zum andern aber, daß gleichzeitig der Sondergeist, der Drang nach corporativer Selbstständigkeit der einzelnen Berufe und GesellschaftSgruppen nicht minder gewaltig hervorsprang.
Da sahen wir, wie schon in den ersten Märztagen daS Handwerk sich zusammenschaarte, um sich zu erretten von dem Fluch der schrankenlosen Gewerbefreiheit, der Patentmeisterschaft 2C., UM die Ordnung der gewerblichen Angelegenheiten der Bureaukratie ab und in die eigene Hand zu nehmen. ES wurden hier und dort förmliche Zunft- Ordnungen ertemporirt, nicht von den Regierungen sondern von den Handwerkern selber. Meister- und Gesellenvereine wucherten auf. AlterSmatt gewordene Gewerbevereine gewannen neues Leben. Bei einzelnen Gewerbszweigen wurde die Selbstherrlich- foit der Körperschaft bis zu einem Grade ausgedehnt, daß der Staat nicht mehr ruhig zusehen konnte. Ich erinnere nur an die Buchdruckergehülfen, welche mit ihrer straffen corporativen Organi- sation im Sommer 1848 der norddeutschen Polizei nicht wenig Kummer bereitet haben. Man nannte aber, beiläufig bemerkt, diese Fanatiker deS Corpora- tionSwesenS rabical, nicht reaktionär.
DaS Arbeiterproletariat schaarte sich zu umfassenden Vereinen mit klar ausgesprochener socialer Tendenz, um seine Rechte als „Stand" kämpfend. Eigene Arbeiterzeitungen wurden gegründet.
Die Schullehrer wie die Geistlichen gruppirten sich zu besonderen Vereinen, hielten Versammlungen ab, stifteten Schulzeitungen, Kirchenzeitungen. Jeder wollte daS Interesse seines Standes und Berufes wahren und festigen. Die Kirche machte von dem Vereinsrecht den großartigsten Gebrauch. Der Katholicismus gewann durch das musterhaft organi- sirte Vereinswesen eine sociale Macht, wie er sie, wenigstens in den Ländern gemischten Glaubens, vielleicht seit der Reformation nicht mehr besessen hatte. ES wurden auch kirchliche VereinSzeitungen geschaffen neben den eigentlichen Kirchenzeitungen. Ueberall Sonderung, überall eine ganz von selbst entstehende Gruppirung, Gliederung der Gesellschaft. Ja die Lust an corporativer Selbstverwaltung aller möglichen Angelegenheiten überstürzte sich bis zum Unsinn, und mancher sonst arbeitsame Bürgersmann ist dazumal vor lauter Corporation, ftân* bifchem Selfgovernment unb Vereinswesen ein Lump geworden.
Die freie Gemeindeverfassung, waS ist sie in ihren wichtigsten Paragraphen anders als daS Recht der korporativen Sondernng vom socialen Gebiet aufs politische übertragen? DaS Recht, die eigenen Angelegenheiten deS GcmeinbehauShalteS selber zu orbuen, daS Recht der Gemeinde demjenigen die Niederlassung zu wehren, den sie für ein verderbliches Subject hielt, wie eS im Mittelalter die Städte besaßen, beanspruchte jetzt jedes Dorf. Ich habe nicht gehört, daß irgendwo in der Weise Mißbrauch von der freien Gemeindeverfassung gemacht worden wäre, daß eine Gemeinde ihre Thore dem
Zuzug jedes Straßenläufers geöffnet hätte, wohl aber gar häufig umgekehrt, daß die freie Gemeinde in engherzigem Sondergeist auch dem tüchtigsten Einwanderer die Niederlassung versagte.
Die Bürger der Städte, der eigentliche Mittelstand, thaten sich zusammen in bürgervereinen, konstitutionellen Vereinen, Vereinen für Gesetz und Ordnung u. dgl. Es war in der Regel nicht ge? geradezu ausgesprochen, daß diese Vereine das korporative Interesse deS BürgerstandeS als solchen vertreten sollten. In der Thal und Wahrheit thaten sie dieß aber doch, und wesentlich nur dies. Absichtslos bekundete sich hier der Sondergeist deS BürgerthumS nur um fo auffallender.
Die Aristokratie wurde schon durch die Bedrängniß der Zeit zu strafferem Zusammenhalten getrieben.
Die Bauern allein versuchten, keine neuen Cor- porationen zu gründen, weil sie glücklicherweise noch in dem beneidenSwerthen Zustande leben, daß sie von allen Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft am vortrefflichsten korporativ organisirt find, ohne eS selber recht zu wissen.
In all diesen Erscheinungen lag eine Wahrheit, jene naive Wahrheit', welche auS dem Rausche spricht. ES war den Leuten nicht von [oben her commandirt worden , sich nach Standes- und Be- rufSintereffen in Vereinen zusammenzuthun, sie waren ganz von selber auf den Einfall gekommen, der Instinkt deS fessellosen Volkes hatte die Wahrheit entdeckt und auSgebeutet, daß nur auS der gesonderten Pflege der Individuellen die allgemeine Größe hervorsteige.
ES würde zu einem staunenswerthen Resultat führen, wenn man daS alles zufammcnstellen könnte, waS namentlich der deutsche Gewerdestand seit 1848 zur corporativen Gcsammtverbindlichkcit deS bedräng, len Handwerkes gethan hat. ES war der in der Nation webende Sonkergeist, welcher gerade da, wo das Volk sich in seiner Natürlichkeit zeigte am meisten sich gehen ließ und nach eigenem Gutdünken wirthschaftete, am entschiedensten hervorbrach. Diese wichtige Thatsache wird man nicht aniasten können.
Aber freilich war auch gleichzeitig dem Eini- gungStriebe keine Schranke gestellt. Man gab sich unbefangen den Sonderiuteressen von Stand und Beruf hin, weil man vie Sonderungen deS Ranges ein für allemal aufgehoben wähnte. Man fühlte sich einig als Nation, und nahm es darum für un, verfänglich, sich in den socialen Sonderinteressen ganz gründlich zu vereinzeln. Man fühlte sich gleich und einig in der Bildung, denn Keiner glaubte an politischer Reise dem Andern nachzustehen und jeder Eckensteher war ein Staatsmann; darum wahrte man um so eifriger den Vortheil der einzelnen ab* geschlossenen Stufen der bürgerlichen Eristenz sammt der damit verknüpften Mannichfaltigkeit der speciellen Bildung. Hätte man freilich den Leuten laut gesagt, daß sie durch ihr VereinSwesen rc. lediglich den unvertilgbaren Trieb zur ständischen Gliederung bekundeten, so würden sie einem die Fenster einge» worfen haben. Daß sie unbewußt dem Sonder, geiste im Volksleben ihre Huldigung darbrachten, macht darum diese Huldigung selbst nicht bedeutungsloser.
Die strenge Scheidung der alten GesellschaftS« gruppen ist durch den Einfluß einer immer mehr sich verallgemeinernden Geistesbildung, durch die Macht deS modernen JndustriewefenS, durch die staatsrechtliche Anerkennung eines gleichberechtigten und gleichverpflichteten allgemeinen StaatSbürger- thumS so gründlich aufgehoben worden, daß man für die Bedeutung deS socialen Einigungstriebes in unserer Zeit nicht erst den Beweis anzutreten braucht. In einer Epoche, wo der Adel die sociale Hegemonie in Händen hatte, zweifelte Niemand an der ständischen Gliederung der Geselllchaft; so zweifelt jetzt, wo dem Bürgerstande die entscheidendste Stellung im socialen Leben zugefallen ist, Niemand an dem Gemeinbewußtsein, an der höhern Einheit aller Gesellschaftsgruppen. Aber gerade darum ist eS jetzt um so nothwendiger, darauf aufmerksam zu machen, daß auch der sociale Sondergeist durchaus nicht er- loschen, daß er nur in die zweite Linie getreten ist, daß er statt der alten Bildungen neue geschaffen hat, und wahrlich als ein vollwichtiger Factor in der socialen Politik die höchste Beachtung verdient.^ (Schluß folgt.)