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Nassauische Allgemeine Zeitung.

«1£ 264» Sonntag den 9» November 1831

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PrânumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

H. W. Riehl's Werk:Die bürgerliche Gesell­schaft.

Deutschland. Aus dem EngerSgau (Kannenbäckerei).

Herborn (Unglücksfall). Frankfurt (Die Gen« tralpolizei). Kassel (Verurtheilungen). Ulm (Be­schluß der Handelskammer). Detmold (Der Landtag).

Dresden (Glasbrenner. Städtische Gerichtsbarkeit).

Han nover (Geschenk). Berlin (Die New-Borker Industrieausstellung. Die Zolleinigung. Militärisches Ver­gehen. Vermischtes). Bremen (Dulon). AuS Holstein (Das Contingent. Die Erbfolge). Wien Fürst Ghika. Haynau. v. Koller. Die türkische Bank). Triest (Admiral Parker. Die Marine).

Frankreich. Paris (Die Botschaft. Die Bureaur. Marpat. Der Kriegsminister. Interpellationen. Die Legislative. Vermischtes).

Portugal. Lissabon (Wahl).

Großbritannien. London (Koffuth. Die AuSstellungS- Eommissäre).

Türkei. Konstantinopel (Die Ministerkrists. Die Suez- Eisenbahn).

Amerika. New-Bork (Kossuth-EnthufiaSmus).

Neueste Nachrichten.

W. H. Riehl's Werk:Die bürger­

liche Gesellschaft".

(Fortsetzung.)

Oesterreich hat keine so scharf gezeichnete Ver­gangenheit einer socialen Politik hinter sich liegen wie Preußen. ES ist darum auch nicht gleich die­sem hier aus den äußersten Punkte der Entscheidung gedrängt. Weder in dem persönlichen Bekenntniß der Regierenden noch in per Stimmung der Bevölke- rung sanden die beiden social-politischen Hauptpar- teien so bestimmte Anlehnungspunkte wie bei Preu, ßen. Nichtsdestoweniger spielt bei der Abneigung der streng constitutionellen Partei NorbdeutschlandS f egen den Gesammtelntritt Oesterreichs in den deut, chen Bund das social-politische Bedenken wenigstens negativ seine Rolle. Denn daS Eine wußte man doch bestimmt, daß Oesterreich durch Natur, Bildung und Geschichte seiner Völker gezwungen ist, eine so straffe sociale Centralisirung des allgemeinen StaatS- dürgerthumS nicht eintreten zu lassen, wie dieselbe in Preußen durch daS lange auSgleichende Wirken des bureaukratischen Regiments allerdings zur Mög­lichkeit geworden ist. Andererseits begrüßten die Freunde einer aus dem Materiellen sich Heraufar- beitenden socialen Reform um so lauter die Fort­schritte in der Ordnung der Gemeindeangelegenheiten in Oesterreich, in der Uniformirung der Justiz, in bet Grundentlastung und vor allen Dingen die Be- strebungen deS .österreichischen Handelsministeriums durch eine großartige, dem Handel und der Industrie zugewandte Gunst den Bürgerstanv zu Freiheit und Selbstständigkeit zu heben. Sie hielten sich durch diese Thatsachen zu der Hoffnung berechtigt, daß Oesterreichs Staatsmänner begriffen hätten, wo ihres Landes Zukunft liege, daß sie es für Oester­reichs Beruf erkannt, da anzufangen, wo Preußen aufgehört, nämlich die Gesellschaft wieder in ihr Recht einzusetzen, nicht mehr über, sondern neben dem Staat und eine neue sociale Politik aus der möglichst eigenthümlichen Durchbildung deS Bauern­thums, deS BürgerthumS, der Grundaristokratie heraus zu schaffen, ohne dabei in das für Preußen weit näher gerückte Ertrem einer altständischen Re­stauration zu verfallen.

So wirkte daS sociale Motiv bestimmend auf alle politischen Parteien, und kreuzte und zerbröckelte dieselben dabei zur wunderlichsten Verwirrung. Die social - demokratische Partei aber, welche weder auf Preußen noch auf Oesterreich hoffte, stand zur Seite und rieb sich bei ihrer Neutralität schadenfroh die Hände. ES hätte den gemäßigten Männern dieser Richtung nichts im Wege gestanden, sich mit den Liberal-Constitutionellen zu verbinden, wenn die Verschiedenheit der socialen, Weltanschauung nicht zur unübersteiglichen'Kluft für beide geworden wäre.

Weit leichter läßt eS sich annehmen, daß einer die politische Partei auS reiner, freier Ueberzeugung wechsle, als daß er sein sociales GlaubenSbekennt- niß umtausche. Denn daö letztere ist nicht bloß ein

Product deS verständigen Urtheils, eS ist unS zur f miste angeboren, mit Abkunft, Erziehung, Welt- ellung untrennbar verwachsen. Man sollte darum gerade hier nicht so rasch sein, dem Gegner niedrige Beweggründe unterzuschieben, denn bet der Beur­theilung socialer Zustände ist ein jeder zugleich Richter in eigener Sache.

Die politischen Maßregeln unserer jüngsten revolutionären Krisis sind nach Ablauf weniger Jahre zu Hunderten wieder in Nichts zerronnen. Es hat sich als viel leichter erwiesen, zwei, drei neue Verfassungen in einem Athem hinter einander einzuführen, als eine einzige Maßregel socialer Na­tur, wie beispielsweise die auf eine höhere gewerk- litte Selbstständigkeit deS Handwerkerstandes, auf Entlastung deS GrundeigenthumS rc. zielenden Re formen, wieder rückgängig zu machen.

Darum ist unS nicht leicht eine ärgere politische Ketzerei vorgekommen , als wenn wir Männer, die für staatSklug gelten wollten, in den Kammern und der Presse solche Maßregeln, die den nächsten wenn auch scheinbar noch so geringfügigen In­teressen der bürgerlichen Gesellschaft galten, für klein­lich auSschreien hörten, gegenüber den lärmenden Debatten der formellen Politik. Auch die kleinste Maßregel zur Hebung der Selbstständigkeit der bürgerlichen Gesellschaft neben der StaatSgesellschaft ist groß, und wer die wenn auch noch so bescheidene Pflege der gesellschaftlichen Interessen gering an­sieht, der begehet eine Todsünde wider den Geist der Zeit."

So weit reicht daS erste Capitel der Ein­leitung, welches wir in seiner ganzen Ausdehnung gebracht haben, weil eS die Grundzüge für die Nutzanwendung liefert die auS dem Buche zu ziehen ist, und Die der Verfasser gezogen haben will. Er zeigt in den unS am nächsten liegenden Zeitfragen somit in dem eindringlichsten und faßlichsten Bei­spiele den Einfluß der socialen Politik, er zeigt, daß diese aus dem Grundgedanken hervorgehe, der zwi­schen der bürgerlichen und der politischen Gesellschaft unterscheidet. Indem er unS die Hauptelemente der bürgerlichen Gesellschaft, ihr Wesen, die Richtung ihrer Thätigkeit, ihr wechselseitiges Verhältniß schil­dert , richtet er unseren Blick auf daS Räderwerk eines perpetuum mobile, daS eben so unbegränzt ist in der Zeitdauer seiner Thätigkeit wie im Raume, den eS füllt, durchdringt und gestaltet; auf Gegen­sätze, die ewig bestehen und einander ewig be­kämpfen. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Uu» wandelbare- , eS ändert sich in ihr höchstens die Gruppeneintheilung. Jede sociale Umwälzung bringt nur eine andere KrystallisationSform. Die Spuren der früheren socialen Umwälzung stehen mit den Grundbedingungen der zukünftigen in Wechselbe­ziehung. Die Schilderung der jetzt bestehenden Grup­pen gibt unS die Anhaltspunkte, die Kräfte der Ein­zelnen zu messen, die Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit oder Gewißheit einer Bewegung, eines Kampfes, den AuSgang desselben zu beurtheilen, kurz, sociale Po­litik zu treiben, somit daS im Leben und auf daS Leben anzuwenden, was wir durch unsere Beobachtung oder wenn wir unS unserem scharfblickenden Führer anverlrauen wollen, auS Riehl's Buch, lernen.

Daß Riehl nur die gesellschaftlichen Gruppen deS deutschen Volkes schildert, beeinträchtigt die allge­meine Giltigkeit, die «oSmopolitische Bedeutung deö BucheS durchaus nicht, die Elemente der bürgerlichen Gesellschaft sind besonders bei so allgemein gehal­tenen EintheilungSgründen wie, Bewegung und Ruhe, überall dieselben, die hier zu machenden Wahr­nehmungen, hier und anderwärts anwendbar, daS Wesen ist eines, die Physiognomie eine verschiedene. Für den Deutschen gewinnt aber dadurch daS Buch ein doppeltes Interesse, eS hat den Werth einer wissenschaftlichen Abhandlung und athmet zugleich die wohlchuende Frische deS überall ihm mit be­sonnten Zügen entgegentretenden Lebens, aus dem eS geschöpft ist.

Riehl bezeichnet die Aufhebung deS Faustrech. teS und die Reformation als sociale Wendepunete, als so.chen oder vielmehr alS einen Anstoß zu einem solchen muß ihm auch die Bewegung der letzten Jahre gelten und er überblickt in dem zweiten Ca­pitel die Anstrengungen der einzelnen socialen Ele­mente, die Rückwirkung deSTraumcS von politischer Freiheit auf die bürgerliche Gesellschaft, .auf die Aeußerungen deSSondergeisteS und des Einig­

ungStriebeS im deutschen Volke". Wir wollen auS demselben die interessanten geschichtlichen gruppen­weise geordneten Thatsachen hervorheben.

(Fortsetzung folgt.)

Deutschland.

AuS dem Engersgau, Anfang November. Die Thonbäckerei erreicht eine vorzügliche Blühte im sogenanntenKannenbäckerland", welches im Ganzen den südlichen Theil deS thonbackenden Di­stricts bildet. ES werden hier nicht allein die Ge­fäße gebacken, welche man insgemein Kannen nennt, und von denen die Bierkannen weithin verführt werden, sondern auch die großbauchigten Krüge, welche vorzüglich zur Aufbewahrung des Wassers, sowie vieler Spirituosen dienen, und Töpfe und Gefäße aller Art. Ins Kannenbäckerland gehört auch die Pfeisenbäckerei. Ein ausgedehnter Zweig der Kannenbäckerei ist die Fabrikation von Senf, töpfen, welche weithin versendet werden. Bekannt ist, daß sich die Butter ausgezeichnet gut in diesem sogenanntensteinernen Geschirr" hält, und man daher auch selbst Butterdosen auS diesem Material auf vornehmen Tischen findet, waS gewiß noch häu­figer vorkommen wird, wenn man sich bestrebt, die­sen Gefäßen eine edlere Form und weniger augen­beleidigende Zeichnungen angedeihen zu lassen. Einen höheren Aufschwung nimmt neuerdings die Fabri­kation von Bierkannen, für welche besonders daS Baierland einen vortrefflichen Markt bildet. Man versteht eS, diesen Bierkannen eine gelblichbräunliche Färbung zu geben, sodaß sie wie Helle Bronce auS- sehen. Man begnügt sich aber nicht mehr mit der einfachen glatten Außenseite, sondern preßt in Re­lief Die, mannigfachen Bilder darauf; gothische Kirchen, Jagdstücke rc., deren Formen man meist auS Baiern bezieht. Die Erkenntniß, daß man nach schönen Formen streben müsse, ist ziemlich allgemein erwacht. Der junge Kannenbäcker Herr Thewalt in Höhr, welcher die WeltindustrieauSstcllung be­suchte, hat besonders die Nothwendigkeit eines tüch­tigen Modelleurs für daS Kannenbäckerland erkannt und eS ist zu hoffen, daß ein solcher bald angestellt werden könne. Thewalt ist eS in der Welthalle zum Bewußtsein gekommen, wieviel man noch auS der heimischen Thonerde machen kann. In ähnlicher Weise haben andere junge Leute auS der Welthalle wohlthätige Anregungen für die Thonbäckerei mit nach Hause gebracht, welche auch bereits bei den zurückgebliebenen Genossen vielfachen Anklang ge­funden haben. Interessant ist zu sehen, mit welcher Schnelligkeit der weibliche Theil der HauS- genossenschaft der Kannenbäcker die meist blauen Zeichnungen auf die steinernen Töpfe und Krüge auftragen. ES ist gewiß eine erfreuliche Erschei­nung , daß auf diese Weise sich die ganze Familie an dem Geschäft beteiligt. Im ganzen Hause ist Niemand müßig. Wie stumpf und träge ist dage­gen eine rein ackerbautreibende Bevölkerung. Die Industrie weckt alle Kräfte und lehrt erst Den hohen Werth der Zeit kennen. Die Zeichnungen auf dem steinernen Geschirr lassen, wie schon häufig bemerkt worden ist, noch viel zu wünschen übrig. DaS Al­terthum hat unS gelehrt, daß man auch in aller Schnelligkeit auf gebrannte Erde gute Bilder auf­tragen kann. Nach einiger Schule kostet eS nicht mehr Zeit, eine gefällige Zeichnung hinzuwerfen, als nur mit Farben zu klecksen. In dieser Beziehung ist viel von der zu errichtenden Gewerbschule zu er­warten, deren Lehrer auch den jungen Mädchen, welche schon so viele Anstelligkeit für die edle Ma­lerkunst zeigen, Gelegenheit geben müssen, sich im Zeichnen zu vervollkommnen. Unser ohnehin schon so wichtiger Industriezweig wird auf allen Welt­märkten hierdurch unendlich gewinnen. Bei Dem innigen Zusammenhang deS Guten mit dem Schö­nen wird das gestimmte geistige Leben der Bevölke- rung gewinnen.

P Herborn, 7. Nov. Gestern Abend kam daS Pferd des hiesigen Landjäger-WachtmeisterS Klein­schmidt ohne Reiter in die Stadt zurück, und wurde auch alsbald der Wachtmeister auf der Chaussee zwischen hier und Burg bewußtlos liegend gefun­den und in seine Wohnung gebracht. Soviel bis