MsMchc Mg«im Zeitung.
Jtë 262 Freitag den 7. November 185L
Die Nass. Allg. Zeitung mit demWanderer erscheint einmal täglichmit Ausnahme deS Sonntags.— Der vierteljährige PränumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang deS HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürfteNthumS Hessen, der Landgraffchajt Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSfchen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. ber-chnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
H. W. Riehl's Werk: „Die bürgerliche Gesellschaft.
Deutschland. Wiesbaden (Aufforderung). — Vom Eingänge ins blaue Ländchen (Weinlese. Vermischtes).— Weilburg (Gemeinderathsbeschluß). — Aus dem EngerSgau (Allgemeine Beziehungen der Thonbäckerei). — Bingen (Der Eisensteinbau). — Koblenz (Rheinzölle). — Koburg (Die Vereinigungsfrage). — Aus dem Anh alt scheu (Die Grundrechte). — Weimar (Offener Brief). — Berlin (Die dänische Frage. Finanzen. Widerlegungen. Die stenographischen Bericht« Die Kündigung deS Zollvereins), — Altona (Verpflegungsgelder. Das holsteinische Gentingens). — Wien (Großfürst Constantin).
Frankreich. Paris (Die Abgeordneten. Carlier. Die Botschaft des Präsidenten. Bakunin. Vermischtes).
Großbritannien. London (Koffuth. Aus Lissabon).
Italien. Mailand (Kirchenraub. Die Protestanten). — Venedig- (Verurtheilungen. Waffenverheimlichung).
Griechenland. Athen (Absetzung eines Deputirten). Aegypten. Alexandrien (Die Armee. Die Marine. Ueberschwemmung).
Amerika. New-Bork (Die Cubaangelegenheit. Koffuth. Urquiza).
Neueste Nachrichten.
W. H. Riehl's Werk: „Die bürger- liche Gesellschaft".
* Von W. H. Riehl, dem geistreichen Publi, eisten, auf den Nassau mit particularistischem Vorrecht stolz sein kann, ist so eben ein neues größeres Werk: „Die bürgerliche Gesellschaft", in Stuttgart und Tübingen im Verlag der Evtta'schen Buchhand, lung erschienen. Er behandelt in demselben die sdciale Frage der Gegenwart mit besonderer Rück, sicht auf daS deutsche Volksleben, das er mit treuer und liebevoller Hingabe zu einem Gegenstand feiner LieblingSstuvien gemacht und daS er in seinen tief» sten Tiefen erfaßt und erkannt zu haben sich rühmen kann. W. H. Riehl besitzt einen klaren, durch Parteifärbung selten getrübten Blick, strenggliedernde und sondernde Verstandesschärfe, eine auSgebilkele Combinationsgabe und die nicht jedem, wenn gleich noch so scharfsichtigen Beobachter eigenthümliche Fähigkeit zu generalisiren, einzelne Thatsachen, Wahrnehmungen auf ein allgemeines Axiom zurück« zuführen, für einzelne anscheinend regellose Erscheinungen einen gemeinschaftlichen Berührungspunkt aufzufinden, sie aus einem allen gemeinsamen Grunde zu erklären, während er die Spuren des Gemeinsamen, deS UklypuS der Classe, der Gattung, deS auf irgend einen und denselben Boden Zusammengestellten biS in die größten Einzelnheiten, bis in die verzweigteste Thätigkeit eines selbst geschaffenen Mikrokosmus hinein nachzuweisen vermag, so daß bei seinen Schilderungen stetS die organische Gliederung den Einzelnheiten einen für den Denker willkommenen, ihn angenehm anregenden Hinter« gründ bietet , die Einzelnheiten der spekulativen transcendentalen Begriffsbestimmung Leben und plastische Rundung verleihen. Rechnen wir hiezu die ausnehmende Geschicklichkeit, den Gegenstand seiner Betrachtungen von den verschiedenartigsten Seiten zu erfassen, zu beleuchten; die Meisterschaft, seinen Gebankenreichthum in Worte zu kleiden, seinen leichten fließenden Styl , so müssen wir unS gestehen, daß wir nur mit dem größten Interesse ein Buch zur Hand nahmen, das einen Gegenstand behandelt, der an sich anziehend, durch Riehl's B-handlungS- weise noch gewinnen muß, der ihm daS weiteste Feld öffnet, alle Vorzüge seiner Auffassung und Darstellung geltend zu machen. Wir müssen aber auch gestehen, daß Riehl's Buch alle diese Er, Wartungen noch weit übertroffen hat.
Schon die systematische Eimheilung deS Bu« cheS, der innere Haushalt desselben offenbart den scharfen Denker. Riehl stellt die beiden Gegensätze: Bewegung und Ruhe, Kraft und Trägheit der Masse, die Mächte deS socialen Beharrens und der socialen Bewegung einander gegenüber, in diesen Gegensätzen findet er die Faktoren, die auf die Lö
sung der socialen Fragen einwirken, die alle Phasen derselben erklären. Unter die Mächte deS socialen Beharrens rechnet er den Bauernstand, und die Aristokratie, die schwerbewegliche Masse deS BodenS und der verrotteten krystalisirten Privilegien; unter die Mächte der socialen Bewegung die Bürger und »aS Proletariat, die Beweglichkeit der Eitelkeit und der Eifersucht, den Drang, vorwärts zu schreiten und daS Bemühen, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.
Diese einfache und doch alles subsumirende Eintheilung gibt ihm die vier Abschnitte seiner zwei Bücher, denen er in der Einleitung drei Capitel über die Zeichen der Zeit, den Sondergeist und Ei- nigungSlrleb im deutschen Volksleben, die Wissenschaft vom Volke alS das Urkunbcnbuch der socialen Politik voranschickt. Die Einleitung liefert die Grunvzüge, den leitenden Faden, der sich durch daS ganze Werk hinzieht.
Wir können vorläufig daS Werk nicht besser empfehlen, als wenn wir einiges daraus, zuerst einiges aus der Einleitung mitiheilen. Wir werden reichen Stoff darin zur Besprechung finden.
Zeichen der Zeit. AIS Kaiser Maximilian I. im Wendepuncte der alten und neuen Zeit einen Reichstag auf den andern berief, um viel wichtige Reformen der deutschen ReichSverfassung zu projectiren, einige auch durchzuführen, da mochte den meisten zweifellos erscheinen, es sei der Schwerpunkt der Kämpfe einer bereits ahndungSvoll bewegten Gegenwart auch für eine unabsehbare Zukunft in diesen Ring deS neu sich aufraffenden Ver, fassungSlebenS festgebannt. Und doch bedurfte eS nur eines kleinen Anstoßes nach kleiner Frist und der welterfchütternde Geistersturm brach auf einer ganz andern Seite los: dir entscheidende That Luthers durchzuckte die Welt, und mit diesem Einen Schlage war alle Voraussicht der StaatSweiSheit betrogen; — die gefürchtete politische Umwälzung ward zu einer kirchlich-religiösen, verbunden mit einer bürgerlich-socialen. Neue, kaum geahnte Lebensmächte rückten in den Vordergrund, neue Menschen, neue Götter. Die neue Welt war über die Träumer gekommen wie der Dieb in der Nacht.
Auch wir stehen im Wendepuncte einer alten und neuen Zeit; wir sind gleich unsern Vorvätern am AuSgange deS Mittelalters seit einer Reihe von Jahren gewohnt, die großen und kleinen VerfaffungS« kämpfe als den Schwerpunkt unsers öffentlichen Lebens anzusehen. An die Neubildung einer Ge- sammtversaffung Deutschlands knüpften sich seit 1848 die kühnsten Hoffnungen, wie später die bittersten Enttäuschungen, lauter Jubel und ftilleSZähncknir> scheu, die volle Gunst, der volle Haß der Parteien. Wie war eS möglich, daß auf so viel glnthheiße Leidenschaft so rasch die kalte Entsagung gefolgt ist? DaS gemahnt an jenen Vorabend der Reformation. Die Wogen werden auch dießmal nicht auf dem Punct durchbrechen, auf welchen aller Augen gerichtet waren. Seitab dem politischen Leben im engeren Sinne liegt jetzt daS sociale Leben, wie vor vierthalbhundert Jahren seitab daS kirchliche Leben gelegen hat. Die politischen Parteien beginnen zu resigniren, die socialen Hallen den glimmenden Brand unter der Asche lebendig. Die sociale Reformation wartet auf ihren Luther, über dessen Thesen man die kühnsten Entwürfe eineS deutschen VersaffungS- werkeS, auch Großdeutschland und Kleindeutjchland mitsammen, vergessen wird, Wieman damals ewigen Landfrieden und Reichskammergericht, ja Kaiser und Reich selber über den Wittenberger Augustinermönch vergessen hat. In unsern politischen Kämpfen ist heute oder morgen ein Waffenstillstand möglich; in den socialen wird kein Waffenstillstand, geschweige denn ein Frieden eintreten können, bis längst über unserm und unserer Enkel Grabe GraS gewachsen ist.
Jedes Zeitalter findet ein paar große Wahr- heilen, ein paar allgemeine Sätze, mit denen eS sich feine eigene Welt erobert. Ein solcher Satz ist für unsere Epoche in der folgenschweren Unterscheidung gefunden, daß die „bürgerliche Gesellschaft" durchaus nicht gleichbedeutend fei mit der „politischen Gesellschaft", daß der Begriff der „Gesellschaft" im engeren Sinne, so oft er in der Praxis hinüberleiten mag zu dem Begriffe des StaateS, doch theo relisch von demselben zu trennen sei. Die Emanci- pirunq der GesellschaftSibee von dem Despotismus der SlaatSidee ist das eigenste Besitzthum der Gegenwart, die Quelle von tausenderlei Kampf und
Qual, aber auch die Bürgschaft unserer politischen Zukunst.
Alle Parteien von den Männern deS mittelalterlich ständischen StaatSidealS bis zu den rothen Communisten haben — bewußt oder unbewußt — mitgearbeitet an der Feststellung deS Satzes, daß die bürgerliche Gesellschaft zu unterscheiden sei von der politischen. Nur allein die polizeistaailiche Bureaukratie nicht. Würde sie aushören, diese Unterscheidung zu ignoriren, so würde sie sich selbst in ihrem innersten Wesen vernichten. Darum die auffallende Erscheinung, daß unsere social-politischen Parteien, die in sonst nichts einig sind, einzig und allein sich Bruderschaft geschworen haben in ihrem Haß gegen die Büreaukratie.
Auf dem Grundgedanken, daß zu unterscheiden sei zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der politischen, erbaut sich die „sociale Politik". Der moderne Geist hat sie zu seinem Eigenihum gestempelt. Die beiden extremsten Anschauungen deS öffentlichen Lebens, nämlich die soctal-demokrausche und die ständisch-aristokratische, begegnen sich in dem Punkte, daß beide den Gedanken einer socialen Politik am entschiedensten ausgebildet haben. Die Extreme, nicht deren Vermittelungen und Abschwächungen, signalisiren aber die Zukunft.
Man schaue auf die Zeichen der Zeit.
Will man heutzutage eine Partei, weil trockene Beweisgründe wirkungslos adpcaUen, am Gewissen packen, so geht man ihr mit Kategorien der socialen Politik zu Leibe. Noch vor Kurzem war dem nicht also. Zum Exempel : Die Freihändler schoben den Schutzzöllnern vor der Mârzrevolution inS Gewissen, bald daß sie politische Demagogen, bald baß sic politische Reaktionäre seien. Will die freihändlerische Partei heute einen gleich hohen Trumpf gegen ihre Widersacher auSipiclen, so rückt sie ihnen vor, entweder sie seien Communisten oder umgekehrt Männer eines ständisch-privilegirenden Zunftwesens.
Die allen Gegensätze der Radikalen und Con-- servativen verblassen von Tag zu Tag mehr, die Gegensätze der Proletarier, Bürger, Junker:c. gewinnen dagegen immer frischere Farbe.
Die kleinen Dinge bilden daS Maß für die großen. Ich will solch ein kleines Ding erwähnen. In diesen Wochen erschienen die „Neuen Gespräche" eines berühmten Staatsmannes, deren vornehmster Inhalt auf eine Ueberschau der politischen Parteien in den zuletzt durchgefochtenen Verfassungskämpfen Deutschlands zielt. Die TageSpresse jeglicher Farbe griff sofort einen und denselben Satz deS Buches als den merkwürdigsten, alS den Kernpunkt heraus, hier mit dem Eifer der Genugthuung, dort mit dem Eifer deS AergerS, den Satz: daß die ständische Monarchie gegenwärtig nur noch zu den edlen Wünschen, nicht mehr zu den Möglichkeiten gehöre. Bei dem dämonischen Scharfblick, wechen dem Versaffer die Gegner, bei dem genialen, welchen ihm die Freunde zuschreiben, hatte man im Voraus förmlich gelauert auf feinen Ausspruch in dieser Sache, und die Hast, mit der man überall gerade über den einen Satz herfiel, zeigt, daß derselbe den sensiblen Punkt trifft, in welchem alle Nervenfäden unseres Partei« lebens zusammenlaufen. Nicht die Versassungssra- gen alS solche berühren diesen sensiblen Punkt, son, vern waS hinter ihnen steckt — die sociale Frager (Fortsetzung folgt.)
Deutschland.
* Wiesbaden, 6. Nov. Der Dieser Gemeinde, rath hat, wie bekannt, in einer besonderen Erklärung angezeigt, daß er wegen eineS Artikels über die dortigen Polizeizustände eine Injurienklage gegen die „Nassauische Allgemeine Zeitung" erheben, und daß er s. Z. daS Resultat der gepflogenen Unter# suchungen mittheilen werde. Diese Erklärung, der wir die Aufnahme verweigerten, erschien in der „Freien Zeitung" in Begleitung eines Schmäh-Ar- tikelS, den sich der Diezer Gemeinderath bei irgend Jemanden, der Skandal und Grobheiten auf Bestellung feil zu halten scheint, versassen ließ. Der Versaffer selbst, dem wir in unserer Entgegnung Nnkenntniß ober absichtliches Ignoriren der den Gegenstand unseres Streites entscheidenden Aussprüche berühmter RechtSgelehrten nachgewiesen ha-