Nassauische AllMnne Zeitung.
J2 LSI Donnerstag den 6» November L8SL
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthum« Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen BerwaltungSgebieteS 8 fl. IO kr. — Jnferate werden vie dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man tu Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Zur handelspolitischen Frage der Gegenwart.
Deutschland. Wiesbaden (Erklärung. Orthopädische Anstalt).—AuS dem Herzogthum (Berichtigung).— Höhr (Die Gewerbschule). — Frankfurt (Sitzung der Fachmänner. Die BundeStagSprotolle). — Karlsruhe (Conflict). — AuS Franken (Die Altlutherifchen). — Hannover (Dulon. Befinden des Königs). — Berlin (Der Zollverein. Die,Gerüchte über Mobilmachung. Der pommersche Landtag. Prinz Friedrich von Hessen. Vermischtes). — Au« dem SchleSwigschen (Weisung an die Lehrer). — Wien (Der Großfürst Constantin. Erzherzog Albrecht. Kuranda. Auflösung de« Comer Ge- meinderath«).
Schweiz. Vern (Die Ruhestörungen in Änterlaken).
Frankreich. Pari« (Die Botschaft. Der Tagesbefehl des General Arnaud. Da« Ministerium. Fürst Menzikoff. Michelet. Vermischt«»).
Spanien. ' Madrid (Aufhören der Dürre. Di« königl. Familie. Amnestie).
Großbritannien. London (Die Titelbill. Koffuth).
Italien. Turin (Pros. Nuytz. Lehrfreiheit. Conflict in Florenz).
Neueste Nachrichten.
Zur handelspolitischen Frage der Gegenwart.
X Frankfurt a. M., im November. Wird di« jüngst erfolgte Ankunft des österreichischen De- legirten, Hrn. von Hock, zum hiesigen „Sachverständigen- Eongreffe" an der bisherigen Resultat- und Hoffnungslosigkeit des Letzteren etwas ändern? Wir glauben nicht und wissen wenigstens Anhaltspunkte dafür ganz und gar nicht aufzufinven. Man dachte sich früher, auf Grund von Vorkünvigungen der österreichischen Presse, jener sehr schâtzenSwer- the Herr werde hier mit der Thatsache auftreten, daß vaS mysteriöse Wesen, welches der revivirte und wieder revidlrte neue österreichische Tarif vor- stellt, endlich zu Fleisch und Bein geworden sei, und, wenn auch immer noch eine wenige haltbare, wäre dies doch eine gewisse Unterlage gewesen, um hier etwas Greifbares zu schaffen. Bon dieser Thatsache ist aber, wie man weiß, nicht die Rede, und im Gegentheil scheint sich selbst die Aussicht zu ihr immer mehr zu verlieren. Wir brauchen dies mit all den traurigen Folgen, die sich daran für Oesterreich hängen, nicht erst zu erörtern und fragen: Bedarf es, um bloße BerkehrSerleichterungen zwischen Oesterreich und Deutschland zu Stande zu bringen, wovon seit Kurzem in der „Presse" ganz allein noch, als Zielpunkt des hiesigen sog. Sach verständigen« Kongresses, gesprochen wird, eines Apparats, wie der letztere ist, und kann dies nicht viel einfacher erreicht werden? UnS wenigstens scheint dasselbe nicht im Geringsten zweifelhaft zu sein.
Inzwischen rückt zugleich der Zeitpunkt immer näher, wo der Zollvereins -Kongreß in Berlin zu- sammentreien soll, und wer die Lage der Dinge, wie die Stimmungen in Deutschland nur einigermaßen richtig zu beurtheilen weiß, wird sich sagen müssen, daß auch dieser Kongreß Kritisches, wenn gleich ganz anderer Art'alS der hiesige, in Aussicht stellt *). Thatsache ist, daß der Vertrag zwischen Preußen und Hannover vom 7. September, welcher einen der Hauptgegenstânve seiner Verhandlungen bieten wird, bis dato von Oldenburg, als Mitbe- theiligtrn Hannovers, nicht raiificirt worden ist, daß die Ansichten über solchen unter der Bevölkerung Hannovers sich bemerkbar verschlimmert haben und daß die Hoffnungen, welche bei Abschluß deS Vertrags für ein Heranziehen an denselben von Mecklenburg , den Hansestädten und Schleswig-Holstein gehegt wurden, sich so gut alS ganz verloren haben. Die Bevölkerung deS nördlichen Deutschlands ist einmal Allem, was Schutzzoll heißt, mit klarem Bewußtsem so überaus abhold, daß nie entfernt daran zu denken ist, sie gutwillig unter die Herr
•) Die Oberpostamts-Zeitung meldet so eben auS Berlin, jener Kongreß werde in diesem Jahre nicht mehr zusam- mentreten. DaS mag richtig sein, ist aber immer nur eine Verschiebung der Sache, die an sich unabweisbar ist.
schaft desselben zu bringen. Ebensowohl Thatsache ist aber von der anderen Seite, daß in nicht wenigen Staaten deS Zollvereins daS Hannover zuge, standene bedeutende Prâcipuum Anstoß erregt, und daß dies keinenfallS ohne Grund ist, läßt sich leicht varthun. Wenn die bekannte preußische Denkschrift eines Theils in Zahlen auS verschiedenen Ländern nachweiSt, wie sehr durch eine starke Heruntersetzung der Zölle die Consumtion sich mehrte, so wird eS anderen Theils vollständig unhaltbar, wenn sie annimmt, durch eine verhältnißmâßig noch stärkere Erhöhung der Zölle werde die Consumtion nicht abnehmen und vielmehr bleiben, wie sie ist. ES ist mit der größten Bestimmtheit vorherzusehen, die zwei- bis fünffache Erhöhung der Zölle, welche der Vertrag dem Steuerverein auferlegen will, werd« dessen ConsumtionSkraft bald wesentlich schmälern, und daraus folgt von selbst, daß die ZollvereinS- caffe bei jenem Prâcipuum nur ein wahrhaft ungünstiges Geschäft machen kann. Und nun gar erst, wenn nach der Grundlage dieses PrâcipuumS auch die übrigen deutschen Nordweststaaten, deren Konsumtion von fremden Waaren anerkannt noch weit stärker ist, alS die des Steuervereins, und die am allerwenigsten ohne eine solche Vorbedingung sich anschließrn würden, bedacht werden sollen! So fern der mit dem Zollverein verknüpfte Finanzpunkt für die Staaten desselben überhaupt noch Werth behalten soll, müssen dergleichen in Aussicht kommende starke Schmälerungen, als die vorberegten, nothwendig gerechte Bedenken einflößen, unv auch von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, stellt sich der preußisch-hannöverische Vertrag alS eine etwas forcirt und künstlich, nicht als eine natürlich herbeigeführte Sache dar. Bei dieser Gelegenheit ist zugleich an die bedeutenden Einwendungen zu erinnern , welche die vor etwa 10 Jahren von Hannover gestellte Anforderung auf ein Präcipuum im ganzen Zollverein hervorrief. Besonders eifrig und sehr gewandt wurde diese Anforderung derzeit durch einen Aufsatz in der AugSburger Allgemeinen, den man einem höher stehenden Beamten der Zollver- einSverwaitung in unserer Nähe zuschrieb, bekämpft, und wie sonderbar, daß VaS, waS damals als allgemein richtig anerkannt wurde, es nunmehr nicht mehr sein soll, selbst bis zu dem Punkt, daß jetzt dem Steuerverein eine weit stärkere Vorauszahlung jugestanben wird, als derselbe zu jener Zeit beanspruchte. Mag man über diesen Punkt denken, wie man will, wird jedoch immer gestehen müssen, daß jede solche PrâcipuumSbewiÜigung den Charakter beS Unnatürlichen trägt. Dazu kommt ferner, daß die Einnahme deS Zollvereins ohnehin schon in eine empfindliche Abnahme gerathen ist und eine neue Zunahme derselben sich mit keiner Art von Sicherheit absehen läßt. Auch der Umstand, daß der preußisch-hannöverische Vertrag, wenn er zur Perfektion gelangt, eine neue bedenkliche Zunahme veS Schmuggels in Aussicht stellt, nach welchem Allen wir nur darauf zurückkommen können, daß von der finanziellen Seite jener Vertrag für den Zollverein viel wider sich hat, während wieder von der handelspolitischen und volkswirthschaftlichen Seite ebenderselbe bei den Bewohnern bei nördlichen Deutschlands, wie schon erwähnt, einen zunehmenden Widerwillen erweckt. Sogar findet der letztere mehr und mehr Wiederhalt seit Kurzem in gewichtigen Organen der Presse, die dem Vertrage auS anderen Rücksichten bisher völlig beistimmten, wie z. B. die „Neue Preußische Ztg." (Kreuzzeitung) unb die eS nun als eine dringende Nothwendigkeit hinstellen, daß dem Art. 14 deS Vertrags, welcher weitere Tarifmodificationen Vorbehalt, eine möglichst ausgedehnte Folge verschafft werde. Gewiß ist wenigstens nach allem diesen und noch manchem anderen, was sich mit Grund anführen ließe, daß eS an Stoff zu Dissonanzen für die handelspolitische Zukunst Deutschlands keineswegs fehlt. Man kann sich darüber, wenn man nicht absichtlich die Augen verschließen will, schlechterdings nicht länger täuschen, und um so wichtiger die Frage, wie und auf welche Weise die Dissonanzen gelöst werden können.
Darüber, daß eine materielle Verbindung mit Oesterreich für jetzt durchaus unthunlich unv dieselbe nur als eine Frage der Zukunft, die sich noch gar nicht bemessen läßt, zu betrachten sei, scheint man in Deutschland ziemlich allgemein einverstanden
zu sein, und nur darum handelt eS sich für'S Erste daß Deutschland sich in sich für jenen Zweck einigt, Wie jedoch nicht zu verkennen, ist diese Frage durch den preußisch-Hannöverschen Vertrag in eine ganz neue Sphäre getreten, und eS ist durchaus nöthig, sich dies gehörig klar zu machen. AlS gewiß erscheint, daß der Vertrag, wie er ist, angemessenen Nutzen und wahre Zufriedenheit für keinen Theil herbeiführen könne unv daß eine Aenderung desselben unumgänglich sei, daß er aber selbst in dem Falle nicht ohne wesentliche Folgen für die Zukunft bleiben werde, daß seine Ausführung einstweilen unterbleibt, unv im Hinblick auf alles dieses gelangt man zugleich zu dem wahren Kernpunct der Sache: der Frage über Schutzzoll oder Handelsfreiheit in Deutschland, unter welchen letzteren, wie zur Genüge bekannt, nichts Anderes, als ein durchweg mäßiger Tarif zu verstehen ist. WaS ist die Grundursache der harten finanziellen Opfer, mit welchen der Zollverein durch das hannöversche Präcipuum bedroht wird? Der Schutzzoll und nur er. Ohne dessen Bestehen im Zollverein und bei einem nur einigermaßen gleichen Tarif, würde Hannover gar nicht daran gedacht haben, die betreffende Forderung zu stellen und sich längst gern ohne alle Entschädigung dem Zollverein angeschloffen haben. WaS nährt bei den Bewohnern deS nordwestlichen Deutschlands die stärkste Abneigung, sich dem Zollverein anzuschließen, hält fortwährend die handelspolitische Gesammteinigung Deutschlands zurück, unterhält eine arge Erbitterung unter seinen Bewohnern und bedroht mit unabsehbaren ferneren Verwicklungen? Auch nur der Schutzzoll. WaS schmälert fortwährend die finanziellen Einnahmen deS Zollvereins und behindert denselben, wie daS Beispiel Englands ganz unwiderleglich zeigt, mehr und mehr in jenen vorzuschreiten? Wiederum nur der Schutzzoll. WaS hemmt den Handel, die Ge- sammtprovuctivkraft, den Fortschritt in der Konsumtion und dem Wohlleben Deutschlands? Gleichfalls nur der Schutzzoll. Möge alles dieses, wie noch so manches andere Widrige und Drohende, was sich anoie Frage knüpft, von denjenigen wohl bedacht werben, die ben Regierungen, nur ihres lieben Jch'S wegen, fortwährend anliegen, den Schutzzoll aufrecht zu erhalten. Die Geschichte wird einst schwer über sie richten, wenn sie dabei beharren, und noch um so schwerer, da die Besorgnisse, welche sie ihreS individuellen Interesses wegen hegen, mehr oder weniger unbegründet sind. Geht eS der Gesammtheit besser, wird ihnen ein entsprechender Antheil daran nicht entgehen, und so wenig — um nur ein Beispiel aus der Praxis anzuführen — die Eisenbergwerke Hannovers durch Die Concurrenz der englischen ruinirt worden sind, welche vielmehr nur als ein Mittel gedient hat, jene immer weiter emporzn« bringen, eben so wenig werden in einem gleichen Falle die übrigen Eisengruben Deutschlands ruinirt werden.
Nochmals, man bedenke sehr wohl alles Vorgesagte, um dazu beizutragen, die in Betreff der Erhaltung deS Zollvereins und dessen weiteren Ausdehnung in Aussicht stehenden Dissonanzen zu beseitigen, nicht dazu, sie zu nähren und noch zu vermehren. Dixi et salvavi animam meam.
Deutschland.
* Wiesbaden, 5. Nov. Von dem Herzogs. Nassauischen Landoderschultheißen Hrn. Emming- hauS ist uns nachstehende auch in der gestrigen „Freien Zeitung" erschienene Erklärung zur Veröffentlichung zugekommen:
„Wenn unter E. und H. in der Korrespondenz — Dom Westerwalde, Ende October, in Nr. 257 der „Nassauischen Allgemeinen Zeitung" Emming- hauS und Hehner gemeint sind, so erkläre ich, Angesichts dieser Korrespondenz, deren Einsender so lange für einen ehrlosen Verleumder, bis er unS beweist, was er von unS sagt. — Rennerod, den 3. November 1851."
Wir gestehen, daß unS diese Erklärung überrascht hat. Von Verleumdung kann doch wohl nur dann die Rede sein, wenn Hrn. EmminghauS etwas Ehrenrühriges nachgesagt wäre. Wenn behauptet wird, daß E. unb' H. (Hr. EmminghauS nimmt