Mssamschc Allgemeine Zeitung.
^L 257» Samstag den I November 1851»
Die Raff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme deS Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogtums Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder de-e» Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Palmerston's Note an den Fürsten Castelekcala. Deutschland. Aus dem KreiSamt Höchst (Entgegnung). — Aus dem Kreisamt Nassau (Die Trennung deS Seminars). — Vom Westerwald (Die demokratische Partei). — Frankfurt (Die Unterhandlungen des Herzogs von Augustenburg). — Fulda (Förster). — Heilbro nnZEin Dampfschiff geborsten).— Aus T h ü- ringen (Die Grundrechte). — Hannover (Dullon). — — Köln (Die Rheinbrücke). — Naumburg (Eisenbahn nach Leipzig). — Berlin (BundeScontinqente. Sachverständige. Der König von Hannover. Eentralpolizei). — Kiel (DaS holst. Contingent). — Pra g (Ein neuer Comet). Wien (Donauflottille. Die Telegraphenconferenz).
Schweiz. Bern (Die Rationalrathswahlen. Der Sieg der Radicalen).
Frankreich. Paris (Die neuen Minister. Socialistische Erceffe im Var-Departement. Andeutungen über die Botschaft. Vermischtes).
Großbritannien. London (Kossuth. Reformmeeting. Kinkel).
Italien. Mailand (Die österr. OccupationSarmee in Florenz). — Turin (Farini'S üble Stellung, v. Ramirez neapolitanischer Gesandter. Vermischtes).
Neueste Nachrichten.
Palmerston s Note an den Fürsten Castelcicala.
Wir haben gestern nach Angabe deS „Globe" mitgeiheilt , daß Palmerston'S Note an den Fürsten Castelcicala, die Schrift Gladstone's über neapolitanische Zustände betreffend, in der Form, wie sie zuerst der in Bern erscheinende „Bunb^ gebracht, nicht vollständig sei, und daß die weggebliebenen Stellen die Schroffheit dieser Note bedeutend mildern sollen.
MDie Note des Prinzen Castelcicala, durch welche die erwähnte Antwort Palmerston'S hervorgerufen worden ist, lautet folgendermaßen:
Prinz Castelcicala an Viscount Palmerston.
15, Prince'S- Street, Cavendish-Square, 9. August 1851.
Mylord ! In dem gestrigen Berichte der „Times" über die Sitzung deS Unterhauses habe ich gelesen, daß Ew. Excellenz als Antwort auf eine Interpellation deS Sir D. L. EvanS in Betreff einer gewissen, gegen die Regierung deS Königs, meines erhabenen Gebieters, gerichteten Schrift des Hrn. Gladstone erklärt habe, daß Sie es für Ihre Pflicht gehalten, Exemplare der besagten Schrift den britannischen Gesamten an den verschiedenen europäischen Höfen zu übersenden. Da nun eine auf triftige Documente gegründete Widerlegung der betreffenden Schrift erschienen ist, so gebe ich mir die Ehre, Ew. Excellenz fünfzehn Exemplare derselben zu übersenden, und möchte Sie bitten, diese in derselben Weise zu vertheilen, wie die Broschw ren des Hrn. Gladstone. Der wichtige Grundsatz: Audi et alteram partem, die Gefälligkeit (cor- tesia) Ew. Excellenz und in dem gegenwärtigen Falle noch mehr Ihr Gerechtigkeitssinn lassen mich hoffen, daß Ew. Excellenz dieses mein Gesuch nicht unbescheiden finden wird.
Empfangen Sie rc. Castelcicala.
Nach dem „Globe" lautet Palmerston'S Antwortnote (wir ersuchen, daS Aktenstück, daS wir in Nr. 251 nach dem Berner „Bund" gebracht haben, zu vergleichen. WaS nun in Klammern steht, fehlt in dem früher mitgetheilten unvollständigen Dokumente) wie folgt:
Discount Palmerston an den Prinzen Castelcicala. Auswärtiges Amt, 18. August 1851.
Mein Herr ! Ich habe die Ehre gehabt, Ihr Schreiben vom 9. d. M. zu erhalten, welchem die Abschrift eines Pamphlets, betitelt: „The Neapo- litan Government and Mr. Gladstone“, beigelegt war, mit dem Ansuchen, eS möchten Abschriften dieses Pamphlets an die Gesandten Ihrer Majestät bei den verschiedenen europäischen Höfen übermittelt werden. Ich habe Ihnen hierauf zu erwidern, daß ich eS ablehnen muß, zu der Verbreitung eines Pamphlets beizutragen, ^welches nach meiner Ansicht weder feinem Verfasser noch der Regierung, die er zu vertheidigen sucht, noch endlich der poli
tischen Partei, zu deren Kämpen er sich aufwirft, Ehre macht. (Ich wurde mir nicht die Freiheit genommen haben, mich Ihnen gegenüber in Betreff des Pamphlets des Herrn Gladstone auSzufprechcn, hätten Sie eS nicht durch Ihren Brief vom 9. d. MtS. zu einer Nothwendigkeit für mich gemacht. Auch kann ich Ihnen die Versicherung ertheilen, daß ich Ihnen nur mit Schmerz und Widerstreben meine Meinung über diese Pamphlets und über die Gegenstände, welche sie behandeln, ausspreche. Aber ich fühle, daß ein Schweigen von meiner Seite nach Empfang Ihres Schreibens vom 9. d. falsch ausgelegt werden könnte.) Ich fühle mich demnach gezwungen, zu erklären, daß Herrn Gladstone's Briefe an Lord Aberdeen das bedauerliche Gemälde eimd solchen Systems von Gesetzwidrigkeit, Ungerechtigkeit und Grausamkeit darbieten, welches von den Behörden und Beamten der königlich neapolitanischen Regierung auSgeübt wird, daß nicht hätte erwartet werden dürfen, eS eristire ein solches noch in unseren Tagen in irgend einem Lande Europa'S. Die über diese Angelegenheit auch von anderen Seiten eingegangenen Nachrichten führten unglücklicherweise zu dem Schluffe, daß Herr Gladstone die Uebelstände, die er schildert, auf keine Weise übertreibt. Allein Herrn Gladstone's Briefe sind augenscheinlich nicht, wie das Pamphlet, welches Sie mir übersandten, insinuirt, in einem dem Könige von Neapel feindlichen Geiste oder mit fühlbarer Abneigung gegen die parlamentarische und monarchische Verfassung, welche Se. sicilianische Majestät ihren Unterthanen gewährleistet und mit einem königlichen Eide beschworen hat, geschrieben und veröffentlicht worden-. Im Gegentheil scheint Herr Gladstone vielmehr den freundlichen Zweck gehabt zu haben, die öffentliche Aufmerksamkeit und die Macht der öffentlichen Meinung aus Mißbräuche hinzuleiten, welche, wenn sie länger anbauer» sollten, nothwendiger Weise die Grundlage der neapolitanischen Regierung untergraben und die Bahn zu jenen heftigen Ausbrüchen eröffnen müßten, welche durch die Gefühle einer tief empfundenen, lange dauernden und wut gehenden Ungerechtigkeit früher oder später erzeugt werden. (Man hätte erwarten dürfen, die neapolitanische Regierung werde jene Briefe in dem Geiste aufnehmen, in welchem sie offenbar geschrieben waren, und werde mit Ernst und Eifer daran gehen, jenen vielfachen und schlimmen Uebelstânden abzuhelfen, auf welche ihre Aufmerksamkeit solchergestalt gelenkt worden war. ES liegt auf der Hand, daß sie durch ein selches Verfahren mehr zur Vereitelung der Plane der Revolutionäre und zur Stärkung deS monarchischen Princips im Lande gethan haben würde, als sich durch die größte Energie des wachsamsten Polizei, Ministers erreichen läßt) Aber die neapolitanische Regierung wird übel berathen sein, wenn sie sich einbildet, daß ein dünn gewobenes Pamphlet von nackten Behauptungen und kühnen Abläugnungen, gemischt mit groben Ausfällen und Gemeinplätzen auf öffentliche Charaktere und politische Parteien, der Regierung irgend welchen reellen Dienst leisten oder irgend einen reellen Zweck werde erreichen helfen , den sie dadurch doch zu beabsichtigen scheint; und ich muß zum Schlüsse noch bemerken , daß in Herrn Mac Farlane'S Pamphlet sowohl directe als indirecte Zugeständnisse enthalten sind, welche so weit reichen, daß sie diejenigen Schlüsse, die er zu widerlegen die Absicht hat, vielmehr bestätigen.
Ich bin rc. Palmerston.
Deutschland.
11 Aus dem Kreisamt Höchst, 29. October. Dem Herrn § Corresponbenten „Aus dem Amte Höchst" muß sein Artikel in No. 248 Ihres geschätzten Blattes über die rothe Agitation, welche in mehreren Orten deS Amtes Höchst von einem ausländischen Juden „mit Erfolg" betrieben werden soll, äußerst Wohlgefallen haben, weil er, um daS vom Mainzer Journal dazu gemachte Anhängsel citiren und seine damit übereinstimmende Intention bekunden zu können, Sie veranlaßt hat, jenen geharnischten Artikel in der gestrign Nummer Ihres Blattes nochmals wörtlich abzudrucken.
Daß unter dem denuncirten „polnischen Ju- den" kein anderer verstanden sei, als der frühere |
Reallehrer P. aus Preußisch-Polen, kann in der hiesigen Gegend Niemand bezweifeln, wer nur einigermaßen die Zustände der Jahre 1848 und 1849 und die irgendwie dabei bemerklich gewordenen Personen beobachtet hat. Ohne diesen Rückblick aber bliebe die von dem Herrn 8 Corresponbenten bezeichnete Person ein Räthsel, da seit länger denn Jah, reSsrist ein wühlerisches Treiben deS P. durchaus nicht bemerklich geworden ist, noch weniger aber wahrgenommen werden kann, daß die angekeulete Persönlichkeit einen solchen Einfluß auf die Bewohner „verschiedener Orte" auszuüben vermöge, um seine angeblichen Wühlereien „erfolgreich" nennen zu können.
Wir sind keineswegs ein persönlicher Freund deS P., noch weniger ein Freund der diesem zur Last gelegten Bestrebungen. Dessenungeachtet aber würden unS die in schneller Nachfolge wiederholten Correspondenzartikel, gleich manchem achtbaren Leser Ihres geschätzten Blattes, mit Indignation (?) erfüllt haben, wegen der ungerechtfertigten Verdächtigung nicht nur einer ganz unschädlichen Person, sondern der Bewohner „verschiedener Orte", wo nicht gar der „nassauischen Regierung", (!) wenn nicht diese aus der Luft gegriffene Gespensterseherei unS lächerlich erschienen wäre.
Ob P. ein Jude ist oder nicht, wissen wir nicht, und kann bei dessen beharrlichem Verneinen und bei dem Mangel aller authentischen Notizen durchaus nicht als ausgemacht angenommen werden; thut aber auch nach unserm Dafürhalten gar nichts zur Sache. Auf den Geist der ZwillingS- correfponbenz wirft eS jedoch wahrlich nicht daS schönste Licht, daß man Alles aufzubieten schien, um der beabsichtigten Denunciation durch daS Hervor- heben der — noch zweifelhaften — Confefsion und der Nationalität des P. eine recht gehässige Ausschmückung zu geben. (?)
Hätte der Herr 8Correspondent seine mahnende Stimme vor 2 oder 3 Jahren erhoben, so würbe man ihn wenigstens einer grundlosen Verbächtigung nicht haben beschuldigen können, während jeder Unbefangene einsieht, daß jetzt nur per,änliche Reiben# schäft die Triebfeder war, ihn — gelinvest gesagt — leeres Stroh dreschen zu lassen. Denn zu seiner und deS Mainzer Journals Beruhigung können wir schließlich die Versicherung noch beifügen, daß — wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren haben — P. in seinem eigenen Interesse alle Ursache hat, sich ruhig zu verhalten, indem eS ihm auf die bestimmteste Art bereits vor Jahresfrist angekündigt worden fein soll, daß vie ihm ertheilte Aufenthalts« erlaubniß von seinem Verhalten und namentlich davon abhängig sei, daß er sich auf seine Wirksamkeit als Hauslehrer zu beschränken, dagegen sich jeder Einmischung in öffentliche Händel, wozu auch die gespensterhaft dargestellten „abendlichen Vorlesungen" gehören, zu enthalten habe, und daß ihm die erneuerte AufenthaltSerlaubniß bei dessen Ueber- zug von K. nach Hof R. nur nach vorheriger genauer Erkundigung über sein seitheriges Verhalten und unter wiederholter Einschärfung obiger Verwarnung ertheilt worben sein soll.
*t Aus dem Kreisamte Nassau, 24. October. ES fällt auf, daß eine Verordnung von so durchgreifender Bedeutung, wie die über die Trennung deö SchullehrerseminarS zu Idstein in zwei Seminarien noch keine Besprechung in Ihrem Blatte gefunden hat. Und doch ist seit Jahren vielleicht keine Regierungsmaßregel Gegenstand so vielfacher mündlicher Erörterungen-gewesen, wenigstens nach der Bewegung zu schließen, welche Referent in seinem Kreise zu beobachten Gelegenheit hatte. Der erste Eindruck war der der Ueberraschung: man hatte die Sache nicht so nahe geglaubt; aber man erholte sich bald, und nun ging's ans Disputiren pro et contra. Alle lasen leicht und ohne daß sich Jemand auf seine besondere Epürkraft etwaS eingebildet hätte, zwischen den Zeilen der Verordnung heraus, daß aus der Verlegung der Seminarien, deS einen nach Usingen, deS andern nach Montabaur, eine Trennung nach der Confeision folgen werde, und dieser Umstand gerade liebste der Unterhaltung den meisten Stoff. Die eigentlichen Tadler fanden sich aber nicht bei den Protestanten, auch nicht bei den Katholiken — von beiden meine ich nämlich die, denen eö mit dem Bekenntnisse ihrer