Nassauische Allgemeine Zeitung.
JK 336.
Freitag den 81 Oktober
1S51.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrânumerationSpreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Republik in des Königs Carofsen.
Deutschland. Wiesbaden (Entgegnung, den Höchster Agitator betr.). — Nordenstadt (Der „Hausfreund"».— Eltville (Zustände). — Oberzeuz heim (Berichtigung). — Arolsen (Einberufung des Landtages). — Detmold (Aufhebung der Grundrechte). — München (Dingelstedt). — Dresden (Freiligraths Gedichte verboten). — Berlin (Die Theuerung. Kinkels Flucht. Die nieder ländische Flagge. Prozeß Arnim. Kamincrvorlagen. Die altpreußische Partei, v. Reumont). — Hamburg (Die Mischehen). — Kiel (Franke. Die Bürgerwehr).
— Wien (Fünst Windischgrätz. Die Literaten. Armee- reduction). — Triest (v. Bruck).
Frankreich. Paris (Louis Napoleon. Die Goldbarren- Lotterie. Napoleon Bonaparte als demokratischer Präst- dentschaftskandidat. Das neue Ministerium. Vermischtes). Italien. Mailand (Räubereien). — Turin (Mamiani über das Papstthum). — Rom (Politischer Proceß. Antonelli).
Neueste Nachrichten.
Die Republik in des Königs Caroffen *
(Schluß).
Ungefähr um 10 Uhr Vormittags (des 24. Februar) kam an die königliche Equipagen-Jntendan- tur die Ordre, ungefähr die gleiche Zahl Wagen bereit zu halten, deren man gewöhnlich zu einem Ausflug nach St. Cloud oder Versailles bedurfte. Der Controleur der Equipagen schloß daraus, daß die königliche Familie Paris verlassen wolle, allein da ihm als unmittelbarem Augenzeugen in einer Gegend von Paris, die schon an diesem Morgen das Centrum der Bewegung war — die königlichen Ställe liegen in der unmittelbaren Nähe der Tuilerien und des Louvre, deS PalaiS Royal und deS CarousselplatzeS — daS Außerordentliche dieses Aufstands nicht entging, so hielt e.r die doppelte Zahl Wagen bereit. Auch hier waltete bei der Auswahl der Wagen etwas Ominöses, doch diesmal trug der Zufall die Schuld ,s nicht Tirel'S SarkaS- muS. Denn unter den für den unmittelbaren Gebrauch der königlichen Familie an diesem Tage aus, gewählten Wagen befanden sich auch die „Seine- Jnserieure" und die „ Tamise". Wirklich geschah des Königs Flucht von der Seine -Jnfe- rieure aus (Honfleur, Havre) nach den Ufern der Themse. Wir sehen hieraus, die Weltgeschichte ist noch ironischer alS die Erlakeien der Ermonar- chien! Die Wagen wurden in den Stallhof gezogen, alle complet angeschirrt und Kutscher und Postillone fertig und bereit auf ihre Böcke und Pferde zu sitzen. Anordnung und Führung waren einem jungen Bereiter NamenS Hairon anvertraut. Immer noch nahm die Mehrzahl der königlichen Stallbeamten die Sache leicht; man glaubte an Nichts, denn rings um die Tuilerien standen noch 8 — 10,000 Mann Linientruppen. Man hoffte, die Wagen würden nicht nöthig sein. Auf einmal gegen Mittag „verschwinden die Truppen wie durch Zauber". Eine halbe Stunde später kommt der Befehl, daß die Wagen Vorfahren sollen. Dies geschieht in bester Ordnung , der junge Hairon an der Spitze, in voller Livree und Tressenhut. Ehe die Wagen noch aus dem Hofe sind, steht Tirel einige verdächtige Haufen über den Carousselplatz kommen, und gibt Hairon den Rath, lieber den blauen Ueberrock über die scharlachene StaatS , Livree zu ziehen. „Bah"! entgegnet dieser, „wer soll und Etwas thun ? Wir thun ja Niemandem Etwas. UeberdicS wissen Sie, daß wir den König nie anders, als in der StaatSIivree fahren". DaS große Thor wird geöffnet; die Wagen fahren hinaus. Allein kaum sind die beiden ersten hinaus, als ein bewaffneter Volkshaufe ihnen, entgegenstürmend, den Weg verrennt. Die Thore werden eiligst geschlossen, aber auf die draußen befindlichen Wagen fallen eine Unmasse Schüsse vom Carouffelplatz und den anstoßenden Straßen her. Zwei Wagenpferde stürzen todt zusammen. Zwei andere sind tödtlich verwundet. DaS Pferd des Vorreiters, Hairon, der vorzugsweise die Zielscheibe ist, stürzt nieder von 12 bis 15 Kugeln durchbohrt. Der Reiter selbst ist Nicht getroffen. Er rafft sich so eilig alS möglich
unter seinem todten Gaul auf, und läuft, um Schutz zu finden, nach dem Triumphbogen. Aber ein Wüthender gewinnt ihm den Vorsprung ab, und schießt ihn nieder. Hairon ist auf dem Flecke todt. Der Mörder nimmt ihm seinen goldbetressten Hut und schwingt ihn als Trophäe jauchzend in der Lust. „Anderes Gesindel", setzt Tirel noch hinzu, „läuft herbei und beraubt den Unglücklichen in gräßlicher Eile all seiner Kleider. Den Leichnam bloß noch mit dem Hemd bekleidet, lassen sie in einer Lache von Blut liegen". Die noch gräßlicheren Folgen, die diese Unthat für die königliche Familie selbst haben konnte, verhinderte die Geistesgegenwart des Herzogs von Nemours, der vor der Fronte res TuilerienpalasteS, durch daS große Gitter von der Menge getrennt stehend, Zeuge des blutigen Auftrittes gewesen war. Er schickte augenblicklich drei kleine einspännige Wagen, die glücklicherweise innerhalb deS Gitters standen, nach dem Place Louis XV. ab zur Rettung deS Königs, der schon dort war und auf die Equipagen wartete... Der Mörder Hairon's hieß Lecombe, und soll gleich darauf als Aufseher beim großen Museum angestellt worden fein, unmittelbar unter dessen Fenstern der Mord ftattfand . . . „Nach der Ermordung Hai- ron'S", erzählt unser Pampyletist weiter, „machte sich der Pöbel, „das großherzige und großmüthige Volk", mit fürchterlicher Emsigkeit daran, die beiden Wagen zu zertrümmern. Allein hier stieß er auf harte Nüsse. Die häufigen Attentate auf Ludwig Philipp hatten zu einer ganz neuen und furchtbar festen Construction derjenigen Wagen Veranlassung gegeben, deren er sich für seine Person bediente. Obgleich sie inwendig und auswendig wie andere Galawagen aussahen, so waren eS doch nach deS Pamphletisten Ausdruck wahre „fahrende Festungen". Sie waren bis auf die Fensterpartie vollkommen kugelfest. Trotzdem machte sich ein erbitterter Haufe, angeführt von einer furchtbaren Amazone — der Furie dieser Stunde: dux foemina facti — an ihre Zerstörung. Das Weib war von riesenhaft breitschulteriger Natur und trug über ihrem Weiberrock ein doppeltes Ledergehenk, daran Säbel und Patronentasche; auf dem Kopfe hatte sie einen Soldatenczacko und in der Hand eine Muskete, die sie wie eine Feder regierte, eine wahre Jean d'Arc der Bordelle! Die Glasfenster sammt ihren Fächern waren bald zerschlagen, aber der eisen- durchschiente Rumpf widerstand allen Kolbenschlägen. Von diesem Widerstände überrascht, stopften sie die Wagen voll Stroh, daS sie anzündeten; die Furien-Amazone schwang sich, die Muskete zwischen die Beine nehmend, auf den Kutscherbock, ihr CorpS der Rache spannte sich vor die Deichsel und zog seine SemiramiS, während die Flamme zu beiden Seiten aus dem Wagen schlug, eine Strecke fort. Aber die Wagen wollten immer nicht brennen, obwohl das Strohmaterial mehrmals erneuert ward. Nun wurden Pflastersteine, Eisenstangen, Werkzeuge aller Art angewendet, die Wagenbäuche zu zerschlagen. Vergebens! Da rief die Höllen-Amazone: „In den Fluß mit ihnen, stürzt sie in die Seine". Und so geschah eS; hundert Fäuste schleppten die nicht mehr räderfesten Wagen auf die nächste Brücke, hoben sie mit ungeheurer Anstrengung auf daS Geländer und stürzten sie in den Strom hinab. Darin lagen sie wohl vier bis fünf Monate, bis man sie an einem schönen Morgen herauSfifchte und als alles Eisen verkaufte . . . Ein merkwürdiger Charakterzug der furibunden Menschheit, deS Einzelnen sowohl wie der wüthenden Massen, ist der, daß sie sich in ihrer ZerstörungSwuth allemal zuerst auf daS Porcellan (daS Irdene, Irdische) klemmt. Wie der betrunkene Tagelöhner, nachdem er seine Frau geprügelt, allemal zuerst die Taffen und Töpfe in der Küche zerschlägt, so zerstörte der Februarpöbel im PalaiS Royal und in den Tuilerien nicht weniger alS 45,000 porcellanene Gegenstände, die so reich ornamentirt waren, daß daS von den Scherben gewonnene Gold allein gegen 25,000 Francs an Werth betrug. Die in den Tuilerien und im PalaiS Royal aufgelefenen Krystall-, Spiegel- und Tafel. glaSbrosamen betrugen zusammen an Gewicht: 25 Tonnen. (Die Tonne hat 22 Centner.) Die Frag- mente vom feinsten chinesischen Porcellan gaben allein zehn Karrenladen. O wie Recht hat doch der Dichter, daß AlleS Vergängliche nur ein Gleichniß ist. (L. Bl.)
Deutschland.
t Wiesbaden, 28. October. Der in No. 248 dieser Zeitung „aus dem Amte Höchst" erschienenen Correspondenzartikel über einen den „rothen Messias" verkündigenden „polnischen Juden", der in der heutigen Nummer 253 abermals abgedruckt ist, veranlaßt uns zu folgender kurzen Entgegnung. Erstens ist eS — gelinde gesagt — eine ganz sonderbare Manier, daS zufällige jüdische Bekenntniß eines Menschen auch auf solche Weise , wie eS dem Correspondenten beliebte, an den Pranger stellen zu wollen. (DaS war unseres Wissens auch nicht die Absicht deS Correspondenten. Die Redaction). Zweitens dürste es dem Correspondenten schwer fallen nachzuweisen, daß je ein Jude seinen kommenden Messias als einen rothen verkündigt habe. Drittens hat daS Judenthum die Ehre gar nicht daS betreffende Individuum zu seinen Bekennern zu zählen. — Was endlich viertens die Sache selbst betrifft, so hören wir, daß die in Rede stehenden Vorlesungen durch daS herzogliche KreiSamt zu Höchst sofort untersagt worden sind.
A Nordenstadt, 24. Oct. Unser Nass. allg. Schulblatt hat seit seinem Bestehen schon Manchem ein Aergerniß gegeben, und hier und da mit vollem Recht; doch wir wollen eS lassen, denn nach seinem Programm war daS nicht anders zu erwarten und hat eS doch auch manches Goldkorn gesäet, dem nur zu wünschen wäre, daß cs sechzig-und hundertfältige Früchte brächte in der Lehrerwelt. Anders ist eS mit seiner Beilage, dem allg. nass. Anzeiger und Hausfreund. Das Schulblatt ist für'S Land berechnet, also doch auch der Hausfreund?! WaS denkt nun der Hausfreund in dem Volk auszu« richten? Was sollen seine matte „Unterhaltung und Belehrung", seine marktschreierischen Anpreißun- gen von Roblnson'schem Gehör Oel, erprobter Haar- Tinktur, Essenzial-Melissengeist rc.? Meint kann die Redaction wirklich im Ernst damit dem armen Wolke sich freundlich, zu seinem Nutz und Frommen zu erweisen? könnte sie sich so täuschen, daß sie sich einbildete, so alS rettender, warnender, ermunternder Hausfreund in den Häusern auf dem Lande oder nur in der Stadt zu erscheinen? Und nun gar, wohin ist sie gekommen! No. 35 bringt in dem „Vermischten" die Frage: „Wann ist der jüngste Tag"? Antwort: „Heute ist der jüngste Tag, denn der gestrige ist schon älter". Kann denn die Redaction den Titel ihres Blattes: Hausfreund ansehen und mit der Hand auf dem Herzen sich der Schamrölhe erwehren ? oder ist eS nur ihre Absicht, als armseliger Witzbold Unterhaltung zu bieten ? Ist denn das Freundlichkeit, oder nur einem ernstlich sittlichen Manne zuzutrauen, daß er Frivolitäten dahin bringt, wo sie leider schon zu viel sind? Er heiße sich dann lieber HauS feind, wenn er seinen Lesern nichts anderes zu bieten hat als Abgeschmacktheiten, wenn die Offenbarung ihm dienen muß, um seine Prvfanilät zu kitzeln, und daS dem Glauben Heilige und Unantastbare von ihm zum Spott gehalten werden soll. Dann sieht man doch von vornherein, waS man von ihm zu halten hat. So aber kann man für daS Blatt nur den Wunsch haben, eS möge sich zur ernster Sittlichkeit und wahren Förderung deS Wohles seiner Leser erheben, oder aber den wohlgemeinten Rath hören und befolgen, daß eS vom Schauplatz abtrete, ehe der jüngste Tag über eS kommt, in dem eS alS Holz, Heu und Stoppeln erfunden werden möchte und dann sich selber geschlagen hat.
8f Eltville, 27. Oct. Vor kurzer Zeit brachte die Nass. Allg. Ztg. vom hiesigen Orte die Mittheilung, daß man nächtlicher Weise eine Gruft zer- stört habe; bestände jedoch allein in einer solchen einzelnen Thatsache die Ungesetzlichkeit, welche hier herrscht, so dürften sich die hiesigen Einwohner glücklich schätzen, denn allerortS kommt Unfug vor; allein hierorts gibt eS dessen leider eine Unzahl. ES ist wahrhaft skandalös, wie man hier sich bis nach Mitternacht in den Kneipen herumtreibt und darin und ebenso bei der illuminirten Heimkehr einen Lärmen verführt, daß Jedermann aus feiner Ruhe aufgeschreckt und gestört wird. — Noch ganz jüngst kamen derartige nächtliche Ruhestörungen wieder vor, so daß deS NachtS um 2 Uhr die Land-