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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Jtë 233. Donnerstag den 30. October

1851.

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PrânumerationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Republik in des Königs Carofsen. Deutschland. Wiesbaden (Seidenzucht. Der Gustav- Adolph-Verein. Geschwornenliste). Frankfurt (Ver­mählung der Gräfin von Bergen, v. BlitterSdorff. 17 Frankfurtern der Eintritt nach Baden verboten). Darm­stadt (Den Reh'schen Antrag betr. Ein zum Tod ver- urtheiltes Kammermitglied). Kassel (Verurtheilungen) Lu rem bürg (Kammervertragung). Wittenberg (Die Eisenbahn). Berlin (Rathschläge der N. Pr. Z. Fürst Menzikoff. Spannung mit Hannover. Die Post- conferenz. Vermischtes). Oldenburg (Die Wahlen). Posen (Mobilmachungsgerüchte). Wien (Agio. Offi­ziere nach Antwerpen. Baronin Haynau f. Löhner. Ver­mischtes).

Frankreich. Pjaris (Die Ministerkrists. Carlier. Pal­merstons Note. Die Botschaft des Prâstdenten. Neueste Ministerliste. Vermischtes).

Großbritannien. London (Koffuth).

Italien. Turin (Farini. Prof. Nuhtz. Die Kammern).

Rom (Politischer Proceß. Antonelli).

Türkei. Konstantinopel (Candia. Die Mohabiten). Neueste Nachrichten.

Die Republik in des Königs Caroffen.

Ein etwas burlesk betiteltes Schriftchen deS Hrn. LouiS Tirel, Er-Controleur der Equipagen deS Königs (Ludwig Philipp'S nämlich):

Die Republik in deS Königs Carossen. Ein Triumph ohne Kampf. Scene aus der Revo­lution im Jahr 1848. Paris 1850"

das in Deutschland nicht so bekannt geworden zu sein scheint, als eS in Frankreich halbkomische Sen­sation gemacht hat, liefert höchst interessante Belege zu der komischen Seite jenes politischen Antithesen- thumS, an welchem nun einmal daS 19. Jahrhun­dert so hastig-fieberhaft kränkelt. Aber jede Zeit ist in gewisser Weise der Narr ihrer selbst, und will nach einer Seite hin wenigstens ihrem Narrenfpiel Raum geben.

Während unS Hr. von Montalivet die großen und neuen Thatsachen der vielverkannten Ludwig- Philipp-Oekonomie in ernster Unwiderleglichkeit bar­thut, tischt uns der Er-Controleur der vorfebruar- ließen Equipagen sarkastische Anekdötchen auf, und steht nicht an, in halbgereiztem Polichinell - Humor die gesalbten Häupter deS nachfebruarlichen Provi­soriums , jene Volksheroen, alle welche Frankreich durch die Republik gerettet, trivial und lächerlich zu machen, invem er ihnen nachweist, baß sie sammt und sonders (einige Ausnahmen finden doch statt) schon vom Standpunkt der königlichen Equipagen- controle aus betrachtet, Schuldner und blei- bende jener vielgeschmähten Civilliste sind! Wer heißt euch auch monier dans les carosses du roi, ihr provisorischen Wirthsleute des Königthums I Geht hübsch zu Fuß mit euern Hausfrauen, auch wenn ihr nach dem Umsturz königlicher Dinge Mi­nister geworden seid; requirirt keine Equipagen aus den erköniglichen Remisen, dann seid ihr mindestens sicher davor den Spätzorn dienstenthobener Ercon- troleure auf euch zu laden, welche nun freilich, durch alte Liebe und neuen Haß getrieben, zu Pam- phletisten werden müssen.

Wie Dem sei: wenn auch der gereizte Schalk auS den equipagelichen Details, die uns Louis Tirel bietet, hervorblickt, objectiv-burlesk sind sie doch genug, und können vielleicht, weil das Lächer­liche doch auch seinerseits ans Erhabene streift, auch zu ernstern Betrachtungen Veranlassung geben.

Unmittelbar nach dem Sturz der Königsfamilie übertrug die provisorische Regierung einem ihrer Satelliten die Function eines grand-écuyer der freilich nun nicht mehr legitimen, sondern national eigenthümlich gewordenen Ställe. Laut Autorität deS Herrn Tirel, der noch bis zur nächsten Verwal- tungskrisis in seiner Stellung verblieb, hieß dieser Oberstallmeister beS Provisoriums Belin, und war seines Zeichens Bandagist. Der neue Bandagist-Stall- meister verlor keine Zeit die nova progenies von DolkSstaatSmännern mit Equipagen aus den er- königlichen Ställen zu versorgen, und stellte sofort

41 Wagen und 91 Pferde mit allem nöthigen Zu­behör von Kutschern, Lakaien, Knechten u. s. w. zum täglichen Gebrauch der einzelnen Mitglieder deS Provisoriums und ihrer Familien. Es hatte bisher bei der Verwaltung der königlichen Ställe eine große Pünktlichkeit und Accurateste geherrscht: die Wagen führten, wie die Schiffe, jeder seinen besondern Namen, als z. B. Apollo, Diamant, Herzogin u. f. w., ebenso war cS, wie in allen größern Marställen, mit den Pferden; eS wurde für die tägliche Verwendung jeder Equipage ein ge­naues Register geführt u. f. w. UebrigenS betrug die Gesammtzahl der zur Civilliste gehörigen Wa­gen unter Ludwig Philipp 275, die Zahl der Pferde 360, darunter 202 in Der Normandie und in an dein Provinzen Frankreichs gezogene, 76 englische, 35 deutsche, 15 spanische und 14 arabische Pferde. Man sieht, daß auch in diesem Departement sich die Sparsamkeit Ludwig Philipp'S nicht verleugnete.

Diese sämmtlichen StaatSequipagcn nun waren den neuen repulbikanischcn Staatsmännern zum täglichen Gebrauch gestellt. Tirel hatte sie auf Be­fehl beS écuyer-bandagiste an die einzelnen Re­quirenten zu stellen, wobei ihm selbst jedoch Die Auswahl und Vertheilung der Equipage» überlas, sen blieb. Zuvörderst legt unS nun Tirel die all­gemeine finanzielle Berechnung für den Gebrauch jeder einzelnen Equipage pro Tag nach Maßgabe Der Pariser Lohncquipagenverhältniffe vor. Die tägliche Miethe für eine zweispânnige Equipage be- { trägt in Paris 25 Francs, die für ein gutes Reit« I Pferd 15 Francs. Nach diesem Maßstab liquidirt nun der Ercontroleur weiter so:

Der Bürger Ledru-Rollin hat während der 75 I Tage, wo er am Ruder war, zu seiner regelmäßigen täglichen Verfügung gehabt: 4 Wagen und 18 Wagen- und Reitpferde nebst 10 Dienern.Nie hatte einer von deS Königs Söhnen für sich einen solchen Etat", ruft der Berichterstatter mit Unwil­len auS. Demnach beläuft sich die Summe, die Ledru-Rollin der Civilliste für Vehikeln schuldet, auf 57,750 Francs. Allerdings ein etwas kolossaler Pump für einen so kurzen Volkstribun.

Der Bürger M a r r a st war in seinen cquipaglichen Ansprüchen bei weitem bescheide­ner. DieS ist, äußert sich ein englischer Kritiker malitiöS, erklärlich; Marrast war früher Schul­meister. Bürger Marrast begnügte sich mit einem Wagen und wird dafür von dem Ercontroleur nur mit 2975 Francs belastet. Gerade eben so viel kostet der Civilwagenliste Arago. Der Advocat Ma- rik, allzu kurzen Andenkens, fuhr nicht anders als in zweispänniger Kalesche. Sein Wagen hieß aben­teuerlich genug dieNachteule", und sah wirklich nachtrabenschwarz auS. Bürger Flocon bedurfte regelmäßig zwei Wagen, einen für sich und einen für seine Gemahlin. Der Wagen der Letztern führte den NamenLa duchesse", und die beiden treff­lichen Stuten, die ihn zogen, hießen wunderbar genugPomare" undKalypso". Bei Gelegenheit dieser Equipage, die Madame Flocon mit wahr­haft legitimer Consequenz unweigerlich für sich allein beanspruchte, gibt unS der Ercontroleur folgendes thatsächliche Apercu, malitiöS und burlesk zu­gleich :Ich bin gewiß", so äußert er sich ungefähr, manche von diesen über Nacht zu Ministerinnen aufgeschossenen Bürgerfrauchen, welche die Natur prâdestinirt zu haben schien, eher den Battist zu waschen, den sie trugen, wußten, bevor sie zu der Ehre gelangten, in königlichen Equipagen zu sitzen, nicht mit völliger Genauigkeit ein Cabriolet von einem OmnibuS zu unterscheiden. Eine von diesen Damen befahl gleich am ersten Morgen nach ihrer Standeserhöhung ihren neuen StaatSwagen Schlag 10 Uhr vor ihre Wohnung. Allein ihre Ungeduld, sich im Galawagen figuriren zu sehen, war so groß, daß eS kaum 9 Uhr geschlagen hat, so erscheint sie in Person vor den erköniglichen Ställen in Beglei­tung eines Dienstmädchens, die einen Korb trägt. Die gute Frau Ministerin will jedenfalls auf den Markt fahren ..., und damit sie und ihre Babel die beste Butter nicht versäumen, so ist man über­eingekommen , sich gleich hier an der Quelle einzu­setzen. Eine wunderstattliche Hofequipage fährt vor, und Babel und Ministerin nebst Marktkorb steigen richtig ein. Als der Wagen zurückkommt, verrathen einige unzweifelhafte Fettflecken auf den reichen sei­denen Polsterkissen deutlich, welche Bestimmung daS

cidevant-königliche Fuhrwerk diesmal gehabt, und andere ebenso unzweifelhafte Spuren, Fragmente (débris) von Eßwaaren, die sich auf Dem Fußtep- Pich vorfinden, zeigen, daß Jhro Ercellenz und Babel unterwegs auch ihr gemeinsam-gemüthliches Frühstück gemacht haben". Man sieht : LouiS Tirel ist bc'weilem noch nicht der Mann, die übernäch­tige Bourgeoisie in ihrer populären Legitimität lächer­lich zu machen. DaS lateinische Viertel wird weil anderer Meinung sein und in dieser Fetlfleckenge« schichte einen Zug einfacher Bürgergröße , die an die Stelle deS schwelgerisch - lasterhaften HofluruS die Rückkehr zur ächtrepublikanischen Sitteneinfach­heit setzt, erblicken, ganz nach dem reinsten classi­schen Muster:

... et sibi consul

Ne placeat, curru servus portatur eodem . ..

Mit den Namen der Equipagen, die Tirel den Koryphäen der jungen Republik zur Benutzung stellte, hat eS übrigens eine sehr huricate Bewandt« niß; eS ist damit nicht ganz richtig, obgleich Tirel versichert, daß die wunderbaren Coincidenzen dieser Namen mit den Persönlichkeiten weder eine Farce, noch feine Schuld, sondern reinthalsächlich seien. Thatsächlich mögen sie sein, aber zur Hälfte hat der Ercontroleur der Equipagen die Thatsachen selbst gemacht. Jedenfalls lag ihm auch bei der neuen Ordnung der Dinge sehr daran, seinen Posten zu behaupten; er mochte nicht der schlechteste sein. Wenn der nun auf seiner Equipagenliste so schmeichlerische Namen fand, wie: Doyen, Apollon, Eloile, Pega­sus,, Sincère, Enchanteur, Eclair, Tonnerre rc., so lag die captatio benevolentiae für unsern Equi- pagenmann sehr nahe, diesevoitures" Dupont, Arago, Lamartine (der sich übrigens einmal für allemal die Benutzung von Hofequipagen verbeten hatte) zu widmen, ebenso wie etwa dieDuchesse" oderKalypso" oderSirene" der Madame Flocon. Dies waren selbst für einen Mann der Ställe sehr naheliegende Komplimente.

Später, wie Tirel die Augenscheinlichkeit vor sich hatte, entlassen zu werden, verwandelten sich die Complimente in Malizen, und demEnchanteur", Pegasus" u. s. w. für Lamartine wurde noch ein Mystificateur" und einZig Zag" beigegeben; für Ledru-Rollin fand sich, neben den alten Wagen, apotheosen, noch einBageur", einPoltron", ein Trompeur", einVandale", einHypocrite"; der ci-devantMarquiS" Marrast konnte jetzt einem Pimpant", einemFaquin" unmöglich entgehen, obgleich dieserPimpant" Marrast doch honnet ge­nug gewesen war, die Civilliste der Evuipagen nur um 2975 Francs zu bringen. Am allerschlechtesten kam Cremicur weg, der, obschon mit einem einzigen kleinen Cabriolet zufrieden, sich roch in denCer- beruS" setzen, und von demJudaS" mußte ziehen lassen. UebrigenS ist eS bezeichnend, daß von all den 35 Männern, die damals daS exclusive CorpS der StaatSadministration bildeten, nur Einer eigene Equipage hatte, Lamartine.

Dies wäre die burleske Partie von deS Er- Controleurs Pamphlet. Wir finden darin aber noch einige andere ernstere Details verzeichnet, die mit zur detaillirtern Geschichte der Februartage gehören und unsern Lesern neu sein werden. (Schluß folgt.

D e u t f <H l a n V.

* Wiesbaden, 27. Oct. In der neuesten Num­mer deS Wochenblatts deS Vereins Nassauischer Land- und Forstwirihe befindet sich ein sehr inte­ressanter Reisebericht deS Gutsbesitzers Eduard Weitzel zu Winnenden über die Seidenzucht in Oberitalien. ES ist unS auS der Nassauischen Fi- landa darüber folgendes mitgetheilt worden:Se. Majestät der König von Würtemberg sendete im Frühling dieses JahreS den oben erwähnten Guts­besitzer und den Herrn Dr. Rüff von Hohenheim, Vorsteher der dortigen Central-SeidenhaSpel-Anstalt, nach Oberitalien, um sich mit dem Verfahren bei der italienischen Seidencultur speciell bekannt zu machen. Diese Herren verweilten Drei Monate lang in Italien und wir verdanken ihnen nun durch ihren Reisebericht, mit der Seidencultur in Ober- italien genügend bekannt geworden zu sein.Ver­gleichen wir nun nach dem Inhalt dieses Re'.sebe«