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Nassauische Allg«me Bettung

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Samstag den 2S. Oktober

1851

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Der Ministerwechsel in Frankreich.

Deutschland. Vom Taunus (Kirchenfest). Diez (Schafdiebstahl. Selbstmordversuch). Bingen (Ge- ländete Leiche). Frankfurt (Die deutsche Flotte. Die Frankfurter Verfassung. Der Gesammteintritt. Manöver).

Gießen (Eisenbahn). Karlsruhe (Der Kriegs­zustand. Entschädigungsfrage). Zweibrücken (Justiz­sachen). München (Kleinschrodt. StaatsrathSsitzung). AuS Thüringen (Die Handelsfrage). Leipzig (Heubner. Rockel. Heinzen. General Plantagenet). Hannover (Der König. Das Inhibitorium). AuS der Provinz Sachsen (Ernte). Trier (Seelhof).

Berlin (Die Kölner Rheinbrücke. Karl Neumann. BeethmannS Zeitung. Postvertrag mit England. Die Kin­dergarten. Vermischtes). Stettin (Fideikommisse). Wien (Flottenercurston. Verurteilung. Vermischtes). Frankreich. Paris (Godoy. Das Ministerium Chan- garnier. Joinville. Faucher. Vermischtes).

Großbritannien. London (Die Ausstellung. Der Kaf- fernkrieg).

Italien. Turin (Die demokratische Presse. Palmerstons Note).

Neueste Nachrichten.

Der Ministerwechsel in Frankreich.

Die französischen Minister haben, da der Prâ- fident auf Abschaffung des Gesetzes vom 31. Mai 1850 bestand, ihre Entlassung gefordert und am 14. October erhallen. Der Präsident ist seit acht Tagen mit der Bildung eines neuen Ministeriums beschäftigt; Niemand weiß bis jetzt, zu welcher po­litischen Partei die Männer des künftigen CabineiS gehören werden, und unter so außerordentlichen Um­ständen herrscht in Frankreich dennoch keine Auf­regung.

Die Börse schlug die ganze Gefahr Anfangs aus 40 Centimen an und ist nach einigen Schwan­kungen zu derselben Gemüthsruhe zurückgekehrt. Im Eprechsaale der gesetzgebenden Versammlung ver­rathen nur diejenigen Unruhe, welche über Nacht von einem Portefeuille geträumt haben. Der stän­dige Ausschuß ist davon zurückgekommen, die Ver­sammlung vor der Zeit (4. November) einzuberufen. Alles dieses beweist, daß ein Ministerwechsel unter den gegenwärtigen Umständen wenig bedeutet. Denn einesteils haben unter der gegenwärtigen Verfas­sung, welche das Oberhaupt des StaateS selbst ver­antwortlich macht, die Minister ihre frühere Bedeu­tung verloren, andcrniheilS streitet man sich darüber, »b der Präsident das Gesetz vom 31. Mai wirklich abschaffen will, oder ob eS ihm nicht genügt, ge­zeigt zu haben, er wünsche diese Abschaffung. Je- denfallS, glaubt man, wird die gesetzgebende Ver­sammlung bereit sein, bedeutende Aenderungen mit dem Gesetze vorzunehmen.

Der Werth, welchen die sogenannte Partei der Ordnung auf jeneS Gesetz legt, ist Übervieß ein willkürlich angenommener. DaS Gesetz taugt, in ihrem eigenen Sinne, sehr wenig. ES hebt daS allgemeine Stimmrecht nicht aus, bewahre! Dage­gen hat sie sich ja feierlich erklärt, daß sie die Ver­fassung der Republik verletzen wollte, welche daS allgemeine Stimmrecht vorschreibt. DaS Gesetz streicht von der Liste nur ungefähr drei Millionen auS, und zwar ziemlich willkürlich. Aber die Mehr- heil der Versammlung, die vierhundert dreiunddrei, ßig, welche für daS Gesetz stimmten , sehen darin ein Siegeszeichen über die Demokratie. DaS Gesetz war ein Strafgesetz, namentlich gegen die pariser Demokraten, welche sich erdreistet hatten, Eugen Sue als ihren Vertreter in die Versammlung zu schicken. Die Demokraten sollten inne werden, daß sie eS nicht wären, welche in Frankreich regierten ; sie soll­ten daS Joch auf dem Nacken und die Geißel auf dem Rücken spüren. Daß der Präsident jeneö Gesetz wieder umstoßen will, darüber kann man sich fei' neSfallS wundern; man könnte sich nur darüber wundern, daß er eS hat aufrichten helfen.

Wir haben oft unsere Ueberzeugung ausgespro­chen und zu begründen versucht, daß die Verlänge­rung der Gewalten deS Präsidenten auch für Frank­reich der beste AuSweg sei. Wir müssen daher jede gesetzliche Maßregel billigen, welche diesen Erfolg

zu sichern bezweckt. Gesetzlich ist eS gewiß, wenn der Präsident auf die Abschaffung eines Gesetzes anträgt, daS selbst nur von zweifelhafter Verfas­sungsmäßigkeit ist. Ist dieser Antrag aber politisch?

Die Gründe, welche den Präsidenten zu jenem Schritte bewegen, liegen klar zu Tage. Die orlea- nistischen Freunde der Ordnung haben ihn ^selbst dazu gedrängt, indem sie den Prinzen von Joinville als seinen Nebenbuhler aufstellten. Sie setzten ihre Hoffnung dabei auf daS beschränkende Wahlgesetz vom 31. Mai, welches ihre Freunde alle einschließt, die Freunde LouiS Napoleon'S großentheilS auS- schließt. Ueberhaupt war eS von Anfang an deut­lich, daß LouiS Napoleon mit jenem Gesetze den Ast anfägte, auf welchem er selber sitzt. ES war vorauSzusehen, daß er sich beim Herannahen der Entscheidung gegen ein Gesetz kehren werde, daS seine Wiederwahl auf doppelte Weise gefährdet, den durch die Streichung von drei Millionen Stim­men wird eS eineSiheilS weniger wahrscheinlich, daß er die Mehrheit erhält, anderntheilS, daß diese Mehrheit zwei Millionen Stimmen anSmacht: dann hätte nach der Verfassung die Versammlung den Präsidenten zu wählen, und auS dem Irrgarten der Pariser Intriguen würde weit eher Changarnier den AuSweg finden, als LouiS Napoleon, auf den die .Versammlung wie auf einen Nebenbuhler blickt. Ist eS aber der Präsident, welcher den ausgeschlos­senen drei Millionen ihr Stimmrecht wieder ver­schafft, so kann er um so mehr auf ih^e Anhänglich­keit rechnen. Im schlimmsten Falle wird LouiS Na­poleon durch seine Schwenkung nach links auch un­ter den gebliebenen sechs bis sieben Millionen sich manche Freunde gemacht haben.

So rechnet der Präsident, und wer vermag zu sagen, daß er falsch rechne? Es ist wahr, er kann auf dem Wege, welchen er einschlägt, in schlechte Gesellschaftgerathen. Er selbst aber glaubt, die Abschaffung o eS Gesetzes vom 31, Mai mit einer conservativen Politik vereinigen zu können und hofft, die Mehrheit der Versammlung für seine Absicht zu gewinnen. DaS ist trotz aller Gegenversicherungen nicht unmöglich, nicht einmal unwahrscheinlich; denn man erinnere sich, daß manche Legitimisten sich vom allgemeinen Stimmrechte goldene Berge versprechen, und daß auch manche Orleanisten von der Bewun­derung ihres eigenen Meisterwerkes zurückgekommen sind. Man erwäge ferner, daß jenes Gesetz vom 31. Mai im Jahre 1852 den Vorwand zu allen möglichen Störungen, den Deckmantel für alle bösen Leidenschaften hergeben wird, und man wird sich nicht wundern, daß neulich ein großer Pariser Fa­brikant äußerte:Ich lege 300,000 Fr. an, wenn der Präsident sich nach links wendet; sonst laffe ich mich für daS nächste Jahr auf keine Geschäfte ein" I

Wie man hierüber denken mag, man wird zu­geben müssen, daß der Präsident den Augenblick, sich seines Ministeriums zu entledigen , nicht so übel gewählt hat. Leon Faucher hatte eben den Franzo- sen viel böses Blut gemacht, indem er Kossuth die Erlaubniß verweigerte, durch Frankreich zu reisen, und überhaupt zu viel blinden Eifer für die Ehre der conservativen Politik bewiesen. Leon Faucher ist zwar ein achtungSwerther und ein ungewöhnlich unterrichteter Mann, aber für einen Minister zu steif, ungefügig und schulmeisterisch. Begabter für einen Ministerposten ist Baroche, und am meisten würde der Präsident an Carlier verlieren, den er deßhalb auch durchaus wieder zu gewinnen hofft. Carlierist freilich ein Demokratenfresser ; aber der Präsident hat ebenfalls nicht die Absicht, sich von ihnen verspeisen zu laffen. Die Gesetze gegen die Presse, daS Vereins- und Versammlungsrecht will er den Demokraten nicht aufopfern, und in der Botschaft, an welcher er arbeitet, stellt er nichts in Aussicht, als Gesetze zur Erleichterung der arbeiten­den Classen. Solche Plane sind bekanntlich seine Lieblingsbeschäftigung, und wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit ein Urtheil über ihn anzu­führen, daS zu seinen Gunsten spricht. Wir selbst schöpfen unsere Gründe für seine Wiederwahl weit mehr auS der Lage Frankreichs, als aus feiner Persönlichkeit. Doch ist eS uns öfter vorgeworfen worden, wir stellten diesen stumpfen Menschen zu hoch. ES war unS daher eine Art Genugthuung, neulich einen deutschen Diplomaten, welcher nach längerem Aufenthalte von Paris zurückkehrte, sich

über LouiS Napoleon noch ungleich günstiger aus­sprechen zu hören, alS wir zu thun gewohnt sind. Er äußerte sich nicht blos mit vieler Achtung über den Geist deS Präsidenten, sondern sprach auch seine Ueberzeugung auS, daß unter allen französischen Staatsmännern, jenem Haufen uneigennütziger Ränkeschmiede, LouiS Napoleon derjenige sei, dem daS Wohl Frankreichs noch am aufrichtigsten am Herzen liege. Der nichtsnutzigste von Allen fei Chan­garnier

Da in Frankreich leider die Politik sich um Persönlichkeiten dreht, so wollen wir schließlich ein paar Umstände hervorheben, die LouiS Napoleon für seinen Posten geeignet erscheinen lassen. Er ist Prinz, im Purpur geboren, und hat eine fürstliche Erziehung genossen. DaS ist nicht gleichgültig für ein Volk wie daS französische, welches den Schein liebt. Er besitzt den prinzlichen Fehler, daS Geld zu verachten, ohne eS zu besitzen; aber waS wür­den die Franzosen sagen und noch mehr die Fran­zösinnen, wenn die Feste im Elysee gänzlich auf­hörten ? Der Sinn deS Franzosen ist mehr auf Ge­nuß, alS auf Erwerb gerichtet; daher ist ihm nichts genehmer, als eigener Geiz und fremde Verschwen­dung.

Ungleich wichtiger für Deutschland ist eS, daß LouiS Napoleon weder kriegerisch ist, noch sich auf Kriege einlassen kann ; denn der erste siegreiche Feld­herr würde ihn bei Seite werfen. ES ist schwer zu begreifen , daß bei aller politischen Metaphysik, welche bei unS getrieben wird, aus diesen Umstand so we­nig Gewicht gelegt wird, obgleich er für unS doch der wichtigste ist. DaS dem unfrigen vorangehende Geschlecht blickte auf Frankreich mit Zorn und Schre­cken. ES schien auSgemacht, daß dieses unruhige, kriegerische, eroberungssüchtige Volk der ewige Fluch feiner Nachbarn sein, ihnen niemals Ruhe gewäh­ren werde. Und das wird wiederkommen, sobald sich für die Franzosen wieder ein ehrgeiziger, kriege­rischer Führer gefunden hat. Jetzt haben sie ein Oberhaupt, welches den Frieden verbürgt, und in Deutschland macht man unermüdet schlechte Späße, daß der Neffe nicht der Oheim sei! ES wird unS gehen wie EpimetheuS:AlS er daS Uebel hatte, da erkannte er eS" 1

Deutschland.

X Vom Taunus. Am 21. October wurde in rem freundlichen Städtchen Oberursel daS Fest der hl. Ursula gefeiert. AuS der ganzen Umgegend fanden sich die Gläubigen ein und der Andrang des Volkes war so groß, daß daS geräumige Gottes­haus die Menge kaum fassen konnte. Die Kirche war festlich geschmückt. Hr. Pfarrer Otto von Oberhöchstadl hielt das Hochamt , die Predigt der würdige und als Redner rühmlichst bekannte Herr Dekan Jost von Königstein. Sein Vortrag, der über eine Stunde dauerte, war ausgezeichnet.

Der Sängerchor, unter der Leitung des Ka­plans Meyer von Frankfurt, führte eine musi« lische Messe auf.

f Diez, 21. October. Vor einigen Tagen wurde der Schäfer von Kaltenholzhausen, während seine Heerde eingepfercht war, von seinem Hunde in den nahegelegenen Wald geführt. Der Hund hatte ihn durch Wedeln, Anstoßen, Lecken der Hände und dadurch, daß er darauf stets die Richtung nach dem Walde einschlug, aufgefordert, mit ihm zu gehen. Der Schäfer folgte ihm, sobald er ihn ver­stand. An einem entlegenen Orte machte der Hund Halt, und der erstaunte Schäfer stand vor zwei Leichnamen. DaS hier liegende Blut und die beiden abgeschnittenen Köpfe bewiesen ihm, daß hier ein Doppelmord begangen worden war. Zu seiner Be­ruhigung zeigte indessen die ihm wohlbekannte Form der Schädel und die abgezogene hier ausgehangene Haut, daß die Ermordeten ihn zwar nahe angin­gen , dagegen keine Menschen, sondern nur zwei Mitglieder seiner Heerde gewesen. Der Bürger­meister von Kaltenholzhausen, dem er sofort die An­zeige davon machte, ließ sogleich unter dem Com- mando deS Schäfers einen Theil der Bürgergarde ausrücken, und besetzte mit diesen, sowie mit eini­gen Genöd'armen den Ort deS Schreckens. AlS die Verbrecher anrückten, um im Schutze der Nacht