Mssimischc AWmemc Zeitung.
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Freitag den 2L. Oktober
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Die Nass. Allg. Zeitung mit dem W anderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumerationSyreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern deS fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Kapital und Industrie in England und Deutschland.
Deutschland. Wiesbaden (Vorkehrung zur Verhinderung des Steigens der Kartoffelpreise). — Biebrich- Mosbach (Auflösung der freichristlichen Gemeinde). — Frankfurt (Die volkswirthschaftliche Kommission). — Aschasfenburg (Der Eid der katholische» Geistlichen). Kassel (Verhaftungen). — Karlsruhe (DaS Ministerium. Die Staatseisenbahn). — Stuttgart (Kammerverhandlung). — München (Die prov. Erhebung der Steuern genehmigt. Kleinschrodt). — B er lin (Das Wahlgesetz. Die Zustände in Frankreich. Die Einkommensteuer. Die Ostprovinzen. Die Verfassung, v. d. Heydt. Vermischtes). — Wien (Die Verfassung. Die Reise des Kaisers. Ungarns Organisation).
Dänemark. Kopenhagen (Das Ministerium).
Frankreich. Paris (Stimmung der Provinzen. Carlier. Billault. Die letzten Unruhen. Lamartine. Vermischtes). Großbritannien. London (Koffuth. Die Adresse der deutschen Emigration).
Amerika. Neu-Bork (Aus Californien und Merico).
Ostindien. Bombay (Vermischtes):
Neueste Nachrichten.
Kapital und Industrie in England und Deutschland.
In deutschen Handelsstädten haben sich die Capitalien in einzelnen Häusern zu einer mächtigen Höhe angesammelt. Frankfurt a. M. hat seine Millionärstraße und einen solchen Geldreichthum, daß diese Stadt, läge sie in England, selbst da als eine reiche Stadt gelten müßte, was sogar die Kaufleute der City zugeben. Aber über den Geschäftskreis des einzelnen Geldbesitzers fließen seine Capitalien nicht hinaus. Sehr häufig fehlt der Unternehmungsgeist, der die verfügbaren Geldmittel der Industrie anvertraut. Man verzichtet auf die höhere Ertragsfähigkeit des Capitals, welche die industrielle Verwendung verspricht, behält für seinen Geschäftskreis nur die erforderlichen Summen, und verwandelt den ganzen Uebcrschuß in „StaatSpa- piere. Die Leichtigkeit und Annehmlichkeit deS Zin- senbezugS entschädigt für den niedrigen Zinsfuß. Hierin liegt ein Schlüssel zur Erklärung der außerordentlich lebhaften Börsenihâtigkeil , der Agiotage, die in ihren Wirkungen verheerend auf daS frische rege industrielle Leben wirkt. Der auf die Börse fließende Capitalüberschuß ist auS der Industrie und GewerbSthâligkeit geflossen, und sollte naturgemäß seinen Lauf wieder in die Industrie nehmen, um hier die Lebhaftigkeit deS Betriebs, den Schwung deS Gewerbes zu erhalten. So würde sich auf dem Felde industrieller Thätigkeit genau der Proceß der Abnutzung und Erneuerung deS Blutes im Organismus deS Körpers, auf dessen geregeltem Fortgang die Gesundheit und Lebensfrische beruht, wiederholen. DaS Ueberfließen des Capitalüberschusses auf die Börse macht diesen todt für die Industrie, entzieht ihr immer wieder die Kräfte, durch welche sie erstarken könnte, und ist ein Hauptgrund deS für die Industrie so ungünstigen Zinsfußes, ein dauerndes Hemmniß der Vergrößerung deS industriellen Capitals, der naturgemäßen Ausdehnung deS Betriebs, der Erzielung der nützlichen Preishöhe für Producenten und Abnehmer.
Ein anderes Gemälde entrollt sich bei der Beobachtung der industriellen Zustände Englands. Die mächtige Wirkung des Capitals beruht in England nicht auf der Größe des dem Einzelnen zustehenden GeldbesitzeS, mit welchem er sein Geschäft betreibt, sondern in der vorherrschenden Neigung der Capita- listen, für Zwecke jeder Art, deren Gelingen wahrscheinlich einen angemessenen Gewinn abwerfen kann, ihr Capital zusammenzuschießen, und auf daS gesetzte Ziel mit vereinter Kraft beharrlich loSzuarbei- ten. Diese wirthschaftliche Richtung, die sich in allen Zweigen der Erwerbsthätigkeit Englands zeigt, ist ein Grundpfeiler der englischen Industrie- und HandelSmacht und der letzte Grund so unzählicher Drangsale, welche die deutsche Industrie durch englisches Capital erfuhr. Wohin man sich wenden mag, allerwârtS begegnet man der Association, der
Vereinigung der Capitalisten mit Geschäftsleuten jeder Art zu Compagnien. Daher bleibt kein Gulden müßig, Industrie und Handel nehmen beständig die verfügbaren Capitalien auf, der Industrielle ist ganz eigentlich die Maschine, durch welche der Capitalist seinem Capitale die nützliche Anlage verschafft. Daher der zu jedem nützlichen Zweck stets vorhandene Capitalvorrath von beliebigen Umfang, der durchgehends niedrige Zinsfuß. Hierin ruht zugleich dem Engländer angeborne SpeculationS« geist, der feine Pläne nicht auf Städte und Gegenden , sondern über Meere und Welttheile ausdehnt.
Ueberwâltigend ist der Eindruck, den die wirth- schaftlichen Einrichtungen, die Früchte und Anstalten dieses AssocialionSgeisteS auf den deutschen Volkswirth macht, zudem wenn er die Größe deS Auslandes mit dem Maßstabe der heimathlichen Verhältnisse zu bemessen pflegte. Setzt man von dem Festlande aus den Fuß auf das Schiff, das den Verkehr mit England vermittelt, so ist eS ein Glied der großen General-Steam-Navigation-Compagnie. Bei der Ankunft in der Temse kann daS Auge die Zahl der Masten nicht überblicken, welche als Fahrzeuge einzelner Gesellschaften die Seefracht besorgen. Vor dem Custom-Hause dehnen sich die Riesendocks der ost- und westindischen Compagnie auS, in das Land gegrabene Häfen, in denen man vor Masten und Segeln die Schiffe und den Wasserspiegel ganz buchstäblich nicht sieht. Die unermeßlichen Waarenhäu- ser um diese Docks herum entfalten jenen Reichthum der Erzeugnisse, dessen Verbrauch nothwendig einen Markt von der Größe eines Welttheils voraussetzt. Hat man die Marter eines zweistündigen Aufenthaltes im Custom-Hause überstanden (die Ankommenden werden wirklich auf eine empörende Weise in dem freien England empfangen) und tritt man heraus auf die Straße, so öffnet sich ein Netz von Wagen und Kutschen, von der Gesellschaft, die den Personenverkehr in London monopolisirt hat, und hier zur Verfügung'gestellt. Bestellt man einen Dolmetscher oder Commissär, so gehört er einer großen Gesellschaft an, die in allen Gasthäusern den Fremden die geeigneten Persönlichkeiten der Art bietet. Daher keine Concurrenz unter diesem Heer von Schmarotzern. Die meisten Gasthäuser sind blos die GelderwerbungS- und Beschäftigungsmittel großer Capitalisten, welche in ihrer Gesellschaft zufällig mehrere Gastwirthe zählen. Oberkellner - besorgen daS Geschäft in den einzelnen Oertlichkeiten. Die großen ParkS und Vergnügungsgärten, z. B. der Thiergarten, Vaurhallgarten, Greinoregarten, sind die Anlagen einer Gesellschaft von Capitalisten, und wie gut sich daS aufgewendete Grundcapital verzinst, ersieht man aus der unbeschreiblichen Man, nigfaltigkeit der Genüsse, die dem Publicum tagtäglich geboten und begierig gesucht werden. Die meisten Zweige des Kleingewerbes werden „in Compagnie getrieben, daher haben sie einen Umfang, der unwiderleglich auf daS ungeheure Capital hinweist, mit welchem sie getrieben werden. Die Landver- kehrsmittel sind in den Händen von Privatgesellschaften, und Capitalisten treten zusammen, um einen Stadttheil nach dem andern zu erbauen. Durchwandert man die Vorstädte Londons, z. B. Bayswater, Cityroad, Piccadilly rc., so überblickt das Auge neu entstandene Paläste, und doch sind sie cs nicht. Solch ein scheinbar ungeheurer Palast ist die Verbindung sehr vieler, in sich ganz gleicher Gebäude , welche von der praktischen Speculation in dieses Gewand gehüllt wurden, um ohne Mühe und Kosten die Berechnung der Baukosten, der Mieth- zinse rc. besorgen zu können. Nur so ist eS begreiflich, wie im Laufe weniger Jahre ganze Stadttheile entstehen konnten und fortwährend noch entstehen, denn, das ist unlâugbar , London ist trotz seiner Größe noch lange nicht auf dem Höhepunkte seiner Entwickelung. Ein Gürtel von Gebäuden nach dem andern dehnt sich im Laufe mehrerer Jahre in immer weiterem Kreise um den Kern, die City aus, und ein Ende ist noch nicht voraussichtlich. Solche Erscheinungen, deren sich noch eine große Zahl anderer anfügen ließen, beweisen, welche Macht in dieser praktischen Anwendung des Capitals liegt.
Die deutsche Industrie leidet — das ist allgemeine Klage — an Kapitalarmuth , an zu hohem Zinsfüße, Talent und Kenntnisse sehen sich oft in dem engsten Kreis eingebannt, weil die Flügel feh
len, die den kühnen Ansschwung zur vollen Anwendung von Kunst und Wissen gestatten. Sollten solche Lehren, wie sie uns das praktische England bietet, nicht der Nachahmung werth sein?
Deutschland.
* Wiesbaden, 21. Oktober. Wie einem in der Nähe erscheinendem, über nassauische Zustände mitunter gut unterrichtetem Blatte geschrieben wird, sieht man hier mit jedem Tage dem Erscheinen eines Verbotes der Verwendung und deS Ankaufes der Kartoffeln zum Brannlweinbrennen entgegen. Wir glauben, daß wenn dieses Verbot allgemein erlassen und strenge gehandhabt wird, der Ausfall bei der diesjährigen Kartoffelernte, dadurch hinlänglich gedeckt wird, und daß ein Ausfuhrverbot, daS hin und wieder beantragt worden fein soll, gar nicht gerechtfertigt erscheine. Sind an manchen Orten in einzelnen Gemarkungâtheilen die Kartoffeln auch dünn ausgefallen und hat eS an anderen Orte wieder viele faule gegeben, so haben wir doch bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß eS lange nicht so schlimm ist, wie die Speculation glauben machen will, und daß, wenn keine Kartoffeln mehr zum Branntweinbrennen verwendet werden dürfen, ein Mangel durchaus nicht zu befürchten, daß vielmehr ein Sinken der Kartoffelpreise mit Gewißheit vorauszusehen ist. Dieselben werden wirklich jetzt schon wieder mehr angeboten und zu Markte gebracht als vor einigen Tagen. Während man vor ein paar Tagen für daS Malter noch 2 fl. 30 kr. verlangte, wurden sie gestern zu 2 fl. 12 kr. verkauft und angeboten.
— Biebrich-Mosbach' 22. Octbr. Wir wir hören, hat sich in den letzten Tagen die hiesige freichristliche Gemeinde aufgelöst. Wenn dieser Entschluß eine Folge der freichristlichen (s.v. v.) Kirchenversammlung ist, die vor einigen Wochen an einem Sonntage auf der Hühner-Kirche statt hatte, an der sich u. a. Justi auS Idstein, Dünke l- berg auS Diez betheiligten und wobei auch die hiesige freichristlicht Gemeinde vertreten war, so kann man damit zufrieden sein.
Frankfurt, 22. Oct. Der „Corresp. v. u. f. Deutschland" bringt von hier folgende Mittheilung : „BiS jetzt weiß man von den in volkSwirthschaft- lichen Angelegenheiten hierher gesandten RegierungS- Commissarien, daß sie da sind und unter dem Vnr sitze des Herrn v. Hermann zu einer Eröffnungsund einigen folgenden Sitzungen versammelt waren. Die erste Frage, mit welcher man sich in diesen Siz« jungen beschäftigte, war daS die cur hic! Und das Resultat: daß man zur Fortsetzung der wieder aufzunehmenden Arbeiten der Dresdener dritten Con- ferenzcommission gekommen sei. Nachdem man sich Dieses klar gemacht hatte, entstand eine zweite Frage, nämlich die: waS denn eigentlich von diesen Dresdener Beschlüssen wirklich beschlossen worden sei. ES ergab sich nun , daß eS den Vorschlägen der Dresdener dritten Conferenzcommission meistens oder gar ganz an der Zustimmung der Regierungen fehlte, und an eine Ausführung um so weniger zu denken sei, als sich die politischen Verhältnisse und die handelspolitischen Aussichten inzwischen bedeutend geändert haben. Somit waren denn die Herren Commissarien auf dem RechtSboden angelangt, bei der Frage: waS Rechtens. Sie haben sich nun an ihre Regierungen gewandt und warten auf Instruction. Vorschläge von Seiten der letzteren liegen nicht vor. Preußen hat sich in ein undurchdring, licheS Schweigen gehüllt, vom Vertrage mit Hannover ist kein Wort mitgetheilt worden; Oesterreich beobachtet ebenfalls ein ernstes Schweigen, die große Frage vom Anschluß an Deutschland ist mit keiner Silbe berührt worden. So stehen die Sachen; sie sind trostlos und drohen nur noch immer verwickelter zu werden. Jetzt erst sieht man, daß die Nationalversammlung doch auch in materiellen Dingen ein groß Stück Arbeit vor sich gebracht hat. In Dresden that man nicht viel mehr, als daS Material, welches der volkswirthschaftliche AuSschnsi seiner Zeit gesammelt hatte, noch einmal zu sammeln; hier wird man die Sammlung von Dresden sott*