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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 249»

Donnerstag den 23» Oktober

L8SL

Die Nass. Allg. Zertung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânumerationsvreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 9 Ä in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Schluß der Londoner Ausstellung.

^Vutsc^ (Verhandlungen deS Caffa- tionShofeS. Naturwissenschaft!. Vorlesungen). Idstein (Stimmung. Ein demokratisches Mekka). AuS Mit­teldeutschland (Die Abstimmung in der Bundesver­sammlung). Dresden (Abreise deS Königs). Köln (Raveaur). Berlin (Mecklenburg und der Zollverein. Vermischtes). Altona (Der Jnvalidenfond. Die Rei­bungen in Rendsburg. Verhaftung). Wien (Die ital. Eisenbahnen. Der Münzfuß. Saphir. Carlier. Bauern­renitenz. Vermischtes).

Frankreich. Parhs (Die Unterhandlungen mit Billault. Die Permanenzkommisfion. Berryer. Billault. Ver­mischtes).

Großbritannien. London (Koffuth. Dickens über den Schluß der Ausstellung).

Italien. Mailand (Der KriegsdampferRadetzky" be­schädigt. Remuneration. Graf Gyulai. Die piemontesische Regierung und die Radicalen). Turin (Ministerkrisss. Der sardinisch-österreichische Handelsvertrag. ToScana eine österr. Provinz. Unwohlsein des Papstes).

Rußland. Von der russisch-bukowinaer Gränze (Aufhebung der Leibeigenschaft).

Aegypten. Alexandrien (Die Eisenbahn).

Neueste Nachrichten.

Schluß der Londoner Ausstellung.

Mit einer Reminiscenz aus Sh akesp eare'S Sturm" (S. Nr. 246), in Gestalt eines gedruck­ten Zettels von einer der Galerien herabflatternd, schloß am 11. d. M. mit einbrechender Dämme­rung die Industrie - Ausstellung aller Nationen ein halbjähriges Schauspiel, so prächtig, bedeu­tungsvoll und großartig wie die Weltgeschichte noch wenige gesehen. Noch ein paar Tage, und die kry­stallenen Wände deS JndustriepalasteS werden als leere Hülsen dastehen, und die glänzenden Producte deS KunstfleißeS der Nationen werden in alle Winde zerstreut sein. Noch ein paar Monden vielleicht, und dieses krystallncnScheines lockrer Bau" selbst, der königliche Sommernachtstraum wird von seiner Stelle verschwinden, und nur die Erinnerung der Völker wird daS Bild deS großen FeenschlosseS der Industrie unvergeßlich bewahren, und die Muse der Geschichte eS als glänzenden Markstein deS Fort- fchrltteS der Cultur auf dem unvergänglichen Mar- mor ihrer Gedenktafeln eingraben.

Die ausführlichere Darstellung der Times " wird Ihnen mit brittlscher Umständlichkeit jedes De­tail des Schluffes der Exhibition berichten. Ein Blatt wieTimes" hat bei solchen Gelegenheiten hundert Augen, weil ebenso viele Berichterstatter, ihm Notizen zusammentragen, und wir selbst begeg­neten einigen solcher brauchbaren, allfertigen Men­schen, die jeden Künstler einheimischen und frem­den jeden Schriftsteller und Korrespondenten, ja selbst seine Familienverhältnisse kennen, und auch jede literarische und sonstige Celebriiät vom Kopf bis zur Zehe zu beschreiben wissen. Natürlich war auch Punch bei dieser Gelegenheit, und zwar durch einen feiner Hauptmitarbeiter, Mr. Gailfort Decket, der zugleich Magistratsperson ist auf dem Con- tinent würde so etwas unerhört sein! vertreten.

Wir haben selbst, in Anwandlungen üblen Hu­mors, die große Exhibition mehrfach angekrittell; allein wir müssen gestehen, daß sich auch unser ein wehmüthiges Gefühl bemächtigte , als gestern die verhängnißvolle Fünf anschlug, die Wasserkunst von OSlerS prächtiger Krystall-Fontaine plötzlich stille stand, und eine Weile nachher Mr. Belshaw wir selbst sahen eS nicht, aber Times mit den hundert Augen der gestern im Krystallpalast anwesenden englischen Schriftsteller-Elite hat eS gesehen mit einer rothen Flagge von dem westlichen Cornet der Transepi'Gallerie herab das Zeichen gab, auf wel­ches hin plötzlich die Instrumente in dem Krystall­palast, vor Allem WebsterS große amerikanische Dr# ?el, nicht zu einem Aankee-doodle, sondern zu einem eurigenGod save the Queen einfielen. ES war, alS ob das große, unvergleichliche Gebäude selbst aus Einer vollen Menschenbrust und in ge­waltigen Tönen seinen welthistorischen AbschiedSgruß -ugerusen hätte. Jnstinctartig neigten sich alle Hüte,

und manches elegant gekleideten Gentlemans Auge sahen wir in feierlicher Ergriffenheit sich feuchten. Um so auffälliger machte sich dabei das Gebühren der französischen Gäste, welche, als ob diese Huldi­gung nur die englische Loyalty und die englische Königin angegangen, und nicht vielmehr ein in re­ligiöse Form gefaßter Tribut deS Gefühls an einen großen kulturgeschichtlichen Act gewesen wäre, mit frivolen Mienen und bedecktem Haupte bei der feier­lichen Scene herumgingen. Wir hörien, daß sie em­pfindlich darüber seien, weil sie ihrer Ansicht nach zu wenig Preise bekommen hätten (und tod). erhielten sie % der großen Medaillen, % der gewöhnlichen und der Belobungen, und auf alle Aussteller [verkeilt, etwa 18000, etwas mehr als 10 pCt. der Belobungen). Der die Instrumental­musik begleitende Gesang war natürlich, weil meist von englischen Kehlen angestimmt, nicht sehr har­monisch, indessen ward die Feierlichkeit deS Moments dadurch nicht weiter gestört.

Obgleich der gestrige Samstag einer der theu­ren half-crown-days war, so mar doch die Frequenz eine ganz erstaunliche. Ueber 50,000 Menschen wogten durch das Schiff, hatten sich in dem Tran­sept oder auf den Galerien postirt, und vor den AuSgängen des Gebäudes stand in langen Reihen das Volk, ein stummer, resignirter Zeuge des Schlusses eines Schauspiels, das seine Hauptstadt für die Dauer einiger Monate zum Sammelplatz der europäischen Welt gemacht und ihm so manchen schönen Berdienst gebracht hatte.

Der Himmel spendete zu dem ergreifenden Er- eigniß einen seiner schönsten Tage einen Tag, ; so recht gemacht zu einer Promenade in den reizen, den Park, der sich gewiß der Erinnerung aller Be­sucher der Industrieausstellung mit unauslöschlichen Zügen eingegraben hat. Voll und prächtig spiegelte sich die letzte Sonnengluth in den Glaswänden, die sie so oft zurückgestrahlt haltens, und nur langsam und zögernd, wie die Tausende von Menschen, schien sie von diesem ihrem großen Wunderspiegel Abschied zu nehmen. Natürlich trug denn diese Gunst deS Himmels nicht wenig zu der Frequenz dieses letzten TageS bei, und von Morgens 9 Uhr bis zum Abend wurden die Fahrwege deS Parks nicht leer von den CabS und eleganten Carrossen, welche ihre Inhaber an den Thoren deS KrystallpalasteS ab­luden. Mit emsiger Neugier verweilte da noch man# cheö Auge auf den seltensten und meistbewunderten Gegenständen der Ausstellung, mit dem Gefühle, daß sich solche seltene Gegenstände nun gewiß so bald nicht wieder, wenigstens nicht an solchem Orte und in solcher Umgebung, den Blicken bieten wür­den: DaS Departement der lombardischen Sculp- turen, der Saal worin die schönsten Erzeugnisse des österreichischen Steindrucks aufgehangen waren, das Zimmer der Gobelins mit den herrlichen Tapeten und den mit Recht gekrönten prächtigen Porcellan Vasen von SèoreS , die Umgebung von Kiß'S Amazone" und so mancher interessanten Maschine, z. V. der envelops fertigenden, welche so manches unentgeltliche Briefcvuvert auSgespieen, wurden den ganzen Tag über nicht leer von Besuchern. Ein bunter Menschenknäuel wand sich um den großen Käfig, worin der Monstre-Diamant auf schwarzem Kissen lag, und manches Ohr lauschte noch vor Thorschluß voll Begierde den Tönen von Herrn SommerS wunderbar vervollkommnetem Blasinstru­mente (Sommerophon" genannt).

Die Industrieausstellung hatte sich in der letz- tern Zeit durch manchen interessanten Gegenstand bereichert: californischeS Gold und das prächtige Kinderzeug einer spanischen Infantin, mit dem spa­nischen Wappen darüber, und ein herrliches Mosaik, auS Auftrag deS russischen Gesandten von einem italienischen Künstler für den Kaiser von Rußland gefertigt, den NeptunSrempel von Pâstum und die ihn umgebende Landschaft mit allem Zauber eines LandschaftSgemâlveS darstellend, nenne ich Ihnen unter andern.

Mit einbrechender Dämmerung läuteten fâmmt# liche Glocken des KrystallpalasteS der Industrieaus­stellung zu Grabe. Hurrah'S dem Prinzen Albert, dem Prinzen von Wales, Hrn. Parton rc. ertönten. John Bull stampfte am Ende noch mit Füßen und Stöcken feinen Beifall, daß man dachte, die lockern Wände würden über den Häuptern der wogenden Menschenmenge noch ein klägliches Salto-Mortale

verursachen. Hatten die langen Züge von Men- schenk die täglich, besonders in den letzten Tagen, nach der Industrieausstellung strömten, schon das Bild einer ächt modernen Wallfahrt gegeben, so mußte sich diese Vorstellung noch mehr befestigen, als wir sahen, wie viele sich Flaschen mit dem Wasser der Krystallfontainen füllten, gleichwie im Mittelalter die Pilger zum heiligen Grabe sich Erde von Jerusalem und Jordan-Wasser mit in die Hei- math zu nehmen pflegten, und die englischen Zei­tungen haben ihnen ja vor kurzem von einer allen Frau auS Cornwall erzählt, die mit einem Korb voll Victualien auf dem Kopf eine vierwöchentliche Fußreise nach London unternahm, um die Ausstel­lung und den großen Lordmajoraus der City" zu sehen.

Wir sagten zu Anfang unseres Berichtes: ein großartigeres Schauspiel, als daS gestern zu Ende gegangene, habe die Weltgeschichte noch kaum ge­sehen ein unterrichtcndereS, ein civilisirtereS ge­wiß nicht! Wir haben von römischen Staatsmän­nern und Imperatoren gehört, welche prächtige Cir- ken und Theater mit ungeheuerem Kostenaufwand für die Dauer von ein paar Tagen oder Monden errichten ließen, aber wenn wir solche Beamten be­wunderten, so war eS nur die schmerzliche oder kin­dische Bewunderung, welche die Monstrosität des menschlichen LuruS, deS menschlichen UebermutheS uns abdringt. In dem Krystallpalast und der gro­ßen Industrieausstellung hatten wir eine Unterneh­mung, welche jene Gegenstände unserer kindischen Bewunderung an Großartigkeit weit, weit hinter sich ließ, und zugleich auch eine Unternehmung, welche nicht der Prachtliebe und den egoistischen Interessen eines Autokraten diente, sondern worin der stille, friedliche Fleiß der Völker seinen glänzendsten Tri­umph feierte. In den Wänden dieses großen Wun­derspiegels konnten wir besser als in den dickleibi­gen Statistiken die Bedeutung und die Culturstufe der einzelnen Völker lesen, und sie waren uns ein besserer, treuerer, schönerer Spiegel der Macht der einzelnen Staaten als kostbare Revuen und Mobil­machungen. Die Eindrücke, welche der Krystallpalast in so tausendfacher Fülle geboten, werden gewiß unauslöschlich und weithin folgenreich sein. Ein Markstein des kulturgeschichtlichen Fortschrittes, wird er diesen sogleich wieder zur weitern Basis zum Leuchtthurm dienen, welcher ihm seine Pfade weist.

Deutschland.

t* Wiesbaden, 21. October. In der Unter­suchung gegen Dusel Blumenthal von Nord­hofen wegen Versuchs der Verleitung zu falschen Zeugenaussagen hat die Staatsbehörde deS Hof- gerichlSbezirkS Dillenburg gegen daS VerweisungS, erkenntniß deS Anklagesenats RecurS ergriffen und hat der Herzog!. CaffationShof zur öffentlichen Ver­handlung der Sache Sitzung auf Mittwoch den 5. November l. J., Morgens 9 Uhr, im Sitzungs­zimmer des Herzog!. OberappellationSgerichtS anbe­raumt.

^Wiesbaden, 21. Oct. Wie wir hören, wer* den die naturwiffenschaftlichen Vorlesungen im Mu- seumSlocale mit November wieder beginnen. Na­mentlich wird darin erörtert werden: die Verstei­nerungen in ihrer Bedeutung für Geognosie und praktischen Bergbau, daS Planetensystem, als Fort­setzung von Vorträgen deS vorigen Winters, die Gewebe des thierischen und menschlichen Körpers u. s. w.

= Idstein, 20. Oct. Während der verflosse­nen Woche war eine Commission auS Wiesbaden dahier beschäftigt, das Mobilar deS SeminariumS in zwei möglichst gleiche Theile zur Ablieferung nach Usingen und Montabaur zu theilen, die Ab­lieferung selbst soll in nächster Woche erfolgen.

Den hiesigen Matadoren ist eS gelungen, die Bevölkerung über den Verlust des Seminars ziem­lich zu beruhigen, denn 1) hätten dieSemmel- buben" ja selbst kein Geld, konnten daher auch keinS nach Idstein bringen; 2) wird ja nächstens, und ganz gewiß im nächsten Mai doch Alles ganz an­ders, und Dank der weisen Fürsorge unsers A. bat